
William Gibson, einer der wichtigsten Autoren des Cyberpunk-Genre, hat sich mit seinem letzten Roman, Pattern Recognition, auf großartige Art und Weise vom SF verabschiedet und sich der «normalen» Belletristik zugewandt. Nur konsequent, da unsere Realität immer mehr und mehr den fiktionalen Welten von Gibson angenähert ist und die Unterschiede nahezu nur noch kosmetischer Natur waren. Die Ideen, die Gibson in den achtzigern zu Papier brachte, sind längst zu festen kulturellen Fragmenten geworden, Cyberspace ein feststehender Alltagsbegriff, und Filme wie Matrix oder Blade Runner leben von der urban-dreckigen Hightech-Atmosphäre, die Gibson für Bücher von Neuromancer bis All Tomorrow’s Parties erfand. Mit Pattern Recognition wandte sich Gibson der Gegenwart zu, ohne dafür groß seinen Stil ändern zu müssen. Eine Welt, in der Marketing und Kunst, Hightech und Kommerz, persönliche Schicksale und Globalisierung untrennbar verzahnt wird, und schnell wechselnde Spielorte, die das Gefühl einer entwurzelten, hektischen Gesellschaft vermitteln, prägen den ersten Gibson 2.0-Roman, und so ist es auch bei Spook Country, der in der gleichen «Welt» spielt, einer fiktionalen Realität, die unserer zum Verwechseln ähnlich ist. Aus Pattern Recognition begegnen wir dem superreichen Entrepreneur Hubertus Bigend und seiner Viral-Agentur Blue Ant wieder. Andere Figuren sind die Ex-Indie-Sängerin Hollis Henry (die nicht unwesentlich an Cayce Pollard aus Pattern Recognition erinnert), der chinesisch-kubanische Spion Tito, der eine frei erfunden wirkende, aber real existierende semimystische Kampfsportart beherrscht, der geheimnisvolle Mr. Brown und der von ihm mit Drogen gefügig gemachte Junkie und Russisch-Übersetzer Milgrim. Diesen drei Figuren – und ihren jeweiligen Erlebnissen – folgt das Buch im klassischen 1-2-3-Muster durch die verschiedensten Locations, bis ihre Handlungsfäden verschmelzen. Die Handlung des Buches emergiert dabei fast widerwillig aus der non-linear wirkenden Melange der verschiedenen Stränge. Das Gefühl, das heute die verschiedensten Geschehnisse unsichtbar global miteinander vernetzt sind – und jeden einzelnen von uns persönlich betreffen können, egal wie weit entfernt sie zu sein scheinen – setzt Gibson sehr deutlich an Hollis Henry um, die in ihrem zweiten Karriereanlauf bei einer Reportage für ein eigentlich noch gar nicht existierendes Magazin in einen internationalen Fast-Spionage-Thriller verwickelt wird, der sich am Ende als seltsame Form von schwarzem Humor entpuppt, als surrealer, postmoderner Gag. Gibson schwenkt federleicht von «Locative Art» (dreidimensionaler Virtual-Reality-Kunst am realen Ort eines Geschehens, die mit Hilfe von GPS Daten umgesetzt wird) zu internationalem Pirantentum, zur kubanischen Mafia mit ihren Orisha-Gottheiten, zur Extremsportlern, die als Hobbyspione arbeiten… und verdichtet das ganze zu einem Roman, in dem es weniger um die konkrete Primär-Handlung geht als vielmehr um die Andeutungen, die Schwingungen, Stimmungen, das reine atemberaubende Tempo des Lebens im 21. Jahrhundert. Auf fast 400 Seiten entwickelt Gibson ein mitunter etwas dahinplätscherndes Gemälde einer Welt, in der das Mystische, das Futuristische, das Profane und das Heilige längst – everything goes – nebeneinander existieren, eine technopsychologische Realität, die geheimnisvoller und rätselhafter wirkt als viele seiner eigentlichen SF-Romane. Die echte Welt, so Gibsons Botschaft, IST der fremde Planet aus den Science-Fiction-Büchern. Ein Schattenreich von Playern, die Hollis und Milgrim zu Figuren auf Schachbrettern machen, die wir als Leser des Buches eigentlich nie wirklich je als Ganzes zu sehen bekommen. Die immer wieder dem Celebrity-Kult begegnende, daovn ermüdete Hollis Henry und Milgram, der zunehmend eine Art Stockholm-Syndrom in seiner Beziehung zu Brown entwickelt, rutschen tiefer und tiefer in eine alternative Realität, eine Art Welt unter der Welt, die schneller und größer,vernetzter und monströser ist als der Alltag, den sie gewohnt sind. Auch Tito wird aus seinem gewohnten Alltag in NYC herausgerissen und in einen Mahlstrom von Wirklichkeit, der sich surreal anfühlt, aber in jeder Hinsicht echt ist. Die wahre Welt, so Gibson, ist eben «Stranger than Fiction». Sie ist vielschichtig und fraktal und besteht aus so vielen übereinander geschichteten Kanälen von Realität, das man nur ein wenig entgleisen muss, um in einer ganz neuen Realität zu landen. Die gezeichnet ist von Hypermedia, von Promikult, von hyperkinetischem Konsum, von an Perversion grenzendem Reichtum, von Terrorismus und Krieg, die nur als Mantel für Geschäftemacherei dienen – eine Welt, so unsicher und so schlüpfrig wie der Dyberpunk-Dschungel von Neuromancer in den 80ern wirkte.
