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ZODIAC

Das großartige an Zodiac ist, dass er genau die richtigen Leute enttäuschen wird. Wer einen David-Fincher-Thriller à la Se7en, Panic Room oder Fight Club erwartet, wird das Kino sicherlich bitter enttäuscht verlassen. So großartig diese Filme sind, so konsequent hat es Fincher vermieden, zur Selbstkopie zu werden. Die einzige integere Chance, nach Se7en einen zweiten Serial-Killer-Film zu machen, ist vielleicht auch tatsächlich, möglichst gegen die Publikums-Erwartungen zu spielen. Und so ist Zodiac kein Thriller, kein düsterer NeoCrime Noir und schon gar kein Splatter – obwohl auch all diese Attribute bei Se7en nur rein oberflächlich griffen und bereits hier bei Finchers erst zweitem Film eine klare psycholgische Fragestellung zugrunde lag, bei der es um die Wirkung des Falls auf die Polizisten Somerset und Mills ging. Aber Se7en war relativ laut und plakativ in dieser Hinsicht… und Zodiac ist deutlich subtiler, organischer geraten.
Zodiac schließt an die Idee von Se7en an – er folgt den psychosozialen Wellen, die eine gesellschaftliche Störung, wie sie in Form eines Serienmörders vorliegt, auslösen kann. Nicht nur in den Leben der Polizisten David Toschi und William Armstrong, nicht nur im Leben von Reportern wie Paul Avery, nicht nur im Leben von Chronicle-Karikaturist Robert Graysmith, auf dessen Buch der Film basiert, sondern auch in der Medien-Gesellschaft als solche. Fincher inszeniert einen ironischen Tanz zwischen Zeitung, TV und Killer, eine nahtlose parasitäre Symbiose. Wenn die Polizisten des Zodiac-Falls gemeinsam in den ersten Dirty Harry Film gehen, der auf dem damals akuten Fall basierte und fiktional von Eastwood auf der Leinwand gelöst wurde, ist man als Zuschauer endgültig im Spiegelkabinett… man schaut einen fiktionalen Film über einen realen Fall, in denen die fiktionalen, real basierten Protagonisten einen weiteren fiktionalen (aber realen) Film sehen, der auf ihrer eigenen fiktional-realen Geschichte basiert. Metareflektiver als dieser fast Escheresque Twist geht es kaum. Und tatsächlich entpuppt sich das Serial-Killer-Phänomen als eines der Massenmedien. Wie die ersten massenmedialen Terroranschläge etwas später, 1972, so braucht auch der Zodiac-Killer die Aufmerksamkeit, die ihm die Presse gewährleistet, er hungert förmlich nach den Schlagzeilen, wendet sich aktiv an die Reporter, und brüstet sich dafür sogar mit Morden, die er gar nicht begangen hat… und die Presse ihrerseits braucht den Killer, weil er Auflage macht. Insofern geht es hier weniger um die Aufklärung des Falls, weniger um den Thrill und die Polizeiarbeit, als vielmehr um die Unmöglichkeit von Aufklärung in diesem Netzwerk, die Unwahrscheinlichkeit einer sauberen Lösung. Wo Graysmith in seinem Buch eher einen klaren Fall konstruiert und Arthur Leigh Allen als Täter präsentiert, zeigt Fincher ein Chaos von Indizien und Widersprüchen, in denen sich der Zuschauer ebenso verheddert wie Graysmith und die Polizei, bis man am Ende im Indizienkarussel fast die Übersicht verliert.

Wie nie zuvor erweist sich Fincher dabei als «Director», also als jemand, der Schauspieler führt. Gylenhaals minimalistisch gespielte Obsession von Robert Graysmith, dieses jungenhaft blanke Gesicht, das verbirgt, wie Graysmith nach und nach süchtig wird, zum Antihelden mutiert, wie ein Junkie dem Killer hinterher ist, Familie und Beruf aufgibt wie ein Alkoholiker… Robert Downey Jr.s großartige, an Al-Pacino-Overacting heranreichende Interpretation des klassischen desillusionierten, zynischen, Junkie-Journalisten… Mark Ruffalo als dröge-genervter Polizist irgendwo zwischen Columbo und Derrick, Bürokrat wider Willen. Jeder Darsteller erhält die Chance, vor der präzisen Folie des Films, seine Rolle in aller Ruhe zu entfalten und auf den Punkt zu bringen. Jede Figur hier, und sei sie noch so klein, atmet.

