Oh Mann… erinnert sich noch jemand an die Zeit, als noch nicht auf Toiletten ein Sit&Watch-Plakat dich anbrüllte und jede Speisekarte ein Anzeigenblättchen war? Nicht jeder Boxerarsch mit einem Sponsorenlogo geziert war und auf dem Laufband im Airport ein Sixt-Koffer fuhr? Schaut euch Photos aus den 50s an, wie ruhig die Innenstädte da sind, wie human. Werbung wird immer wirkungsloser und immer aufdringlicher. Und ich frage mich inzwischen, ob das nicht zusammenhängt. Es ist eine Form von seelischer (und ästhetischer) Luftverschmutzung, die da stattfindet und niemand hat bisher untersucht, welche psychohygienischen Folgen diese Werbeattacken eigentlich haben, ob das nicht tatsächlich ein Stressfaktor ist, die permanente Attacke von halbnackten Frauen und GEIZ IST GEIL-Preisangeboten, die totale Kommerzialisierung. Nichts gegen Kapitalismus im Endzeitzustand, aber kann da nicht langsam ein Crash kommen und das System wird wieder normaler?
Ich habe im letzten Jahr ein oder zwei Sachen gesehen, die gut waren und die ich mir merken wollte. Den Dove-Evolution-Spot und den Nokia-Gary-Oldman-Spot. Das war’s an großen Sachen (es gab noch ein paar gute Guerilla-Sachen, aber die zählen hier nicht). Das ist kein guter Schnitt, liebe Werbetreibende. Überlegt mal, woher es kommt, dass ihr unermüdlich trompetet und keiner schaut mehr hin. Weil die Hersteller ja auch nichts zu SAGEN haben.
Nur… diese Konditionierung aufs Weggucken, Wegzappen, wenn die Werbung kommt, die Augen bewusst wegschweifen lassen bei Anzeigen in Magazinen, Logos auf Hemdkragen mental wegretuschieren… das alles ist Arbeit. Werbung ignorieren ist Arbeit.
Und es gibt Tage, da würde ich mir diesen Stress gerne sparen.
8. Dezember 2006 00:26 Uhr. Kategorie Design. 16 Antworten.
ich fürchte, werbung wird es in ihrere aufdringlichen und dümmlichen art immer geben. demnächst laufen die spots nicht mehr im fernsehen, sondern kommen unvorhersehbar auf unser handydisplay geballert und danach auf die cornflakespackung á la minority report.
klassische werbung war wohl mal eine recht wirkungsvolle droge und wie das bei drogen so ist, verlieren sie an wirkung. man steigert lustig die menge, bis man auf etwas neues umsteigt. im kern bleibt es das aber gleiche.
werbung wird immer wirkungsloser … die klassische tv-spot und anzeigenform mit sicherheit schon lange. aber was machen die leute denn in der werbepause (mal fernab von bier und toilette gedacht)? sie rennen zum rechner und surfen bei ebay durch die gegend. da hast du werbung in ihrer reinstform. hey, hier noch ein galeriebild und da noch fettschrift und alles NEU und OVP. yehaw, haben wir die werbung satt.
Ähnliche Gedanken hatte ich dieser Tage, als ich in Berlin an der Chausseestraße auf die Straßenbahn wartete. Im Wartehäuschen Dessous für … ja, ähem, irgendwen. Gegenüber ein ganzes Haus verkleidet mit einem Riesendessousmodel für … ja, ähem, weiß ich auch nicht mehr. Jedenfalls stand darauf noch »Die ganze Geschichte gibt es im TV«. Ich kann es kaum erwarten, das auch noch zu sehen …
Ich bin immer kritisch, wenn Leute sagen, irgendetwas würde es ewig geben. Werbung, wie wir sie kennen, gibt es seit nicht einmal hundert Jahren. Das ist kurz und in der Zeit hat sie ihre Funktion nicht nur geändert, sondern inzwischen auch pervertiert und zumindest teilweise auch wieder verloren. Ich denke im Rahmen eines Systems, das auf Überproduktion inzwischen überwiegend unnötiger und substituierbarer Güter setzt und die Menschen in diesem System eskalierend nur noch auf ihre Rolle als Konsumenten reduziert, ist Werbung sicherlich ein notwendiger Motor, um den Kreislauf einigermaßen in Gange zu halten. Daß das System überhitzt ist und spotzt, lässt sich allerdings nicht von der Hand weisen. Ich hoffe nur, dass dieses System als Ganzes nicht mehr allzu lange durchmacht, weil es lokal wie global eigentlich völlig unhaltbar ist.
