
Bei von Spar ist einfach jedes Album eine Überraschung. War ihr Debüt frischer und relevanter Indie-Disco-Pop-Punk, haben sich die Kölner nach dem Weggang von Thomas Mahmoud fast unzugänglich auf die Reise ins Ich gemacht und ein Album herausgebracht, das Klaus Schulze gut als Alterswerk zu Gesicht gestanden hätte. Und «Foreigner» zeigt wieder eine Verwandlung, eine erneute Umstrukturierung der Band und vielleicht das endgültige Wachstum zum «Projekt». War «Von Spar» ein Experiment in klanglicher Geduld, eine Zeitlupenaufnahme, eine Studie in Bernstein, macht Foreigner wieder deutlich mehr Spaß. Natürlich, das Album ist eine unverhohlene Verneigung vor der frühen deutschen Elektro- und Krautrockszene, es klingt wie ein «Best of» von Winfried Trenklers «Rock In» oder «Schwingungen». Aber neben Tangerine Dream, Grosskopf, Can, Grobschnitt, Schulze, Göttsching schimmern auch Pink Floyd und Jarre durch – überhaupt scheint «Foreigner» auf durchaus wohltuende Art eine Fusion modernen Postrocks und alter elektronischer Musik zu sein… und einer Band aus Köln steht das ja auch bestens zu Gesicht.
Dabei ist «Foreigner» trotz aller sofortigen Vertrautheit alles andere als Recycling und Wiederaufkochen bereits gehörter Musikfragmente. Natürlich ist die erste Reaktion, nach der generellen Verblüffung, nach Vorbildern und Bezugspunkten zu suchen, diesen Drumsound wiederzuerkennen, jenen Arpeggiator. Aber in Wirklichkeit mixen Sebastian Blume, Jan Philipp Janzen, Christopher Marquez und Phillip Tielsch so munter so verschiedene Einflüsse zusammen, dass das Endergebnis eher eine Art Bogen, eine Cinemascope-Gesamtschau elektronischer Musik wird. Einflüsse von Rock, Techno, Kraut, konkreter Musik, 80s Quietschiepop – was du willst, du wirst es finden, wunderbar produziert und programmiert, liebevolle Soundfrickelei und keine Sekunde langweilig. «Foreigner» ist die Sorte Album, die man gedacht hatte, nicht mehr zu hören. Es ist keine elektronische Musik, die sich dem Zeitgeist nett macht, es ist aber auch keine Vangelis-artige Wellness-Scheiße, keine elektronischen Billigsoundwolken, es ist nicht Laptronica, kein Schlafzimmerpop – es ist völlig seriöse, ernsthafte Suche nach Musik, in vollem Wissen um die Wurzeln und ohne klares Ziel, Hauptsache die Reise macht Spaß. Und die macht eine Menge Spaß, trotz der Düsternis, die das Album durchnebelt.
Von Spar dürften mit diesem dritten Album die ausnahmslos beste deutsche Band sein. Mit dem Debüt haben sie ein Genre übertroffen, ein neues geschaffen und dieses auch gleich wieder als Scherbenhaufen für alle Epigonen und Wannabes zerstört, mit dem Zweiten haben sie eine Ernsthaftigkeit und Innerlichkeit gefunden, die man eher aus Skandinavien erwartet hätte und jetzt produzieren sie ein staatenloses, zeitenloses Album, das zugleich unfassbar klar verortet klingt, das sofort vertraut ist, dich sofort eingefangen hat, und doch smart genug ist, um mit jedem Track wieder zu überraschen. Das Album ist, ohne jede Frage, ein Monolith, eine Platte, die man immer und immer wieder hören kann, ein Ding für immer, eine große Liebe, mit der du Autofahren oder Spazierengehen wirst, damit einschlafen oder dich in langen Dialogen damit unterhalten wirst. «Foreigner» ist eins der absolut besten Alben des letzten Jahres – und man kann nur hoffen, dass die nächste Platte eben wieder ganz anders wird.
19. Januar 2011 12:22 Uhr. Kategorie Musik. Tag Alternative, Electronic, Pop. Eine Antwort.
Holy shit. Das kling ja wirklich total nach Schwingungen. Die Sendung habe ich als Kind immer gehört – und die hat meine musikalische Sozialisation natürlich entscheidend geprägt. Klasse Album. :)