
Ob Stuttgart 21 oder GAP – es scheint, als lebten wir in Zeiten glorreicher direkter Demokratie. Da gehen Bürger auf die Straße, um einen teuren Umbau ihrer Stadt zu verhindern und da greifen Konsumenten in die Tastatur, um einer Bekleidungsfirma das neue, so schrecklich moderne Logo auszutreiben.
Ist Protest Dialog?
Wer das als tatsächliche Demokratie, als Dialog zwischen Einrichtungen und Bürgern empfindet, der irrt nur leider. Was sich auf den ersten Blick geeignet hervortut, um Manager oder Politiker aus dem Elfenbeinturm herauszulocken und mit der Außenwahrnehmung zu konfrontieren, entpuppt sich als Fata Morgana. Ebenso wenig wie 100 Kritiken auf Amazon ein Buch nun besser oder schlechter machen, so wenig wie 1000 Affen jemals jenseits der Statistik wirklich einen guten Roman schreiben würden, so wenig wie 100 Laien gemeinsam den einen Experten ersetzen (oder wer würde den Chirurgen beiseite schieben, um sich von 10 Krankenschwestern die Herz-OP machen zu lassen, die sich das gern auch zutrauen würden?)… ebenso wenig ersetzt Schwarmintelligenz und der medial geballte Ausdruck von Meinungen tatsächlichen Diskurs und Dialog, Abstimmungsprozesse und tatsächliche Entscheidungen.
Dabei geht es gar nicht um die Frage von Richtig oder Falsch, also darum, ob Stuttgart nun einen Kopf- oder Durchgangsbahnhof braucht oder ob nun das neue Gap-Logo besser war als das alte (beide sind ja nun einmal gruselig) und es geht nicht einmal wirklich um Argumente, die es auf beiden Seiten bei all solchen Anlässen in solch großer Zahl gibt, das man schon Experte sein muss, um in der Flut der Argumente noch den Boden zu sehen. Es geht vielmehr um die Frage, ob es wirklich so ist, dass die Vielen unbedingt Recht haben.
Und ich würde sagen: Nein.
Ist die Mehrheit die Mehrheit?
Das fängt bereits damit an, das insbesondere online die Frage berechtigt ist, was «viel» ist. Es ist erwiesen, dass sich via Twitter, auf Blogs, auf Foren, per Mail etc. eher eine kleine Online-Minorität lautstark (und gern multipel) hervortut, die keineswegs für eine reale Mehrheit sprechen kann. Da wird dann eine Fernsehserie gelobt, die aber mangels Einschaltquote eingestellt werden muss, oder aber ein Buch in Grund und Boden verdammt, das sich aber atemberaubend gut verkauft. Das gleiche Phänomen gibt es auch jenseits der virtuellen Beteiligung, wenn etwa bei dem bayrischen Volksentscheid zum Rauchverbot bereinigt eine erschreckend kleine Anzahl von Bürgern überhaupt teilgenommen hat und das prozentuale Ergebnis in Wirklichkeit so ist, dass man sich fragen muss, welche Legitimität ein solcher Entscheid mit 13,9% eigentlich haben kann, denn Mehrheiten sehen anders aus. Auch in Stuttgart nehmen – gemessen an der Anzahl der Betroffenen in Stadt und Land – prozentual so wenig Bürger an dem Protest statt (zumal gemessen an den Bürgern, die die Regierungen gewählt haben, die dieses Projekt seit zwölf Jahren ja nun alles andere als clandestin durch alle Institutionen vorantreiben). Nur weil es vor den Kameras nach «vielen» Menschen aussieht oder nur weil auf einer Site hunderte von Kommentaren eingehen, drückt sich hier in Wahrheit oft nur eine Minderheit aus, die nur suggeriert, ihre Meinung habe ein Mehrheitsrecht. Natürlich geht es in der Demokratie nicht um die «Mehrheit», sondern es geht (aus meiner Sicht) auch ganz ausgeprägt um den Schutz von Minoritäten, um die Abwägung und Aushandlung widersprüchlicher Interessen – aber es kann nicht um den Schutz einer Minderheit gehen, die in dem Selbstverständnis agiert, sie sei die Mehrheit und habe das Recht sozusagen qua Masse eingebaut.
Hat die Mehrheit Recht?
Dazu kommt, dass ich der Masse zutiefst misstraue. Die Masse kauft nämlich Musik in die Charts, die ich furchtbar finde, sieht Filme, die ich nicht mag, liest Bücher, die ich für Schundliteratur halte (wenn sie überhaupt liest). Wer einen Blick auf das Fernsehen wirft, das Medium des kleinsten geringsten Nenners, das schlimmste aller Massenmedien, kann keinen Zweifel am kollektiven IQ der Menschen haben – er ist gerade hoch genug für Supernannys und Soaps, die schwierigeren Angebote müssen in das Arte- und 3Sat-Ghetto verbannt werden. Die Masse, Pardon, hat keine Kultur. Das soll nicht arrogant klingen, so weitab vom Mainstream bin ich ja nun auch nicht und es geht nicht um die Frage, ob mein Geschmack nun besser ist. Aber wenn Lady Gaga zur größten globalen Künstlerin wird und Stephanie Meyers aseptische Vampire die Buchcharts anführen, dann kommen mir Zweifel am Verstand der «Masse». Die Masse, das ist der Mob beim Fussball, der nur noch in Sieg oder Niederlage unterscheidet. Die Masse, das sind die Leute, die in München dabeistanden, als 1938 die Hauptsynagoge abgerissen wurde und die dabei noch gejubelt haben. Ich habe ein Problem mit der Masse, die bei der kleinsten Gelegenheit mit Fackeln und Heugabeln vorm Schloss steht und will, dass das Monster verbrannt wird. Wenn es nach der Masse ginge, mit Verlaub, würden wir heute noch die Guillotine als Form der öffentlichen Unterhaltung haben und die Sklaverei wäre nicht abgeschafft. Die Geschichte würde stillstehen. Wer sich mit Organisationspsychologie und Massensoziologie befasst, weiß, das «Respekt vor der Masse» fast ausnahmslos als Angst gemeint ist. Die Loveparade hat tragisch und drastisch gezeigt, in welchen Pattern und Wogen sich Massen bewegen und wie rücksichtslos, wie wenig altruistisch oder am Gesamten, sondern wie kumuliert-egoistisch sie teilweise – durchaus auch ohne dies individuell zu wollen oder wahrzunehmen – agieren.
Woher hat die Mehrheit ihre Meinung?
