
Das Volker Strübing ein perfekter Vorleser ist, smart und unterhaltsam, schnell wie ein Pistolero und ebenso treffsicher. Seine Lesung bei EinsLiveKlubbing aus Ein Ziegelstein für Dörte lässt da keinen Zweifel offen – aber schon hier wird klar, dass Strübing seine Texte für die Bühne schreibt, nicht so sehr fürs Selbstlesen. Sein erster großer Roman Das Paradies am Rande der Stadt leidet wahrscheinlich unter dem gleichen Problem. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das Buch, würde Strübing live daraus lesen, absolut witzig fände. Auch gelesen gibt es Sequenzen in dem Buch, die schnell runtergerotzt daherkommen und einfach Spaß machen. Aber…
Vielleicht liegt es daran, daß ich zuviel englischsprachige Sachen lese. Da ist man den deutschen Tonfall einfach nicht mehr so ganz gewohnt. Der ja schwerer zu treffen ist als im Angelsächsischen. Andererseits lese ich gerade den Schäfchenroman Glenkill und danach Sebalds großartige Austerlitz und bei beiden habe ich das Problem nicht, mich sprachlich unwohl zu fühlen. Bei Strübings Debutroman schon. Was mich selbst wundert – ich fand etwa bei Irvine Welshs Trainspotting nichts dabei, Umgangssprache in Schriftform umzusetzen, im Gegenteil. Welsh hat die Sprache in fast Burgess-artiger Manier durch den Fleischwolf gedreht und Gott, war es ein Spaß, ihm dabei über die Schulter zu blicken. Aber bei Paradies finde ich die Sprache der meisten Charaktere gekünstelt lässig und irgendwie leider eher pseudo-cool. Das Strübing hier versucht, verschiedene Figuren sprachlich zu charakterisieren – etwa den kiffenden Opa oder Theos neuköllnmischmaschdialektnuschelnde Schwester ist absolut gut gemeint, geht aber nach einer Weile beim Lesen vehement auf den Geist. Andere Kunstgriffe, wie etwa die Fußnoten, die Fake-Anleitungen für Kyronauten oder die Anzeigen die auch oft Gefahr laufen, nervig zu werden, bleiben dagegen meist im Grünen Bereich und funktionieren überwiegend. Den Running gag mit den Marilpen fand ich sogar prima.
Mehr Probleme allerdings macht mir die Handlung des Buches – hauptsächlich, weil ich sie schon kenne, nur unter dem Namen «The Matrix». Wer sich im Klappentext und sogar im Buch selbst auf Stanislav Lems Ijon Tichy-Texte als Vorbild beruft, der sollte mir mehr zu verkaufen haben als die Geschichte eines bösen Supercomputers, der Menschen mit einer Art Plug im Nacken in eine paradiesische Illusionswelt taucht, und gegen den eine Bande von Rebellen und Hackern ankämpft. Das ist – auch bevor Matrix dieses Erzählmuster verwendete – einfach zu wenig, zu wenig originell vor allem, nach der Matrix-Trilogie aber in jedem sogenannten SF-Buch, auch einem deutschen, doch bitte einfach Tabu, oder? Das außerdem ein bisschen Gentechnik, Cloning, böse Nazis, gierige Kleriker, ein Revoluzzer mit dem Namen Dante, der gegen das simulierte Eden rebelliert und eine Menge Konsumkritik vorkommen, macht die Sache nicht frischer oder innovativer, egal wie flott Strübing die Sache zu Papier bringt. Der Plot liest sich wie ein schlechtes Telespiel und der große Twist am Ende des Buches ist etwa nach Hälfte des Buches die offensichtlich einzige Auflösung. Auch dem Thema Virtuelle Realität wird nichts abgewonnen, was sich nicht erschreckend vertraut anhört. Durchgeknallte Maschinen gibt es seit Fritz Lang, seit Isaac Asimov und Co, also seit etwa dem zweiten Weltkrieg, daran ist wenig neues. Und wenn man bedenkt, wie frisch gemesen an Paradies eben Neuromancer, der Granddaddy aller Cyberpunk-Bücher, nach wie vor wirkt – ist das für ein 22 Jahre nach Gibsons Klassiker geschriebenes Buch eben keine Idealleistung. Wer heute SF schreiben will, sollte bitte mehr zu sagen haben als bereits längst besser gesagt wurde.
Der Nachgeschmack des Buches ist also kein wirklich Guter: Es fühlt sich so kopiert an wie die offensichtlich von John Buscema «inspirierte» Illustration auf dem Cover (wo ist eigenmtlich das zweite Bein der Frau), die so gar nichts mit dem Buch an sich zu tun hat. Es gibt wunderbare Sequenzen – etwa als sich Strübing selbst ins Buch einbaut und sich eine lange alzheimerische Nörglersequenz verpasst, die näher an seinen eigentlichen Texten ist -, aber im großen und ganzen kommt das Buch nicht zusammen, weil es nichts zu erzählen hat, wiel die Handlung einfach nur eine Kopie der Kopie der Kopie ist – immerhin ist Matrix selbst ja kaum mehr als ein Zitatenstadl. Das Ganze bleibt, leider, auf dem Niveau des Drehbuchs einer schlechten TV-Episode, die Charaktere gewinnen niemals echte Tiefe oder Emotionalität, kein Satz berührt dich als Leser wirklich, und die Handlung ist erschreckend been there, done that, bought the t-shirt.
Die Kritik fällt mir nicht ganz leicht, zum einen weil Volker Strübing wirklich in Ein Ziegelstein für Dörte zeigt, dass er absolut was kann, wenn es um Momentaufnahmen geht und weil der Mann mir so völlig und absolut grundsympathisch ist dass ich ihn gar nicht verreißen will. Ich meine, jemanden, der Paradies anpreist und dann aber zu bedenken gibt, dass ja jede Mutter denkt, ihr Kind «fetzt Wurst», den muss man einfach liebhaben dürfen. Und einen deutschen Autoren, der sich am Hyperaußenseitergenre SF versucht, obendrein. Es wäre nur schön gewesen, wenn die Handlung von Paradies mehr gewesen wäre als halbverdaute lange Abende vorm TV und der Spielekonsole. Paradies ist durchaus lesenswert und zeigt, was Strübing kann, aber als Buch hat es mich leider nicht wirklich überzeugt.
7. Januar 2008 20:05 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.