Ich gebe Bierut recht, dass Esquire zwar etwas geschmackvoller gemacht ist, aber im Grunde der gleichen Formel folgt wie alle Magazine dieser Art: «Celebrity» im MIttelpunkt und mehr oder minder geschmackvolle, auf jeden Fall aber viel zu viel Typographie drumherum. Ein weiter Weg von einem kritischen Cover, dass Richard Nixon zeigt (oder der schon zur Ikone gewordene Warhol, der in seiner eigenen Campbells-Supper ertrinkt, oder Muhammed Ali, von Pfeilen durchlöchert) zu dem Flavour-of-the-Month-Star und «Lose Weight, Get Fitter & Have more Sex». Eine Fortentwicklung sehe ich hier nicht, weder gestalterisch noch – und das ist schlimmer – redaktionell. Die Ruhe und Würde des oberen Covers plus die politische Wucht… da sind wir Meilen hinter zurück. Und noch schlimmer ist, das all diese Magazine, von denen es einfach viel zu viele gibt, absolut identisch aussehen… http://www.hdschellnack.de/?p=2081
grundsätzlich gebe ich dir recht. schlimm, was sich aktuell am zeitungsregal versammelt.
ich mag aber die typo des esquire. die macht schon ordentlic »bumm« ohne häßlich zu sein.
scheint ja dummerweise eine grundüberzeugung zu sein, dass man den leuten nicht zutraut über ein bild zu einer kaufentscheidung zu kommen, sondern verlangt, dass man mehr oder weniger geschickt gesetzte textblöcke lesen muss.
Bierut erklärt in seinem Text ganz gut, warum die Mags so aussehen, wie sie aussehen. Es ist trotzdem alles in allem ein kultureller Verlust, wie in so vielen Bereichen. Plattencover, Buchumschläge, Magazine… im Grunde haben wie die Heydays des Designs vielleicht schon hinter uns. Gleiches gilt für die Architektur. Seit den späten 60ern passiert nicht mehr viel entscheidendes.
» … Gleiches gilt für die Architektur. Seit den späten 60ern passiert nicht mehr viel entscheidendes.« Obwohl ich denke das in der Architektur noch weitaus mehr Innovation passiert ist als im Design oder Kommunikationsdesign. Architekten wie Tadao And�? oder Herzog & de Meuron sind schon sehr spannende Beispiele.
Aber im Kommunikationsdesign seh ich seit Ende der 80er Jahr auch nur noch Stagnation. Die Cover des Esquire sind wirklich ein tolles Beispiel … Vielleicht ist durch die Entwicklung des Computers immer mehr die Idee und das Konzept auf der Strecke geblieben. Wie wegweisend sind zum Beispiel die Ideen von Karl Gerstner in »Programme entwerfen« und wie sehr sind sie in unserer heutigen Zeit in der Versenkung verschwunden.
Das heutige Design müsste mal wieder ordentlich entschlackt werden. Aber nicht mit einem formalistisch gedachten Minimalismus oder Funktionalismus, sondern wieder mit Ideen wie sie das obige Nixon-Cover zeigen. Mal schauen ob sich Auftraggeber finden ;-)
Vielleicht ist es wie bei der Musik. In den 80ern war elektronische Musik im Grunde primitiv – kein Midi, nur simles Triggering, kein HDD-Recording, simpelste Stepsequencer, analoge Synths, die an sich kaum einen wirklichsinnvollen Klang ergaben. Und dennoch stammen die Klassiker des Genres – post-Kraftwerk – aus dieser Zeit. Danny Miller et al haben aus der Not eine Tugend, aus den fehlenden Tools eine Stärke gemacht, Conny Planck hat die Moogs über Marshall Amps verzerrt, um den richtigen Sound zu finden. Heute hat man technisch mehr als alle Möglichkeiten – aber die Avantgarde der Tüftler und Bastler ist weg. Ähnlich fühlt es sich im Grafik-Design an. Geschliffen, technisch oft glatt und gekonnt, nur noch wenig im Profibereich, was wirklich ganz mies aussieht. Aber die Irren, die Maniker, die Tüftler, die sind weg. Die Marginal Men, die an einer neuen Front ihre Experimente machen. Die arbeiten sich vielleicht heute an anderen Grenzen ab, wo der Markt nicht so überfüllt, nicht so durch die stille Reserve reguliert und gegängelt ist, wo noch Raum ist für verpeilte Dandys wie den frühen Peter Saville. Wer sich in den 80ern für Design interessierte, ist heute vielleicht eher an Gentech oder Nano interessiert, oder an Robotik, keine Ahnung. Nicht unbedingt daran, Coverartwork für ein sterbendes Genre abzuliefern…
Das alles mag sich ändern, den Kommunikationsdesign ist nach wie vor – und wird zunehmend wieder – ein spannender Bereich, der allumspannend ist und in dem es, wie in der Architektur unsagbare Lows und wenige echte aber dafür umso bemerkenswertere Highs geben wird. Anstelle des irgendwie stets ganz guten, aber irgendwie eben auch etwas berechenbaren Durchschnitts, durch den wir zur Zeit waten.
