
Sehr schöner Artikel bei CreativePro.
Ein Highlight:
When a client solicits spec work, you have no idea how many other designers are pitted against you. It’s a crapshoot. Crowdsourcing odds are even worse. … For example, a recent call for a company logo on CrowdSpring received 1,749 entries — only one of which gets paid, while 1,748 won’t. … “According to [CrowdSpring’s] home page, designers have submitted over 219,000 entries” as of this April 2009. “If we average each entry out to an hour’s worth of a designer’s time, and that’s a hugely underrated figure, that equates to 25 years of unpaid designer labor.”… “The only thing worse than a potential client who does not value the efforts of a professional graphic designer is a designer who doesn’t appreciate the value of their own time and work.”
Wird Zeit, dass wir in Deutschland auch klar Stellung gegen unbezahlte Pitches und Crowdsourcing beziehen. So verlockend es ist, wenn ein spannender Kunde zum Gratiswettbewerb bittet - man sollte nicht an Pitches gegen mehr als maximal 10, in einer zweiten Runde 3 Teilnehmer mitmachen und zumindest einen symbolischen Obulus, der die Materialkosten und eventuellen Selbstkosten deckt, sollte es geben. Und wer bei Crowdsourcing mitmacht, sorry, sollte sich nicht mehr Designer nennen. Einen Burgerbrater nennt man ja auch nicht Koch, oder?
Gratis-Pitches und Crowdsourcing sind die derzeit größte Gefahr – neben der Flut unqualifizierter Designer am Markt und dem dazu gehörenden Preisdumping – für die Branche, sie erodieren die Basis von dem, worauf gutes Design überhaupt erst aufbauen kann: Gegenseitiger Respekt und Dialog auf Augenhöhe. Wenn hier in den nächsten Jahren eine Art verbindlicher und bindender Ehrenkodex entsteht in der Branche, an den sich alle halten – denn wenn das nicht möglichst alle tun, oder zumindest ab einer bestimmten Qualitätsstufe alle, bringt es nichts – nehmen wir uns selbst die Existenzgrundlage und dürfen uns nicht beschweren, wenn Design im engeren Sinne in zehn Jahren als Aushilfstätigkeit gilt (denn auf dem Weg sind wir jetzt schon ziemlich weit gekommen!)
13. Mai 2009 08:05 Uhr. Kategorie Design. Tag Branche. 6 Antworten.
Zu dem Thema gabs auch einen guten Podcast von read between the leading (http://readbetweentheleading.com). Podcast 14. Da sind auch noch viele interessante Links zum Thema.
Auch nicht verkehrt:
http://kopfbunt.de/designknechte-design-for-free/2801/
Jetzt erreicht die kreative Klasse das gleiche Phänomen dass es in allen anderen Bereichen bereits gibt. Ich finde den Ansatz ebenso daneben – aber auch beim Schreiben einer Spezifikation im Rahmen einer Ausschreibung existiert ein kreativer Prozess eines Ingenieurs der auf die gleiche Weise schon in den leztzen Jahren ausgebeutet wurde.
EIn Problem der Globalisierung und der Dominanz der Einkaufsabteilungen in den Unternehmen.
Diese Entwicklung ist nur nur eine Frage der Zeit gewesen und es wird sicher noch mehr in diese Richtung gehen. Die Entstehung der Plattformen ist aus meiner Sicht eine logische Konsequenz aus dem Überangebot von Design-Dienstleistern und dem Mangel an Aufträgen bei vielen von ihnen.
Ich denke, dass »Crowdsourcing« sogar eine Chance ist sich besser zu positionieren und sie filtert den Markt. Denn Kunden, die sich auf dieses Modell einlassen sind nicht meine Kunden – Aufträge, die darüber abgewickelt werden sind nicht meine Aufträge.