Edward Bernays hat die Verführbarkeit der Mehrheit bereits in den zwanziger Jahren auf den Punkt gebracht: «Wir werden regiert, unser Verstand wird modelliert, unser Geschmack geprägt, unsere Vorstellungen werden vorgegeben weitgehend von Männern, von denen wir noch nie etwas gehört haben.» Was Bernays damals noch etwas unbefangen von den Machtstrategien seines späteren Bewunders Goebbels «Propaganda» nennen durfte, heißt heute anders, die Mechanismen allerdings haben sich kaum verändert, bestenfalls verfeinert. Wer heute sagt, dass Unternehmen und Einrichtungen auf die Mehrheit zu hören hätten, muss sich die Frage gefallen lassen, wie diese Mehrheit eigentlich ihre Meinung/en bildet und wie haltbar und belastbar dieser Boden ist, wie «richtig» die Meinung der Mehrheit ist, wie anfällig der Mob für Verführer und Demagogen ist. Hat Theo Sarrazin mit seinen absonderlichen biologistisch-gestrigen Thesen zum IQ schon Recht, nur weil sein Buch sich gut verkauft – oder haben die weniger selbstgewissen Kritiker recht, die auf die Löcher im fauligbraunen Käse seines Buches hinweisen? Stimmen Fakten, nur weil sie die Bild als auflagenstarkes Blatt druckt? Tatsache ist doch vielmehr, dass die Mehrheit der Menschen auf einfach(st)e Antworten, auf reduktionistische Ideen, auf Schwarzweißmalerei fliegt wie die Wespe auf den Sonntagskuchen – das uninformierte, dumpfe «Gefühl» ist der Aggregatzustand der Menge, das Erahnte, Faktenfreie, das Klischee. Es ist erwiesen, das den Menschen das langfristige Planen und Denken nicht liegt, sie agieren kurzfristig, nehmen spätere Nachteile in Kauf, um sich «jetzt» auszuleben – da ist es verständlich, wenn die akkumulierte Masse von Menschen dies besonders betreibt, und ohne Konsequenzen, Bedingungen, Vernetzungen und Unabwägbarkeiten zu argumentieren versucht, zurückgreift auf die einfachsten und damit falschen Argumente, die seltsam oft auf ein «Wir gegen Euch» hinauslaufen. Politiker sind korrupt, Beamte sind faul, Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg, Frauen gehören an den Herd, der Islam ist böse und und und… die Liste rassistischer und reaktionärer «Meinungen» des Mob ist so lang wie armselig. Es ist keineswegs so – so sehr man sich das wünschen würde – das in der Menge die Menschen zu einer abgewogenen und richtigen Entscheidung kommen (auch wenn «Wer wird Millionär» das suggeriert), sondern im Gegenteil: Nur das simpelste, primitivste Meme kann sich durchsetzen, der resistenteste und renitenteste Virus verbreitet sich am besten, je stumpfer desto besser. Es ist kein Zufall, dass ein Ex-Sponti und Grüner wie Joschka Fischer, kaum an die Macht gekommen, absolut gegen direkte Demokratie war – was auf den ersten Blick nach Wendehalsmanöver aussieht ist vielmehr die Erkenntnis, dass die Menge einfach nicht das Richtige will und jedes ambitionierte Projekt ausbremst.
Wohin geht die Mehrheit?
Nirgendwohin. Der Mob kann sich nur für 0 oder 1 entscheiden. Komplexe Sachverhalte überfordern ihn. Stuttgart zeigt sehr schön wie verschiedenste Partikularinteressen gebündelt ein großes «Nein» als einzige Option ergeben, von Protestlern, die den Bahnhof an sich okay finden, aber mehr Trassen und Finanzierungssicherheit fordern hin zu Komplettverweigerern ist jede Couleur dabei. Wer da als Politiker mit den Prostestierenden verhandeln will, dürfte angesichts des Kaleidoskops von Meinungen Freude haben. Am Ende bleibt von den Einzelstimmungen nur ein großes Verhindern über, ein Beharren auf den JETZT-Zustand. Am Ende ist dies das Einzige, worauf die Masse sich einigen kann – selbst wenn «Jetzt» auch alles als ideal sein mag, scheint es doch ausnahmslos besser als die Unsicherheit dessen, was kommen könnte. Jede Abweichung von der Normalität wird abgelehnt und wenn die Masse eins gelernt hat, dann, dass jede Veränderung ihr schaden könnte. Der Mob kann nur zwei Dinge: Nach Blutopfern rufen und den Stillstand bewahren. Es ist die Multiplikation des Sankt-Florians-Prinzip: Überall, bloß nicht bei mir. Die Leute wollen eine schnelle, effiziente Bahn – aber bitte keine Bauarbeiten in ihrer Innenstadt. Die Leute wollen grünen Strom – aber bitte keine Windkrafträder oder Hochleistungsstromleitungen in Ihrer Nähe. Die Leute wollen einen leistungsstarken Staat – aber niedrige Steuern. Jeder will ein König sein, keiner regieren. Und so kann die Masse ein neues Erscheinungsbild zwar schlechtreden, aber keinen schlüssigen Gegenentwurf formulieren, auf den sie sich einigen könnte. Die Masse, insofern, ist das ultimative Konsensdesign, das ultimative Gremiendesign, das sich selbst so zerredet, bis es nicht mehr stattfindet und man nur noch in der Geste des perpetualen Stillstands gefriert. A lot goes on, but nothing happens. Jeder Autor von Serienliteratur – ob Buch, TV oder Comic – kennt das Phänomen seines Publikums: Es beschwert sich, wenn nicht genug Wandel stattfindet, aber sobald sich dann tatsächlich etwas verändert, steht der Mob an den Toren und hämmert mit den Fäusten heulend aufs Holz. Das Ergebnis ist die sogenannte «Illusion of Change», die Illusion des Wandels, das Prinzip «Wasch mich, aber mach mich nicht nass». Jeder Designer, der mit Gremienentscheidungen zu tun hat, weiß nur zu gut, was das bedeutet: Wir brauchen ein neues Logo, aber kann es so aussehen wie das alte?
Gestaltet die Mehrheit Zukunft?
Nein, so leid es mit tut. Die Zukunft ist fast ausnahmslos gegen den Mob entstanden. Die Sklaverei, die der gute Cicero noch völlig okay fand, ist in Amerika nicht abgeschafft worden, weil die Masse schlagartig fand, dass diese Einrichtung barbarisch ist, sondern sie geht auf eine Handvoll Menschen zurück, die schließlich in Abraham Lincoln einen Fürsprecher fanden, der den 13. Zusatzartikel zur US-Verfassung nach mehreren Anläufen und nach dem Sezessionskrieg durchsetzte. Norbert Bolz hat einmal festgehalten, dass die Masse der Menschen nicht weiß, was sie sich (im Hinblick auf Produkte) an Innovationen wünscht – die Konsumenten selbst hätten niemals den Walkman erfunden, wahrscheinlich auch keine Mobiltelefone oder Computer. Jede politische und technologische Innovation geht von Individuen aus und hat sich erst mit der Zeit als «vernünftig», als neuer Status Quo, etablieren können. Bei fast jeder technischen Neuerung sagt der Mob: «Wozu brauch ich DAS denn?» Ein Telefon ohne Kabel, eine Kamera am Handy, ein Computer ohne Maus und Tastatur? Kunstdünger? Automobile? Genforschung? Alles neue, alles «fremde» wird abgelehnt und muss sich erst beweisen. Was an sich nicht schlimm ist – aber wer von der konservativen Masse, die alles allochtone prinzipiell ablehnt, tatsächlich Impulse, die nach vorne deuten erwartet, der kann aber lange warten. Und vergebens. Zukunft geht nicht vom Aggregat aus, sondern vom Individuum, vom Querdenker, vom Mutigen, vom Typus des Entdeckers. Von diesen wahnwitzigen Menschen, die neue Kontinente entdecken oder unter atemberaubenden Kosten und hohen Opfern Menschen zum Mond emporschießen. Die Bücher schreiben, die erst einmal keiner versteht und die sich nicht verkaufen, die Bilder malen, an denen keiner zeitlebens etwas verdient, die Theaterstücke schreiben, bei denen das Publikum empört den Saal verlässt, die sich ihre Instrumente selbst zusammenbauen und seltsam heulende Geräusche aus ihren Gitarren frickeln oder elektronisch-ungewohnte Klänge generieren, die mit einem Hüftschwung ganz Amerika empören, die mit einem Kleiderschnitt eine ganz Ära von weiblichen Rollenklischees beenden. Es sind die, die die Masse stets für «Spinner» hält, als Außenseiter deklariert, oft sogar massiv sanktioniert, die Kultur und Wissenschaft voranbringen, weil sie die Grenzen austasten und verschieben. Es sind kurzum Individuen, mit all ihren Fehlern und Träumen, die die Zukunft schmieden, nicht die amorphe Masse. Die Masse kann seine Impulse geben, sie kann sich auf keine Ziele einigen, sie kann nicht langfristig denken, sie kann nur stumpf reagieren und verneinen. Sie kann in Previews dafür sorgen, dass Filme zu einem Happy End umgeschnitten werden müssen, aber sie kann keine Filme machen. «Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht; Drum besser wär’s, dass nichts entstünde» – so mephistophelisch ist die Mehrheit, die in toto nicht versteht, dass Stillstand aber unweigerlich Entropie bedeutet. Wer dem Mob die Zügel in die Hand gibt, bewegt sich dem Mittelalter entgegen. Die Menge der Deutschen wollte keine Rechtschreibreform (inhaltlich ganz zu Recht, wie ich fand und finde) – aber einige Jahre später zeigt sich, dass man damit ja doch ganz gut leben kann. Der Leidensdruck, ist die Veränderung einmal durchgeführt, sinkt ja doch immer wieder schneller, als gedacht. Wird in Stuttgart der Bahnhof gebaut (vielleicht sogar durch die Proteste etwas durchdachter, etwas weniger sparsam, etwas langfristiger geplant), so wird er in 10 bis 30 Jahren der neue Standard sein, die neue Normalität darstellen. Und wenn er in 100 Jahren durch einen neuen ersetzt wird, werden wahrscheinlich wieder die Bürger protestieren gegen diesen Umbau.