Aber mir geht es eher um die naheliegende Frage, ob Werbung – und als Designer machen wir die ja quasi en passant mit – nicht mehr sein kann und sollte als KAUFKAUFKAUF. Die Kampagnen, die ich mag, erreichen meist mehr als nur den Verkauf eines Produktes anzukurbeln. Es gibt solche, die eine bestimmte Ästhetik verkörpern, einfach Plattform für eine Kunst sind – etwa Modeanzeigen, die oft Galeriecharakter besitzen. Und es gibt solche, die eine Metabotschaft haben, die – wenn glaubhaft – die eigentliche Werbebotschaft beflügelt und einbettet. Der Oldman-Spot ist da ein Paradebeispiel. Die zumindest keine Belästigung darstellen, sondern das beste aus sich selbst machen. Wenn es schon Werbung gibt, könnten dann Agenturen und Kunden nicht im eigenen Interesse dafür sorgen, daß sie auch etwas WILL? Mir kommt derzeit so viel reale Werbung in Print und in Motion gerade in Deutschland so vor, als würde man einem angeschlagenen Schwergewichtsboxer zusehen, der nur noch so tut, als würde er kämpfen. Neben dem reinen Schweinebauchformat – billichbillichbillich – tut sich da wenig, was wirklich unterhaltsam ist, spannend, herausfordernd. Die Werbung bewegt sich längst auf dem Niveau von Tokio Hotel und Telenovelas. Und nein, ich glaube keine Sekunde, dass die Zielgruppen das so wollen. Und selbst wenn, niemand sollte es ihnen geben. Nicht alles, was funktioniert, muss gemacht werden. Wohin DAS führt sieht man ja am öffentlich-rechtlichem Fernsehen: In die Selbstauflösung. :-D
»Und nein, ich glaube keine Sekunde, dass die Zielgruppen das so wollen.«
das schlimme ist ja, dass werbung genau das meint. abgeischert durch unfragen und marktanalysen. aber im gegenzug, kann man eben der media-markt-zielgruppe wohl auch nicht klar machen, dass sie nach strich und faden hopps genommen wird. wer lässt sich schon gerne sagen, hör mal wir veraschen dich nur. einem partner, der das sagt, dem wird der stuhl vor dir tür gesetzt. ich habe letztens einen bericht gesehen über einen autor, der der meinung war, man müsste in der schule anfangen, die kids über konsum aufzuklären, sie zu mündigen bürgern zu machen, was ihr kaufverhalten angeht. im hintergrund habe ich ganzen großen werbeagenturen schon laut heulen und die messer schleifen hören, die dem armen manne ans leder wollten.
Ich glaube, Umfragen und Analysen sind Kennzeichen der Hilflosigkeit der Branche. Wir wissen nicht was wir tun sollen… frrrrragen wir doch mal die Zielgruppe. Klar, die muß es ja wohl wissen. Nur leider kommen so nie wirkliche Innovationen in Gange, sondern es beginnt ein müder Kreislauf des beiderseitigen geringsten Widerstandes, so daß nicht umsonst Werbung heute untereinander so ähnlich rundgelutscht wirkt wie die Windkanal-Formen von Automobilen. Dieser psychologisch-betriebswirtschaftliche Anstrich soll nur Professionalität signalisieren, aber tatsächlich sind die wegweisenden Werbemaßnahmen in den 60s und 70s entstanden, und da kamen die meisten Macher aus der Kunst oder waren komplette Quereinsteiger, einfach kreative Köpfe. Heute ist da zu viel Provinz, zu wenig New York, zu viel Telenovella, zu wenig Fellini.
Media-Markt, freilich, wird kurzfristig eher immer über den Preis laufen und ist insofern nur die etwas aufpolierte Variante von diesen Selbstkopierten Flugblättern. Discount ist meist ja doch Schweinebauchwerbung.
Schlimmer finde ich, was tatsächliuche Marken zu präsentieren versuchen. Im Spiegel dieser Woche war ein Beileger von WMF, hat den jemand gesehen? Hat sich jemand mal BEWUSST die Photos angesehen? Whoa.
Ich habe letztens mal wirklich bewußt Radio gehört. Bewußt . In die Lieder hinein, inzelne Instrumente, den Gesang. Es ist erschreckend, wie wenig Substanz diese Dudelmusik hat, wie schlecht der Gesang, wie monoton die Programmierung, wie billig das alles zusammengeholzt ist.
Was wir haben, ist ja nicht nur eine Krise der Werbung. Sondern die populäre Kultur als Ganzes steckt in der Krise, am unteren Drittel der Abwärtsspirale, zwischen Volksmusikantenstadl und Retortenpopbands, belanglos, unambitioniert, nur noch aufs Geld schauend.
