
Austerlitz, ohne jede Frage, ist ein Meisterwerk. Komplex verschachtelt wie die Sätze der vom Ich-Erzähler in einem fast emotionslos wirkenden Monolog wiedergegebenen Erzählungen des Jacques Austerlitz, der im Zentrum des Buches steht, ist auch die Geschichte der Hauptfigur, die über Umwege langsam zum Kern kommend ihre Vergangenheit aufrollt. Über minutiöse Architekturbeschreibungen, die mit fast Freudscher Deutungslust in die Architektur der Moderne eintauchen und das kollektive Unbewusste aus dem Stein gewordenen Gedächtnis der Bauwerke melken, angefangen von Bahnhöfen und endend mit einem vernichtend grandiosen Crescendo in der Betrachtung der neuen französischen Nationalbibliothek entfaltet Sebald eine seltsam körperlos wirkende Melancholie, eine Grauheit, einen namenlosen Schmerz, der auf eine untergegangene Qualität zurückzuführen ist, eine verlorene Unschuld der Neuzeit. Austerlitz ist nicht zuletzt, obwohl so viel Raum im Zentrum der Betrachtung steht, ein Buch über die Zeit, die sich in den irrlicherternden Betrachtungen von Austerlitz, die immer wieder eingewickelt sind in die juxtaposierte Betrachtung der Gegenwart durch den Ich-Erzähler (wobei diese Gegenwart für den Erzähler auch bereits Vergangenheit ist), verliert, zumal Jacques Austerlitz selbst sprunghaft Orte und Zeiten abgrast. Zeit findet nicht statt, wird als Illusion entlarvt, das Nebeneinander der Momente, das permante Jetzt wird spürbar, Gedächtnis und Wahrnehmung flirren durcheinander. In dieser Tour-de-Force werden bis zu vier Zeit/Erzählebenen aufeinandergetürmt, was Sebald mitunter durch ein etwas holzhammeriges «sagte Austerlitz» deutlich macht. Dieser Austerlitz ist eine seltsam verloren wirkende Anti-Gestalt, der ein wenig traurig und sinnfrei durch sein Leben driftet und seine eigenen Ursprünge sucht, die sich später als in Prag liegend herausstellen, wo er Sohn einer Opernsängerin war, die nach Theresienstadt verschleppt wurde, wobei es seiner Mutter aber gelang, ihn Ende der dreißiger jahre mit einem Kindertransport nach Wales zu retten.
Das Buch springt bedachtvoll flirrend, sacht den an der Luft liegenden historischen Wurzeln der jüdischen Deportationsgeschichte folgend, von Ort zu Ort – Antwerpen, Paris, London, Prag, Terezin, Zeebrugge, schließlich sogar Deutschland – so rast- und ankerlos wie Austerlitz selbst, der Zustand der Heimatlosigkeit, des Entwurzeltsein ist unausgesprochene Basis der Erzählung, die unchronologisch das Leben des eben nicht minder entwurzelten Austerlitz pflückt. Sebald gelingt das Kunststück, in seinen fast monoton anmutenden, langen mäandernden Satzkonstruktionen, die sich ohne Absätze und sichtbare Gliederung über ganze Seitenblöcke ziehen, zugleich atemlos poetisch und doch rational-sachlich zu schreiben, und so – als Beispiel – dem unfassbaren Gräuel von Theresienstadt, das in seiner absurden Monstrosität kaum zu fassen ist, ein ungemein wirksames Gift auszumelken, das in seinem eigentümlichen Mix aus individuellem Schicksal und fast statistischer Nüchternheit die ganze Absurdität der Sache erfasst. An der Vergiftung, der lebenslangen Lähmung des Jacques Austerlitz, der keine Freunde hat, keine Heimat, keinen Sinn, erleben wir die Vergiftung der Moderne, des 20. Jahrhunderts, deren Geist sich in der monumentalen Unmenschlichkeit des Holocaust ebenso widerspiegelt wie in Mitterands menschenfeindlicher Bibliotheksarchitektur, die Austerlitz als kafkaesk beklemmend, den Leser aussperrend empfindet. Sebald spielt ausgiebig mit literarischen Anspielungen, zitiert hier einen Stil und dort einen anderen – so ist die Prag-Sequenz ist in ihrem Kafka-Sound fast unverkennbar, ohne jemals nur Kopie zu sein. Es ist beeindruckend, wie Sebalds Prosa etwa genau so funktioniert wie die Bauwerke, die Austerlitz beschreibt: verschachtelte, komplexe, Netzwerke, wie die Dachkuppeln von Jahrhundertwendebahnhöfen, wie das postmoderne Labyrinth der Nationalbibliothek, wie all diese kristallinen Festungsbauten also letzten Endes, die Austerlitz zu Beginn des Buches beschreibt. Was mit der Vergangenheit abschließen soll, kommt nicht umhin, in Wirklichkeit auf sie zurückzugreifen. Wir bauen immer noch Festungen, und sei es nur für die Literatur. Sebalds Schreibstil selbst ist entsprechend eben auch als eine Festung angelegt, die einzunehmen ist, ein hyperdichtes Netzwerk, das zu durchdringen ist – und so fein gesponnen, so fraktal und fragil wie die vielen filigranen Baustrukturen, die auf den Photos im Buch dokumentiert sind.
