
Es ist natürlich etwas müßig, bei jeder der seltenen Unkle-Veröffentlichungen darauf hinzuweisen, dass hier die irrlichternde Energie von Psyence Fiction nicht wieder erreicht wurde – James Lavelles Projekt ist ohne DJ Shadow inzwischen einfach eine solide Sache geworden, mit relativ berechenbarem Sound, der groovy und tight und etwas triphoppy daherkommt, den Gang meist im mittleren Tempo, immer etwas cinemascopig. Gespickt mit Gastauftritten (allerdings etwas weniger prominent als sonst bei Unkle) schwingt das Album psychedelisch irgendwo an der Grenze von elektronischer und akustischer Musik und scheint sich einen Dreck um Trends zu kümmern – das fünfte Album klingt nicht selten wie Never Never Land von Anfang des Jahrzehnts, erreicht aber auch eine Qualität, wie man sie vielleicht eher bei ProgRockern wie Porcupine Tree erwarten würde, allerdings ohne den letzten Schliff Härte, mehr an Smoothness als an Kontrasten interessiert. Es ist ein sehr elegantes, mitunter vielleicht einen Hauch konturloses Ergebnis.
Wenn man so will, ist »Where Did The Night Fall» ein Designprodukt, konzeptionell zusammengestellt, mit einem handverlesenen Team von Freelancer-Söldnern zusammengesetzt, jede Note, jeder Effekt, jede Stimmung mit sorgfältiger Präzision umgesetzt. Und wie das bei Design so ist, manchmal wirkt das Ergebnis einen Hauch zu berechenbar, zu clean, zu «designed» eben. Es gibt bei Unkle keinen Raum für den Zufall, glücklich oder fatal, alles hat einen dezenten Hautgout von Reißbrett-Musik. Wenn da bei «Follow me down» etwas Björk-Feeling aufkommt, dann ist das eben keine spontane Sache, sondern genau so und nicht anders gewollt. Jeder Ton, jede Abschweifung klingt architektonisch konstruiert. Es ist aber die Stärke von Lavelle, diesem Perfektionismus nicht den Spaß an der Sache zum Opfer werden zu lassen – «Where Did The Night Fall» klingt für Unkle-Verhältnisse ungewöhnlich tight, fast live-tauglich, und upbeat, wenn auch «fröhlich» sicher noch weit entfernt wäre. Aber greifbar ist dennoch, dass der Studioprofi und Soundtüftler anscheinend Lust auf den Dreck, die Spontaneität einer Live-Besetzung hat, auf Momente, die nicht im Computer (de)konstruiert sind. Und dieser Hunger nach dem Unplanbaren tut dem Album gut, auch wenn man einem herausragenden Song – wie ihn fast jede bisherige Unkle-Veröffentlichung hatte – etwas vergeblich sucht. Experimentell, oft ausschweifend, aber bei aller Trippigkeit immer konzentriert und lässig-gekonnt. So zeigt das fünfte Album Unkle gereift, vom Studiohobby-Projekt zu einer Quasi-Band, mit einem Sound, der wie bei vielen «reifen» Bands dann eben auch ein wenig kantenloser ist, entspannter. Man merkt, dass Lavelle sich selbst nichts mehr beweisen muss – und auf dieser Basis kann man natürlich recht solide ein feines Stück Popmusik drechseln.
4. Dezember 2010 17:22 Uhr. Kategorie Musik. Tag Pop. Eine Antwort.
“Rabbit In Your Headlights” mein ewiger Lieblingstitel inkl. dem Video dazu