
Ganz ehrlich: Dieses Konzert hätte das zehnfache an Publikum verdient. Ich gebe zu, obwohl ich sogar einen Track von ihr auf einem Cure-Tributealbum hatte (der zwar schön ist, aber kaum zeigt, was sie tatsächlich kann) ich habe Kaki King bisher auch nicht gekannt, bei PlanB auf EinsLive entdeckt, ein Album gekauft und sofort den gesamten Back-Katalog. Katherine Elisabeth King ist nichts anderes als großartig, jedes Album ein spürbarer Evolutionsschritt. Und in der Zeche Bochum spielt sie vor gefühlten 100 Leuten. Auch kein Wunder, wenn der Gig nur übersparsam angekündigt wird, Das spricht für schlechtes Marketing der Plattenfirma, leider. Denn neben etwas fetterer Backline und besseren Sound wären hier einfach 900 Leute mehr perfekt gewesen. Denn musikalisch bieten King und ihre zwei Mitstreiter, Jordan Perlson am Schlagzeug und Dan Brantigan an EVI und Trompete, allerfeinste Qualität. Jeder der drei Musiker ist alleine einen Konzertbesuch wert, und da Perlson und Brantigan genügend Raum bekommen, um zu zeigen, was sie können, verlieren sie sich nie im Schatten der Über-Gitarristin King. Programmatisch fällt beim Konzert die Entwicklung vom Akustikgitarren-Wunderkind zur Indie-Songwriterin live durch einen harten Bruch auf, bei dem die Band von der Bühne verschwindet und King absolut surreale Dinge mit ihren Saiten veranstaltet, die den wahrscheinlich im Publikum anwesenden Gitarrenfreaks die Tränen in die Augen treiben dürften, etwa bei Playing Pink With Noise mit einem unglaublichen Mix aus Obertönen, perkussiven Sounds, und einer Zupfarbeit die beim Hören auf einem Album schon beängstigend ist, live gesehen aber einfach atemberaubend wirkt, ebenso wie ihre Arbeit an der Steelguitar. Bei der einzigen Zugabe zeigt King dann auch nochmal zusammen mit einem Loop-Sampler, dass sie eigentlich auch gut alleine 120 Minuten unterhaltsam sein könnte, springt mittendrin, während die Loops noch laufen, von der Bühne, hüpft durchs spärliche aber dafür ehrlich begeisterte Publikum und konstruiert Schicht um Schicht einen ganzen Song. Umso feiner, dass die Band mit ihrer Fingerfertigkeit mithalten kann und gerade den Songs von den letzten Alben den perfekten Schliff gibt. Es fehlt im Fundament etwas an Bass, obwohl Brantigan berauschend zeigt, wie gut sich ein Saiteninstrument mit einem digitalen Blasinstrument ersetzen lässt, obwohl der Drummer sogar bei einem Song via Pads den Bass mitspielt – aber irgendwie merkt man ab und zu, dass es in den tiefen Frequenzen an Energie fehlt, zumal ein Basser Brantigan mehr Raum geben würde, frei in den hohen Lagen zu spielen, wo er absolut brilliert, wenn er die Chance bekommt, seine Synth-Solos zeigen den erfahrenen Jazzer als gleichauf mit der Gitarrengöttin King, und wenn er zur realen Trompete greift, geht die Sonne auf. Perlson spielt ein hochdramatisches Schlagzeug, das trotz der relativ schlechten Raumakustik des recht leeren Saales begeistern kann – von leisesten Zwischentönen bis zum ganz großen Kino liefert er dynamische Bandbreite, rhythmische Eleganz und bewahrt bei aller Energie, die er an dem Silver-Sparkle-artigen Yamaha-Kit entfaltet stets eine nerdige Ruhe und Eleganz, die er nicht einmal verliert, wenn er sich in dubbigen, an Stewart Copeland erinnernden Reggae-Grooves oder psychedelischen Monstersoli verliert. Mitunter spielen die Drums ein wenig zu wirsch für die Songs, so dass die ohnehin fragile Bandkonstruktion noch dünner wirkt, aber alles in allem hält Perlson mit solider Fußarbeit die musikalischen Netze, die Brantigan und King in die Luft wirbeln, phantastisch geerdet.
