
Während ich The Autograph Man von Zadie Smith für ein smartes, schnelles, modernes und zugleich zeitloses Buch halte, hat mich On Beauty eher enttäuscht. Die Geschichte der verstrittenen Akademiker Monty Kipps und Howard Belsey und ihrer Familien entfaltet sich als weitgehend berechenbarer Campusroman (On Beauty wird gern als Update von E.M. Forsters Howards End gewürdigt), mit ironischen Betrachtungen universitärer Verschwörungen, mit vorhersehbaren Student-Professor-Liaisons und mit dem tragischkomischen Niedergang von Howard Belsey, britischer liberaler Rembrandt-Experte an einer amerikanischen Universität, der weniger an seinem populistischen rechtslastigen Widersacher scheitert als mehr an sich selbst. Vor allem aber dreht sich das Buch um Howards Frau, Kiki und seine Kinder, die über-engagierte Zora, Jerome (der zum Entsetzen seiner Eltern zum Chistentum gefunden hat) und der Möchtegern-Hiphop-Gangsta Levi, die als Schwarze in einem weißen Mittelschicht-Stadtteil aufgewachsen sind. Levi entdeckt im Verlauf des Buches das Elend der Haitianer für sich, Zora stellt fest, dass sie sich nur aus Liebe für die Gleichberechtigung der Schwarzen einsetzt und Jerome muss lernen, dass seine große Liebe, Victoria Kipps (die Tochter von Monty) es nicht nur mit dem schwarzen Rapper Carl treibt (in den nun zufällig wieder Zora verliebt ist), sondern auch noch mit seinem Dad im Bett war.
Unter dieser burlesken Oberfläche und den vielen Subthemen des Romans treibt Smith ihr liebevolles Spiel mit Stilmitteln, mit leisem Humor, mit experimentellen Metaphern und hat damit im Einzelfall auch Erfolg. Der Beginn des Romans in Form von Jeromes eMails an seinen Vater, einzelne Passagen und das gesamte Ende, das auch als Kurzgeschichte allein absolut überzeugen würde, zeigen das enorme Talent von Zadie Smith. Nur leider hat mich das Buch als Ganzes nicht überzeugt. Vielleicht weil der Plot so zwischen Irving und Lodge irrlichtert, so vorhersehbare Bahnen abschreitet, hat mich On Beauty zu keiner Sekunde wirklich fesseln können. Smith belohnt ihre Leser immer wieder mit lässig hingeworfenen Passagen, die hinreißend sind, aber sie hat keine Geschichte zu erzählen, die diesem gekonnten Umgang mit literarischen Stilmitteln würdig wäre. Es passiert im Grunde immer etwas, but nothing happens. Das Buch plätschert ein wenig ziellos vor sich hin, verliert angesichts der Flut von Themen und Strängen immer mal wieder die narrative Stringenz und ist so bemüht, die Tradition der academic novel mit modernen Topics zu koppeln, dass man diese Bemühung als Leser eben einfach auch spürt. Immer wieder merkt man, wie die Autorin sich anstrengen muss… und das schadet dem Roman. Der Diskussion um die Gleichberechtigung der Schwarzen zwischen Kiki und Monty, ebenso wie der an sich launige Clash of the Cultures rund um Hiphop als Sprachrohr der Unterschicht einerseits und als Spoken-Word-Poesie aus Sicht des akademischen Elfenbeinturms, sind solche Beispiele – Punkte, an denen Smith ihre Lässigkeit verliert, sich spürbar abrackert. Vielleicht sind die verschiedenen Charaktere, die Smith aus dem Ärmel schüttelt, mit ihren sozialen Backgrounds und Problemen, ein zu unübersichtliches Tableau für die Autorin. Man wird das Gefühl nicht los, das anhand jeder Person ein tieferes Problemthema abgearbeitet wird. Schwarze Mittelschichtkids treffen auf Ghettobewohner, Immigranten, snobistische Professoren, pseudo-sozialistische Professoren und und und. Dieses Füllhorn der Figuren wirkt nicht selten etwas bemüht.
On Beauty ist ein wunderbar geschriebenes Buch, das aber insgesamt eher langweilt, weil man ähnlichen Stoff zu oft gelesen und gesehen hat und Smith nicht den Mut hat, entschieden über ihre Vorbilder hinauszugehen. Und das streckenweise einfach zu laut ist, zu viel vorhat und die Story dabei aus den Augen verliert. Smith will hier unbedingt den großen Wurf hinlegen und wirft genau deshalb zu kurz.
Das letzte Kapitel des Romans, nach der Trennung von Kiki und der Beurlaubung von Wellington, ist hingegen wirklich großartig und zeigt einen gewandelten Howard, der ganz zur tragikomischen Figur mutiert ist, schwitzend und schlecht angezogen doch noch endlich zu seinem großen Vortrag kommt und dann auch noch seine Unterlagen vergessen hat und sich wortlos durch seine Powerpoint-Bilder klickt. Und der gerade darin eine innere, stumme Größe findet. Das Ende – kleiner, bescheidener, skizzenhafter als der Roman als Ganzes – gelingt wunderbar. Es will weniger und schafft deshalb mehr. Der letzte Satz versöhnt aufs Wunderbarste mit der Autorin … und die Tatsache, dass ich mich durch On Beauty streckenweise wirklich hindurchkämpfen musste, verfliegt schlagartig.
9. April 2007 18:51 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.