
Zuerst ist es ja in gutes Vorzeichen, wenn die Wachowski-Brüder, die mit Matrix I immerhin einen der besten Comic-Filme produziert haben, einen eigenen Verlag haben und in all ihren Arbeiten eine Affinität zum Comic-Genre aufweisen, ausgerechnet eine der besten Geschichten von dem Comic-Storyteller schlechthin, dem Orson Welles seines Genres, verfilmen. Sollte es Alan Moore endlich mal vergönnt sein, daß ein Film seinen Namen trägt nicht schrecklich ist?
Aber… nein, sollte es nicht. Anstelle der Wachowski-Bros dreht ihr Regieassistent James McTeigue hier seinen Erstling, und das Ergebnis ist ein stilistisch weit von der dunklen Ästhetik der Matrix entfernter, dumpfer Action-Streifen, eine Mischung aus Tim Burtons Batman und 1984. Und noch weiter entfernt von der Idee hinter V kann man eigentlich kaum sein. Es gibt also einen guten Grund für Moore, seinen Namen von diesem Projekt zu ziehen, so daß im Film-Nachspann nur noch David Lloyds Name auftaucht. Absurder geht es eigentlich kaum. Man sollte meinen, wenn man schon einen Film von einem Autoren verfilmt, den man selbst bewundert, dann achtet man auch auf seine Kritik an der Sache, oder?
Lobenswert ist bestenfalls der Versuch, einige Szenen zu retten. Die Shadowgallery ist liebevoll rekonstruiert, die Maske von V solide nachgebaut und die Szenen mit Evey in Larkhill sowie Valeries Brief folgen dem Buch relativ dicht. Hier und da blitzen immer mal wieder schöne Fragmente der Originalstory durch – immerhin mehr als man bei Moore-Verfilmungen bisher gewohnt war, wo man ja immer mal wieder nervös auf das Kinoticket (oder die DVD-Hülle) linst, ob man hier wirklich etwa From Hell sieht. Aber aus unerfindlichen Gründen ist die Story um entscheidende Elemente gekürzt und um völlig unpassende ergänzt worden.
Noch verstehen kann ich, daß man die Hintergrundgeschichte der Pulverfaßrevolution und Guy Fawkes einem internationalen Publikum zu Beginn erklären will, auch wenn bereits hier die angedeutete Liebesgeschichte zwischen Fawkes und einer Frau in der Menge eher irritierend ist. Aber schon beim Setdesign geht es los. Anstelle der sepiamonochromen Welt, die David Lloyd zu Moores Geschichte erfunden hat, liefert uns der Film eine verblüffend profan anmutende Alltagswelt, die zwar hier und da einen Blaustich aufweist, gerade bei den albernen (im Comic nicht vorhandenen) Kneipen/Altersheim/Wohnzimmer-Szenen aber eine Welt zeigt, die nichts von einem faschistoiden System à la 1940 aufweist. Diese Welt wirkt sehr wenig unterdrückt, wenn es da Chips und Mikadostäbchen auf dem Wohnzimmer gibt. Andererseits – eben entgegen der Profanität des Alltags – ist John Hurts Alan Sutler (schon der Name ist falsch, wie auch aus Norsefire wohl Northfire werden mußte) nicht der im Comic gezeigte ruhige Beamtentyp Susan, der mit Aktentasche seinen Job antritt – einer muß ja der Leader sein –, um sich vor seinen Computer zu setzen, dem er im Buch mehr und mehr verfällt, sondern eine Big-Brother-Karikatur vom Allerübelsten. An die Stelle des ruhigen, bürokratischen und genau deshalb so furchtbar beängstigenden Durchschnittstyps setzt der Film einen neokonservativen Mottenkisten-Diktator, komplett mit Hitlerlook, schwarzen Zähnen und Speichelflug, der sich gegen Ende in den klischeehaften Rumkreisch-Irrsinn steigert. Das Sutler im Film auch noch in einen Selbstbereicherungs-Skandal verwickelt ist, macht ihn noch alberner. Moores Diktator ist deshalb so gruselig, weil er jeder von uns sein könnte. Er ist effizient, er ist nüchtern, er glaubt an das, was er tut. England prevails. Das macht ihn so schrecklich. Hurts geldgieriger