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Up In The Air

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Jason Reitman hat bereits mit Thank you for Smoking und Juno bewiesen, dass er das seltsame Talente hat, Mainstream-Filme zu machen, die alles andere als Mainstream sind. Auch Up in the Air setzt diese Tradition fort oder setzt ihr vielmehr die Krone auf. Der Plot um den Ryan Bingham, der sein Geld damit verdient, dass er für große Firmen möglichst reibungslos deren Angestellte entlässt, dessen eigentliche Leidenschaft aber das Sammeln von Flugmeilen ist (mit dem großen Ziel, einmal auf 10 Millionen zu kommen), ist grob in drei Akte unterteilt. Akt Eins ist grandios und zeigt Bingham als schnittigen Traum jedes neoliberalen, jede Bewegung taylorisiert, kein Ballast in seinem Leben, Effizienz bis an die Tristesse. In seiner leeren Wohnung in Ohama, die eher wie die Hotelzimmer wirkt, in denen er auch sonst haust, verbringt er gerade einmal 40 «grauenvolle» Tage im Jahr, ansonsten ist er in der Luft, daheim in Airports und Jumbojets, wenn er nicht gerade routiniert Leuten ihre Arbeitslosigkeit als neue Chance verkauft oder Vorträge darüber hält, dass ein Leben ohne Erinnerungen und Beziehungen leichter und besser ist. Man ahnt bereits hier, dass Bingham ein ziemlich armer Tropf ist, der sich nur die passende Lebensphilosophie zu seinem gehetzten Dasein geschmiedet hat, und deutlich wird dies, als im ersten Akt  zwei neue Faktoren sein Leben aus der sorgsam gestalteten Balance bringen. Da ist zum einen Natalie Keener (gruseliges Wortspiel im Nachnamen, nebenbei), die kleine Karrierestreberin, die die Kündigungsgespräche aus der Zentrale per Webcam und computergestützten Gesprächsabläufen optimieren will (und damit Binghams Airport-Leben ruinieren würde, weil er in Zukunft aus einem Callcenter in Nebraska heraus arbeiten würde). Und Alex Goran, im Grunde das weibliche Gegenstück zu Ryan – «Ich bin wie du, nur mit einer Vagina»-, mit der er eine Art Hotelsex-zwischen-den-Terminen-Beziehung anfängt.

Reitman inszeniert den ersten Akt als meisterhaftes Musical aus Gesten, Schnitten und eben Clooney, der die perfekte Balance zwischen Ennui, innerer Leere und Charme wahrt. Er fängt den kalt glitzernden, irgendwie aber stets auch abstoßenden Charme der reibungslosen, auf Durchsatz optimierten Flugpassagierwelt ein, in der Bingham sich als König der Golden Cards wähnt, aber doch nur das am feinsten geschliffene Rad in der Maschine zu sein scheint, der Traumkunde mit dem geringsten Widerstand, ein Kosumjunkie, der alles andere seiner Sucht geopfert hat – der nur eben statt blass und ausgemergelt im feinsten Zwirn herumeilt auf der Suche nach dem nächsten Kick. Clooney schafft es, dass seine Figur neben der nervös-übereifrigen Natalie nahezu sympathisch wirkt, keine leichte Übung, wenn der Protagonist sozusagen beruflich Leute in die Verzweiflung treibt – was Reitman hier übrigens brillant mit echten Arbeitslosen dokumentiert.

Der zweite Akt ist zum Verzweifeln. Scheinbar übergangslos rutscht der Film in gängige Hollywood-Schmonzetten-Klischees vom reichen Businessmann, der den wahren Sinn des Lebens entdeckt in der Liebe und im «einfachen Leben». Ryan und Alex besuchen Ryans Schwestern in Wisconsin, wohnen einer in wunderbar subtiler Heimvideoästhetik eingefangenen Hochzeit bei, besuchen seine alte Schule und es wird nahezu unerträglich deutlich, dass Ryan sich ernsthaft verliebt und sich ändern will. Der stahlgraue Anzug weicht bei beiden einem Casual Look, und auf einem persönlichen Höhepunkt – seinem «Was ist in deinem Rucksack»-Vortrag auf einer namhaften Convention – fehlen Bingham die Worte, weil er anscheinend die Erleuchtung hat, dass sein ganzes Lebensbild eine Selbstlüge ist und nur die wahre Liebe zählt… weswegen er prompt losläuft und zu Alex nach Chicago fliegt.

Der zweite Akt fühlt sich so sehr nach einem durchschnittlichen Meg-Ryan-Film an, dass einem die Luft fehlt. Aufs allerplatteste haut Reitman ein «common people» Klischee nach dem anderen auf die Leinwand, getreu der alten Cracauerschen Kapitalismus-Bemäntelung, dass reiche Leute eigentlich arme Leute sind und die «echt gebliebenen» poor folks das Salz der Erde sind. Es ist so offensichtlich und holzhammerig, dass man fast den Saal verlassen möchte, weil dieser so gut und relativ subtil startende Film derart kollabiert.