Überhaupt ist Spook Country ein «Google-Buch», ein Buch, bei dem du permanent im Internet suchst, um Andeutungen und von Gibson als selbstverständlich vorausgegebene Backgrounds zu verstehen. Gibt es wirklich GSG9-Adidas-Schuhe? Was ist Systema? Was ist Locative Art? Es ist ein langsames, atmendes Buch, das enorm viel Zeit auf Beschreibungen und Detail gibt, um dann wieder in fast atemlose Action zu kippen. Es ist ein interaktives Buch, das dich dazu bringt, die Realität in einer Komplexität und Vernetzung zu erkennen, die kein SF-Roman so leisten kann. Hinter der extrem komplexen, vielschichtig schillernden Kraft von Pattern Recognition bleibt es leider etwas zurück, Spook Country wirkt relativ ausgebremster. Was ein Le-Carré-on-Steroids hätte sein können – immerhin ist die Welt der Geheimdienste wie geschaffen für einen Technofuturisten wie Gibson – dümpelt zunächst etwas vor sich hin und kommt dann am Ende zu einem eher antiklimaktischen Finale. Vielleicht ist das sogar Absicht. Vielleicht ist der seltsame Spaß, den sich der «old man» mit dem Container (um den sich am Ende die Handlung dreht, so wie sie vorher von Bobby Chombos Verschwinden angetrieben war, deutliche MacGuffins), ein kathartischer Moment, in dem unsere verwirrten Antihelden ihre Wut kanalisieren, und sei es nur durch einen bösen Scherz, der irgendwelchen gesichtslosen Geldschneidern das Business versaut. Vielleicht ist der seltsame Post-9/11-«Prank», der surreale Scherz am Ende des Buches Gibsons Kommentar zu einer Welt, in der die Spionage zum Klamauk geronnen ist, vielleicht ist Spook Country gar kein Spionage-Roman, sondern das genaue Gegenteil, eine Art satirischer Anti-007. James Bond as written by P.K. Dick and The Marx Brothers.
Wie dem auch sei, Hollis Henry ist eine grandios entwickelte Figur, überhaupt wirken die meisten Hauptcharaktere überzeugend, und es bleibt sopannend zu sehen, wie Hubertus Bigend als charismatisch-schattenhafte Figur den Roman vorwärts treibt, aber es fehlt ein Hauch Straffheit, Tempo, Druck. Dennoch entpuppt sich Gibson als ein moderner Raymond Chandler, der längst genre-transzendierend arbeitet und Sätze von atemberaubender Kraft meisseln kann, in einer ganz eigenen Welt von High-Tech-Pop-Culture schreibt und (neben vielleicht Bruce Sterling und mit Einschränkungen Neal Stephenson) der ein völlig unersetzbarer Autor für die moderne Welt ist, der wie kein Zweiter das JETZT, die Technik, die Werbung, die Medien als literarische Mittel begreift und nutzt. Gibson ist, wie immer, Cutting Edge und insofern etwas anstrengend zu lesen, dicht, einen Hauch überfordernd, will man die Flut an Informationen und Andeutungen, die Gibson herauspusht, wirklich durchdringen. Man merkt, das Gibson mehr Freude an Situationen, Beschreibungen, an der Vernetzung von Popkultur, Hightech und Geschichte hat, als an einem von einer Handlung getriebenen Roman. Das Buch hätte ebenso gut 600 Seiten haben können, und dennoch wäre das seltsame Flair einer Art Kurzgeschichte geblieben. Es geht um die Charaktere und die dreidimensionale Welt, die Gibson um sie herum entwickelt, es geht um diesen surrealen Touch der absolut realen Welt. Es geht um Vernetzungenund Verbindingen, die latent sein könnten, die man als Leser spontan entwickelt aus dem Fluss der Informationen, die Gibson anbietet. Es geht um Echos, um das Puzzle, um das Ungesagte, um die Geste, es geht um den Rorschach-Test, in dem der Leser mehr von sich selbst findet als vom Autor…. In diesem Sinne ist Spook Country, wie Pattern Recognition, große Literatur, die sich nur noch als Thriller camouflagiert. Gibson ist Thomas Pynchon und Don DeLillo längst näher als etwa Isaac Asimov oder Ray Bradbury.
Dennoch sind die Stilmittel von Gibsons Cyber-SF heute vielleicht eben die beste Wahl, sich unserer «echten» Realität zu nähern. Wenn man über die heutige Welt schreibt, über Biotechnologie und Nanobots, über Implantate und Virtuelle Realitäten, über SIMs und Second World, über russische Mafia und postmodernen Terrorismus, der nach kapitalistischen Grundregeln organisiert ist… da macht es nur Sinn, sich mit der Neugier eines Science-Fiction-Autors an diese Welt zu begeben, mit der Lust an dem Abstrusen, an der Absurdität. Gibson muss dazu seine Lingo kaum ändern. Waren seine früheren Bücher voll mit unverständlichen Kürzeln, die er mehr oder minder erfunden hat, so ist die übertechnologisierte Geekspeak seiner Helden heute einfach Alltag geworden. Wifi,Bluetooth, GPS, PANDA, Geohacking, Wardriving und so weiter – Gibson schöpft aus den vollen eines seltsam gewordenen Zeitgeistes, und muss nichts mehr erfinden, SF und Realität sind eins geworden. Wir leben in der Zukunft, die Gibson vor 25 Jahren erfunden hat.
23. September 2007 17:15 Uhr. Kategorie Buch. 3 Antworten.
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Wirklich schöner Kommentar!
[...] William Gibsons letztem Buch, Spook Country, spielt Geotagging als Kunstform, also Kunst, die sich GPS-Signale zu Nutze macht, eine zentrale [...]