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Warum der Kunde eben doch auch oft Recht hat

Es ist im Design sicher nicht immer so wie beim Autoverkauf, dass der Kunde immer allein durch den Akt des Bezahlens recht hat. Aber der Fiktion, dass wir Designer verkannte Genies sind, die unter ignoranten Kunden zu leiden haben – ergo die Kunden an der schlechten Werbung schuld sein sollen, weil die Agenturen nicht so dürfen wie sie wollen – halte ich für eine absolut falsche Aussage. Weil im Fontblog gerade anlässlich des Ausverkaufs des rejected2-Buches mit abgelehnter Werbung eine Diskussion dazu lief, fiel mir ein ganz aktuelles Beispiel dafür ein, dass abgelehnt nicht immer besser heißt, und um meine Kommentare im FB zu untermalen, kann ich ja mal kurz etwas hinter die Kulissen schauen lassen. Ist ja auch lange her, dass ich mal wieder was aus der Arbeit gezeigt habe – insofern hoffentlich keine Eitelkeit, auch wenn der Pressetext etwas dick aufträgt.

Für das Saisonbuch 09/10 der Bielefelder Philharmoniker haben wir eine Reihe mit Portraits gemacht, dieaus dem Heft heraus den Betrachter direkt ansehen. Bei der langen Suche nach einem guten Cover kamen wir auf die Idee, dass es doch toll wäre, wenn das geschlossene Buch sozusagen dreidimensional würde, also den Kopf von OBEN zeigt, den man beim geöffneten Buch entsprechend von VORN sieht.
Im Grunde ergab das zwei Varianten:

hd schellnack
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Im Web ist der Text schlecht lesbar, im Original ist das besser. Die Philharmoniker haben diesen Entwurf resolut abgelehnt, fanden es einfach zu langweilig und zu wenig «Hingucker»…. und haben uns – sicher unabsichtlich – damit in eine schwere Krise geworfen, weil wir eigentlich gar kein Material für ein anderes Cover hatten.

Und aus den 80 Gesichtern, die wir in Bielefeld aufgenommen hatten, wollte ich keins wählen – wer wäre wichtig (oder besser: unwichtig) genug, um über 10.000-mal durch die Stadt zu gehen, auf Plakaten und großen Saisonstart-Mailings präsent zu sein? Kann man das jemand zumuten, so auf dem Präsentierteller zu sein – und umgekehrt: Wäre es nicht Schleichwerbung, wenn man etwa Herrn Stahlberg genommen hätte oder eine andere stadtbekannte Person?

Unter den Testbildern fürs Blitzen fand ich dann ein Bild von Katharina Mönkemöller, die aus Bielefeld kommt, an der FH Dortmund gerade frisch nächste Woche ihr Diplom präsentiert und letztes Jahr Praktikum bei uns gemacht hat, um in diesem Juni fest angestellt zu unserem Team zu kommen. Da Katharina von Bielefeld nach Dortmund zog fand ich es wenigr schlimm, sie zu zeigen, außerdem war sie im Heft davor auch kurz zu sehen (mit André, ihrem Freund, der den Astronauten gegeben hat), insofern eigentlich eine schöne Brücke, und noch dazu ja sehr witzig, ein nodesign-Crewmitglied aufs Cover zu hieven, sehr Hitchcockian.

Das finale Cover sah also so aus:

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Und keine Frage, das ist deutlich klarer, deutlich werberischer und ansprechender als die erste Version von uns und passt auch nahtlos in das Heftkonzept. Aber die nagende Frage blieb dann doch: War das Haar nicht besser, smarter, designeriger?

Bis ich von Frank diesen Artikel aus der Neuen Westfälischen bekam:

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Und mir schlagartig klar wurde, dass die Philharmoniker natürlich recht hatten. Nie im Leben hätte die Zeitung einen haufen Wuschelhaare so prominent zweispaltig abgebildet – und zwar, weil es im Zeitungsdruck einfach nur unansehnlich gewesen wäre. Ein nettes Frauengesicht ist natürlich viel, viel pressetauglicher. Ich hatte einfach die werberische Funktion eines Covers aus Begeisterung an der eigenen verqueren Haar-Idee vergessen.

Und genau dafür braucht man Partner als Korrektiv, als Redakteure. Auch wenn Ablehnungen am unmittelbaren Tag der Ablehnung wirklich nicht sonderlich glücklich machen, sondern dich als Designer eher in das schwarze Loch der Verzweiflung werfen… am Ende ist eine gemeinsam gefundene Lösung, mit der beide Seiten glücklich sind (oder zumindest gut leben können), die ausgehandelt und erklärt, argumentiert und begründet ist, immer und unweigerlich die bessere Lösung. Nicht zuletzt, weil es bei Design immer auch um eine gezielte Wirkung geht, nicht um den eitlen Selbstzweck.

Insofern ist es für uns zumindest immer so, dass die Diskussion auf Augenhöhe und die gemeinsame Suche nach einer guten Lösung das ist, was die Arbeit am Ende so genial macht. Design, dass im Vakuum entsteht, interessiert mich irgendwie nicht.

8. Juli 2009 12:01 Uhr. Kategorie Arbeit. Tag .
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