Ist die Mehrheit demokratisch?
Es ist ein Irrglaube, dass direkte Demokratie «demokratisch» ist. So falsch es auch ist, demokratische Teilhabe aus ein Kreuzchen alle vier fünf Jahre zu beschränken – und sich selbst dieser Teilhabe zu entziehen -, so falsch der Mangel an Möglichkeiten für den Einzelnen ist, sich in die Politik einzubringen und diese als Interessant zu erfahren, so unrichtig ist eben auch die Vorstellung, dass Volksentscheide und Protestaktionen etwas mit Politik zu tun haben. Einer gewählten Regierung eine demokratisch erarbeitete Entscheidung abpressen zu wollen, einem Unternehmen die Markenidentität endogen aufzudrücken – das ist nicht «Demokratie» und schon gar nicht Marketing oder Branding. In der Politik gilt, dass es eine gerade in Deutschland fein tarierte Machtstruktur der Instanzen gibt – Gerichte, Parteien, Land, Bund und so weiter – die in oft langwierigen Prozessen konsensuale Entscheidungen herbeizuführen versucht. Diese Prozesse versuchen bereits, Mehrheiten abzubilden und sind genau deshalb oft so melassig-langsam und schaffen keine wirklichen Reformen. Demokratie ist aber genau diese Ausverhandlung und Entscheidungsfindung, Checks and Balances, die am Ende ein immerhin halbwegs tragbares Ergebnis rechtfertigen und Peunalen für Fehlentscheidungen implementiert haben – per Abwahl oder Rücktritt. Aber dieser komplexe und schwierige Prozess ist von Mengen nicht zu leisten – welche Meinung hat denn eine Mehrheit zur Frage, ab welchem Alter Kinder in den Kindergarten sollen (und ist diese Meinung von Experten geteilt?) oder zur Energieversorgung unseres Landes in 50 Jahren (und ist diese Meinung technisch und finanziell realisierbar?) So mangelhaft die repräsentative Demokratie ist – die Alternative wäre ein Alptraum, das Regime des kleinsten gemeinsamen Nenners, des Gartenzaunanstreichers, des Nachbarns, der durch die Gardinen späht und überprüft, ob du deinen Müll auch säuberlich trennst. So traurig die gegenwärtige Politik ohne Visionäre, der Sachverwalter und Realisten, sein mag – eine Alternative, in der eine stumpfe Mehrheit über Theatersubventionen und Kunstprojekte, Bildungskanon und Sozialhilfe entschiede, wäre ein Grund, das Land zu verlassen.Denn die Diktatur der Vielen wäre keine Spur erträglicher als die Diktatur eines Einzelnen.
Machen Massen Marken?
Man könnte sich zu der Annahme verführen lassen, dass doch aber in der Welt des Massenkonsums die Massen sinnvoll die Zügel halten könnten. Die Abertausenden von Menschen, die bei IKEA kaufen, müssten doch am besten wissen, wie die Marke aussehen soll, oder? Es macht doch nur Sinn, wenn GAP jetzt zusammenklappt und binnen kürzester Zeit unter öffentlichem Druck ein Logo vom Tisch nimmt. Ehrlich gesagt, macht es ebenso viel Sinn wie auf die Forderungen von Erpressern einzugehen – man hofft auf ein kurzfristiges gutes Ende und etwas Ruhe, weiß aber, dass man sich langfristig ein großes Problem eingehandelt hat, weil man ab jetzt immer und jederzeit erpressbar ist. Natürlich ist es richtig – goldrichtig sogar – wenn du als Marke auf deine Marktpartner hörst und sensibel ihre Wünsche wahrnimmst. Darauf unweigerlich zu hören, ist aber schlicht und ergreifend Feigheit vor dem Freund. Ein Musiker, der ein mutiges, seinen bisherigen Sound verlassendes Album herausbringt, sollte nicht unbedingt zurück in alte Gewässer, nur weil die Umsätze zurückgehen, sondern weiter daran arbeiten, sich ein neues Publikum zu erarbeiten, das seine Experimente zu würdigen weiß. Ein Autor, der dem Publikum gibt, was es will – frei von Überraschungen -, wird es nicht lange glücklich machen, weil er langweilt. Die Kraft einer Marke ist ihre Autorität – und diese Autorität bedeutet, Entscheidungen aus einer inneren Überzeugung heraus zu treffen und zu diesen Entscheidungen dann zu stehen. Im Einzelnen Zugeständnisse, in der Sache auf Kurs. So wie von Guttenberg sich inzwischen zweimal mit dieser Methode Respekt verschaffte – Opel und neuerdings die überraschend einfach wirkende Abschaffung der Wehrpflicht -, so schafft sich auch ein Unternehmen dadurch Respekt, dass es auf Linie bleibt. Wer sein Logo nicht aus kurzfristigen Gründen ändert, sondern einer klaren inhaltlichen Linie für die Zukunft folgt, ist gut beraten, diese Linie auch durchzusetzen. Es ist ein Irrglaube, anzunehmen, dass die Masse eine starke Marke macht – tatsächlich zieht umgekehrt eine starke Marke die Masse an. Ein beliebter Politiker ist nicht der, der dem Volk nach dem Mund redet, sondern jemand, der einigermaßen glaubhaft seinem inneren Kompass folgt – und analog gewinnt eine Marke dadurch an Magnetismus, dass sie souverän und «cool» ist, autonom reagiert und den Weg führt. Unter diesem Aspekt ist es sehr richtig, dass Apple stets gründlich abwägt, wann sie dem Gegreine der Masse nachgibt (und etwa Bumper gratis verteilt) und wann sie die Marke gegen den Mob auf Spur halten. Denn es ist ja beileibe nicht so, dass Marken, die ihren Zielgruppen in den Hintern kriechen, erfolgreicher wären als solche, die dies nicht tun. Im Gegenteil. Stark sind Marken, die den Weg vorgeben und sich souverän darauf verlassen, dass die Herde größtenteils mitgehen wird und die Nörgler verstummen. Eine Marke, die «der Allgemeinheit» nachläuft, wird unweigerlich zu amorphem Mittelmaß degenerieren. Umgekehrt wird eine starke, individuelle Marke, vielleicht paradoxerweise gerade weil sie Ecken und Kanten hat, eine Gefolgschaft anziehen. Nicht zuletzt, weil sich jeder in der Masse ja nach «seiner» Individualität sehnt, nach einer Identität in der Konformität (siehe etwa NIKEID).
