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William Gibson: Distrust that particular flavor

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Es ist fast verblüffend, dass William Gibson im Vorwort dieser Sammlung von Artikeln und Vorträgen so vehement sein Unbehagen mit nicht-fiktionalen Texten bekundet. Sind doch seine Bücher perfekte Fusionen von Realität und Erfindung, wobei nie ganz klar ist, was eigentlich echt und was fiktional ist. Wer ein derartiges Talent besitzt, das Reale in die Literatur einfließen zu lassen, dem sollte es doch leicht fallen, den umgekehrten Weg zu beschreiten, oder?

Vielleicht ist sich Gibson der Fragilität der besonderen Art von Lüge bewusst, die spezifisch seine Art zu schreiben darstellt, diese hauchdünne Illusion von Realität – und darüber, wie diese Fata Morgana des Gibsonverse fadenscheiniger wird, an Substanz verliert, wenn man nicht den Roman mit der Surrealität der modernen Welt anreichert, sondern umgekehrt, die Reportage zum Vehikel literarischen Nachdenkens macht.
Bereits der erste Text, eine Art Meditation über Dead Media (Tragbare Radios, 8-Spur-Kassetten usw.) und wie sie in den Nischen der Zivilisation überleben, und vor allem der dahinter gestellte kurze rückblickende Kommentar aus dem »Heute« (spannend wäre übrigens, wenn eine neuaufgelegte Edition 10 Jahre später diese Kommentare wieder reflektiert kommentieren würde) machen eine Fusion aus journalistischer Neugier, autobiographischen Interessen und schriftstellerischer Gabe deutlich, die trotz Gibsons Kritik an der eigenen Arbeit beeindruckend ist, zumal der Text quasi nebenbei die heutige Medienkonvergenz hervorsagt.
Wie nebenbei entspinnt sich aus den Texten ein Bild des Autors, in Referenzen, in Nebensätzen, in den »speeches« sogar sehr direkt etwa über die Entscheidung, Romane nicht mehr in der mehr oder minder fernen Zukunft anzusiedeln, sondern vielmehr die Gegenwart mit den Werkzeugen der SF-Literatur anzugehen. Es sind diese indirekten Einblicke in das tastende Denken dieses Autors über Gesellschaft, Zukunft und das kreative Arbeiten, der durch digitale Medien ohnehin zu den öffentlicheren Menschen seiner Zunft zählen dürfte, die das Buch auszeichnen. So reflektiert ein Artikel vom Ende der 90er Jahre über Gisons Begegnung mit eBay und seiner Faszination für mechanische alte Uhren so präzise meine eigene Erfahrung, dass es fast erschreckend ist – und ist zugleich eine Zeitkapsel, denn nur knapp eineinhalb Dekaden später ist eBay zumindest für den Uhrenkauf mehr oder minder unbrauchbar geworden und das gesamte, damals noch so naive System des Online-Auktionshauses längst von professionellen Händlern und vom Betreiber selbst so unterminiert, dass es durch die Professionalisierung den ursprünglichen Charakter und Wert weitgehend verloren hat, so wie jeder Kinderflohmarkt nach und nach von Berufshändlern vergiftet wird.

Ob Eindrücke aus Japan, Buchempfehlungen oder andere Inspirationen, die Gibson freilegt – »Distrust« fungiert als angenehmer Exhibitionismus von Quellen und Mustern, die Gibson steuern. Dass er sich für soziale Autisten in Tokio ebenso interessiert wie für die Tamagotchi-Psychologie des Uhrensammelns wird jedem Leser seiner Bücher sofort einleuchten, für jeden, der den Autor wegen seines SF-Labels bisher gemieden hat hingegen, dürften diese kurzen Texte als Einstiegsdroge dienen. Quasi frei von dem Gewicht von Dialog, Charakteren und Handlung entpuppt sich hier ein William Gibson in reinster Form, der wie ein Taucher in fremde Welten hinabsinkt und verwaschene Polaroids von »da unten« für uns an die Oberfläche bringt. Was in seinen Romanen eine Art Kontext, eine Textur bildet (die mitunter zugegeben wichtiger ist als die eigentliche Romanhandlung), ist hier in der Essenz zu genießen: Der Autor als Anthropologe des Seltsamen, des Verschrobenen, der die Outcasts und die surrealeren Aspekte des Future Shocks auf den Punkt schreiben kann. Gibson erinnert in den besten Momenten insofern nicht ganz von ungefähr an Kracauer, der auf seine Art eben diesen technologischen, kulturellen und sozialen Schockzustand der 20er Jahre so unvergleichlich literarisch abzubilden vermochte. Die Textsammlung von Gibson wird diesem Anspruch nicht ganz gerecht – viele der kurzen Texte sind Vorworte von Büchern oder »fluffige« Texte für Magazine, aber wenn Gibson fliegt, dann ist er als Sachautor keinen Deut schlechter denn als Prosaschreiber. Im Gegenteil – manchmal scheint es, als wären seine Faszinationen ohne Handlung und erfundene Figuren klarer und hypnotischer, Sund wahrscheinlich mag Gibson genau deshalb seine eigenen non-fiktionalen Texte weniger, sie sind enthüllender. Zugleich zeigen sie, dass die Wirklichkeit heute, um Chuck Palahniuk zu zitieren so »stranger than fiction« geworden ist, dass Essays und Sachtexte oft zumindest ebenso fesselnd sein können wie die Romanform, aber dabei direkter, schärfer konturiert wirken.

Das es zwischendrin immer wieder spannende Einblicke in alltägliche und doch unvertraute Aspekte menschlichen Daseins gibt, die Gibson feinfühlig obduziert, dass es akrobatische Ablationen gibt, zusammengehalten von einer neiderweckenden sprachlichen Begabung, dass in den kleinen Texten ein bündiger, holographischer Mikrokosmos von Gibsons Arbeit steckt, etwa in dem atemberaubenden Hikaru-Dorodango-Artikel für das Tate Magazin – all das straft Gibsons bescheidenes Vorwort natürlich Lügen. Er ist ohne Frage ein brillanter Sachautor und es ist mehr als lohnend, ihn hier einmal von der anderen Seite seines Zauns zwischen Wirklichkeit und Fiktion Botschaften senden zu erleben, vielleicht gerade weil diese Wand ohnehin bei fast keinem Schreiber so durchlässig ist wie bei ihm.

14. Oktober 2012 16:47 Uhr. Kategorie Buch. Tag , , , .
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