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ULRICH BECK: WAS ZUR WAHL STEHT

Das 128 Seiten dünne, spürbar in kürzester Zeit verfaßte Manuskript von Beck, hat sich wie ein Snack in meinen Sloterdijk-hat-auch-was-zur-Globalisierung-zu-sagen-Trip gequetscht. Vielleicht liegt es am direkten Vergleich mit dem wortverliebteren Philosophen, daß der Soziologe überraschend leichtgewichtig daherkommt. Die meisten Simile in diesem Buch wirken beispielsweise doch arg plump hinkend – wenn er etwa ausgerechnet Kafkas Verwandlung plündert um die Verwandlung von einer nationalstaatlichen zur globalisierten Wirtschaft und de Hilflosigkeit der Politik zu versinnbildlichen oder wenn er sich der Metapher der toten Fische im Fluß bedient, wobei man nun flußabwärts das Problem lösen kann (indem man die Fische einfach rausangelt) oder flußaufwärts (indem man – aber hallo! – die Ursache des Problems sucht). Solche Platitüden machen zwar die Seiten voll, aber «vollgemacht» ist eben meist Scheiße. Becks Erkenntnisse an sich sind in der Regel zutreffend, wenn auch bekannt. Das die von der Politik immer noch gebetmühlenartig propagierte Vollbeschäftigung nur ein Fabelwesen ist, daß wir Lösungen für eine demokratische Gesellschaftsform mit einem hohen Prozentsatz an Nicht-Erwerbstätigen brauchen, daß man den Begriff der «Arbeit» auf der Basis einer Bürger Grundversorgung im Sinne Hannah Arendts neu kommunizieren müsse… darüber haben wir in Soziologie bereits zu meinen Uni-Zeiten gesprochen und da waren es noch gut drei Millionen Arbeitslose weniger. Auch die Einsicht, daß sich mit nationalen Lösungen das Problem der «globalisierten» Wirtschaft nicht in den Griff kriegen läßt, ist nicht wirklich neu, wenn auch hier schön erläutert. Das weder Schröder noch (die bei Beck stets zur Maggie-Thatcher-Parodie verbogene) Merkel diese beiden Einsichten in Taten umsetzen, ist ein roter Faden des Buches, jedoch verkennt Beck hierbei vielleicht, daß es Politiker neuen Typus nicht um tatsächliche soziale Lösungsansätze und Projekte geht, sondern de facto um die Sicherung von Macht, Status und persönlicher Ich-Verwirklichung qua politischen Amtes. Den visionären, aus innerer Überzeugung gegen externe Widerstände ankämpfenden Politiker, den gibt es – for better or worse – inmitten der mediakalkulierenden, McKinsey-beratenen Management-Politiker nicht mehr. Die rot-grünen Vertreter haben ihre (eventuell ja tatsächlich vorhandenen) über die eigene Karriere hinausgehenden politischen Ziele in der Koalition pragmatisch abgelegt – von keinem so dramatisch, öffentlich und auch exemplarisch vorgelebt wie von Joschka Fischer –, und die gelb-schwarzen haben einfach niemanden anzubieten, der innere Überzeugung jenseits von «Ich will diesen Job» ausstrahlt. Angela Merkel ist mir bisher stets dadurch aufgefallen, daß sie die interne Machtpolitik ihrer Partei überraschend souverän spielt und auch ihr öffentliches Image in den letzten Jahren gekonnt hat revidieren lassen… nie aber tatsächlich dadurch, daß sie eine glaubhafte eigene Zielsetzung eines politischen Projektes oder gar eine soziale Vision von Deutschland und Europa erkennen ließe. Politik ist für Merkel, Westerwelle, Schröder und Fischer längst ein abstraktes mediales Spiel, ein Theater, ein autopoietisches System. Aus de Erkenntnis, daß man als Politiker der in einer postnationalen Wlt zunehmend machtlos ist, haben sie sich auf die Inszenierung und Symbolisierung von Politik zurückgezogen anstatt zu versuchen, den Einfluß auf neuen Wegen zurückzuerkämpfen. Politiker sind heute wie Playbackstars. Und man merkt ihnen ja durchaus an, daß ihre Lieder langweilig und wenig echt und verblüffend ähnlich klingen.


