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WARREN ELLIS: CROOKED LITTLE VEIN

The plane banked easy, stepped over the cloud deck, and leveled for Columbus, an hour’s run. An older guy in a short-sleeved shirt with bloodstains on the front sat in the aisle seat next to mine. He gave me a secret little smile. «You know», he said. «You know. If you drink whiskey. And I don’t mean a lot of whiskey, just enough to keep the little engines in your head alive. If you drink a bunch of whiskey, you can piss in a cup before you go to sleep. And in the morning all the alcohol will have risen to the surface of the piss. And you can drink it off the top the piss with a straw.» — «I’ll, uhm, I’ll certainly bear that one in mind.» — He made a happy noise and stuck out a big hand with caked blood all over the fingernails. «Excellent. I’m the pilot.»

Wie diese Szene am Ende des achten Kapitels fühlt sich der Erstling von Warren Ellis, längst ein Starautor in der Comic-Szene, insgesamt an: Irgendwie hat man den Witz schon gehört, ganz neu ist das nicht, aber der Ekelgrad ist so wunderbar hochgeschraubt, dass man trotzdem lachen muss. Das Buch beginnt damit, dass eine Ratte in die Kaffeetasse unseres Protagonisten, Michael McGill, pinkelt und die Dinge entwickeln sich von da ab rapide abwärts. McGill, heruntergekommener Detektiv, eine Art postmoderner Marlowe, der im Auftrag des Weissen Hauses ein Buch mit der geheimnisvollen zweiten Constitution der amerikanischen Gründerväter sucht, von dem aus wohl eine Art magische Wirkung ausgeht. Ellis schickt McGill, der Probleme und Perversion anzieht wie ein Magnet, auf eine (recht kurze) Odyssee durch die USA, begleitet von der sehr Warren-Ellis-typischen Assistentin Trix, zwischen der und McGill sich eine dysfunktionale Romanze entspinnt.

Wer Ellis in Comic-Book-Form kennt oder sein Blog verfolgt, wird in diesem Buch seine Standards wiederfinden, die nahezu in Checklisten-Manier abgehakt werden. Da ist der Chief of Staff des Weißen Hauses, der sich als Heroin-Junkie entlarvt, der zugedröhnt im eigenen Kot im Hotelbett liegend Models auf dem Catwalk anschaut, da gibt es Godzilla-Bukkake, Hightech-Gadgets, Taxifahrer mit Charlie-Manson-Tick, homosexuelle Bodybuilder, die ihre Hoden mit Saline aufpumpen, Piratenradiosender, Hotelzimmer, Bars, Restaurants, Sex, Porno, Computernerds, Cybertechiestuff, den unvermeidlichen Crazy Old Rich Motherfucker, inklusive seinem debilen Sohn – immer durchtränkt von Ellis’ blitzschnellem schwarzen Humor, der auch vor derbsten Männerwitz-Niveau nie zurückschreckt.

So gerät Crooked Little Vein zu einem furios schnellen Buch, das sich schnell und witzig liest und den Leser zu fast keinem Zeitpunkt mit Plot belästigt. Der MacGuffin ist im ersten Kapitel etabliert, das romantic interest kurz darauf und ab da geht es nur noch darum, tiefer und tiefer in die Abgründe des Perfiden abzusteigen. Dementsprechend fällt die Auflösung der Story am Ende relativ kurzatmig und flach aus, wie das ganze Buch mit nur 277 großbedruckten Seiten eher wie ein Snack heruntergeht, die Sache hätte getrost länger sein können und mehr Verwicklungen, mehr Handlung haben können als ein reines David-Lynch-meets-the Dark-Brothers-Roadmovie. Aber auch so ist Crooked Little Vein ein absolutes Spassbuch, bei dem Ellis ungeniert alle Klischees des Private-Dick-Genres durchzieht, immer wieder betont, dass die (scheinbare) Perversion nicht mehr Underground, sondern längst der Mainstream ist (wenn es im Internet ist, ist es Mainstream) und sich ansonsten nicht weit von dem bewegt, was er auch in Comicform meist verlässlich abliefert. Das verwundert, weil viele Autoren beim Sprung ins «echte» Literaturgenre ihren Modus Operandi deutlich wechseln, Ellis aber bleibt einfach der Ditrty Old Bastard, den wir kennen und lieben, egal ob auf Foren, in Comicformat oder eben jetzt zwischen Buchdeckeln.

Kein Buch, das man unbedingt als Hardcover haben sollte, aber für alle Ellis-Fans ein Essential. Vein ist nicht einmal wirklich ein Krimi, es gibt keine tatsächliche Handlung im Sinne eines zu lösenden Falls, sondern eher eine metafiktionale Auseinandersetzung, die den Philipp-Marlowe-Mythos fröhlich vergewaltigt, um sich in die Eingeweide der amerikanischen Trash-Kultur zu fressen und sich breit grinsend in den Exkrementen zu suhlen. Macht Spaß, dabei zuzusehen, keine Frage.

27. August 2007 16:08 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

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