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U2: No Line on the Horizon / Live from Paris

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U2 sind eine der wenigen Bands, die seit der Gründung 1976, in unveränderter Besetzung, mit relativ gleichem Sound und mit seit langer Zeit sehr durchgehendem Erfolg dabei sind, vielleicht der letzte echte Dinosaurier der Spätsiebziger, sicher der allerletzte, der noch Stadions füllt. Ein solcher Status ist für eine Band ein tödlicher Cocktail, Experimente werden von den Oldschool-Fans abgelehnt, aber U2s Klangwelt lädt auch nicht zu Stillstand ein, die Songs sind kompositorisch einfach zu selbstähnlich. So ist es kein Wunder, dass U2 in den achtziger und neunziger Jahren ihren Sound mit Hilfe von Produzenten wie Brian Eno und Daniel Lanois konsequent ausgebaut haben, mal vorsichtig nach Peter-Gabriel-Elementen griffen, mal nach Gospelsounds, mal nach Bombast, mal nach Elektronik, um schließlich mit dem Passenger-Projekt an dem Punkt angelangt zu sein, wo die Band selbst glaube, so anders zu klingen, dass ein Album nicht mehr unter dem eigenen Bandnamen erscheinen kann. So weit gerannt, wie sie nur konnten, stand U2 seitdem seltsam im Limbo und bereits das letzte Album, das vor bereits vier Jahren erschienene How to dismantle an Atomic Bomb, klang insofern ein wenig so, als hätten sich Bono, Edge, Larry und Adam eingeschlossen und alte Platten gehört, klang etwas nostalgisch.

Fünf Jahre später zeigt sich U2 auf No Line on the Horizon als Band im Limbo. Wie David Bowie hat sie die experimentelle Phase abgeschlossen und begnügt sich nun damit, zu existieren. Man ist versucht zu raten, wie welcher Song in das Tourneeprogramm der Band zwischen alte Songs passen wird, die Tracks sind alle sehr stadion-tauglich, und verzweifelt dabei, weil jedes Lied vage nach einem alten U2-Song zu klingen scheint. No Line on the Horizon ist ein Best-of-Album mit neuen Songs, die oft gefährlich an eigenen Coverversionen entlang schliddern, was zum einen irgendwie schön nostalgisch ist, man ist sofort in den Tracks drin, weil sie wenig mehr tun, als Erinnerungen an andere Nummern auszulösen, aber zum anderen natürlich irgendwie wenig. Das Album ist makellos produziert, vielleicht ein wenig zu makellos für die Musik, die U2 eigentlich machen. Viele Tracks erinnern vage an Joshua-Tree/Rattle&Hum-Zeiten. Wo Atomic Bomb eher auf Boy und War zurückgriff, wird jetzt die epische Phase der Band aufgewärmt, das Lanois-Feeling in Moment of Surrender ist so stark, dass man sogar fast glaubt, eine vergessene B-Seite zu hören. Der Unterschied ist, dass Bono heute betont auf mitsingbare (mitgröhlbare) Refrains achtet, die – wie bei Unknown Caller – eher anstrengend sind, die Chorus-Lines wirken wie vorprogrammiert, wie überhaupt dem Album irgendwie ein greifbares Herz fehlt. No Line ist ein perfektes Popalbum, das aber seltsam unehrlich, wenig intim und aufrichtig wirkt, keinen Raum für Fehler hat, in jeder Hinsicht auf Nummer Sicher geht und insofern eigentlich gar nicht existieren müsste. Es ist, als schreibe ein berühmter Autor auf Autopilot ein neues Buch, das nur aus Versatzstücken alter Romane besteht, alten Dialogzeilen, alten Plotwendungen und dem stets gleichen Denouement. Anders gesagt: No Line on the Horizon wird mit jedem erneuten Hören einen Tick langweiliger.