Denn Sebalds fast unsichtbarer Ich-Erzähler, der zum reinen Transmissionsriemen von Austerlitz fein gefügtem Stream wird, fügt seinem Bericht immer wieder Photos bei, selbst gemachte aber auch solche von Jacques Austerlitz selbst, die dem Buch einen seltsam biographischen Beigeschmack geben. Neben den fast surreal detaillierten Beschreibungen – die in ihrer Summe ein seltsames Paralelluniversum ergeben, das unserem identisch ist, unter dessen Haut aber eine unfassbare Traurigkeit liegt -, die in einem dicht gewebten Teppich aus dem Buch sprudeln, so dass es fast unmöglich ist, es aus der Hand zu legen (und noch schwerer, nach einer Lesepause wieder in den Flow des Sebaldschen Stils zu kommen), entsteht vor allem durch die Illustrationen und Photos die Simulation von Echtheit, die beeindruckend den Leser aus der Gemütlichkeit des Prosatextes herausstößt. Die Realität des Erzählten, der Story, ist stets etwas unsicher. Die Vorstellung von Wahrheit und Fiktion, Biographie und Roman, hebelt Sebald allein durch diesen kleinen Kunstgriff nahezu vollständig aus. Was hier dokumentarisch im Kontext einer fiktionalen Erzählung beigefügt ist, aber doch so greifbar real wirkt, ergibt in der Summe einen seltsam «quantelnden» Effekt, der – vielleicht unbeabsichtigt – zugleich typische Biographien, die ja auch immer mit Bildern ihre Glaubwürdigkeit zu untermauern versuchen, aber eigentlich ebenso reine Fiktion, reine Nacherzählung sein müssen, wunderbarst in Frage stellt. Was bei Kempowski real ist, simuliert Sebald, aber so überzeugend, so im Mash-Up aus Realem und Fabulierten, dass man schließlich in der erfundenen Biographie des Jacques Austerlitz, in diesem pulsierenden, musikalischen Sprachklang von Sebald einfach eintaucht.Was so hypnotisch real klingt, bis ins letzte Fraktal und gerade in der Zerstückelung, dem fragmentarischen auch glaubhaft wirkt (weil unkonstruiert, zufällig, schleppend entstehend) ergibt ein seltsames Holograph eines Menschen, in dessen Antlitz sich zahllose Entwurzelte vereinen. Jede Scherbe von Sebalds Protagonisten Jacques Austerlitz spiegelt andere Schicksale en miniature wider – und so wird Austerlitz zu einer Architektur, zu einem Bauwerk, wie auch die im Buch immer wieder beschriebenen Orte und Plätze, in dem sich zeit speichert, ein Buch, das zum Gedächtnis wird, von etwas, das nie wirklich genau so passiert ist, aber eben fast (Sebald bedient sich ausgiebig in der Biographie von Susi Bechhöfer) – und eben an dieser Bruchstelle von Realität und Hyperrealität umso prägnanter wirkt. Im Irrealen blitzt das Reale durch und umgekehrt.
Austerlitz ist ein wuchtiges, sperriges und zugleich wahnwitzig fein gesponnenes Konstrukt, das beim Lesen die Sorte Kopfweh verursacht, die man kriegt, wenn man zu schnell zu viel Eis isst. Großer Gestus, kleinste Zwischennoten, ein ganzes Universum an Anspielungen und Andeutungen, die man vertiefen kann und soll, ist Austerlitz weniger Buch als vielmehr ein Monument, eine Schatzkiste, eine Reise, eine meisterhaft vertrackte Fuge, die so anstrengend wie befriedigend ist.
19. Juli 2008 09:01 Uhr. Kategorie Buch. Eine Antwort.
Dieses doppelte “sagte XY, sagte Austerlitz” ist mir auch aufgefallen und auch die vielen Erzählebenen. Erstaunlich, dass man als Leser trotzdem mitkommt und immer weiß, auf welcher Ebene man sich gerade befindet. Mich hat das Buch sehr berührt und ich werde auf jeden Fall noch mehr von Sebald lesen. In England scheint es sich schon rumgesprochen zu haben, dass er ein großer Autor ist/war – dort stehen in jedem kleinen Buchladen alle seine Romane…