GAP erweist sich also im Zweifelsfall einen Bärendienst und wird es – nachdem es einmal ein Logo zurückgezogen hat – fast unmöglich schwer finden, einen Entwurf zu finden, mit dem die «Masse» dann auch zufrieden sein kann. Den einen wird jede Änderung des Bestehenden zu viel sein, den anderen wird das dann noch bestehende Quentchen Wandel nicht ausreichend sein – und letzten Endes auch den Relaunch nicht rechtfertigen. Es ist ein Zeichen schlechten Managements, nicht nur ein Logo herauszubringen, an das man offenbar selbst nicht glaubt und das intern nicht mehrheitlich getragen wird (und das, am Rande, auch einfach gut ist), sondern dieses auch noch beim erstbesten Gegenwind wieder einzukassieren. Es gibt grandiose und phantastische Wege, die Konsumenten und Partner in Entscheidungsprozesse eines Unternehmens einzubinden und ein soziales Geflecht in die Außenwelt zu etablieren – und ich bin der erste, der solche Prozesse der Verankerung in der Wirklichkeit goldrichtig findet -, aber wer sich von Neinsagern seine Markenidentität und das Design diktieren lässt, verliert seine Glaubwürdigkeit. Und nichts wäre für eine Marke wichtiger als die eigene Unanfechtbarkeit, Deutungshoheit, Wahrheitskompetenz. Deshalb müssen Marken den Dialog mit Individuen suchen – und fördern -, aber nicht zum Subjekt von Mehrheiten werden. Denn Marken sind Leuchttürme, keine Nichtschwimmer.
13. Oktober 2010 15:58 Uhr. Kategorie Stuff. Tag Denken, Gesellschaft, Politik. 13 Antworten.
Chapeau! Dem kann ich nichts hinzufügen.
in der tat. das beste, was ich von dir bisher gelesen habe.
danke.
Wow. Der Text sitzt!
Vielen Dank!
Ja, es ist einfacher auf das Bauchgefühl zu hören als seinen Verstand einzuschalten. Richtigerweise formiert sich Protest da wo das Bauchgefühl stimmt. Also beim Lieblingsbahnhof mit Kostenrahmen zwischne 5 bis 12 Mrd Euro. Merkwürdigerweise scheint das Bauchgefühl keinen Protest gegen die knapp 90 Mrd Euro Staatshilfe bei der Hypo Real Estate los treten zu wollen. Aber so ist der Mensch. Ich hege starken Zweifel an den Motiven der Unterzeichner diverser Protest-Listen. Macht einen ja auch irgendwie Stolz zu sehen wie man als kleines Licht es den da oben mal so richtig unreflektiert zeigen kann. Ob Sonne on Regen, ich bin da gegen. Der Mob ist nun mal von der Kette und wird am Ende selbst von den Initiatoren nur schwer zu bändigen sein. Es ist ein Massenphänomen mit Massenkundgebungen, Massenmedien und Massenhysterie. Demokratie, schreibst du zu Recht, ist etwas anderes.
Naja, Masse muß ja nicht immer schlecht sein!
Oder waren vor 20 Jahren die Leute, welche in der damaligen DDR auf die Straße gegangen sind nicht auch die Masse, oder wie du so schön sagst, der Mob?
Der Staatsrat und die Stasi haben diesem Mob bestimmt auch die Legitimation abgesprochen…!:-D
Insoweit kann auch die Masse Recht haben!
Die Frage ist, was ist die Mehrheit? Oder was ist, wenn die Leute in Stuttgart dann doch die Mehrheit repräsentieren?
Zumindest ist mir so eine Mehrheit wesentlich lieber, als z.B. die damalige Mehrheit unter Helmut Kohl!
Du erinnerst dich? Damals gab es die „schweigende Mehrheit der Deutschen“, mit der so nahezu alles gerechtfertigt wurde! :-D
Und wurden die Entscheidungen tatsächlich durch die Mehrheit legitimiert?
Die letzte Landtagswahl in BW hatte eine Wahlbeteiligung von 53,4%, davon haben 44,2 die CDU, und 10,7 die FDP gewählt! Heißt also, beide Parteien repräsentieren nur ca. 29% aller Wahlberechtigten…!
Ich glaube, was die da unten wirklich auf die Straße bringt, ist gar nicht so sehr der Bahnhof, oder das der nun soviel kostet, sondern vielmehr das Gefühl von der Politik sehenden Auges offensichtlich belogen zu werden!
Zudem wurden vor den anstehenden Abstimmungen die Zahlen mal eben schön passend gerechnet!
Hätte man sich bei reellen Zahlen für den Bahnhof entschieden?
Wohl eher nein!
Und das treibt die Leute halt auf die Straße!
Was nun das Thema Masse und Musik anbelangt!
Klar ist Lady Gaga nicht jedermanns Geschmack, meiner auch nicht!:-D
Aber ist nicht jedes Empfinden, was mit mit Musik oder Film zu tun hat eher subjektiv?
Ist Madonna in den Anfangsjahren nicht genauso belächelt worden?
Insoweit, vielleicht verstehen wir sie einfach nur noch nicht!:-D
Ich kann mich erinnern, das damals die Masse, inklusive Dir, Big Brother großartig fand und fleißig geguckt hat!
Ein in meinen Augen heute noch gruseliges TV Format! :-D
Wo du Recht hast ist, dass natürlich immer die Mutigen und Querdenken erst einen Entwicklungsprozeß in Gang bringen, auf welchen die große Masse an sich nicht gekommen wäre!
Und gerade das passiert nur, weil sie eben das Gegebene anzweifeln! Insoweit sind sie die eigentlichen Nein Sager!
Klar ist die Demokratie gerade in Deutschland, in Vergleich zu anderen Ländern, gut aufgestellt!
Und natürlich ist es von Vorteil, wenn Entscheidungen schon im Vorfeld durch die Parteien im wahrsten Sinne des Wortes vorentschieden werden! Nur geschieht dies dann auch immer zum Wohle des Volkes, wie es im GG geschrieben steht?
Oder verschiebt sich nicht grad genau das in eine Richtung, in der wohl mehr eher einzelne Lobbygruppen bedient werden? Nun, wenn die Politik das so ungeniert tut, warum soll dann der kleine Mann auf der Straße das dann nicht für sich einfordern?
Die Geister, die ich rief!:-D
Und mit GAP! Ist das nicht alles nur ein Marketing Gag?
Fand ich interessant und wichtig, dass der Artikel darlegt, was von der Masse zu erwarten ist, nämlich ein NEIN. Da wo sie “JA” gebrüllt hat (wollt ihr den totalen Krieg) da war es wohl meist noch schlimmer.
Leider kommt ausser einem etwas resignierenden “wir haben ja diese langsamen demokratischen Prozesse, die so etwas wie einen Konsens der Interessen abbilden”, also auch einem Plädoyer für das Bestehende, kein visionärer Gedanke, wie wir die de facto unbefriedigenden Entscheidungs- und Kontrollprozesse mal entrümpeln und diesen eine neue Zukunft geben könnten.
Am Ende droht die Sehnsucht der Masse, die sich unverstanden und unvertreten fühlt, nach dem starken Mann. Grad hab ich im Radio gehört, dass sich bereits 10% in der Bundesrepublik nach einem starken Führer und Diktator sehnen. Man stelle sich das mal vor.
Aus meiner Sicht hat “die Masse” bisher sehr geduldig dem “demokratischen” System die Gestaltung der Zukunft überlassen. Diese Geduld scheint zur Neige zu gehen. Unser System scheint mir aber nicht fähig, sich selbst zu wandeln – jedenfalls nicht über kleinere Anpassungen hinaus, die nur die Grundstruktur bestätigen – auch wenn ein Bestehen in der Zukunft erfordert, dass radikale Änderungen vorgenommen werden. Vielleicht ist es an der Zeit, sich dem Tabu-Thema “Demokratie” in einem gesellschaftlichen Diskurs vorurteilsfrei zu nähern: was kann sie leisten, was nicht, wie könnten alternative Entwürfe aussehen, welche schmerzhaften Änderungsprozesse wären auszuhalten um das Land/ die Welt auf eine Zukunft auszurichten, in der es sich zu leben lohnt.