Becks kurzer Analyse der Störungen einer globalisierten Wirtschaft, gespickt mit rhetorischen Fragen, folgt ein Lösungsansatz, der dann eher so dünne wirkt wie die von ihm so gern zitierten dünnen Beinchen des Samsa-Käfers aus Kafkas Verwandlung. Er setzt auf Europa, auf die Kooperation, auf eine neue Demokratie, auf ein Europa der Bürger, nicht der Bürokratie. Das ist schön. Und ich unterschreib das auch gerne. Und ich gebe ihm recht, wenn er sagt, daß die Ablehnung der EU-Verfassung kein NON für Europa war und die Bürger Europas sehr wohl spüren, daß es ein zurück zum Nationalstaat – wie sie die seltsam rechtsgewandte Linkspartei und auch Teile der großen Volksparteien derzeit, im Glauben, daß hier Volkes Seele wummert, propagieren – nicht mehr geben kann. Aber es mangelt dem Buch an konkreten Vorschlägen, wie man diesen Weg beschreiten kann in einem überbürokratisierten Europa, daß genau so sehr in Partikularinteressen, Vorschriften, Lobbyismus und Kleinstaaterei gefangen ist wie die Bundesrepublik ja selbst. Der von Beck aufgezeigte Weg einer Art basisdemokratischerer Gemeinschaft greift ja auf vielen Ebenen… ich bin sicher, eine große Ruhrmetropole würde die Probleme, die Essen, Duisburg, Dortmund, Bochum et al einzeln haben, sicherlich langfristig lösen. Aber wie kommt man dahin, mal abgesehen von einem Putsch? Wer überzeugt Bürgermeister, Beamte, Stadttheater, Lokalpolitiker, Behörden, Einrichtungen und nicht zuletzt auch die Bürger davon, daß die Sache sich auszahlen kann und man eigentlich ohnehin keine Alternative haben wird? Analog würde es sich sicherlich lohnen, wenn wir in Deutschland weniger Bundesländer, einen neuen, eleganteren Föderalismus hätten… aber die Praxis zeigt, wie sehr alle Kleinstländer an ihrer «Eigenständigkeit» hängen. Man kommt sich vor wie im Europa vor dem ersten Weltkrieg, wenn man sich das anschaut. Ergo: Wer überzeugt London, Paris, Rom, Warschau und Berlin davon, daß es Sinn macht, Macht und Einfluß aufzugeben, sich selbst aufzugeben? Wer überzeugt die Bürger von den Vorteilen eines vereinten Europa, wenn doch so offensichtlich gerade die akuten Erweiterungsschritte für viele Menschen im Alltag eher nachteilige Auswirkungen haben, wenn sich das Volk nach kleinen, überschaubaren Verhältnissen zurücksehnt, in denen polnische Dachdecker und chinesische Näherinnen, ukrainische Autodiebe und japanische Manager wieder – wie früher – in sicherer Entfernung waren? Und: Wie organisiert man ein Europa der Bürger? Welche Foren, welche Institutionen, welche Gesetze, welche Kommunikationsplattformen undundundundund braucht es hier? Beck hat hierauf keine Antworten und weicht – nicht ganz unrichtig aus: «Es geht nicht ums Antworten, es geht ums Anfangen». Nichtsdestotrotz: eine solche Orientierung stellt zumindest einen Ansatz, eine Denkrichtung dar, die der Politik einen neuen Spielraum geben würde. Schröders Vertrauensfrage würde somit zum Wegbereiter einer neuen Denkweise in der Politik: Mit großer Geste auf die eigene Existenz verzichten, wenn es um das große Ganze geht. De Aufgabe der Politik wäre demnach, einem vereinten Europa, einem kompakteren Deutschland zu dienen und die eigene Selbstauflösung er ermöglichen. Wer im neoliberalen Sinne weniger Staat fordert, möge doch bei sich selbst anfangen. Es wäre keine schlechte Politik, wenn die Essener und Bochumer Bürgermeister ebenso wie die Landesvater von Sachen und Brandenburg ebenso wie die Regierungschef der europäischen Mitgliedsstaaten darauf zuarbeiten, in Ehren von der Bühne gehen zu dürfen, um einer neuen Form von Politik den Weg zu bereiten. Schröder zeigt, daß dieser Weg gangbar ist.