Ich glaube, zu viele Leute sind zu sehr bereit, für Geld ohne weitere Nachfrage alles zu tun. Was vor dreißig Jahren in der Form noch komplett undenkbar gewesen wäre.
Heute ab 22.20 Uhr übrigens Themenabend bei Arte:
-> Achtung Werbung!
Werbung provoziert, nervt und soll an vielen Übeln schuld sein: Sie macht die Menschen dumm, die Kinder dick und Teenager magersüchtig. Aber Werbung fasziniert auch: Sie ist Teil der Kultur.
—
Dürften eigentlich Sender die selbst Werbung ausstrahlen, sowas überhaupt zeigen? Oder gibt’s dagegen Klauseln in den Verträgen mit den Werbekunden? :)
jau, mir geht es da ähnlich. vorallem wennich in großstädten bin. prag finde ich hier ein gutes beispiel. die stadt muss dort sehr wenig auflagen haben und werbung ist in den osteuropäischen ländern sicher auch noch billiger als bei uns – und das bekommt man zu spüren. prag ist voll mit riesen werbetafeln, bannern, animierten plakatwänden. 20 meter hohe autos, eine steffi graf auf einer riesenleinwand so groß das mir ihre nase noch mehr angst macht als sonst und das überall. vergiss 3 x 4 meter alles ist größer.
auf der einen seite lebt ja unsere branche von dem boom, auf der anderen seite hat man ja auch als designer verantwortung. ok – ich kann zu meinem kunden schlecht sagen, “hausbanner? gern! aber nur dort wo es niemanden stört.” in prag finde ich es sehr heftig dort hat man alte architektur und diese veträgt sich absolut nicht mit den werbetafeln. bei uns hier verlangt die stadt 400 euro wenn du 100 plakate A1 aufhängen willst. das ist schon heftig, vorallem für kleine firmen die auch mal “richtig” werben wollen, die moral: seit dem die stadt die preise erhöt hat haben wir weniger outdoorplakate gestaltet, dafür sind die bäume und lichtmasten wieder etwas plakatfreier geworden.
was mich vorallem stört ist die penetrante form der werbung. der sixtkoffer ist mir dabei noch ziemlich egal, den siehste einmal, findest die idee lustig und das wars.
> Ich habe letztens mal wirklich bewußt Radio gehört. Bewußt . In die Lieder hinein, inzelne Instrumente, den Gesang.
ja schlimm. aber mind. genauso schlimm ist wenn du mal bewusst auf die moderation hörst. “… und in den nächsten 30 min. spielen wir lieder von …” es folgen 3 kurze anspielungen. ähm, hallo was soll das? es gibt in deutschland nur m. e. noch eine handvoll radiosender die man bewusst hören kann. fritz (rbb), einslive und deutschlandradio …
der rest ist einfach nur müll. sinnlose spiele um den vormittag über die runden zu bringen. nervende werbung wo versucht wird aktuelle fernsehenspots zu vertonen, nichtsagende nachrichten und moderationen und “das beste von heute, gestern, morgen und jetzte” argh!
[...] Ich find’s schön, wenn gute lokale Bands einen Club richtig voll bekommen. Hier war’s der Fall. David und die bösen Jungs zogen gestern so viele Leute, daß man im Molotow sicher nicht umfallen konnte und das völlig zu Recht. David Huhn machte mit seiner Band den Anfang und bot uns schöne, gut gemachte Popsongs, die einem das Grinsen ins Gesicht treiben. Handgemachte Musik, leider wahrscheinlich zu gut für’s Formatradio (in diesem Zusammenhang: bei Dirk gibt’s gerade ausgehend von Werbung eine sehr interessante Diskussion über die Gleichschaltung von Kultur in Richtung Gesichtslosigkeit). [...]
Wobei EinsLive nach 20:00 wirklich ein guter Sender ist. Wirklich okay. Da laufen dann – auf die Woche gesehen – auch oft die gleichen Tracks, aber es ist noch oft genug echtes DJ-Radio. Gute Hörspiele, gute Bandvorstellungen, die elektronischen Sachen sind exzellent, die Rockchilloutsachen, die Livemitschnitte. Ab 20:00 ist’s sehr gutes Radio.
Und bei der Krone gewinnen dann trotzdem Silbermond und die Tokios :-(.
sachsch doch. bei fritz das gleiche. vorallem kann man bei diesen sendern noch von moderation reden, alles andere jenseits von nrj ist nerviges reinquatschen zwischen nervigen liedern.
Anscheinend hat es ja Erfolg, das Formatradio, das dich nur als Dudelfunk durch das Bügeln oder Büroalltag begleitet.