Ich bin der Meinung, dass X-Anteile »Professioneller Designarbeit« für weitaus weniger Geld möglich ist. Nicht jeder braucht eine teure Lösung – nicht jeder kann sich diese Leisten. In Agenturen wird nicht selten viel Geld für interene Kommunikationsprozesse bezahlt, als in das zu gestaltende Produkt investiert. Design lässt sich nicht mehr so AUFBLASEN wie es sich das Marketingherz wünscht.
Aber Menschen die in den Geschmack von DESIGN kommen wollen und nicht »Burgerbraten«, werden auch nicht auf Crowdsourcing setzen, vielleicht 1-2 mal – ist ja neu und man muss sparen. Aber die Erfahrung wird es schon richten … wie so oft, wenn etwas »Neues« da ist.
Von großem Übel sind die Verbände: die Captains Schnarch & ihre Freunde. Sie haben den Schuss noch nicht gehört. Sie sollten diese Geschäftsmodelle längst öffentlich zerpflücken. Denn sie sind leicht zu zerpflücken.
Ein einzelner bewirkt nichts.
Der Designer Öbenklöben*, der was sagt, interessiert keinen.
* Öbenklöben: norddeutsch für Hanswurst
Absolut. Die Phänomene sind sogar noch älter. Bei der Vorbereitung auf das TYPO-Panel hab ich noch mal das Kommunistische Manifest von Marx/Engels gelesen. Obwohl ich kein Marxist bin, ist Marx’ Analyse, wenn auch seine Schlussfolgerungen nicht unbedingt, oft treffend. Und was man da liest, kann man oft so 1:1 auf die Designbranche von heute übertragen. Es ist einfach so, dass wir aus der Fleckhaus/Aicher-Phase heraus sind. Heute kommen nicht mehr 2 Designer auf 500 potentielle Kunden, sondern im Gegenteil ist die Lage so, dass sich jeder potentielle Kunde aus 20-50 Büros gratis aussuchen kann, wen er will, online in Communities wie 99Designs abstruserweise sogar aus tausenden von Angeboten. Design wird so übrigens tatsächlich zum Akt des KUNDEN, der den Selektionsprozess aus einem Angebot vornimmt – eigentlich die Aufgabe des Gestalters, eine bündige Lösung zu machen. Wer sich also bei 99designs et als sein Logo abholt, bekommt kein Design, sondern kauft so etwas ähnliches wie Stockimages-on-the-fly. Nicht umsonst sehen die Vorschläge auf solchen Sites sehr sehr gleich aus, es sind rein grafische Lösungen, die immer nur nett aussehen wollen und viel zu glatt sind.
Aber zu denken, solche Plattformen seien gut, um den Markt zu filtern oder sich zu positionieren irrt. Flyeralarm hilft einem Druckhaus in Münster sicher auch nicht, sich am Markt zu positionieren, im Gegenteil, die Druckereien sterben wie die Fliegen gegen die Online-Printer, weil sie viel zu teuer sind und der Kunde unterm eigenen Kostendruck mehr und mehr zu dieser Alternative wechselt, die – das ist nur eine Frage der Zeit – auch immer mehr anbieten und besser werden. Ob die nun Max Sames das Wasser abgraben, weiß ich nicht – einer Vor-Ort-Druckerei aber garantiert.
Diese Prozesse stehen uns so auch bevor.