Schmierlappen-Diktator wirkt eher wie einem 20er-Jahre-Kino entsprungen. Schrecklich. Und das ausgerechnet John Hurt den Sutler spielt – Hurt spielt Winston Smith in der hochlangweiligen 1984-Verfilmung von Michael Anderson – macht noch greifbarer, daß McTeigue sich hier irgendwie banalerweise an 1984 vergreift… und Moore gelang es im Original-V doch gerade so schön, ein Gegenmodell zum Großen Bruder zu entwickeln, daß dem Faschismus zeitweilig ein furchtbar rationales, fast verständliches, fast langweiliges und insofern viel gruseligeres Gesicht verlieh. Moores Sutler ist eine Figur wie von William Shakespeare, ein müder König am Ende seines Weges, ungeliebt und voller Sehnsucht, der von der Richtigkeit seines Handelns überzeugt ist und zugleich umgeben von Intriganten Leutnants, die sein Ende planen. Das ist Schiller, das ist Shakespeare. Das ist eben nicht George Orwell und Hitler. So ist es auch bezeichnend, daß der Film keinen Faschismus präsentiert, sondern eine Art neofundamentalistischer religiöser Diktatur, komplett mit Doppelkreuz als Signet. Moores Story braucht diesen plumpen Quatsch nicht. Auch, daß Hurt wie eine Art Stalin-Karikatur auf Riesenleinwand über den Köpfen seiner Verwalter auftaucht ist zwar optisch ansprechend, weil es so schön an den Großen Bruder gemahnt, aber eben Quatsch. Im Original ist es umgekehrt und macht mehr Sinn: Sutler sitzt vorm Rechner und hat auf einzelnen Bildschirmen Kontakt mit seinen Department-Leuten, die bei sich im Büro sitzen. Das macht mehr Sinn, als zig Leute einzubestellen, aber selbst via Leinwand zu sprechen. Und es zeigt zugleich die Isolation von Sutler, der die Welt nur noch über seinen Computer wahrnimmt.
Nein, die Bösewichte im Film sind nicht die, die Moore uns gab. Sie sind Klischees und amerikanische Klischees dazu. Kirchliche Neomoralisten mit Biowaffen und vorgetäuschten Terroranschlägen. Was hat das mit V zu tun?
Denn auch die Hintergrundgeschichte mit den Fake-Terroranschlägen und dieser ominöse Pharma-Biowaffen-Skandal sind (dumme) Zusatzerfindungen und folgen der allerplattesten Logik eine Hollywood-Machwerkes, als sei ein Regime, sogar mit schreiendem Oberbösewichten samt Ming-Bärtchen, immer noch nicht offensiv evil genug, muß es also auch noch eine Art Aktien-Skandal geben – Exxon läßt grüßen. Es überrascht, daß ein Regime, daß Leute von der Straße gefangen nimmt und Tötungslager errichtet, aufwendigst einen Skandal vertuscht, bei dem es um etwas Aktienschwindel und Sekbstbereicherung geht – dahinter steckt die unausgesprochene Annahme, daß Wirtschaftsverbrechen tragischer sind als Genozid. Dieser absurde McGuffin-Einschub bringt die ganze Logik des Films zeitweilig ins Wanken, bedingt zusätzlich zur Ursprungsgeschichte hinzuerfundene (schwache) Figuren und langweilige Erzählsequenzen. Was McTeigue hier versucht, ist, eine recht zeitlose und britische Story aus den frühen 80ern so umzumodeln, daß sie eine Metaaussage zu 9/11 und dem aktuellen War against Terror wird. Die Assoziation, daß 9/11 eine Täuschung war, wie in V die Anschläge auf Schulen und U-Bahnen, um eine christlich-fundamentalistische Richtung zu pushen, ist fast schon zu greifbar, zu platt. Solche Platitüden hatte das Original nie nötig und sie werden den Film frühzeitig altern lassen, während die von politischen Aktualitäten losgelöstere Comic Novel deutlich zeitloser und kraftvoller wirkt. Warum also nicht einfach einen komplett eigenen Film machen, wenn man schon keine Lust hat, die ursprüngliche Story zu erzählen, sondern sich eigentlich lieber mit einem politischen State of the Nation der USA befassen mag?
