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Vintage and the soul

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Bei einem schönen Vor-Ort-Job bei einem Architekten gestern ist mir bei der Durchsicht der Materialmuster etwas verblüffendes aufgefallen: Inmitten der vielen glatten, perfekten Oberflächen, der Photos internationaler Designmöbel und erlesener Stoffe gab es vor allem eins, was mich wirklich anzog, sogar dazu brachte, es in die Hand zu nehmen. Holz. Ein stinknormaler, langweiliger Holzscheit. Nichts besonderes, nur dröges Kaminholz. Es mag ein Symptom überzüchteter Designernerven sein, dass mich inzwischen solche Dinge – Treibholz, alte Holzkisten, Äste – so interessieren. Es mag die Beausage sein, die Holz innewohnt, der archaische Mangel an Verlogenheit des Materials, dem nur noch Leder in Sachen schöner Alterung gleichkommt. Es mag hier ganz konkret auch nur das ungeschliffene in der Ansammlung glattkühlen Designstuffs sein. In der Architektur, zumal in der Innenarchitektur gibt es ja nicht ohne Grund schon seit einiger Zeit einen Trend zu «Vintage», zum Verrockten und Verspackten, als Reaktion fast gleichlaufend, sinusartig um die kalte Geometrie der Postmoderne geschlängelt, als reaktionäre Geste irgendwo zwischen Nostalgie und einer wirklichen Sehnsucht nach «Ehrlichkeit», die wir uns selbst kaum zu erklären mögen. Ein Holzscheit, soviel ist sicher, ist nicht Made in China, nicht von einem Marketingteam A/B-getestet, ist in dieser reinen Form in einer Materialsammlung auch noch keine berechnende geplant-architektonische Geste, die einen Affekt triggern soll, kein smarter Kontrapunkt in einer nahtlosen Inszenierung. Als Designer und Architekt ist man dieser Selbstverständlichkeit von Natur und von vielen selbstverständlichen, meist alten Dingen fast ratlos – was willst du verbessern daran, wie verbindet man das Selbstverständnis eines Berufes, dessen Ziel eine artifizielle Aufladung von Realität ist mit der unwillkürlichen Aura von einem verdammten einfachen Stück getrockneten Treibholz. Das Holz in der Architektur inzwischen wieder auch massiv als Baustoff Verwendung findet und Bauholz-Tische inzwischen ja schon fast so etwas wie overused sind, ändert nichts daran, dass es gerade im Rohzustand – unbearbeitet – und im Bruch zum Umfeld seine Wirkung entfaltet. Der Holzfindling wirkt beruhigend, zeitlos, kontextfrei, seine Struktur und Oberfläche will nichts von dir und kann deshalb umso mehr einfach berührt werden, um die ungeplante, unbearbeitete Rinde zu erforschen. Wie der «Wilde» John in Huxley’s Brave New World wird das Holz so (unfreiwillig) zu einem Kommentar seiner allzu glatten Umwelt, der bescheiden hält. Ebenso wie es gut sein kann, einen groben Stein auf seinem Schreibtisch zu haben, ihn ab und zu in die Hand zu nehmen und zu verstehen, dass das beste Design nicht von uns kommt, sondern durch Zeit, Natur und Zufall entsteht – und somit (zumindest scheinbar) ganz von selbst, ohne menschliches Zutun. Das in den eigenen Händen immer mal wieder zu begreifen, ist ganz gut für die Seele.

28. August 2012 07:41 Uhr. Kategorie Design. Tag , , .
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