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WAS IHR WOLLT

Die erste Lektion meines gestrigen Abends im Schauspielhaus Bochum, wo Shakespeares Was ihr wollt in der Version des schauspielhannover gegeben wurde: Niemals wieder eine Karte für 15 Euro. Ich saß mitten in einer Reihe von Schülern – und während ich sofort und absolut für jede Art von Disrespekt in einer Kulturstätte zu haben bin, war mir das dann streckenweise doch zu sehr Manta-Feeling. Irgendwie schon lustig und eigentlich die richtige Reaktion von Teens auf Theater, aber auf Dauer lenkt’s vom Stück ab und bringt deutlich auf den Punkt, was 20 Jahre Privatfernsehen in Deutschland angerichtet haben ;^).
Die zweite Lehre: Thomas Laue, Dramaturg des Stückes, dürfte als Chefdramaturg für Essen eine sehr spannende Wahl sein. Die dramaturgische Aufladung des Stückes und die Textwahl im Programmheft lassen hoffen. Nun weiß man bei einem Stück nicht immer, wer in einem Duo von Regie und Dramaturgie für die guten Sachen und wer für die schlechten verantwortlich sind, vielleicht stets beide ein bißchen, denn Was ihr wollt liefert von beiden… und in drei Stunden ist das vielleicht unvermeidbar. Ich bin recht unentschieden, was sich von dem Stück halten soll und vermute mehr und mehr, daß dies daran liegt, daß das Stück SELBST unentschieden ist.

Denn einerseits versucht die Bühnenversion von Laue und seinem Regisseur Sebastian Nübling, die Komödie Shakespeares in modernes Gewand zu bringen, Umgangssprache, derber Slapstick, elektronische Musik, aktuell-minimalistisches Bühnenbild… das alles ist der Versuch, einen Klassiker zu entstauben und up to date neu zu erfinden, leichterhand mit Reihenfolge und Textauthentizität umzugehen, O-Ton und Gossensprache zu mixen. Und das zumeist durchaus gelungen, dabei aber andererseits nah genug am Text des Originals, um nicht gleich von Dekonstruktion oder Demontage sprechen zu müssen.

Insofern irrlichtert das Stück etwas unentschieden, zwischen Respekt und Frechheit, ohne beides wirklich zu leisten. Es ist für Newcomer, wie ich an den Schülern vor mir eben merken konnte, nahezu unverständlich, die Geschichte an sich erschließt sich kaum, von einer hermeneutischen Auseinandersetzung der Elemente, die die Inszenierung anbietet, ganz zu schweigen, allein die Oberflächeneffekte kommen durch und bleiben haften, wie die Erotik persiflierende Olivia, wie der lesbische Kuß, wie die Slapstickeinlagen. Aber genau jene Effektmechanismen wirken nicht nur hier und da etwas deplaciert, sondern vor allem und schrecklicherweise zu brav. Wenn schon böse an den Stoff ran, dann sollte man dem Publikum auch die schreienden Eingeweide von Shakespeare präsentieren wollen. Und genau hier bleibt das Stück oberflächlich, die Frechheit ist reine Pose, der Respekt vor Stück und Autor bleibt spürbar, man macht nur Modernismen, weil man das halt heute so tut im Stadttheater. Dadurch entsteht wenig neues auf der Bühne, weder eine Art Schlingensiefscher Taumel, diese kindliche Lust, Scheiße an Wände zu schmieren und Pipikacka zu rufen, noch eine ernsthafte ruhige Auseinandersetzung mit dem Stück, die in der Dramaturgie ja angelegt ist und immer wieder schön durchblitzt. Entweder hätte man vielleicht mehr Effekttheater betreiben sollen oder eben weniger. So bleibt ein Gefühl von Wasch mich, aber mach mich nicht naß.