Akt Drei dreht aber dem klassischen Hollywood-Drehbuch-Klischee vom geläuterten Bonzen die Nase, den in Chicago lernt Ryan, dass Alex die ganze Zeit eine Familie, Mann und Kinder hatte und ihn nur als Betthaserl missbraucht hat. Dieser feinen Umkehrung der Geschlechterrollen folgt auch der Film – an die Stelle der «Läuterung» unseres Oberkapitalisten folgt dessen Verdamnis, ohne Chance auf Happy End. Auf dem Rückflug erreicht Ryan ein zweites Lebensziel und bekommt als einer von sieben Menschen auf der Erde die American Airline Direkthotline-Karte und ein Gespräch mit dem Chefpiloten der Maschine (wunderbar Cowboy-trocken gespielt von Sam Elliot) – und gemessen an dem Verlust von Alex kann Ryan dem Ganzen natürlich nichts abgewinnen. Zu Hause angekommen unternimmt er den Versuch, sich reinzuwaschen von seinem Lifestyle, indem er symbolisch 100.000 seiner 10.000.000 Flugmeilen an seine Schwester spendet, damit sie einen Honeymoon-Weltreise-Rundflug machen kann – aber auch diese Geste birgt keine Heilung. Wo ein normaler Hollywood-Streifen im dritten Akt den geläuterten Protagonisten in den sicheren Hafen der liebevollen Arme der weiblichen Hauptrolle geleiten würde, erfüllt Reitmann seiner Figur zwar alle ursprünglich zentralen Wünsche vom Anfang des Films – die computergestützten Kündigungsgespräche werden abgeschafft, Bingham kann wieder fliegen -, aber vor der Folie der einmal erkannten inneren Leere seines Daseins, werden sie bedeutungslos. Im übertragenen Sinne hat auch Bingham die Kündigung gekriegt – und sie ist eben keine zweite Chance zur Selbstverwirklichung. Am Ende des Films steht Clooney vor der riesigen Departure-Anzeigetafel im Gewimmel der Flughalle und lässt erstmals seinen Handgepäck-Trolley, den er sonst immer souverän im Griff hat, los, verliert den Halt, und die Kamera zeigt uns am Ende den verzweifelten, leeren Blick eines Mannes ohne Ziele, ohne Orientierung.

Auch Reitman verfällt also auf die «armer reicher Mann»-Geschichte, mit denen so viele Filme die kleinen Ladenmädchen beglücken, aber wenn ich die enttäuschten und verwirrten Gesichter der Damen mittleren Alters in der Reihe hinter uns richtig deute, liefert Up In The Air nicht das Ende, das das normale Publikum erwarten würde – gottseidank. Reitmans Film ist ein wunderbarer Mindfuck, der bis zu einem gewissen Punkt die narrative Struktur einer normalen romatischen Komödie über-imitiert und dann völlig kippen lässt, ein Gag, den man in dieser Härte nicht zu oft bringen kann, der hier aber ideal funktioniert, weil Reitman sozusagen mit allen Mitteln ein Happy Ende suggeriert und es dann umso gewaltsamer vorenthält. Der Unterschied zur Stangenware – neben ästhetischen Details – ist vor allem, dass die Vorstellung von Rettung und «Love Conquers All» nicht mehr gegeben ist. Bingham ist nicht mehr zu retten, sondern wird vielmehr von einer weiblichen Version seinesgleichen, ausgemustert und erniedrigt. (Damit dieser Gag funktioniert, muss man aber leider damit leben, dass die Rolle von Vera Farmiga einen etwas unglaubwürdigen Schwenk von der warmen, positiven Figur im zweiten Akt zu der eher kalten und berechnenden Seitenspringerin in Akt III macht.) Die Tatsache, dass Reitman den Film für eine Zeit wie eine Komödie aussehen lässt, macht die Tragödie um so wirksamer. Reitman lässt die Läuterung seines Helden durch die Liebe zu – der Bindungsmuffel Bingham erkennt durch Alex die Oberflächlichkeit seiner Existenz und wandelt sich ganz im Sinne der üblichen RomCom-Handlung – und nimmt ihm dann die Chance auf Liebe und damit den «neuen» Lebenskern weg… übrig bleibt eine Ruine ohne Beziehung, ohne Kinder, ohne Heim ohne Lebensinhalte (nebenbei Dinge, die Alex alle aufzuweisen hat – Ehe, Kinder, warm anheimelndes Haus… aber auch  Sie scheint all das nicht zu erfüllen, sonst würde sie ja nicht fremdgehen). Lediglich die von Anna Kendrick sauber portraitierte naive Karrierefrau Natalie kommt halbwegs mit einem Blauen Auge aus dem Laufrad.

Up In The Air ist kein großer Film, aber ein wirklich gelungene Satire, der sehr erfolgreich die zu Stereotypen geronnen Erzählstrukturen von Blockbustern nutzt, um mit den Erwartungen seiner Zuschauer zu spielen und Ihnen in einem wunderbaren beiläufigen Handstreich den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

14. Februar 2010 12:00 Uhr. Kategorie Film. Tag .
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