WHITELABEL BUCH

Das zuvor nur vorgestellten Whitelabel-Buch ist hier angekommen und sogar gratis – tausend Dank dafür. Und es ist tatsächlich spannend zu lesen. Zugegeben, die Anonymisierung der Interviews ist eigentlich irgendwie ein Gimmick, ein ziemlich witziges, weil man immer doch versucht zu raten, welcher Kunde oder welche Agentur gerade gemeint ist… und vielleicht hat das Versprechen, alle Bezüge zu eliminieren auch beim ein oder anderen Interview die Zunge gelöst. Ich habe es natürlich noch nicht ganz gelesen, das braucht mehr Zeit, aber schon beim Querlesen wird klar, dass es sich lohnt, Whitelabel zu lesen und auch Spass machen wird. Ein bisschen erinnert es an eine Art Kompagnon zu Branding Interface, das ja ebenfalls von Interviews und permanenten Querverweisen zwischen den Texten lebt. Inwieweit man diese mitunter etwas wie Fleißarbeit anmutende Hypertextualisierung des an sich ja linearen Buchmediums beim Lesen dann wirklich nutzt, keine Ahnung. Obwohl es sicher Spass macht, den Linien quer durchs Buch zu folgen und zu sehen, wo sie hinführen, ganz zu schweigen davon, dass es als gestalterisches Mittel Spass macht… wir haben beim allerersten Saisonheft des TB auch feine Linien benutzt, um die Premienreihenfolge der einzelnen Sparten zusätzlich nach Datum zu ordnen, was zu grandiosem Kuddelmuddel führt – und das war nur EINE Seite. Nicht auszudenken, wie man das in einem ganzen Buch konsequent durchzieht, ohne sich selbst irre zu machen ;-). Aber diese Komplexität ist ja auch der Gag – selbst Sherlock Holmes findet allein mit diesen Linien nicht heraus, welche der auf dem Cover genannten Marken und Agenturen wohin gehört.

Als Studentenprojekt Bauhaus Universität, Weimar, unter der Betreuung von Ricarda Löser und Peter Gamper, ist Whitelabel von Johannes Ziebandt, Max Lisewski, Karl Badde, Jens Ole Mayerambitioniert, witzig, sportiv und schnell runtergetextet und eröffnet doch eine nicht immer selbstverständliche, oft schön uneitle Sicht auf einen widersprüchlichen, oft abstrusen Querschnitt unserer Branche zwischen Design, Werbung und Illustration. Die verschiedenen Selbstbilder, Hoffnungen, Fragen bleiben oft unkommentiert, so mancher Interviewpartner entlarvt sich ungewollt selbst, und das Buch selbst ist ein kleines bibliophiles Bändchen, an dem mich persönlich eigentlich nur die goldenen Ecken für die Pagina stören, weil die sich etwas doppeln mit der sehr viel schöneren Idee, dass im Buch auf die jeweils vorangegangene und nachfolgende Seite mit einem kleinen Pfeilchen verwiesen wird… sehr schöne Idee fürs Seitenzählen und da hätte ich zumindest keine «normale» Paginierung mehr gebraucht. Der Einband ist toll, das Papier vielleicht einen Hauch zu dünn Innen, alles ist technisch preiswert, aber in der Wirkung hochklassig realisiert… wirklich feine Sache. Wer also – vor allem als Student, aber auch als Arbeitgeber – einen Blick in die Abgründe der Werbe- und Designbranche werfen mag… hier bestellen. Für bescheidene 15 Euro auf jeden Fall einen Einkauf wert.