Am Ende, im seltsamen Zoom von der europäischen Totale in die extreme Nahaufnahme seines universitären Alltags, beschäftigt sich Beck mit der Bildung und ihrer Misere. Dingfest macht er die, nicht zu unrecht, an den Reformversuchen der letzten Jahre, die in neudeutsche Begrifflichkeiten gepackten Sparmaßnahmen und die McKinseyisierung der Bildung, die sich als solche einer Effizienzmessung eigentlich entzogen sein sollte. Beck entdeckt hier die Bildung (oder, wie er Markwort umwandelt: Bildung, Bildung, Bildung) als den Lösungsweg in einer unsicherer werdenden Risikogesellschaft (klar, kein Text von Ulrich Beck ohne den Bezug hierauf). Nur gebildete (im Sinne von selbstbewußten, flexiblen, informationskompetenten) Menschen sind in der Lage, eine demokratische Gesellschaft mitzugestalten, sich ihren eigenen Weg im komplexer werdenden, weniger verläßlichen, brasilianischer werdenden Arbeitsmarkt zu erkämpfen, neue pragmatische Lebensmodelle zu entwerfen. Auch hier entdeckt er den grundlegenden Denkfehler in der nationalistisch geprägten Denkweise der Bildungsstätten. Eliteuniversitäten als Konkurrenzmodelle im nationalstaatlichen Wettbewerb, die gesamte Anwendung ökonomischer Effizienzdenkmodelle auf den Bildungsbereich. Das alles ist wiederum nicht wirklich neu – bereits zu meiner Studienzeit monierten Professoren, daß es inzwischen wichtig sei, personalchefgerecht SCHNELL zu studieren, während es zu seiner Zeit durchaus gut gewesen sei, möglichst viel, vielseitig und entsprechend auch ruhig ein paar Semester mehr, die Uni-Bank zu drücken – aber dennoch richtig. Das Anwenden neoliberaler Denke auf ein neon-ökonomisches Gut wie die Bildung ist Gift. Es kann an Universitäten nicht darum gehen, eine Ausbildung zu liefern (und nichts anderes tut der Bachelor), sondern es muß darum gehen, tatsächliches Denken, Querdenken, Neudenken zu stiften. Beck teilt hier mit Sloterdijk den ruf nach KREATIVITÄT als Ergebnis einer Bildungserfahrung. Der Rückgang der Geisteswissenschaften sollte gerade den Deutschen hier ein Warnsignal sein. Der deutsche Schwermut, seine Philosophie, seine Soziologie, das «Dichten und Denken»… das sind Ressourcen, Exportschlager. Man sollte sich auf diese Stärken besinnen, nicht versuchen, sie abzustreifen. Gerade die Dinge, die heute so marktuntauglich wirken, und die wir zugunsten von «handfesteren» Studiengängen (die Jobs versprechen) aufgeben, sind die Jobs der Zukunft. Wenn unsere Universitäten brave Corporate-Whores erzeugen, Ingenieure und Wirtschaftler, die in die große Maschine gehen und nicht realisieren, daß sie seit 50 Jahren spuckt und stottert und rasselt, dann mache ich mir Sorgen. Die von Beck geforderte Rückkehr zum Humboldtschen Bildungsideal unterschreibe ich insofern gern. Studenten, die selbst denken, Lösungskompetenz und Interesse entwickeln, die in der Risikogesellschaft das Sichere ablehnen und Hunger entwickeln und insofern global später zu den führenden Denkern gehören können – wer will das nicht? Die Frage, die Beck nicht stellt, ist allerdings: Welche Professoren in Deutschland sollen dies gewährleisten? Die jetzige Generation, die (in erschreckender Analogie zur Politik) innerlich gekündigt hat, im Beamtenstatus und Kleinkrieg verloren ist? Wie sollen die den Studenten Flexibilität, ja gar Rasanz lehren, diese vielen grauen Herren im Cordlook der 70er? Das ist keine Universalkritik, es gibt an den Universitäten herausragende Lehrkräfte, aber sie bleiben die Ausnahme. Und jede Generation emergieren neue Primarstufenlehrer, neue Sek I und II-Lehrer, neue Dozenten und Professoren, die vor allem eins suchen: Einen lauen, sicheren Job. Na, so wird das aber nix mit der Humboldtschen Bildung, Herr Beck.