Das ist keine harsche Kritik, das ist einfach der Stand der Dinge auf den Bühnen. Reflektives Theater, das sich langweilt, Stücke einfach so zu zeigen, wie sie mal gedacht sind, aber nicht mehr wirklich bösartig und irre genug ist, den alten Meistern kraftvoll und mit Genuß in die Eier zu treten. Theater zwischen Feuilletonkritikern und einem doch eher bürgerlichen Publikum, das man in Zeiten knapper Kassen nicht mehr so schocken kann wie man es früher einmal konnte. Dieses Zwittertheater paßt zur Zeit und man findet genau das gleiche auch im Film, in der Musik, in der kommerziellen Werbung… peppig gemacht, wenig Entschlossenheit in der Sache. Vielleicht darf man das schon nicht mehr kritisieren, vielleicht sind die Zeiten einfach so. Ich selbst wäre sicherlich glücklicher gewesen, den totalen Hirnfick auf der Bühne zu sehen oder aber eine etwas stücknähere Auseinandersetzung mit 12th Night. Es wäre einfach so oder so mehr drin gewesen.

Was bleibt ist trotzdem gut. Ein handwerklich einwandfreier Stilmix aus Boulevardelementen, eine saubere Übersetzung der Shakespeareschen Derbheit von Sir Tony Belch und Konsorten in die Neuzeit, Muriel Gerstners schönes Bühnenbild in dem die Akteure fast hypnotisch herumklettern, Lars Wittershagens ähnlich suggestive triphopige Musik und jede Mengeschöne Details, wie die nur allzu echten Schloß-mit-Herz-Liebesgeschichten, die Malvolio liest, stets gefolgt von der frustrierten Erkenntnis aller Unglücklichen: ‹Das ist nur Glück. Alles Glück.› Der Narr, etwas zu nervig angelegt aber dafür um so überraschender, wenn er seine wunderbare Gesangsstimme enthüllt (überhaupt ist die erste Gesangseinlage ein traumhafter irritierender magischer Moment im Stück, der kurz die Zeit anhält) oder am Ende seinen Schlußsatz sagt und mehr Tiefe zeigt als alle anderen Figuren im Stück zusammen. Gute Lacher, eine Prise Bühnenerotik, eine mitunter bei aller Reduktion der Ausstattung gut durchschaubare Entschlüsselung der Irrungen und Wirrungen der Komödie. Tolle Darsteller, Katharina Lorenz, Wolfgang Michalek und Wolf Bachofner vorweg. Jede Kritik, die man hier bringen will, ist auf so hohem Niveau, daß sie vielleicht schon unfair ist. Hier nicht zu applaudieren, wäre eben einfach unfair. Es ist wohl eher mein Problem, daß ich Kultur derzeit zu nett und zu harmlos finde, zu affirmativ… oder aber gleich zu verquast und abgehoben und studiert. Ein bißchen wie die Deutsche Literatur, wie die deutsche Musik. Da können Laue und Nübling nun echt nichts für, man wird sogar die Vermutung nicht ganz los, daß sie’s ähnlich sehen würden, zu oft flackert die gleiche Sehnsucht nach diesem diffusen mehr in der Dramaturgie durch.

Insgesamt ist ‹Was ihr wollt› hier ein Remix, eine dreistündige mit modernen Samples und Cuts aufgepeppte Version eines alten Motown-Klassikers, die Snare und die Bassdrum aufpoliert, die Hook neu phrasiert und mit anderen Harmonien gekontert und mit viel Liebe zu den kleinen Details im Original, die vielleicht auf Vinyl ungehört blieben. Das kann man schon gut in den modernen Clubs spielen und die Alten mögen es trozdem, weil sie hier und da ein nostalgisches Sample wiedererkennen aus ihrer Jugendzeit. So funktionieren die Charts heute. Das der Song hier dennoch eigene Kraft, massiven Charme, Gefühl uns nicht zuletzt bei allem Boulevard auch Tiefe besitzt, ist umso mehr der Verdienst von den DJs Laue und Nübling und ihrem Team.

Bedenklich nur, daß die Teens in der Reihe vor mir den Dance-Club nach der Pause geschlossen verlassen haben, oder?

19. Februar 2005 08:45 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.

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