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WENN TRÄUME FLIEGEN LERNEN

Jesus, was ist dieser Film mit Vorschußlorbeeren überschüttet worden. Marc Forsters Film über Peter-Pan-Schöpfer James Barrie mit Kate Winslett und Johnny Depp in den Hauptrollen reiht sich nahtlos in den seltsamen Reigen ein von Filmen, die biographische oder fiktional-biographische Stücke haben. Hollywood sucht anscheinend Helden, Menschen mit Format, mit Werten, mit kreativer Schöpfungskraft, mit Visionen. Ob unbewußte Reaktion auf die eigene oft unkreative Arbeit der letzten Jahre, auf den gegenwärtigen Präsidenten, dessen Visionen mitunter eher an Orwell erinnern oder ob es einfach nur ein Me-too-Trend ist, wer weiß? Hier ist noch eine Bio auf Celluloid und sie ist schlecht. Schlecht, schlecht, schlecht. Gut genug für eine DVD und einen erregneten antriebarmen Sonntag, zu schlecht fürs Kino. Schlecht. Sentimental, kitschig, vorhersehbar. Schlecht gefilmt, schlecht gespielt, schlecht gedacht. Hatte ich das Wort schlecht im Zusammenhang mit diesem Film bereits erwähnt? Altkluge Kinder, verschnarchte Plotentwicklungen, Cookie Cutter Charaktere, und ein Johnny Depp, der nahezu im Halbschlaf durch diesen Film wankt und dabei fast seinen ganz eigenen Tiefpunkt aus Piraten der Karibik toppt, weil er hier obendrein auch noch völlig frei von jeder Ironie ans Werk geht. Die Botschaft: Nur wer ein Kind bleibt, ist in einer rigiden Gesellschaft wirklich frei, die Phantasie verleiht Flügel. Nicht Red Bull. Strenge Menschen sind blöde, weinen aber auchvor Rührung, wenn Sie wieder lernen mit den Augen von Kindern zu sehen. Kreative Genies sind kindisch und dafür muß man ihnen verzeihen und sie trotzdem ganz doll lieb haben. Wichtige Plot-Themen, wie Kindersex, Ehebruch usw werden en passant im Nebensatz abgehandelt, alles versinkt in Liebenswürdigkeiten, selbst die bösen Menschen sind hinterher doch iiiirgendwie ganz okay. Selbst Sterben ist am Ende iiiiiiiirgendwie ganz okay. Alles ist nett, schau, wie pastellig wir die Farben art directed haben. Iiiiirgendwie doch ganz okay, oder?Abgesehen von ein zwei Szenen, die gezielt auf einen ‹Club-der-toten-Dichter›-Moment getrimmt sind und in Pathos fast ertrinken, aber dennoch passabel funktionieren (wie die Kinder im Theater oder die Aufführung bei der armen kranken Kate… Tränendrüse olé), schleppt sich der Film lieblos und müde dahin und man fängt halt an, die Ehefrau im Kino mit Popcorn zu berieseln (‹Schau, es schneit›), weil das ja auch soooo dolle kreativ ist und so kindisch-schön wie eben Johnny Depp als Indianer-Piratenkapitän,nur, daß man dabei weniger Kajalstift um die Augen hat. Rührselig und schmalzig versucht sich der Film an Shakespeare in Love und anderen Zeitkolorit-Vorlagen, das alte Klischee bedienend, daß die viktorianisch geprägte Jahrhundertwende-Gesellschaft in den U.K. rigide und öde war, um uns vor dieser Folie dann den modernen (d.h. der heutigen liberalen Denke näherstehende, insofern für uns eher als Identifikationscharakter geeigneten) Menschen als ‹freien› Geist anzudienen, (und wie schön, daß man dabei permanent Depps Ohrring-Löcher sieht, Barrie ist seiner Zeit also um glatte 70 Jahre voraus, alle Achtung). Das hat Alan Moore in From Hell (dem Comic, bitte, nicht dem entsetzlich schlechten Film) aber bereits besser exemplifiziert, indem er ausgerechnet Jack the Ripper als wahren Freigeist inmitten der viktorianischen stiff upper lip-Gesellschaft präsentiert, als Geist des 20. Jahrhunderts, als metaphorischen Blutsturm eines neuen Zeitalters. So weit muß man nicht gehen, Schillers Don Carlos reicht ja schon. So, wie es aber hier ist, schläfert die Haus-am-Eaton-Place-Atmosphäre, die zuchtmeisterlich und steril wirken soll, eher ein und Depps Charakter ist nicht frei, sondern einfach nur langweilig. So aufgesetzt wie die schlechte deutsche Übersetzung des Originaltitels Finding Neverland.

Schade um einen Stoff, der einen besseren Film sicher hätte tragen können. Beeindruckend bleibt so allein der Hund, der Schauspieler im Hundekostüm, das Theatermeer und der bärtige, mieslaunige Dustin Hoffmann, der altersweise und lässig seinen Part gibt und toll aussieht, was ja schon genügen mag – außerdem mag man vermuten, daß es ein Insidergag ist, daß ausgerechnet Captain Hook hier eine Gastrolle bekommen hat. Entsetzlich bleiben die vier Kinder, jedes einzelne eine Zumutung.

Man darf gar nicht darüber nachdenken, wie dieser Film ausgesehen haben könnte, wenn er von Tim Burton gekommen wäre. Das wahre Verbrechen von Wenn Träume fliegen lernen ist, daß hier ein Film die Phantasie feiert, der an sich und in sich phantasielos ist und niemals vorgefertigte Filmklischees verläßt.

14. Februar 2005 01:24 Uhr. Kategorie Film. Eine Antwort.

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