@Didi
>Oder waren vor 20 Jahren die Leute, welche in der damaligen DDR auf
>die Straße gegangen sind nicht auch die Masse
Es ist gefährlich, eine Art Freiheitsbewegung zu verwechseln mit dem, was Dirk Kurbjuweit im Spiegel so schön «Wutbürger» nennt, die nur egoistisch jede Veränderung und Ungemütlichkeit im eigenen Leben verhindern wollen.
Mal ganz abgesehen davon, dass, Mythos hin oder her, nicht die Montagsdemonstrationen die Wiedervereinigung herbeigeführt haben, sondern hier eine Menge politischer (und letztendlich auch ökonomischer) Wille hinter den Kulissen in diese Richtung ging, ist es hier schon so, wenn man die Texte vieler früher Bürgerrechtler liest, dass es mit einer gewissen kritischen Masse auch einen Verlust an Qualität in den Zielen der Demonstrationen gab. Leute wie Bohley wollten einen dritten Weg, ein kulturpolitisches und komplexes Thema, die Masse wollte Freizügigkeit und einen westlicheren Lebensstil, eine viel banalere Sache. Und nicht viele Bürgerrechtler der DDR waren später zutiefst unglücklich über die Entwicklung der Geschichte, die auf eine Art Einverleibung hinauslief. Wenn man einen Blick in Moritz von Uslars «Deutschboden» wirft, kann man das auch zumindest teilweise ganz gut nachvollziehen.
Insofern ist die Wiedervereinigung an sich auch schon ein schlechtes Beispiel – gibt es noch andere Beispiele, wo der «Mob» das richtige will?
Wobei ich ja gar nicht sage, dass die Masse AUTOMATISCH unrecht hat – ich sage nur, dass sie nicht automatisch recht hat und schon gar kein Mehrheitsrecht für sich beanspruchen darf, nur weil sie laut ist.
>Oder was ist, wenn die Leute in Stuttgart dann doch die Mehrheit >repräsentieren?
Schau dir die Einwohnerzahl von Stuttgart an und die Menge der Protestierenden. Das sagt doch was. Als Designer machst du immer wieder die Erfahrung, wenn du ein Medium drastisch änderst oder eine Marke überarbeitest, dass die Quote etwa 5:1 an Beschwerden zu Lob ist im unmittelbaren Feedback. Macht man aber Stichproben, stellt sich schnell heraus, dass dies keineswegs die Wirklichkeit widerspiegelt, fragst du gezielt Leute, die sich nicht gemeldet haben, aber zum Rezipientenkreis gehören, kommt dann oft positives Feedback. Es liegt einfach daran: Wenn du etwas magst, ist der Antrieb, einen lobenden Brief zu schreiben, recht gering, ist ja alles okay, weiter so. Wer schreibt, sind die notorischen Nörgler, die Leute, die eh über alles meckern, die Leserbriefschreiber – das Internet macht das einfach nur noch schlimmer, weil die Leute kein Porto mehr zahlen müssen. Es ist immer so: Etwas verhindern wollen ist ein stärkerer Antrieb, sich zu melden, als mit etwas zufrieden sein. Tatsache ist aber auch, dass man die Nörgler nicht füttern darf, sie werden nie satt. Never – du ziehst dir nur Monster heran.
Was nicht heißt, dass man nicht versuchen muss, die produktiven Rückmeldungen herauszufiltern, zu berücksichtigen, in Kommunikation zu treten und Verbesserungen vorzunehmen. Man muss nur im Kopf haben, dass Feedback sozusagen verzerrt ist.
>beide Parteien repräsentieren nur ca. 29% aller Wahlberechtigten…!
Die schwindende Legitimation von Parteien ist ein echtes Problem. Hier drückt sich nicht nur eine erschreckende Demokratiemüdigkeit aus – so selbstverständlich ist das Ganze ja nicht – sondern natürlich auch eine latente Unzufriedenheit mit dem Gang der Geschäfte der Berufspolitiker. Auch bei der Begeisterung für Gauck (was ich eher positiv fand) und für Sarrazin (was ich eher erschreckend finde) spiegelt sich diese Unzufriedenheit mit der Politik als solche wider. Angesichts von «Reformen» der letzten Wochen im Bereich Energiewirtschaft und Pharmaindustrie auch durchaus teilweise verständlich. Andererseits: Wenn der Bürger nicht mehr wählt, nicht mehr mitgestaltet, sich nicht mehr verantwortlich fühlt, dann darf er sich nicht wundern, wenn die Politik ihre Abstimmungsprozeese mit Lobbyisten und untereinander ausmacht, ohne ihn einzubeziehen. Die große Reform der kommenden Dekade wird sein, Politik und Demokratie zu rechtfertigen, funktionierende Formen von Partizipation zu finden, sich für Quereinsteiger und Bürger zu öffnen, die Apparate transparenter und kommunikativer zu machen, Seilschaften aufzulösen, Lobbyismus zu bekämpfen, Jugend anzuziehen, sexy zu werden. Dass wütende Bürger sich am Ende an Bäume ketten hat aber mit dieser Form von Demokratie nichts zu tun.
>Hätte man sich bei reellen Zahlen für den Bahnhof entschieden?
Hätte man mit reellen Zahlen die Elbphilharmonie geplant? In Bayern Flüsse umgeleitet? Flughäfen gebaut? Ganz klare Sache: Nahezu jedes staatlich/ländliche/kommunale Großprojekt (Transrapid war ja auch so ein Fall) steht auf Kalkulationen, die man freundlich als Wunschdenken bezeichnen darf. Ich finde absolut – und da muss man früh ansetzen, nicht wenn es zu spät ist – dass der Steuerzahler offenen Einblick in Argumentationen und Kalkulationen haben muss und das generell gelten muss, dass es einen offeneren Dialog und eine Informationspflicht geben sollte. Projekte am Bürger vorbeizuschummeln, das zumindest zeigt S21, ist eine Bodenvergiftung. In Wien läuft ein ähnliches Großprojekt mit voller Unterstützung der Bürgerschaft, weil es vom ersten Moment an (ganz unwienerisch eigentlich) mit offenem Visier und professionell kommunziert wurde. Wien feiert, Stuttgart grantelt – verkehrte Welt :-D. Das zeigt auch, das Kommunikation von Ideen wichtig ist und man als Politiker/Unternehmen nicht einfach durchmarschieren muss, sondern Konsens herbeiführen sollte. Und ja, das läuft natürlich auch auf ein wenig «Propaganda», Werbung, PR etc. hinaus. Aber auch auf Ehrlichkeit.
>Aber ist nicht jedes Empfinden, was mit mit Musik oder Film zu tun hat
>eher subjektiv?
Unbedingt. Mir ging es nur darum, das du die Qualität der Masse doch wunderbar daran absehen kannst – ganz subjektiv von meiner Position aus – inwieweit du dich mit den Charts diverser Medien und anderen Massenphänomenen deckst. Mein eigener Musikgeschmack dürfte aus anderer Sicht ebenfalls eine Art «Mainstream» sein, so gemäßigter Indie halt, ein bisschen Jazz und Klassik, da dürfte der Meshuggah-Fan eher schaudern. Aber es geht nicht um die Musik, es geht nur um die DIfferenz zwischen dir selbst – wo immer du stehst – zum kumulierten Geschmack (Rhianna, Lady Gaga) und aus diesem Delta kann ich für mich selbst sagen, dass ich dem Massengeschmack mal besser nicht so ganz vertrauen sollte.
>Insoweit sind sie die eigentlichen Nein Sager!