Und dann ist da sehr viel nervender Kleinkram: Finch hat nichts von dem stillen intellektuellen Charme der Comic-Figur, sein LSD-Experiment in Larkhill fehlt komplett, das Rosen.Motiv wird nicht erklärt (und so auch bleibt auch die Explosion in Larkhill rätselhaft), die Vikingerbegräbnis-Assoziation fehlt, dafür wird der Graf von Monte Christo als Referenz des Filmmediums an sich selbst eingebracht, Delia will im Film Vs «schönes» Gesicht nicht sehen, Vs TV-Ansprache ist im Comic tausendmal kohärenter, klarer, kognitiver… ich kann mich im Comic nicht an deutlich sichtbar verbrannte Hände/Körper entsinnen, nicht an V mit Schürze, nicht an V als eine Art Martial Artist und so weiter und so fort. Ach, es fehlt an allen Ecken und Enden.
Und auch hier: Moore hat den ersten Teil von V for Vendetta Anfang der 80er geschrieben, als junger britischer Autor. Nach einer langen Pause beendete er das Werk dann, bereits ein Shooting Star in den USA, deutlich gereifter und spürbar weniger interessiert an der ursprünglichen Klischee-Geschichte vom düsteren Vigilanten in einem faschistoiden Regime. Die Story dreht sich im Folgenden insgesamt also weniger um V und Evey, sondern zentraler um die Idee von Faschismus vs. Anarchie, Führung vs. Freiheit… und beide Ideen, beide Worte tatsächlich, tauchen im Film gar nicht auf. Das philosophische Rückgrat der Geschichte ist damit verschwunden. Man kann im Gegenteil sagen, daß die Club-der-toten-Dichter-Szene am Ende (die es im Comic – glasklar – so nicht gibt), bei der halb London in V-Maske auftaucht (nebenbei: wie hat V als kleiner Ein-Mann-Terrorist all die Masken herstellen/liefern können?), eher das Gegenteil von Anarchie ist, weil ja alle gleich sind. Daß V zum Kult wird, ist eine Idee aus The Dark Knight Returns von Frank Miller, nicht aus V for Vendetta. Auch die Tatsache, daß V im Comic mehr oder minder gezielt, also bewußt stirbt, weil er versteht, daß sein Weg, seine Art zu denken und zu handeln, in dem von ihm erträumten freien Anarchismus falsch wäre, weil er ein Zerstörer ist, die neue Zeit aber Wiederaufbauer braucht, geht im Film unter. Der Freitod-Aspekt von V muß untergehen, weil die dieser Entscheidung zugrundeliegende komplexe Diskurs-Metastruktur zuvor ignoriert wurde. Aus komplexer und rationaler Tragödie wird so eine tumbe und plumpe Todesszenen-Tragödie gemolken, wie man sie schon hundertfach gesehen hat.
Gelangweilt von der Vigilante-Story hat Moore zudem im zweiten Teil mit einer an Shakespeare gemahnenden Präzision aus den Nebenrollen ein Drama um Politik, Eifersucht, Sex, Liebe, Haß und Intrige rund um Susans «Königshof» arrangiert, das in seiner Komplexität nach wie vor beeindruckend und in seiner Menschlichkeit, seinem Elend rührend ist. Der Fokus verschiebt sich mehr und mehr von V selbst hin zu Nebenfiguren, zu Prostituierten (oh… und übrigens: Evey ist nicht wie im Film eine TV-Mitarbeiterin mit hypermodernem Bluetooth-Ohr, sondern beginnt im Buch am Start gerade eine Karriere als Baby-Prostituierte… und kehrt indirekt im letzten Buchdrittel auf diesen Weg zurück, bevor V sie ein zweites Mal rettet, während sie im Film bei einem gütigen liberalen TV-Moderator landet, dessen Benny-Hill-Einlage im Comic (seufz) natürlich übrigens und gottseidank auch fehlt. Die Liste dieser peinlichen und unnötigen Abweichungen ist lang, so auch, daß Evey im Comic nicht von V flieht, sondern er sie nach einer Diskussion zunächst herauswirft. Die ganze dreckige Düsterheit und Armut von Moores V for Vendetta fehlt in der Welt des Films komplett, der eine Welt zeigt, die sich fast gar nicht von unserer unterscheidet), Ehefrauen und Kleingangstern, und hier schlägt das ein wichtiges zweites Herz der Story. Nur, daß dieses «Herzstück» im Film überhaupt gar nicht auftaucht. So ist unter anderem Geschichte von Rose(mary) Almond, Frau des verstorbenen Derek Almond, und ihr von V minitiös geplanter Niedergang (insofern macht auch im Comic die Symbolik des Dominospiels mehr Sinn, im Film bleibt davon nur ein beeindruckendes Bild), komplett gestrichen, ebenso der KitKat Klub, Helen Heyer, Conrad, Gordon und all die anderen Charaktere. So macht auch der Tod von Susan/Sutler im Film keinen Sinn mehr. Im Film wird er von V hingerichtet, was völlig gegen die Figur geht… V bringt nur seine Peiniger aus Larkhill um, ansonsten niemanden. Im Comic ist Susans Tod die Folge einer langen Folge von Intrigen und Verstrickungen, bis Rose Almond ihn bei einer öffentlichen Parade erschießt. Von der komplexen Timeline des Originals ist nichts geblieben. Wie ja auch die das Buch clever durchziehende V-Symbolik im Film getilgt ist.
