
Eine Woche zwischen Film und Review? God, I must be busy.
Wanted basiert auf einem Comic des schottischen Autors Mark Millar und hat so gut we nichts mit der zynischen, nihilistischen Vorlage zu tun. In Millars zusammen mit J.G. Jones (der Name J.G. Millar taucht als Cameo im Film auf) produzierter Serie haben recht leicht als DC-Superschurken zu erkennende Bösewichte die Weltherrschaft an sich gerissen, das Ganze ist eine What-if-the-bad-guy-actually-won? Geschichte. Entsprechend von düsterem Humor getrieben ist Millars wenig jugendfreie Story, die nicht ohne Grund mit dem Satz endet: This is my face while I fuck you in the ass. Dass der Film deutlich milder ist, merkt man schon an dessen letztem Satz: What the fuck have you done lately? Nicht ganz die gleiche Sache. (Im deutschen übrigens unerträglich lahm übersetzt, was den Schluss des Films irgendwie ruiniert).
Der Vergleich macht deutlich, wie sehr Wanted der Film eine Art Kastration von Wanted dem Comic ist. Timur Bekmambetow, der sich zuvor vor allem mit seinen Matrix-inspirierten Wächter-Filmen einen Namen gemacht hat, weicht mit den vier Drehbuchautoren entschieden von der Vorlage ab und macht aus einem Comic, das eine Menge Insider-Wissen voraussetzt und auch unmöglich aufwendig zu produzieren gewesen wäre, eine relativ straighte amerikanische Popcorn-Action-Produktion. Die sich nicht zu schade ist, massive Anleihen bei Filmen wie The Matrix, Mission Impossible und Fight Club zu nehmen.
Der Film, in Chicago, Prag und Budapest gedreht, beginnt wie der Comic mit dem Weichei Wesley Dodds, einem modernen Peter Parker, unglücklich im Beruf, betrogen von seiner Freundin, ein Loser wie er im Buche steht. Analog zu Edward Nortons Figur in Fight Club lässt uns der innere Monolog von Wesley, kombiniert mit einer furiose Bildmontage,in groben Zügen an dessen inneren Elend teilhaben. Wesleys Welt wird auf den Kopf gedreht, als Fox in sein Leben tritt. Gespielt von Angelina Jolie – die hier erschreckend mager aussieht, aber zugleich mehr denn je an Modesty Blaise erinnert-, weiht die Auftragskillerin Wesley in eine geheime Bruderschaft ein, der schon sein Vater angehörte. Der weitere Verlauf des Filmes folgt auf seltsam perverse Art der Logik normaler Superheldenfilme, indem Wesley in die Geheimnisse seiner ererbten Fähigkeiten eingeweiht und brutalst trainiert wird. Das Ganze erinnert etwas an die Schinderszenen von etwa Rambo und anderen Get-Tough-Filmen, inklusive der finalen raschen Bildmontage, in der Wesley seine inneren Blockaden überwindet und zum echten Überkiller wird. Er tötet im Auftrag einer – im Comic nicht vorkommenden – Bruderschaft unter der Anführung von Sloan (Morgan Freeman, der den Film im Halbschlaf spielt), die auf Tuchweber des 18. Jahrhunderts zurückgeht, die entdeckt haben, dass ihre Webmaschine Ihnen mitteilt, welche völlig anonymen Menschen sterben müssen, damit die «Balance» zwischen Gut und Böse erhalten bleibt. Das ist zugegeben eine der dümmsten Ideen der jüngeren Filmgeschichte, obwohl es Bekmambetow gelingt, der Szenerie des alten Schlosses voller Webstühlen eine seltsam mystische Aura zu verleihen, die dann auch darüber hinwegtröstet, dass die seltsamen Heilbäder, in denen die Wunden der verletzten Killer schneller heilen, ebenso wenig Sinn machen wie die Mission der Weber. Der Plot des Films hängt, sorry, am seidenen Faden. Das im weiteren Verlauf einige wirklich extrem vorhersehbare Dinge passieren, macht es nicht besser.
Wovon der Film lebt, wie jeder gute Actionfilm, ist also weniger seine intrinsische Logik – die man relativ vergebens sucht – als vielmehr seine Bilderwelt. Wo das Comic auf düsteren zähnefletschende Zynismus setzt, in einem Härtegrad, den ein Mainstream-Film kaum erreichen kann, baut Bekmambetow auf überwältigende Stunts und Effekte. Und das mit Erfolg – der Film kann mit atemberaubenden visuellen Effekten über seine erzählerischen Durchhänger hinwegbluffen und macht zu keinem Moment einen Hehl darauf, nicht mehr als ein Popcorn-Blockbuster sein zu wollen. Es ist förmlich greifbar, mit welchem Spaß Tibur Bekmambetow in seinem US-Debut verschiedenste Vorlagen zitiert und in den Eingeweiden der amerikanischen Kino-Bildsprache zu wühlen versteht. Wie ein Kind im Bonbonladen hangelt sich Wanted insofern von einem visuellen Stimuli zu nächsten und das Drehbuch ist nur dazu da, mehr recht als schlecht, die Übergänge zwischen den Actionsequenzen zu schaffen.