Den Status Quo zu hinterfragen ist nicht «Nein» sagen im Sinne von etwas verhindern. Es ist ein Nein, das zum Ja führt. In Stuttgart etwa zu der Frage, ob ein moderner Bahnhof noch überirdisch sein sollte oder ob es einen Weg gibt, urbane Grünflächen langfristig wieder freizugeben. Sich zu fragen, ob etwas nicht anders, besser sein kann, ist kein Nein, es ist ein «Ja, aber…». Riesenunterschied. Der Entdecker und Forscher ist nicht der Spießbürger, den jede Veränderung ärgert – im Gegenteil, er hungert ja förmlich nach dem Neuen.
>Nur geschieht dies dann auch immer zum Wohle des Volkes, wie es im
>GG geschrieben steht?
Was ist «Das Wohl des Volkes»? Das kann man nicht subjektiv beantworten. Natürlich habe ich auch meine Zweifel an politischen Enscheidungen im Alltag und würde mich freuen, wenn es endlich eine Regierung gäbe, die schlicht und ergreifend zumindest auf die ganz harten Dummheiten verzichten würde und langfristig, positiv plant. Aber «Wohl» ist schwer zu definieren und eben durchaus – wie man ja immer wieder sieht – Streitfrage. Es gibt sehr viele Parameter und Sinn der repräsentativen Demokratie mit ihren Haken und Ösen, ihren Räten und Arbeitskreisen IST ja, dieses Puzzle halbwegs sinnvoll aneinanderzulegen. So richtig sinnvoll wird das nie gehen, eine ernsthaft durch und durch gute Politik kann es nicht geben, das ist Utopie. Dafür haben die Menschen zu unterschiedliche Interessen.
>Nun, wenn die Politik das so ungeniert tut, warum soll dann der kleine
>Mann auf der Straße das dann nicht für sich einfordern?
Das ist die Frage, warum Batman den Joker nicht einfach umbringt, um seinen Übeltaten ein Ende zu setzen. Weil er BESSER ist. Ansonsten ist man in einem Kreislauf, in dem der Hartz-IV-Empfänger betrügt, weil es der Großindustrielle ja auch tut, der es tut, weil der Minister XYZ ja auch bestechlich ist, der es ist weil… Es ist ganz klar so, dass – auch wenn China das Gegenteil zeigt – die Zukunft der Demokratie in Vertrauen, Ehrlichkeit und Transparenz liegt. Von allen Seiten. Die Denke «Ja, aber der hat doch angefangen…» ist da grundfalsch. Selbst richtig machen, anstatt auf andere zu zeigen.
>Und mit GAP! Ist das nicht alles nur ein Marketing Gag?
Wenn Imageschaden und Hohn gutes Marketing sind, maybe :-D.
@Clemens
>Diese Geduld scheint zur Neige zu gehen. Unser System scheint mir aber >nicht fähig, sich selbst zu wandeln
Da bin ich viel optimistischer, muss ich sagen. Auch wenn zwischen den 60er/70er/80er Jahren und heute ein eher unschöner Unterschied besteht – Berufspolitiker ohne innere Überzeugungen, eine entpolitisierte Bevölkerung und eine teilweise veränderungsmüde, weil staatsfinanzierte Kulturszene – denke ich, dass durch Öffnung des Systems und Einlassen von kulturellen und kreativen Impulsen, durch neue Strömungen eben nicht nur aus dem (seufz) rechtspopulistischen Bereich, eine Verbesserung demokratischer Kernqualitäten absolut machbar ist. Die meisten Rechten entzaubern sich ja, wenn sie einmal an der Macht sind (Schill, FPÖ) und auch wenn Frankreich und Italien einen tristen Blick auf die Zukunft eine Art «autokratischer Entertainment-Demokratie» geben, sollten diese Aussichten und alle bestärken, gegen die Vertalkshowung und Verflachung von Politik anzugehen. Was aber nicht geht, wenn Sarrazins Kritiker von den angstneurotischen Rentnern im Publikum niedergeschrien werden oder wenn ganze Städte Angst vor urbaner Veränderung jeglicher Art entwickeln müssen.
Der Optimismus ist ermutigend und eigentlich auch meine grundsätzliche Sicht auf die Dinge. Allerdings meine ich folgende Beobachtungen zu machen, die mir eine optimistische Sicht erschweren und eine grundsätzliche Diskussion über unser System angeraten scheinen lassen.
Die repräsentative Demokratie fusst darauf, dass der Bürger die Entscheidungsgewalt auf Zeit an Menschen abtritt, von denen er sicher sein kann, dass sie unabhängig, ihrem Gewissen verantwortlich und mit einem Blick für das Wohl der Menschen des Landes ihre übertragene Verantwortung nutzen. Diese Unabhängigkeit scheint mir durch Parteiabhängigkeit, medialen Beschuss und den Einfluss von Unternehmen, die von ausserhalb dieses demokratischen Grundsystems massiven Einfluss auf die Entscheidungen unserer VERTRETER nehmen, massiv gestört. Parteien, Medien und wirtschaftliche Macht sind drei Kräfte, die in unserem System eben nicht wechselseitig oder vom Wähler so kontrolliert sind wie Exekutive, Legislative und Judikative. Dennoch üben sie wesentlichen, vielleicht dominierenden Einfluss aus und konterkarieren so die demokratische Grundidee. Dieses intransparente System der Einflussnahme ist m.E. genau der Grund, dass die von Ihnen angesprochenen Impulse – die ich ebenfalls für wichtig, begrüßenswert und entscheidend halte – gar nicht mehr so richtig in den Entscheidungsprozess gelangen können. Ich vermute, dass so manche, die das dennoch lange hartnäckig aber immer vergeblich versuchen, irgendwann doch die Wut packt und sie dann “mit den Fäusten auf das Holz trommeln”.
Leider kann ich jetzt auch nicht mit einem Patentrezept aufwarten, hoffe aber aus den genannten Gründen auf eine gesellschaftliche Diskussion, die sich zwar an den aktuellen Brennpunktthemen entzündet, sich aber dann doch auch offen – d.h. frei von irgendwelchen reflexartigen Tabus im Zusammenhang mit dem Begriff Demokratie und der bundesrepublikanischen Implementierung – überlegt, welche grundsätzlichen Mechanismen überdacht werden müssen, um eine fortschreitende Erstarrung des Systems zu verhindern, die drei genannten Mächte Parteien, Medien und Wirtschaft in das demokratische Prinzip der wechselseitigen Kontrolle einzubeziehen und das System aus sich selbst heraus wandelbar zu machen.
>Diese Unabhängigkeit scheint mir durch Parteiabhängigkeit, medialen
>Beschuss und den Einfluss von Unternehmen, die von ausserhalb dieses
>demokratischen Grundsystems massiven Einfluss auf die Entscheidungen
>unserer VERTRETER nehmen, massiv gestört
Jein. Die Medien, selbst die Industrievertreter und natürlich auch Parteien, die darauf achten, dass sie für bestimmte Werte einstehen und verlässliche «Soldaten» haben GEHÖREN ja zur Gesellschaft. So absurd es klingt, Lobby und dusselige Talkshows bilden eben einen Teil der Wirklichkeit ab – warum die Politik davon abschirmen, sie muss es bewältigen und konstruktiv damit umgehen können.
Aber du hast natürlich recht: In Berlin kommen auf jeden Politiker zig Lobbyisten mit Pseudoexpertisen, abends müssen die Spitzenkräfte vor den ARD/ZDF-Kameras sich einschaltquotenwirksam präsentieren und ganz anders agieren als hinter verschlossenen Türen, jede SMS wird inzwischen vom Spiegel auf die Goldwaage gelegt – das hemmt ein vernünftes Arbeiten ebenso wie der an sich permanente Wahlkampf mit seiner permanenten «smarten» Rücksichtsnahme. Der Mob ist aber darauf eher NOCH weniger die Antwort. Tante Kawuttke ist ja nicht die Alternative zu Angela Merkel.