Dafür kriegen wir einen kitschigen Schlußmonolog des sterbenden V, der so etwas wie eine Romanze zwischen V und Evey nahelegt. Wo kommt das her? Im Comic legt Moore eine Zeit lang die Saat, daß sich hinter der Maske vielleicht Eveys Vater verbergen könnte, aber selbst das wird später entschieden demontiert… wer V ist, ist unwichtig. Aber auf keinen Fall, zu keinem Zeitpunkt werden die beiden romantisch. Wieso auch? Hier folgt der Film dem idiotischen Diktum von US-Filmen, in denen es ohne Love Story nicht geht. Politik raus, Schmalz rein.
Es wäre vielleicht besser gewesen, V for Vendetta gar nicht zu verfilmen. Und wenn schon, hätte man es eher einem Terry Gilliam überlassen sollen, eine neobarocke, sepiabraune filigrane komplexe kleine Geschichte zu erzählen, die dem ursprünglichen Comic das Wasser hätte reichen können. McTeigue macht aus der Vorlage einen platten und wirren Batman-Thriller ohne jeden Mut, inszeniert in tausendmal gesehenen Bildern. Bei jeder Kampfsequenz möchte man einschlafen, bei den Dialogszenen schreien, bei John Hurts Klischee-Ausfällen lachen. Emotionale Kraft hat allein die Evey/Valerie-Sequenz und die ist so nahe an der Vorlage, daß man sich unweigerlich fragt, wie gut dieser Film hätte sein können, wenn man einfach nur mehr bei Alan Moores ursprünglicher Geschichte geblieben wäre.
Aber so wie der Film schlußendlich geworden ist, sollte man das Geld für die Kinokarte besser in die Graphic Novel von Moore investieren.
21. März 2006 10:06 Uhr. Kategorie Film. 3 Antworten.
Ole ole. Die Kühe erkennen das Gras grün ist; oder “Warum man Alan Moore Geschichten nicht verfilmen sollte.” Die eternal Frage warum, wenn ich etwas so gut finde das ich $$$ für die Rechte raushaue, das dann aber komplett umfleddere…
Aber. Irgendwie doch auch beruhigend. Zu sehen, das Kino kann aber auch nicht kann. Lasst die Geschichten doch in ihrem Medium. Es gibt so viel was Comic kann aber film nicht und auch (man mag es kaum glauben) andersrum. Warum also?
Und.
I met Terry Gilliam, and he asked me, “How would you make a film of ‘Watchmen’?” And I said, “Don’t.”
Eben.
Wirklich gute Filme sind oft solche, die auf einem Original-Drehbuch basieren (vor allem, wenn es von Charlie Kaufmann ist :-). Es gibt solide Adaptionen, siehe Brokeback oder Ciderhouse Rules, aber ich fände es sicherlich nicht schlecht, wenn das Kino sich mehr als Kunstform versuchen würde, das eigene Geschichten (er)findet.
Wobei ich finde, daß man V 1:1 hätte verfilmen können. Vielleicht nicht als KInofilm, sondern als HBO-Vierteiler, aber absolut 1:1. Das COmic hat alles, was du für einen großen Film brauchst.
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