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WALTZ WITH BASHIR

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Waltz with Bashir ist die Sorte Film, in die man – aufgrund des extremen Hypes in den Feuilletons – eigentlich kaum gehen würde und ich bin dankbar, mit Björn doch im charmanten  Bambi in Düsseldorf Ari Folmans Zeichentrick-Dokumentarfilm gesehen zu haben. Denn Bashir wird den Vorschußlorbeeren gerecht, was heutezutage ja eher die Ausnahme im Kino ist. Mit seinem dritten Film wird Folman offiziell autobiographisch und begibt sich in der Filmhandlung selbst auf die Suche nach seiner verlorenen Erinnerung zum Libanon-Krieg in den achtziger Jahren. Nachdem Folman den Nahostkonflikt bereits für mehrere TV-Dokumentationen aufgearbeitet hat, ein vielleicht kluger Kunstgriff, denn der persönliche Zugang über seine Erinnerungen – und die seiner Kameraden im Libanon-Krieg – erlaubt eine ganz individuelle und damit relativ unangreifbare Erzählposition, die sich wenig um historische Korrektheit kümmern muss, ganz im Gegenteil die Verdrängung und das Vergessen sogar zum MacGuffin der Geschichte macht. Denn der virtuelle Folman des Films versucht nach einem seltsamen Alptraum über das Massaker von Sabra und Schatila in Beirut, die Lücken in seinem Gedächtnis zu füllen und reist herum, spricht mit anderen israelischen Soldaten, um seinen Einsatz dort zu rekonstruieren.

Waltz with Bashir ist ein Low-Budget-Film, der zunächst auf Video gedrehtes Material in Flash, klassischer Animation und etwas 3D nachbaut. Visuell ist das Material oft nicht einheitlich, die Stilistiken der Darstellung wechseln hin und wieder zwischen dem eher einfach und klar gehaltenen, comicartigen Stil der Interviews und deutlich atmosphärischeren Bildern – wie etwa dem Schwenk durch den Wald von Holland zurück nach Isreal, oder Aufnahmen im Krieg selbst, die deutlich aufwendiger wirken. Das der Film direkt rein technisch mit einer der erzählerisch schönsten, zeichnerisch aber schwächsten Sequenzen anfängt – den durch die Stadt hastenden Hunden im Traum des Soldaten Boaz, dessen Aufgabe im Feld darin bestand, streunende Hunde zu erschießen, die ihn nun im Traum wild heimsuchen -, macht vorweg klar, dass es hier weniger um einen aufwendig produzierten, visuell beeindruckenden Film à la Pixar geht,  sondern vielmehr darum, dass die Animation die preisgünstige, aber ästhetisch passende Variante zu einer normalen Filmproduktion ist. Der stark an Persepolis erinnernde Ansatz – erzählerisch wie stilistisch – deutet darauf hin, dass es hier ein ganz neues Genre semi-dokumentarischer, biographischer Filme geben könnte, langfristig vielleicht auch mehr rein fiktionale Filme; A Scanner Darkly macht drastisch klar, wie gut Animationsfilme auch für Erwachsene funktionieren können. Vor allem, wenn die heutigen Erwachsenen sozusagen mit Zeichentrick und 3D-Ästhetik groß geworden sind und die Erzählstrukturen und -werkzeuge dieses Mediums verinnerlicht haben.