Die einzige Lösung ist, dass man gesetzgeberisch den Selbstbedienungsmentalitäten, dem inzwischen schamlosen Crossover Wirtschaft/Politik sowie der Lobbyeinflussnahme den Hahn zudreht (soweit möglich), die Parteien sich (um überleben zu können!) den Bürgern öffnen und attraktiv werden (inhaltlich und durch Handlungskompetenz, aber auch durch Abschaffung parteiinterner Kadergehorsamshürden bei der Karriere). Anders gesagt: In die Politik müssen die guten Leute, die was bewegen wollen. Dass das an sich geht, zeigt die Piratenpartei in Ansätzen (Zielsetzung ist aber hier zu egoistisch, Image zu einseitig) und ich denke, dass selbst eine Partei wie die SPD das an sich hinkriegen sollte – eigentlich MUSS sie es, sonst schafft sie sich selbst ab. Die CDU hat – mit allen Problemen – diesen Wandel ja bereits teilweise durchlebt, aber eben nur oberflächlich (urbane Öffnung, Mitte-Ausrichtung) und derzeit mit großer Kritik vom rechten Rand der Partei, der sich ja AUCH im Recht wähnt.
>die sich zwar an den aktuellen Brennpunktthemen entzündet
Ja, aber das passiert doch nicht konstruktiv. Es ist ja nicht so, dass anhand von S21 mal drüber nachgedacht wird, wie man Wirtschaft und Poltik entflechtet, wie Politik wieder in den Fahrersitz der Gesellschaft kommt. Stattdessen wird es ein alberner Machtkampf zwischen einerseits gutmeinenden, aber auch schlicht renitenten Bürgern und andererseits einem MP, der schon physiognomisch zum Straußschen Typus des Unsympath-Politikers gereicht und auch vom Verhalten her alles andere als deeskalierend vorgeht, der mit seiner bornierten Haltung das Projekt gefährdet und dessen Karriere zugleich eben genau an dieser Härte hängt, weil er den rechten Rand seiner Partei bespielen muss, wo Durchsetzungsvermögen belohnt wird.
>beide Parteien repräsentieren nur ca. 29% aller Wahlberechtigten…!
das stimmt schlicht und einfach nicht. studien haben (zumindest in der schweiz, mit direkter demokratie) gezeigt, dass nicht-wähler schlussendlich gleich abstimmen würden wie die, die dann am sonntagmorgen um zehn uhr (oder vorher per brief) abstimmen gehen. praktisch heisst dies, das CDU & FDP eben nicht 29% aller wahlberechtigten repräsentieren, sondern – wie das ergebnis auch anzeigt – 54.9% der bevölkerung. ohne das wissen darum, und den glauben daran, ist demokratie verloren.
abgesehen von den vielen richtigen impulsen, die HD in seinem post platziert, muss ich doch auch dafür einstehen, dass direkte demokratie eine (schweizer) errungenschaft ist, die man nicht so schnell einstampfen darf. checks & balances, die HD zitiert, SIND wichtig. nicht nur für das gefühl der masse, verstanden zu werden – sondern ganz direkt, um das machtgefüge zwischen politik, medien, justiz, wirtschaft und bevölkerung in der balance zu halten. die justiz ist eines der räder, die dieses gleichgewicht am leben erhält. die «masse» ist ein weiteres rad, aber eben auch nicht das einzige.
in einem solchen system sind verantwortungsvolle politiker gesucht, die vorlagen so erarbeiten und präsentieren, dass auch die bevölkerung dahinter stehen kann. und die wirtschaft. und die justiz. und die medien. auch wenn sie eigentlich gerne die auflage höher hätten, die karriereleiter schneller hochklettern möchten, und so weiter – genau diese fähigkeit ist heute von managern, politiker, etc. gefragt. dass dies ein gewisses mass an offenheit, aber eben auch an verkäufertalent erfordert, sollten wir als designer als erste erkennen.
und wahrheit gibt’s (in der politik und im design) schlussendlich nicht ohne PR. jedenfalls nicht, wenn du gleichzeitig auch noch etwas verkaufen willst. egal ob das eine grossüberbauung oder ein neues corporate design ist.
Thierry, zum einen sind Studien immer mit Vorsicht zu genießen. Zum anderen halte ich aber auch für näherungsweise plausibel, dass die Nichtwähler sozusagen stochastisch stellvertretend mit abgebildet sein könnten. Wobei andererseits andere Studien besagen, dass Nichtwähler oft aus sozial passiven Schichten kommen, die sich von der Politik entfremdet haben und Wähler oft diejenigen sind, die sich von der Politik ganz konkrete Vorteile verhoffen – in der Regel spricht dies für liberale und konservative Stimmenabgeber, die sich von der CDU/FDP eine andere Wirtschaftspolitik o.ä. erwarten dürfen.
>politiker gesucht, die vorlagen so erarbeiten und präsentieren, dass
>auch die bevölkerung dahinter stehen kann
Also Showmen? Ich bin ja irgendwie ein komischer Kauz – ich mag die Politiker am meisten, denen jedes Zeug zur Verkaufe und zur Demagogie, zur PR und so weiter abgeht. Bahr, Vogel… diese ganzen Langeweiler. Irgendwie fühle ich mich bei denen wohler als bei Selbstverkäufern mit Beraterstab.
>und wahrheit gibt’s … schlussendlich nicht ohne PR.
Wahrheit gibt es GAR nicht, außer vielleicht im Krimi. Politisch ist Wahrheit immer eine subjektive Frage, weil es verschiedene Argumente Pro oder Contra gibt, die schon im Einzelnen oft widersprüchlich sind, gesamtgesellschaftlich aber extrem fluide. Schau dir an, wie sich die «Wahrheit» zu Abtreibung oder Homosexualität gewandelt hat – was übrigens Anlass zu der Hoffnung gibt, dass selbstverständlich auch der derzeitige Quatsch über den gefährlichen Islam auf dem gleichen historischen Müllhaufen landet, zugunsten einer aufgeklärteren Meinung.
>dass direkte demokratie eine (schweizer) errungenschaft ist
Ohne jetzt auf die vielen politischen Fehler in der Schweiz, die du sicherlich besser kennst als ich, eingehen zu wollen, möchte ich in Deutschland nun wirklich keine Volksabstimmung für oder wider Minarette sehen, mit begleitender Debatte und schicken Plakaten à la Goal. Bitte auch bedenken, dass die Schweiz kleiner ist, also im durchaus auch positiven Sinne überschaubarer, abstimmbarer, langsamer ist, nicht so groß und widersprüchlich wie Deutschland, die trotz dichter Besiedelung ja immerhin 10 Millionen weniger Einwohner hat als NRW und wo insofern direkte Demokratie rein technisch eher funktioniert. Wobei ich im Text ja weniger gegen den Volksentscheid als solchen bin – der dosiert und moderiert in überschaubaren Regionen ja durchaus sinnvoll sein kann – als vielmehr gegen den Mob der Neinsager.
Aber auch so, zeigt eben das Minarett-Ergebnis von 2009, dass die Menge hier nicht das will, was europapolitisch einfach richtig ist – denn natürlich muss der Bau von Moscheen und Minaretten erlaubt sein, wenn man Integration fördern will.
Man sieht übrigens sehr schön auch in Kalifornien, dass Volksentscheide – Propositions – ganz schnell zu seltsam ausufernden Formen führen können und tatsächlich gleichzeitig sehr gut sein können wie auch eine gefährliche, fast antidemokratische Tendenz in sich tragen, wenn die falschen Leute mit ausreichend Geld (ein Volksentscheid ist in den USA eine hochprofessionelle Unterschriftensammelei und Werbeaktion, die Millionen kostet) die falschen Ziele verfolgen :-D.