Ich gebe euch absolut recht, dass viele Agenturen deutlich zu viel Geld nehmen – auch, weil eine 20- oder 40-köpfige Struktur einen Overhead produziert, den man wieder verdienen muss und auch, weil unbezahlte Pitches Kosten verursachen, die die tatsächlichen Kunden dann natürlich mittragen müssen, irgendwo muss es ja herkommen. Wenn Kunden aber zu Stardesignern oder Agenturen gehen und dort das 10-fache für ein Corporate Design zahlen, dass sie bei uns vielleicht in gleicher Qualität oder sogar intensiverer Beratung gekriegt hätten, ist das ebenso der durchaus funktionierende, sprich sehr deregulierte und intransparente «Markt», der auch für Designer sorgt, die nebenbei in Nebenjobs sehen müssen, wie sie klarkommen. Beides, ein Logo für 250.000 wie auch ein Logo für 25 Euro, ist Unsinnig. Man muss offen darüber reden dürfen, und das auch nach außen kommunizieren, was vernünftiges Design kostet. Durchaus auch eingedenk der Tatsache, dass nicht jeder Klient gleich viel Geld hat und entweder ohne oder aber mit einem deutlich einfacheren Nutzungslizenzsystem. Hier gibt es ja zahlreiche Ansätze, von den BDG/AGD-Mondpreis-Tarifen bis hin zum halbwegs realistischen Rotstift, aber ein klares, verbindliches, einheitliches System, das modern und funktional ist, wäre natürlich ein Schritt. Aber dafür müssten alle zusammenarbeiten anstatt ihre Pfründe zu schützen :-D. Am Ende verdient KMS dann sicher immer noch mehr als wir und wir mehr als ein einzelner Freelancer an einem MacBook, aber das alles innerhalb eines klaren Koordinatensystems, wo ein Kunder auch weiß, was er kauft und sich nicht schon Studenten als angebliche 10-Mann-Agentur vermarkten. Mehr Ehrlichkeit. Leute wie Keller, Erler oder Dietz haben ja gute Gründe für Preise und das ist auch absolut okay, dito am anderen Ende des Spektrums. Es gibt ja auch BMW und Skoda. Man muss es nur für den Kunden zu einem sinnvollen Ganzen machen, das er transparent durchblicken kann. Und zugleich für Strukturen sorgen, bei denen Kunden-in-Spe nicht mehr (vielleicht sogar ohne böse Absicht) mal eben 20 Büros unbezahlt gegeneinander in die Arena schicken – wovon ja nun wirklich niemand etwas hat.
Vroni, Verbände sind so gut und so schlecht wie ihre Macher und Mitglieder. In der akuten Situation finde ich prekär, dass ein Free Player wie Jürgen Siebert mit seinem sehr kleinen Team mehr bewegt und schneller agiert als die großen Designverbände. Da stellt sich die Frage, ab wann Einrichtungen nur noch existieren, um zu existieren, also zur Luftnummer werden – wie Parteien, die zwar noch SIND, aber eigentlich keine Ziele mehr erreichen, sondern in erster Linie Selbsterhalt betreiben.
Zugleich denke ich, in welcher Form auch immer, braucht man eine starke kohärente Struktur, um kraftvoll Verhandlungspunkte zu setzen – Versicherung, Steuern, Mittelstandsthemen, Fördermittel und das alles – und zugleich ganz gezielt und ganz druckvoll Lobby- und Pressearbeit zu machen. Erik Spiekermann ist noch am nächsten dran an einer öffentlichen Figur in Sachen Design, aber hat lange nicht das Standing von Architekten, die ja regelmäßig in Spiegel, Zeit & Co zu allerlei Themen interviewt werden. Da frag ich mich: Wieso eigentlich nicht? In der H.O.M.E-Design-Themenausgabe, die bei der TYPO verteilt wurde, Ironie, fand nur Produktdesign und Architektur statt – kein Wort über selbst die Großen des Kommunikationsdesign,nicht mal Lichter wie Vignelli, den man ja nun nahtlos für den International Style hätte herbeiziehen können. Für eine Branche, die ganz entscheidend die Kommunikationsprozesse der Gesellschaft formt und nebenbei quasi im Hintergrund DEM entscheidenden emergierenden medium Internet das Gesicht, das Interface verleiht, ist das doch irgendwie bizarr oder? Das wir so unwichtig erscheinen?