Was vielleicht daran liegt, dass Fincher hier erstmals auffällig auf nahezu alle seine sonstigen Markenzeichen verzichtet. Nur zwei- oder dreimal blitzt der der Effekttechniker durch. Wie schon in Panic Room einer der dezentesten Effekte – die Fahrt durch den Kaffeemaschinenhenkel – zu den wirkungsvollsten gehörte, so neigt auch hier die ästhetische Perfektion von Fincher eher dazu, fast unsichtbar im Hintergrund zu dienen. Es gibt eine Szene, die herausbricht, in der Gylenhaal durch digital einmontierte dreidimensionale Schrift à la Fight Club geht, aber aber ansonsten fehlt Zodiac nahezu alles, was den Fincher-Stil ausmacht. Oder besser gesagt: es ist viel smarter versteckt. Der Film nutzt die Möglichkeiten der Traumfabrik Hollywood subtiler, um die Ästhetik der Siebziger perfekt einzufangen, Uhren, Autos, Setbau, Plakate – alles dezent und ruhig im Hintergrund die Illusion eines in genau dieser Zeit gedrehten Films erzeugend. Fincher gönnt sich den Kunstgriff, eine durch und durch künstliche Zeitrafferaufnahme eines Periode-Gebäudes glaubhaft zu simulieren, und nur ein oder zweimal übertreibt er etwas und zerreißt so die Illusion des Filmes zugunsten von etwas cineastischer Effekthascherei. Aber ansonsten bleibt der Film – verblüffend bei einem Regisseur, der sich bisher eher als visueller Innovator einen Ruf gemacht hat und dessen Handschrift nach jedem Film zahllose Kopisten auf den Plan rief – unglaublich straightforward, authentisch in seiner Periode, stilistisch, technisch (obwohl komplett digital gedreht), ästhetisch ruhig und ohne großes visuelles Eye-Candy. Mit vergilbten ausgebluteten Farben, sachlichen Kameraeinstellungen, viel mehr Dialog als in heutigen Filmen üblich, erweckt Fincher so den Sozialkrimi der Siebziger zu neuem Leben, erinnert nicht umsonst stark an All the Presidents Men mit Redford und Hofmann von 1976. Oder – aktueller – an die Ruhe von Robert deNiros The Good Shepherd.

Erzählkino ersten Ranges also, aber es geht Fincher nicht darum, einen Krimi zu erzählen, sondern um die Verwicklung von Serientäter und Öffentlichkeit, um ein Netzwerk von Menschen, die ein eher unfreiwilliges Cluster um diese Morde bilden. Wenn am Ende des Films nach fast zwanzig Jahren das erste Opfer wieder erscheint, wird – allein durch Styling und Darsteller – spürbar, wie tief die seelischen Narben reichen, die ein solcher Einbruch von Gewalt in den Alltag hat, wie unvergesslich diese Dissonanz bleibt und wie sie ein Leben deformieren kann. Fincher geht bei all seinen Figuren still suchend eben dieser Deformation nach, er folgt eben nicht der Frage ob Arthur Leigh Allen der Täter war, es geht nicht um eine Lösung, sondern im Gegenteil um den schwebenden Zustand des Ungelösten. Nicht umsonst dreht sich vieles in diesem Film (wie in nahezu allen Filmen von David Fincher) um Codes, Chiffres, Zahlen, Rätsel, Doppeldeutigkeiten. Ruhig wie nie angelt Fincher hier in der chaotisch trüben Ursuppe von Unsicherheiten und Fragen. Wo Fight Club die Frage nach dem Sinn von Existenz neongrell in den Raum stellt, wird sie bei Zodiac eher flüsternd-unsicher vorgetragen. Wo in Se7en die Probleme dieser Welt noch mit einem Gang in die Bibliothek lösbar sind – Zodiac greift genau dieses Motiv von Se7en im Dialog zwischen Graysmith und Avery sogar explizit auf -, bringen die Bücher in Zodiac eben keine wirklichen Antworten mehr. Die finale Auflösung, und selbst diese stellt der Film massiv in Frage, kommt durch einen dummen Zufall, nachdem sich die Logik und die Indizien in immer neuen Sackgassen verlaufen haben … und selbst diese fragwürdige Lösung bleibt frustrierend, Fincher endet mit der Lösung von Graysmiths Zodiac-Buch, aber er misstraut ihr spürbar. In der Welt von Zodiac gibt es dementsprechend keine Klarheit, keine sicheren Antworten mehr, alles ist ambivalent, unsicher, trügerisch, Treibsand. Alles ist Konstruktion, Fiktion, die Realität wird als weiche Masse entlarvt, die anhand von Indizien jederzeit völlig frei umformbar wird, Täterschaft wird zur Interpretationsfrage, zur Autorenschaft an der Realität. Der zähe Fortschritt der Ermittlungen, die atemberaubenden Phasen von Stillstand, die Frustration, wenn man fast glaubt, jetzt haben sie ihn und die Indizien reichen trotzdem wieder nicht. Es geht nie um die Lösung, nie um die Morde – die Fincher atemlos schnell und für heutige Verhältnisse erstaunlich unvoyeuristisch präsentiert (und insofern vielleicht umso realistischer ) – sondern um das Rätselhafte an sich. Das Rätsel ist dabei nie so sehr der Zodiac-Killer per se als vielmehr das Verhalten aller Menschen um ihn herum, der «Ripple»-Effekt, den die Taten auslösen. Und zugleich lässt Fincher nie einen Zweifel daran, wie unwichtig – im Gesamtkontext – solche Serienmorde eben doch sind, wie mikroskopisch ergo sein eigener Film ist. Zodiac wird nicht müde zu betonen, dass der Täter vor dem Hintergrund von Verkehrstoten oder anderen Morden nahezu insignifikant ist, weswegen die obsessive Recherche am Schluss eben dem Möchtegern-Detektiven Graysmith zukommt, der wie ein Nerd, wie ein abgestoßen-faszinierter Groupie dem Serienkiller hinterherläuft. Der Serienkiller wird zum düsteres Spiegelkabinett der Faszination unserer Gesellschaft mit Stars und Berühmtheit.