Und das Ding ist halt – was will man entscheiden lassen? Soll das Volk über eine Mehrwertsteuererhöhung auf 22% abstimmen dürfen. Optimistisch mag man meinen, es ließe sich ein Paket finden, dem die Leute zustimmen, weil sie verstehen, dass der Staat sonst pleite ginge – pessimistisch gesehen ist aber doch niemand so seltsam, einer solchen Vorlage zuzustimmen und sich selbst das Geld aus der Tasche zu ziehen. Man stimmt also bei Sachen, die man richtig findet und die einen selbst NICHT betreffen eventuell Ja (jeder Bauer würde einen Subventionsabbau in der Kohle gut finden, jeder Bergmann eine Kürzung von Agrarsubventionen, aber wer hat recht?). Ansonsten wird es viel Nein, viel Bremsung geben. Würdest du «Ja» sagen, damit eine Autobahn, die du (jetzt im stimmfähigen Alter von 65 seiend) in 10 Jahren nicht mehr nutzen kannst, wenn es bedeutet, dass du die nächste Dekade permanent im Stau stehst… oder eher eben «Nein»? Die Sache ist, sozial und politisch sind immer wieder Dinge notwendig, die für den Einzelnen einen Nachteil bedeuten. Welcher Mieter würde schon für eine Wärmedämmungspflicht von Häusern stimmen, wenn er weiß, dass seine Miete dadurch um 10% steigen würde, welcher Vermieter stimmt dafür, wenn ihm Investitionen im sechs- bis siebenstelligen Bereich ohne direkte Ersparnisse dadurch entstünden? Und so weiter. Was also sind gesellschaftlich so neutrale Fragen, dass man richtungsweisende Volksabstimmungen erwarten dürfte?
Insgesamt ist eine fluide Form von halbdirekter Demokratie wahrscheinlich mittelfristig sinnvoll – in Deutschland etwa die Wahl eines Bundespräsidenten, der dann aber auch mit vielleicht anderer Rolle aufgeladenes Amt ausführt. Eine konkrete Form wüsste ich gerade auch nicht – zumal die Verfassung so oder so abgeändert werden müsste – aber die Digitalisierung/Medialisierung und zeitgleiche Schrumpfung des Landes bringt sicherlich den Wunsch mit sich, nicht nur den Like-Button privat zu haben, sondern auch bei Gesetzen mitzuwirken. Indirekt passiert das ja jetzt schon – nahezu alle Medien machen ja zu wichtigen Themen stichprobenartige Befragungen und veröffentlichen die Ergebnisse, plus die permanente Beliebtheitsskala von Politikern, die ja eine Art Dauervolksentscheid ist :-D.
>und wahrheit gibt’s … schlussendlich nicht ohne PR.
>>Wahrheit gibt es GAR nicht, außer vielleicht im Krimi. Politisch ist Wahrheit
>>immer eine subjektive Frage, weil es verschiedene Argumente Pro oder
>>Contra gibt, die schon im Einzelnen oft widersprüchlich sind,
>>gesamtgesellschaftlich aber extrem fluide.
wahrheit war hier sicherlich das komplett falsche wort. passender wäre: authenzität. authenzität und ein gefühl dafür, wie man auch bittere pillen einer breiteren bevölkerung erklären kann.
dass direkte demokratie durchaus auch gefährlich sein kann, eben zur diktatur der masse wird, das ist mir sehr klar. gerade die von dir erwähnte minarett-abstimmung ist ein grund, sich für dieses system und die eigene herkunft zu schämen. millionen an werbung, druckkosten und so weiter ausgeben, um vier minarette zu verhindern, die eigentlich niemanden stören sollten. und dafür gleichzeitig eine gesamte religionsgemeinschaft marginalisieren und schwarz anmalen: symbolschwangere stimmenfangerei einer verantwortungslosen, populistischen rechtspartei, und die mehrheit macht mit. gleichzeitig ist das aber auch ein ausrufezeichen zu einer politik, die jahrelang die wirklich vorhandenen probleme in der immigrationslandschaft nicht einsehen will und wollte. gerade die linken parteien. und in der direkten demokratie gibts dann halt dieses ventil dafür. so schrecklich die ganze geschichte insgesamt auch ist.
und auch die proposition-industrie, die sich in kalifornien etabliert hat, ist sehr gefährlich – only being in politics to earn money – und dabei nicht einmal an einem amt oder direkter macht interessiert sein.
beides spricht aber nicht grundsätzlich gegen eine öffnung hin zu mehr direkter demokratie, auch in deutschland.
zu deinen beispielen, dass eine bevölkerung nie für 22% mwst stimmen wird: es sagt ja niemand, dass man über alles abstimmen muss, oder dass direkte demokratie sich über alle ebenen der politik ausbreiten muss. vielleicht wäre eine rein lokale anwendung in einem grösseren land wie deutschland sinnvoller. und ich behaupte auch durchaus, dass direkte demokratie verantwortungsbewusste parteien erfordert.
in der schweiz ist es ja so, dass nur gewisse dinge automatisch zur abstimmung gelangen. verfassungsänderungen zum beispiel. und gleichzeitig ermöglicht es gruppierungen eigene vorschläge zur abstimmung zu bringen. hauptsächlich sind dies parteien, leider immer mehr auch angehörige von opfergruppen, die dann unrealistische, unanwendbare vorlagen vors volk bringen. zum beispiel dass vergewaltiger praktisch ohne überprüfungsmöglichkeit (in den jahrzehnten nach dem urteil) lebenslang kriegen sollen, was gegen menschenrechtskonventionen verstösst). aber so können eben auch schon beschlossene gesetze, staatsverträge und verordnungen vors volk gebracht werden, auch wenn sie schon im parlament durchgewunken wurden.
ich hoffe, ich falle mit folgendem nicht unter godwin’s law. trotzdem:
wenn adolf auf lebenszeit führer sein möchte, dann soll das volk das bitte sehr zuerst einmal mit aller deutlichkeit bejahen. und zwar mit stimmenmehr und ständemehr (d.h. die mehrheit der kantone – bundesländer – stimmt ja). das hätte wohl hitler kaum verhindert. aber dann hätte die nachkriegsgeneration immerhin noch viel weniger gut von sich weisen können, die nazis unterstützt oder zumindest geschwiegen zu haben.
dass durch direkte demokratie viele probleme entstehen können ist klar. dass rein parlamentarische demokratie genauso probleme mit sich bringt – permanenter, ekliger wahlkampf zum beispiel – aber eben auch.
ich bin mir nicht sicher, ob direkte demokratie nicht auch in grösseren ländern wie deutschland funktionieren kann. aber natürlich kann man nicht einfach das jetzige deutsche system nehmen und volksabstimmungen drauf propfen.
für mich persönlich ist an der direkten demokratie vorallem eines sehr schmackhaft: die parteien können noch so unglaubwürdig sein, ich kann mich trotzdem mit politik befassen ohne zu verzweifeln. ich identifiziere mich, wie sehr viele, gerade junge leute, nicht mit einer partei. die eine ist zwar gesellschaftlich sozial, hält dafür aber die augen zu wenns darum geht, dass renten auch noch bezahlbar sind wenn ich einmal alt bin. die andere, die das kapiert hat, will dann aber nicht zugeben, dass die «freie marktwirtschaft» doch auch kontrolle braucht. und so weiter.
in deutschland führt das zu einer unglaublichen politikverdrossenheit. die gibt’s hier zwar auch; gleichzeitig kann ich aber vier mal jährlich über wichtige vorlagen abstimmen gehen und so meine meinung einbringen.
und übrigens: der neat-basistunnel, mit 18 milliarden franken kein billiges bauprojekt, wurde ja so eben durchstochen. da wurde lange jahre geplant, verhandelt, ein konsens gefunden, und dann schlussendlich von der bevölkerung auch durchgewunken. die meisten profitieren davon nicht, oder zumindest ohne es direkt zu spüren. und das auch erst in 10+ jahren nach der abstimmung. trotzdem wurde damals die vorlage angenommen. es gibt also durchaus auch positivbeispiele.