VIER MINUTEN

Stell dir vor, du packst eine Staffel Lindenstraße, eine Staffel Frauenknast, eine Staffel Natalie – Endstation Babystrich und eine Staffel Sesamstraße in einen einzigen Film. Et voilàVier Minuten.

Das Positive vorweg: Wirklich gute Kameraarbeit von Judith Kaufmann. Monica Bleibtreu macht mit kleinen Gesten das absolut beste aus einer schlechten Rolle. Herzsprung ist gut, wenn sie nicht overacted wie irre. Das finale Klavierkonzert von Herzsprung ist ein, wenn auch etwas wenig originell gemachtes, schönes und furioses Ding aus Kameraschnitt und Musik und macht Spaß.

Und das war’s mit Lustig.

Der Film beginnt mit einem Vogelschwarm, der über Stacheldraht hinwegschwebt. So schwer pseudosymbolisch und so gruselig holzhämmernd bleibt der gesamte Film. Wer also bei Vögel-und-Stacheldraht-Symbolik schon (zurecht) zusammenzuckt, weil der Saccharinanteil doch arg zu dicke ist, sollte sofort das Kino verlassen. Es lohnt sich. Denn besser wird es nimmer, eher im Gegenteil.

Nichts, aber auch NICHTS an diesem Film ist klischeefrei. Es ist alles drin, was für ein ganzes Jahr miese Sat-1-Soap reichen würde, nur kollabiert (im Wortsinne) auf 90 Minuten. Homosexualität, Inzest, Fehlgeburt, Knastbrutalität, brutale Bullen, dumme Bullen, korrupte Gefängnisleiter, böse Nazis, verkannte Genies, tragische Liebe, Generationenkonflikt, hilflose Wut missverstandener Menschen und blablablablablablablablablablablabla. Bis—- zum—- Erbrechen. vielleicht fehlt ein afroamerikanischen Sodomist, aber ansonsten ist die Klischeegallerie aus der Schule zum einfältigen Drehbuch ziemlich perfekt abgearbeitet, wirklich. Exzellente Sache, wirklich.. Vordiplom an einer Waldorfschule, keine Frage. Es ist unaussprechlich. Kein Klischee, kein Fettnäpfchen wird auch nur ansatzweise ausgelassen. Munter springt das Drehbuch von einer Plattheit zur nächsten, von einer Club-der-toten-Dichter-Imitation zum nächsten Billy-Elliot-Plagiat, von einer Frauenknast-Kopie zur nächsten RTL-II-Dokusoap-Grenzwertigkeit. Der Setbau verzichtet auf jede Logik, solange man nur einen Asiawok ins Nichts stellen kann, Opernhäuser sind natürlich INNEN vollbesucht, von AUSSEN aber natürlich total menschenleer und dunkel, sieht nämlich dramatischer aus, unsere Protagonisten sind sinnfrei in dramatisches blaues Licht getaucht und überhaupt: Hauptsache, eine Szene schaut nett aus, auch wenn es keinen Sinn macht. Was anderen Filmen schwindelerregend einfach gelingt – zum Beispiel beim abstrusen Setbau von Royal Tennenbaums oder auch bei Little Miss Sunshine –, wir hier zur Katastrophe. Warum ein offensichtlich im heute spielender Film nach 1979 aussehen muß und sich anfühlt wie eine alte Loriot-Folge, ist mir schleierhaft. Und es überzeugt visuell einfach nicht, das ist viel schlimmer, es verführt nicht. Wobei ich zugebe… unter dem Paradigma, es handele sich in Wirklichkeit um eine Art Loriot-Sketch, macht der Film DEUTLICH mehr Sinn. Sogar erschreckend viel mehr Sinn. Dieser Linie folgt das Drehbuch auch bei der Handlung, durch die sich immer wieder mal eine mittlere Cruise Missile einfädeln ließe, so groß sind die Plotlöcher. Logik braucht ein deutsches Drehbuch scheinbar eh nicht, ebenso wenig wie die Charaktere eine Art Motivation. Warum Jasmin Tabatabai so einen Hals auf Hannah Herzsprung hat… man weiß es nicht. Vielleicht ging es um die Frage, wer die dramatischer aussehenden Tränensäckchen hingeschminkt bekommen hat oder sowas. Keine Ahnung, der Film verrät es nicht. Wenn am Ende dann auch noch die Leiche vom Anfang des Films HAARGENAU so baumelt wie die tote Freundin von Frau Krüger (wir alle wissen, wenn zwei Mädchen im Nazi-Regime Händchen halten, dann geht das nicht gut aus, ja… also ist das KEIN Spannungsmoment, lieber Autor. Nicht … die… Spur), dann möchte man nur noch weinen, weil man so viele Klischeebilder in so kurzer Zeit selten so um die Ohren geschmettert bekam. Wenn der Holzhammer es nicht tut, liebe Leute, greift der Autor auch zur Kettensäge. Die kleinen Ladenmädchen werden es ihm danken.

Das wirklich schreckliche aber war, das uns zwei mitteljunge Damen aus der ersten Reihe, schwer ergriffen von der seifigen Dramatik des Streifens anscheinend, verboten haben, gar giftig über den Film zu tuscheln. Was uns irgendwie den ganzen Spaß verdorben hat, weil es SO viel schönes zu lästern gab – und e seigentlich den Film rettet, wenn man sich bei jedem gruseligen Moment High-Five gibt. Man möchte förmlich aus dem Film ein Trinkspiel machen. Jedesmal, wenn ein Kinoklischee kommt oder eine pseudosymbolische Flachheit, muss man einen Wodka trinken. Nach einem Viertel des Films bist du komplett betrunken, egal, wie hart deine Leber ist, mein Freund. Irgendwie spannend, das Leute feuchte Augen kriegen, wenn sie fiktional dargestellt sehen, wie fies Knuddellesben von Bösenazis behandelt wurden, dann aber ratzefatze selbst zu einer Art Bibliothekar-Faschist werden und Pssstpssstpssst machen müssen. Get a live, folks. Und schaut vor allem bessere Filme. Auf DVD. Zuhause. Am Nordpol. Danke.

Immerhin war der Trailer von Letters from Iwo Jima vielversprechend. Flags und Letters scheint ein sehenswertes Double zu werden,auch wenn ich Kriegsfilme verabscheue.

Ich werde jetzt losgehen und versuchen, mir diesen Film mit einigen Cocktails aus dem Kopf zu knallen. Warum ist unausweichlich jeder deutsche Film, den das Feuilleton lobt, unsagbar oberflächlich?

Jesus fucking Christ!!!!