Oh.. und auf den «richtigen Auftraggeber» zu warten, ist wahrscheinlich nicht gut. Die traumhaften Zeiten von «Good Design is Good Business», die Zeiten von IBM und Paul Rand, die sind eventuell einfach vorbei.
Auch ein Grund, warum Design nicht mehr so mutig ist wie in 80ern. Damals haben große Firmen kleinsten Designstudios unsagbare Mengen Geld für extravagante Jahresberichte und Imageprojekte in die Hand gegeben – solche Projekte existieren kaum noch. Design hat die Magie verloren und ist zu einem Tool geworden. Deshalb opponiere ich auch ganz gerne, wenn Designer SELBST so bereitwillig davon Reden, dass sich die Wirksamkeit von Design messen lässt, ergo Gestaltung controllingfähig ist… damit verlieren wir den Shamanismus. Und Design, so sorry, IST eine ganze Portion Schamanentum, im besten Sinne. Intuition, Magie, Ahnenkönnen, Futurismus. Und insofern völlig inkommunikabel für Controlling. Design ist Dekadenz und Mut und die Vision einer besseren Welt durch schönere Stühle ;-D. Nicht die Vision eines Umsatzplus im dritten Quartal.
die cover des esquire sind doch eine augenweide im vergleich zum geschrei der sonst so üblichen glamour&gossip, man&woman, cooking&baking mags.
oder findest du das schlimm?
Ich gebe Bierut recht, dass Esquire zwar etwas geschmackvoller gemacht ist, aber im Grunde der gleichen Formel folgt wie alle Magazine dieser Art: «Celebrity» im MIttelpunkt und mehr oder minder geschmackvolle, auf jeden Fall aber viel zu viel Typographie drumherum. Ein weiter Weg von einem kritischen Cover, dass Richard Nixon zeigt (oder der schon zur Ikone gewordene Warhol, der in seiner eigenen Campbells-Supper ertrinkt, oder Muhammed Ali, von Pfeilen durchlöchert) zu dem Flavour-of-the-Month-Star und «Lose Weight, Get Fitter & Have more Sex». Eine Fortentwicklung sehe ich hier nicht, weder gestalterisch noch – und das ist schlimmer – redaktionell. Die Ruhe und Würde des oberen Covers plus die politische Wucht… da sind wir Meilen hinter zurück. Und noch schlimmer ist, das all diese Magazine, von denen es einfach viel zu viele gibt, absolut identisch aussehen…
http://www.hdschellnack.de/?p=2081
grundsätzlich gebe ich dir recht. schlimm, was sich aktuell am zeitungsregal versammelt.
ich mag aber die typo des esquire. die macht schon ordentlic »bumm« ohne häßlich zu sein.
scheint ja dummerweise eine grundüberzeugung zu sein, dass man den leuten nicht zutraut über ein bild zu einer kaufentscheidung zu kommen, sondern verlangt, dass man mehr oder weniger geschickt gesetzte textblöcke lesen muss.
schon schade.
Bierut erklärt in seinem Text ganz gut, warum die Mags so aussehen, wie sie aussehen. Es ist trotzdem alles in allem ein kultureller Verlust, wie in so vielen Bereichen. Plattencover, Buchumschläge, Magazine… im Grunde haben wie die Heydays des Designs vielleicht schon hinter uns. Gleiches gilt für die Architektur. Seit den späten 60ern passiert nicht mehr viel entscheidendes.