Aber ich frage mich: Wieso eigentlich? Bei den meisten Sendern laufen im Schnitt 20-60 Songs am Tag, teilweise wiederholt, über die Woche im Grunde immer wieder die gleichen Sachen. Hört man einmal die Woche Radio, hat man eigentlich alles gehört – zumindest tagsüber – was man hören kann. Jeder iPod, und jede Software à la Pandora liefert mehr Innovation und reagiert interaktiver. Ich denke, die Zersplitterung der Kommunikationskanäle/märkte dürfte das einfache Quotenradio empfindlich verletzen.
Ich glaube, EinsLive geht im Ansatz einen guten Weg. Der Mix basiert weniger auf reiner Musik, sondern auf interaktiven Formaten, Comedy und die Musik liefert wenigstens ab und an auch tagsüber etwas, das direkt dem abendlichen Kultkomplex entspringt. Wirklich wegweisend ist aber erst das mutigere Format abends, in dem es ab und zu Sprünge gibt, die dann fast in Richtung WDR 3 oder 5 gehen. Ein Sender, der den ganzen Tag so abgeht wie EinsLive spätabends, wäre hörenswert. Viva 2 war einmal sehr lange Zeit als Videokanal dran, und wenn Spex je einen eigenen Sender aufmacht, dann… aber okayokay.
Ansonsten ist es schon witzig, wie Sender auf Leute zugeschnitten sind. Ich bin immer noch der festen Meinung, das man Leute meines alters danach beurteilen kann, welchen WDR-Sender sie hören. Leute, die EinsLive hören und solche, die WDR2 hören zum Beispiel. Erstere sind etwas jünger im Kopf, die anderen scheinen mir eher ihrer Vergangenheit hinterherzutrauern und wollen nur noch die Schmusesongs aus den 80s zu hören. WDR 3 und 5 und Funkhaus Europa (wie auch DLR) gehen sehr okay, finde ich, das sind Leute, mit denen man immer gut reden kann. WDR 4 hört hoffentlich niemand unter 80. ;-). Das ANgebot des WDR ist durch die massive präventive Wellenokkuation der letzten Dekade beim Aufkommen des Privatradios fast so etwas wie psychogrammatisch geworden, ein Sender für jeden Geschmack, die Kölner haben da fast das Internet vorweggenommen :-D. Sag mir was du hörst und ich sag dir wer du bist.
Aber Ihr habt wenigstens den WDR. Hier im Norden geht gar nichts ! Hier wohnen gewissermaßen die Erfinder des Besten von gestern, vorgestern und dem Schlechtesten von Heute. Es gibt keinen, wirklich keinen Sender, den man sich hier länger als 3h anhören kann. NDR Kultur vielleicht. Manchmal. Aber Sender wie L1VE, Radio 1/Fritz oder meinetwegen auch BFBS sind in Hamburg einfach nicht zu empfangen. Selbst die öffentlichrechtliche Alternative ist formatierte Körperverletzung. Grau-sam !
eins live krone, ja da habe ich auch festgestellt, DAS ist nicht mehr meins … soviel hohles gefasel. wieso hält man jemanden wie der sängerin von klee das mikro vor die nase?
aber mit der nach 20.00 these ist völlig richtig, wenn ich am wochenende zu meiner kleinen fahre, warte ich immer bis nach 20.00 damit ich vernünftig radio hören kann … vielleicht wirds ja doch zeit, dass ich mir einen transmitter für den ipod hole …
der wdr2 ist mit den leute einfach alt geworden und hat die kurve nicth bekommen, aber die reden sich ja mit einem höheren wortanteil raus. alles in allem höre ich so kaum radio, es geht einfach nicht so richtig tagsüber …
Schlimm fand ich ja letzten Freitag im Löwntal, das die gesamte «Disco» da nach WDR2 klingt. Wer gibt sich sowas freiwillig? Robbie Williams und Worst-of-80s?
Im Norden und ganz im Süden ists derbe schlinn, stimmt Markus. Als ich aus Freiburg nach Essen zurückfuhr und mein iPod defekt war, bin ich Köln vor Glück fast ohnmächtig geworden. Drei Stunden süddeutscher Dudelfunk auf allen Frequenzen ging gar nicht.
»Weil die Hersteller ja auch nichts zu SAGEN haben.«
Das ist der springende Punkt! Wir sollten als Designer bei unseren Auftraggebern genau dieses einfordern und wenn jemand keine Substanz zu bieten hat, im besten Fall den Auftrag ablehnen. Das ist natürlich eine Haltung die sich nicht jedes Büro leisten kann oder will, aber irgendwer muss doch eine Veränderung herbeiführen und Design als wirkliche Profession und Denkhaltung verstanden, hat die Kraft zu diesem Wandel.
Ich bin gespannt ob sich in den nächsten Jahren da etwas ändern wird …