Insofern brauchen wir eine Struktur, die verbindlich viele und vor allem hochrangige Designer als Mitglieder gewinnt – mit Sexappeal, mit klaren Vorteilen, mit klaren Regeln und Sanktionen und mit einem Prestige, das jeden namhaften Designer dazu bringt, sich um die Mitgliedschaft zu prügeln (tun wir bei Wettbewerben wie TDC und ADC usw ja auch immer wieder – und da fallen im Falle der Aufnahme in ein Annual ja schnell mal 700 bis 3000 Euro an, PRO Einreichung :-D. Während 200 Euro Beitrag für Verbände zu viel sind – da stimmt was mit der Bedeutung und dem Prestige nicht, beides Dinge, die ich als Designaufgabe ansehen würde). Und diese Struktur, mit der Wucht (und dem kapital :-D) dieser gesammelten Mitglieder braucht dann natürlich sowas wie einen (oder zwei drei) Außenminister, Botschafter, die mit Charisma und Wucht unsere (wohlgemerkt: Nicht nur die eigenen!) Interessen intensiv und auf Augenhöhe von Politik, Einrichtungen, FHs und Industrie vertreten. Und zwar ohne Neiddebatten, ohne Zankerei. Nenn das Verband, Kammer, Gewerkschaft… das sind alles nur Worte. Wichtig ist: Eine Gruppe, mit klaren Zielen, klaren schnellem internen Austausch, ohne Bürokratieblabla, ohne Piefigkeit und Kleinklein, mit klaren Vorteilen,klaren Ansagen, klaren Zielen, die man schnell und hart angeht. Ich glaube, wenn man kurz nachdenk kann man sich auf 5-10 Sachen einigen, die man verfolgen kann. Keine Magazine, keine Regionaltreffen, keine Nebensachen. Braucht kein Mensch. 10 Regeln, 10 Vorteile, 10 Ziele.
Und nicht vergessen: Wir haben Macht. Erik meinte, ein Designerstreik würde alle kalt lassen. Das bezweifele ich sehr stark. Sehr stark. Und es geht nicht um streiken, es geht darum, dass wir die Torhüter des Guten Geschmacks sind. Das muss man ja mal sagen: Unser JOB ist es, fundiert und mit Sicherheit zu wissen, was GUT ist. Das ist nicht wenig, das ist ein unglaubliches Kapital. Wie groß die Angst ist, sich mit schlechtem Design zu blamieren, wenn erst mal halb Deutschland sich vor Lachen schüttelt, haben wir in Cottbus gesehen. Und das fing mit einem kleinen Blogeintrag im Fontblog an. Wir wollen nicht drüber nachdenken, was passiert, wenn wir solche Sachen in die Zeit und ins ZDF bringen? Juli hat das mit dem Designpreis Deutschland seinerzeit schon gezeigt, was EINE Frau allein bewegen kann. Eine Liga der Top-100-Designbüros (plus X), die mit einer Stimme «Pfui» sagt, ist an medialer Wucht gar nicht zu unterschätzen. Nicht vergessen: Wir sind Profis, wenn es darum geht, Meinungen zu formen, Bewegungen zu machen, Gefühle zu wecken. Nimm das plus Budget und Wille… und schau, was passiert.
Eine solche Form von Liga mag angesichts der massiven Ängste und Partikularinteressen aller möglichen Verbände und einzelner Büros natürlich eine Seifenblase sein, klar – aber mach man sich nichts vor, es ist die einzige gangbare Überbrückungslösung für die Branche auf dem Weg in die Zukunft von Design als viel weiter gedachte, soziale Verantwortung, weg von Kuschelspielzeug und Reklamebroschüren und Autokarosserien. Wir gehen als Designproletarier vor die Hunde oder wir akzeptieren gemeinsam unsere Rolle als gesellschaftliche wichtige soziale FORMER und SCHÖPFER,die völlig unverzichtbar und unersetzbar und beileibe nicht crowdsourcebar sind, und fangen an, diese Gesellschaft verantwortlich mitzugestalten. Das ist unser Beruf – wer ist besser darauf vorbereitet als wir Designer im weitesten Sinne, als Architekten, Produktdesigner, Texter, Kommunikationsformer?