» … Gleiches gilt für die Architektur. Seit den späten 60ern passiert nicht mehr viel entscheidendes.« Obwohl ich denke das in der Architektur noch weitaus mehr Innovation passiert ist als im Design oder Kommunikationsdesign. Architekten wie Tadao And�? oder Herzog & de Meuron sind schon sehr spannende Beispiele.
Aber im Kommunikationsdesign seh ich seit Ende der 80er Jahr auch nur noch Stagnation. Die Cover des Esquire sind wirklich ein tolles Beispiel … Vielleicht ist durch die Entwicklung des Computers immer mehr die Idee und das Konzept auf der Strecke geblieben. Wie wegweisend sind zum Beispiel die Ideen von Karl Gerstner in »Programme entwerfen« und wie sehr sind sie in unserer heutigen Zeit in der Versenkung verschwunden.
Das heutige Design müsste mal wieder ordentlich entschlackt werden. Aber nicht mit einem formalistisch gedachten Minimalismus oder Funktionalismus, sondern wieder mit Ideen wie sie das obige Nixon-Cover zeigen. Mal schauen ob sich Auftraggeber finden ;-)
Vielleicht ist es wie bei der Musik. In den 80ern war elektronische Musik im Grunde primitiv – kein Midi, nur simles Triggering, kein HDD-Recording, simpelste Stepsequencer, analoge Synths, die an sich kaum einen wirklichsinnvollen Klang ergaben. Und dennoch stammen die Klassiker des Genres – post-Kraftwerk – aus dieser Zeit. Danny Miller et al haben aus der Not eine Tugend, aus den fehlenden Tools eine Stärke gemacht, Conny Planck hat die Moogs über Marshall Amps verzerrt, um den richtigen Sound zu finden. Heute hat man technisch mehr als alle Möglichkeiten – aber die Avantgarde der Tüftler und Bastler ist weg. Ähnlich fühlt es sich im Grafik-Design an. Geschliffen, technisch oft glatt und gekonnt, nur noch wenig im Profibereich, was wirklich ganz mies aussieht. Aber die Irren, die Maniker, die Tüftler, die sind weg. Die Marginal Men, die an einer neuen Front ihre Experimente machen. Die arbeiten sich vielleicht heute an anderen Grenzen ab, wo der Markt nicht so überfüllt, nicht so durch die stille Reserve reguliert und gegängelt ist, wo noch Raum ist für verpeilte Dandys wie den frühen Peter Saville. Wer sich in den 80ern für Design interessierte, ist heute vielleicht eher an Gentech oder Nano interessiert, oder an Robotik, keine Ahnung. Nicht unbedingt daran, Coverartwork für ein sterbendes Genre abzuliefern…
Das alles mag sich ändern, den Kommunikationsdesign ist nach wie vor – und wird zunehmend wieder – ein spannender Bereich, der allumspannend ist und in dem es, wie in der Architektur unsagbare Lows und wenige echte aber dafür umso bemerkenswertere Highs geben wird. Anstelle des irgendwie stets ganz guten, aber irgendwie eben auch etwas berechenbaren Durchschnitts, durch den wir zur Zeit waten.
Oh.. und auf den «richtigen Auftraggeber» zu warten, ist wahrscheinlich nicht gut. Die traumhaften Zeiten von «Good Design is Good Business», die Zeiten von IBM und Paul Rand, die sind eventuell einfach vorbei.
Auch ein Grund, warum Design nicht mehr so mutig ist wie in 80ern. Damals haben große Firmen kleinsten Designstudios unsagbare Mengen Geld für extravagante Jahresberichte und Imageprojekte in die Hand gegeben – solche Projekte existieren kaum noch. Design hat die Magie verloren und ist zu einem Tool geworden. Deshalb opponiere ich auch ganz gerne, wenn Designer SELBST so bereitwillig davon Reden, dass sich die Wirksamkeit von Design messen lässt, ergo Gestaltung controllingfähig ist… damit verlieren wir den Shamanismus. Und Design, so sorry, IST eine ganze Portion Schamanentum, im besten Sinne. Intuition, Magie, Ahnenkönnen, Futurismus. Und insofern völlig inkommunikabel für Controlling. Design ist Dekadenz und Mut und die Vision einer besseren Welt durch schönere Stühle ;-D. Nicht die Vision eines Umsatzplus im dritten Quartal.