Metatextuell erlaubt sich Fincher ein abstraktes Spiel mit Technologie, das sich – als immerwährender Backgroundnoise – durch die Ästhetik des Films zieht. Nicht nur, dass der Fall in dieser Form nur möglich ist vor der Folie der veralteten Technologie der Sechziger/Siebziger Jahre (heute würde eine DNA-Analyse die damals genutzte graphologische Analyse ersetzen), Fincher schwelgt auch in der grobkltzigen Prach von «Old Tech». Neben einer grandiosen Zurschaustellung alter Automobile und Uhren kommen immer wieder klobige Telefone und Schreibmaschinen ins Bild, die wunderbaren analogen Wählgeräusche, die Typographie von durch Farbbänder auf Papier gepressten Metall-Lettern. Liebevoll filmt Fincher eine alte Repro-Kamera, die wiederum die Zodiac-Briefe auf Film bannt. Unentwegt klingeln in der Redaktion des Chronicle wie auch bei der Polizei die analogen Telefone im Hintergrund, ein stets strömender kakophonischer Fluss von heute vergessenen Geräuschen. Fast wie einen Fetisch präsentiert Fincher diese vergangene, primitivere, wärmere Technologie, deren Langsamkeit, deren mangelnde inhärente Chance auf Geschwindigkeit (aus heutiger Sicht) den gesamten fast 160 Minuten langen und ruhig geschnittenen Film permeiert. Es ist eine Hommage an die Un-Hektik, die Fincher, Mitte 40, aus seiner Kindheit noch kennen dürfte, eine prädigital-naive Frühtechnologie, die gegenüber der zur Echtzeit-Gesellschaft mutierenden Welt von heute bei aller Dauerklingelei der Telefone überraschend freundlich wirkt. Es ist eine stilistische Verneigung – nur zu passend bei einem auf volldigitalen HD-Kameras und Festplatten gedrehten Film – vor sterbender Technik, die es in den Siebzigern zum letzten Mal so gab, vor der Ölkrise, vor dem PC-Zeitalter. Mechanische Uhrwerke, benzinfressende Autos, analoge Schreibmaschinen, Reprographie-Kameras… in Zodiac ist der größte Serienkiller die Zeit, die nie stillstehend all diese Technologien hat aussterben lassen wie Dinosaurier. Unterschwellig ist der Film ein Museum einer entschleunigten, gründlicheren Welt, die aus heutiger Perspektive fast fremdartig und verstörend wirkt, deren unruhige Langsamkeit nervös macht.

Zodiac ist ein unglaublicher Sprung für David Fincher, eine Metamorphose. Hatte man mit Panic Room nach dem grandiosen Fight Club (eine der besten Vorlagenverfilmungen schlechthin), nach der langen Pause und nach dem Herumdümpeln mit Werbefilmen etwas Angst, Fincher sei die Energie ausgegangen und er würde als Selbstkopie enden… beweist Zodiac, dass er sich doch neu erfinden kann. Es wäre so einfach und so fatal gewesen, für diesen Film – wie es Studio und Publikum vielleicht erwartet haben – zum Stil von Se7en zurückzukehren. Aber stattdessen zeigt sich Fincher als gereifter, ruhiger Erzähler, der sein faszinierendes stilistisches Repertoire fast unsichtbar in den Dienst einer vielschichtigen, ambivalenten, vorantastenden Geschichte stellen kann. Zodiac ist ein von herausragenden Einzelarbeiten, sorgfältiger Kameraarbeit und einem vielschichtigen Drehbuch getragener Ensemblefilm, der mehr als jeder Fincher-Film zuvor eben nicht oberflächlich beeindrucken oder fesseln will, sondern unter die Haut geht.

3. Juni 2007 15:47 Uhr. Kategorie Film. 2 Antworten.

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