Denn Waltz with Bashir holt ein Maximumaus den vermeintlichen Schwächen des mit einer sehr kleinen Mannschaft realisierten Garagen-Zeichentrick-Looks heraus.Die verschiedenen Bildästhetiken vermitteln die Härte des Krieges für die jungen Soldaten ebenso wie die Magie mancher Momente, der Zeichentrick-Trick erlaubt nahtlos surreale Momente, Traum und Realität verschmelzen miteinander, wie es im Realfilm nur mit Hollywood-Budgets und CGI denkbar wäre. Zugleich vermittelt die oft bedächtige Geschwindigkeit der Animation in den Bewegungen von Figuren und Ereignissen ohnehin – vielleicht unabsichtlich – eine traumhaft-bedächtige, mesmerisierende Qualität, die perfekt zum Inhalt des Films passt. Und schließlich ermöglicht der ästhetische Bruch mit der Realwelt auch eine vielleicht nötige Distanz zum Geschehen in Beirut am 16.-18. September 1982, an dessen Grauen sich Folman fast sanft herantastet, indem er im Verlauf des Filmes immer wieder dosiert den Horror des Krieges, aber auch des Landurlaubs zeigt. Die Entmenschlichung im Einsatz, die Entfremdung im Alltag – die klassischen Kriegsthemen halt seit Im Westen nichts Neues. Der ästhetische Bruch erlaubt ein neues Herantasten an ein ja stets akutes Thema, das in seiner klassischen Präsentation als abgegriffen empfunden wird – wie viele Antikriegsfilme kann man selbst beim besten Willen sehen? -, das heißt, der Kunstgriff im Design, das Spektakuläre, das ästhetisch Innovative, ermöglicht paradoxerweise vorübergehend einen inhaltlichen Zurückgriff auf Ideen, die im Realfilm niemanden mehr berühren würden, weil wir zu abgestumpft sind. Die Leistung von Waltz with Bashir – unter anderem – ist also auch, uns über den kindlichen Umweg des Zeichentrickfilm eine Unschuld zurückzuverleihen, um uns diese dann Stück für Stück wieder zu rauben. Wo wir gegen Elendsbilder dank der täglichen Nachrichtenflut immun geworden sind, macht die abstraktere Ebene der Animation wieder offener, verwundbarer, sie umgeht unsere Dämme. Wenn Folman am Ende des Films, im Nachspiel des Massakers an über 3000 Zivilisten durch die christliche Phalange in zwei Flüchtlingslager der bombadierten und eingekesselten Stadt Beirut, in den letzten Minuten des Films zu historischem, eigentlich vertrautem Videomaterial wechselt, ist unser Blick so plötzlich neu und und wieder aufnahmebereit, der Film längst durch unseren postmodernen, krisen- und kriegsfesten Zynismus hindurchgeschlüpft und die (vergleichsweise harmlosen) Bilder können mit der ihnen eigentlich innewohnenden Kraft wirken. Wir sind inzwischen so gewohnt an fast tägliche Schreckensmeldungen, dass uns Genozid wie etwa in Somalia in den 90ern, fast unberührt lässt. Waltz with Bashir bringt dich zurück zu der Unschuld der frühen achtziger Jahre, als der Libanon-Krieg die ganze Welt entsetzte und niemanden wirklich kaltließ. Das es narrativ zudem ein befriedigendes Ende ist, weil Folmans Figur hier «in die echte Welt geht», also sein Gedächtnis voll wiedergefunden hat, aus seiner Verdrängung herauskommt, ist umso schöner gelöst – der für einige Verleiher sicher problematische Switch zu echten Gräuelbildern ist im Sinne der Geschichte unverzichtbar und das Ende der Reise des Filmcharakters Ari Folman, der gefunden hat, was er suchte, auch wenn er darüber vielleicht gar nicht so glücklich sein mag. Die Traumbilder, die seine Verdrängung ihm vorgaukelte – Lichtfeuerwerk, während die Soldaten fast benebelt im Wasser schlummern – ist der Wirklichkeit sicher vorzuziehen, dass Folman selbst Leuchtraketen in die Nacht schoss, von den die Flüchtlingslager umringenden Dächern, damit die Phalange ihrem blutigen Rachefeldzug nachgehen konnten.

Historisch ist ein solcher Film, zumal von einem israelischen Autor, Produzenten und Regisseurs, immer so eine Sache, aber Folman umgeht die Kritik entspannt mit dem Verweis auf den sehr biographischen Zugang. Inwieweit Scharon die Massaker wissend zugelassen hat, bleibt also offen – vielleicht zu Recht bei einer 25 Jahre alten Geschichte, und Scharon ist nicht der Kern. Es ist ein therapeutischer Film, in dem nicht ohne Grund zwei Psychologen auftreten, in der Folman seine eigene Auseinandersetzung mit einem schwarzen Loch in seinem Gedächtnis natürlich gleichzeitig zum Aufruf an sein Land macht, bitte ebenfalls die Vergangenheit nicht zu vergessen. Waltz with Bashir ist insofern trotz der individuellen Note ein klar anprangender Film – unumgänglich vielleicht -, der aber versteht, seine harten und schockierenden Momente mit Catch-22-artiger Absurdität zu kontern. Und der damit (vielleicht unfreiwillig) an die neuere, kaum weniger grausam-absurde Geschichte des anscheinend ewigen Israel-Palästina-Konfliktes zu erinnern vermag, an aus dem Nichts hochgezogene 720 km lange Trennungszäune, an im Cabrio durch zerbombte Städte tourende Neureiche, an den gleichen Glaubenskrieger Ariel Scharon, der die Massaker mitzuverantworten hatte und der in der Post-9/11-Phase-Premier von Israel war und den Konflikt mit Arafat auf den Leichen ungezählter Zivilisten bis zum bitteren Ende ausfechten wollte. Waltz with Bashir ist insofern vielleicht deshalb so erfolgreich, weil er auf kluge und fesselnde Art eine Vergangenheit aufarbeitet, die sehr verdächtig nach unserer Gegenwart aussieht.

10. November 2008 12:01 Uhr. Kategorie Film. 8 Antworten.

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