Wie auf dem Junior-Album wirkt der Gesang etwas zu verhallt, zu weit weg, aber das passt vielleicht ideal zu einer Person, die auf der Bühne davon erzählt, dass sie sich nicht traut, auf eine eMail von Melissa auf der Maur zu antworten und die auch ansonsten so wirkt, als würden sie die üblichen Popstar-Klischees eher langweilen… auch wenn der pinke WahWah auf der Bühne ein phantastischer Hello-Kitty-Moment ist, wenn King in einer Art und Weise auf ihrem Effektgeräten herumstampft, dass es mich im besten Sinne an Ute Rettler (unsere alte Gitarristin bei These Foolish Things) erinnert. Gerade die Junior-Tracks zeigen das Potential von King nicht nur als Instrumentalistin der Extraklasse, sondern auch als Songwriterin und Sängerin, die hier ganz wunderbar irgendwo zwischen Lush und Shoegaze-Sounds luftwandelt und schnelle, aber perfekt entspannte Songs präsentiert. Man kann nur hoffen, dass King und ihre Band in anderen Locations ihrer recht umfassenden Tour entweder kleinere Bühnen oder deutlich mehr Publikum haben – idealerweise letzteres, verdient wäre es allemal.






5. April 2010 10:00 Uhr. Kategorie Live. Tag Pop. 6 Antworten.
Tja, da hätten wir uns mal wiedersehen können… Es war tatsächlich peinlich leer, hat mich auch gewundert. Dieses EWI ist schon ein erstaunliches Instrument, für meinen Geschmack war es aber irgendwie nicht gut abgemischt, oft zu laut. Kaki war klasse, keine Frage, “Falling Day ” als Eröffnung ein echter Hammer. Ich selbst mag die neueren rockigen Tracks auf “Junior” und “Mexican Teengager” ohnehin viel lieber als die zuweilen ins Esoterische abdriftenden 6-8-minütigen Klangteppiche der älteren Alben, die live sogar etwas nervig rüberkamen – meine Meinung. Man merkte auch, dass andernorts die Stimmung sicher besser war als im unglaublich tristen Bochum. Manches wurde etwas lustlos abgedudelt, so leider auch “Life Being What It Is”, was doch zweifellos ihr schönster Song ist ;-)
Grüße, AZ
Argh – schade. Ich bin ja noch Novize bei Frau King, hab mir letzte Woche erst mal spontan die gesamte Backlist gekauft. Sehr witzig finde ich, dass sie am Tag, wo ich mir das neue MadM-Album kaufe, das eben auch sehr in die Richtung von Junior geht, von auf der Maur erzählt. Synchronicity.
Und lustlos abdudeln (fand ich nicht so sehr) kann ich verstehen, wenn man auf ner Bühne vor 1/10 der Saalkapazität steht. Da muss man schon sehr sehr abgebrüht oder idealistisch sein, um dann noch zu brennen (oder so zu wirken :-D).
Ja, das stimmt. Ich sag ja, man fühlt sich immer peinlich berührt, wenn’s so leer ist. Kenne KK auch erst seit etwa zwei Jahren, damals noch aus der AKustik-Gitarren Szene. Da wurde sie als Wunderkind gehandelt wegen dieser verrückten Tapping-Sachen, die ja auch wirklich irre sind. Allerdings hat sie sich aus dieser Ecke dylanmäßig rausgerockt, wenn man so will. Und sie singt auch einfach klasse mit ihrer Piepsstimme.
Die Entwicklung ist schon verblüffend – und riskant, sie dürfte altes Publikum verlieren und ob sie neues im Indie-Bereich gewinnt, sei mal dahingestellt. Insofern ist der Dylan-goes-electric-Vergleich sehr treffend. Auf jeden Fall ist so jedes Album eine Überraschung – und wenn man von Everybody loves you bis Junior alles so durchhört, ist das auch eigentlich sehr konsequent von Album zu Album. Der Gesang ist zu sehr verhallt, aber in der Tat großartig.
[...] Klangteppich, der nach New Yorker Kellerkonzerten klingt und nicht mehr verspricht, als das Trio live halten kann. Songs wie der 7/4-Kracher Falling Day oder The Betrayer zeigen eine Musikerin, die [...]