Ulrich Beck hat allerdings recht, hinter solcher Widerrede den Geruch von Fatalismus zu verorten. Er hat Recht, daß er als Autor mal gar nicht auf alles eine Antwort haben MUSS. Vielleicht reicht es, schnell die richtigen Fragen zu skizzieren und essayistisch-locker und insofern auch für eine vielleicht breitere Leserschaft die Fragen der Zeit zu umreißen und zugleich ein wenig gute Laune im Hinblick auf die Möglichkeiten der Zukunft zu umreißen. Becks Grundverdienst mit diesem kleinen Band ist, daß er es schafft, das Negative der gegenwärtigen Globalisierungs-Situation in einen positiven Rahmen zu fügen, wodurch bereits alleine Handlungspotentiale und Chancen wahrnehmbar werden. Bei mir vertieft dieser Optimismus allerdings fast das Schwarzsehen. Nichts ist schließlich schlimmer als die Ahnung, daß man mit einem grundsätzlichen Umdenken tatsächlich große Schritte nach vorne machen würde – national wie global, wenn man angesichts der gegenwärtigen Wahl nur zu gut weiß, daß sich da niemand anbietet, der dieses Umdenken auch nur ansatzweise verkörpert. Wir haben die Wahl – von tiefrot bis braun – zwischen Besitzstandsbewahrern und Rückwärtsdenkern. Von der CDU und erst recht nicht vom neonationalen Rand erwartet man freilich keine neuen Antworten, die den raschen Real-Veränderungen Rechnung tragen und Aussicht auf einen proaktiven Umgang und eine gewissen Cleverness tragen. Die FDP könnte vielleicht, ist aber längst zur Klientelpartei mutiert, die Grünen haben sich zwischen Krötenwanderung und Realpolitik aus den Augen verloren, die SPD wird Jahre brauchen, um sich programmatisch aus der tiefen Schlucht heraufzukämpfen, in die sie seit 1998 gerutscht ist… aber am Enttäuschendsten ist wohl die neue Linkspartei, wenn auch nur rein formaljuristisch eine «neue» Partei. Nichts macht die Krise der Gegenwart schöner begreifbar, als eine «linke» Partei, die nicht nah vorn schaut, sondern sich zurücksehnt (bei der PDS nach der DDR-Zeit, bei der WASG nach den 70er Jahren) und sich völlig aus der Realität ausklinkt. Dabei wäre die Zeit gut für eine wirkliche neue linke Partei, der Kapitalismus als letztes großes ökonomisches System als letzter großer Wurf, ist schließlich fast ebenso am Boden wie der Sozialismus und der Faschismus zuvor. Das Heilsversprechen, daß wachsende Gewinne für die Unternehmen auch wachsenden Wohlstand für die Bevölkerung bringen, löst sich auf, der Kapitalismus verliert seine Kraft als Lösungssystem für soziale Zusammenhalte. Er hat gezeigt, daß er zutiefst antidemokratisch und barbarisch handeln kann (sei es in der glänzenden Kooperation mit prosperierenden Diktaturen, sei es in der knallhart von Gewinnversprechen geprägten Logik des Irak-Krieges und des derzeitigen «Kriegs» gegen den Terror.) Wer jetzt mit neuen Antworten, neuen Gegenentwürfen, neuen Ideen käme, wer für Demokratie und das bestehende Wirtschaftssystem tatsächlich eine ganzheitliche und glaubwürdige Lösung anbieten könnte, der hätte durchaus Chancen in diesem Wahlkampf, der die Ehrlichkeit bisher so oft verspricht und nie gewährleistet. Statt dessen ist die Linkspartei eher ein Schritt zurück in den Gelsenkirchener Barock, in die spießige Muffigkeit, die Lafontaine und Gysi ja geradezu im Wortsinne verkörpern.

Wenn Beck also eines mit seinem Buch auf den Punkt bringt, dann wie traurig und sinnlos dieser Wahlkampf derzeit wirkt, wie alternativenloser denn je er sich generiert. Nicht, weil er es sein müßte (man hat sich ja fast schon postmodern damit abgefunden, daß politisches Handeln keine wirkliche Sinnhaftigkeit mehr zu besitzen scheint), sondern vielmehr, weil wir eben doch nicht die richtigen Köpfe an der Macht haben. Denn ganz egal, wer im September gewinnt, am Ende wird es heißen: Well, it didn’t work so far, let’s try more of the same.

6. August 2005 17:13 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

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