Auf der einen Seite ist Wanted insofern wenig mehr als der typische adoleszente Rache/Wunscherfüllungsfilm – der nerdige Verlierer, der sich zum Übermenschen entpuppt, die heiße Braut kriegt, seine früheren Gegner erniedrigt, die bad guys auslöscht und am Ende als cooler Siegertyp dasteht. Da ist wenig neues, das sind Plots, aus denen zahllose Teenagerfilme geschrieben sind, in denen die moderne männliche Kastrationsangst negiert wird. Nicht ohne Grund wandelt sich Jolie von der mysteriösen schweigsamen Too-cool-for-you-Killerin zur Selbtmörderin im Laufe des Films.
Dennoch gelingt es Bekmambetow, den Standardplot mit seltsam kratzigen Details aufzuwerten. Nicht nur die beeindruckenden Kamerafahrten, Stunte und Visuals, seine meisterhaft videoclipartig musikalische Bildsprache, sondern auch zahllose visuelle Details und deren oft liebevolle Inszenierung verleihen dem Film einen Hauch mehr Tiefgang, als die Story vielleicht eigentlich verdient. Er überzieht den Stoff der Handlung mit einem prunkvoll ornamentalen Brokat, einer opulenten Surrealität, die sich durch den Großteil des Filmes zieht. Es gelingt Wanted, die grauen Alltagswelt von Wesley Dodd mit einen unwirklich anmutenden, archaischen Gegenentwurf zu konfrontieren, deren magische Waffen jahrhundertalt und doch hypermodern wirken, wie aus einer Zukunft kommend, die sich nie vom Mittelalter verabschiedet hat. Klöster, Tuchwebereien, Pistolenkugeln die verziert sind wie antike Schwerter, die Tatoos von Jolie – all das verleiht dem Film eine frei flottierende Traumlogik, ein Gegensatz, der den Film seltsamerweise auch zu einem erwachsenen, düsteren Pendant zu Harry Potter macht (dessen Geschichte wiederum nicht allzu weit entfernt ist von eben der des Peter Parker/Spider-Man). Bekmambetow überzieht den Leichnam des amerikanischen Actionsfilms mit einem Damastgewand aus metaphorischen Details, die Wanted sicher sehenswert machen – ebenso wie der halsbrecherische, voller Twists steckende Beat des Film, der John Woo in nichts nachsteht. Wanted ist eine rasante, sinnfreie Achterbahnfahrt voller märchenhafter Bilder jenseits aller Logik – ein durch und durch kommerzieller Hollywoodstreifen, unter dessen Oberfläche der Regisseur sich offenbar mit Freude der verschiedensten Filmzitate bedient und zugleich eine reiche Ader surrealistischer Bildwelten legt. Das alles macht aus Wanted sicher keinen wirklich guten Film – die genretranszendierenden Vorbilder Fight Club und Matrix erreicht er nicht annähernd – aber für eine Tüte Popcorn und einen netten Abend reicht es sicher allemal.
20. September 2008 11:44 Uhr. Kategorie Film. 4 Antworten.
Ich fand, dass der Film vor allen Dingen nach Hinten raus deutlich abmagert und habe mir eigentlich aus dem Grund den Comic bestellt. Da ich die Vorlage nun nach dem Film lese bin ich umso überraschter gewesen, wie sehr sich das Original vom Kino unterscheidet.
Denn wie Du beschreibst: Im Film fesselt vor allen Dingen die mystische Atmosphäre… Weber, Burgen, Bruderschaft, Waffen, Tätowierungen, die im Buch vollkommen fehlen.
Schlimm finde ich, dass in der deutschen Übersetzung immer von »Der Bruderschaft der Killer« die Rede ist… abgedroschener gehts kaum, das hat der Film echt nicht verdient.
Viel mehr hätte ich es mir gewünscht die Mystik und fantastische Optik zum Ende hin noch auszubauen und nicht die komische Decoy-Szene zu bringen, nur um ein Zitat mit Bezug auf den Anfang zu haben. Der Film hätte einen Zweikampf-Finale (Neo vs. Smith anyone?) verdient gehabt.
Ich finde e eh irritierend, dass alle Filme inzwischen versuchen, Akt I und III zu einem Loop zu basteln. Die Ratten UND die ferngesteuerte Kugel – just too much.
hab ihn gestern gesehen. irgendwie kann ich morgan freeman in solchen rollen
nicht mehr sehen … naja. irgendwie riecht der film nach einem sequel, oder?
Eigentlich sollte es keinen Sequel geben – der Comic lädt sicherlich NICHT dazu ein – aber die Gerüchte besagen, dass Millar Lust hätte, auf der Basis der Filmversion ein Drehbuch zu schreiben – der Mann tut alles, um nach Hollywood zu kommen (mit Erfolg, er ist als Autor für Superman im Gespräch und sein KICK-ASS-Comic ist auch ür die Verfilmung angesagt).