U2 sind also auch nach fünf Jahren Pause immer noch da – vielleicht  nur verständlicherweise  – wo andere Megabrand-Bands wie die Stones oder Depeche Mode seit langem sind: Musik ist Arbeit und Plattform für andere Dinge. Neue Alben sind – absurderweise gerade bei Bands, die die finanzielle Sicherheit hätten, mit jedem Album mutiger zu werden – nur Schaltmomente der eigenen Verwertungskette von Album, Promo, Tour, Sponsoren, Nachverwertung. Entsprechend wir, wie bei allen großen Marken, wie bei BMW aber auch bei McDonalds, das Produkt nur noch minimal variiert, gerade genug für ein wenig Aufmerksamkeit, aber im Kern ist kein Raum mehr für Innovation. Musik als Produkt ist Musik in Bernstein gegossen.

Auffallend und gravierend wird der Unterschied erst, wenn man sich alte U2-Songs anhört, wie etwa das exklusiv bei iTunes erhältliche Live from-Paris, 2008 erschienen, auf dem das legendäre Konzert von U2 im Hippodrome de Vincennes 1987 festgehalten ist. Was auf No Line Selbstimitat ist, ist hier noch unverfälschtes Original. 1987 war ein zentrales Jahr für U2, der Umbruch von dem härteren Sound alter Songs, die Fortsetzung der neuen Richtung von Unforgettable Fire, der große Durchbruch mit Where the Streets have no Name und With or Withour You, der Wechsel vom Indieact zur Megaband. An genau diesem Bruchpunkt festgehalten, mit den Klassikern im Gepäck, die man noch von von Under a Blood Red Sky live kennt, aber eben auch mit den fragileren neuen Nummern, wirken U2 professionell und bühnenerfahren und dennoch aufgekratzt, von dem eigenen Erfolg berauscht. Die Band bereist die Welt und erlebt viele der auf Rattle and Hum festgehaltenen großen Momente, verändert sich, bereist Amerika mit 110 Gigs, treten mit Sinatra auf, werden groß. Mitten drin die Europatour, tagelang ausverkaufte Hallen, Arenen, eine Band, die routiniert, aber noch nicht stumpf ist.

Es ist immer unfair, ein U2-Livealbum mit einem Studioalbum zu vergleichen, die Band ist live unendlich energetischer als im Studio, aber dennoch macht der direkte Vergleich unschön deutlich, wie sehr in den letzten zwei Dekaden die Luft aus der Band verschwunden ist. Trotz der massiven Tour wirkt die Band kein bisschen müde, eher aufgekratzt und wuchtet ein im Rückblick nur als wirkliches Best-of zu bezeichnendes Konzert heraus, in dem aber (vielleicht weil der Backkatalog noch nicht so erdrückend groß ist wie heute) noch Raum ist für kleine ruhige Momente wie MLK oder October, für plötzliche Coverversionen und für eine energiegeladene Version von Exit, für Lieder jenseits der reinen Hitlisten also. Noch weit entfernt vom Selbstzitat präsentieren U2 mit den einfachen Mitteln ihrer drei Musiker und ihrer begrenzten Ausdrucksmöglichkeiten eine Klangwelt, die ehrlich und frisch wirkt, und Bono als Frontmann ist noch weit weit entfernt von der Parodie, wirkt in seinem Pathos noch glaubhafter, nicht ganz albern. U2 ist noch nicht völlig zum Bestandteil in einer Kette von perfekten Midiclocks geworden, die allabendlich für verlässliche Shows sorgen, die Durchhänger ebenso ausschließen wie Höheflüge, sondern einfach die Animatronics, wie ein Musical halbautomatischer Puppen immer und immer wieder funktionieren. Wo die Band heute externen Stimulus braucht – exotische Aufnahmeorte, Experimente mit Rick Rubin, um am Ende doch nach Dublin/London und zu Brian Eno und Daniel Lanois zurückzufinden – ist sie auf Live from Paris noch vor Energie berstend auf der Bühne, hellwach. es gibt wenig erschreckenderes, als die beiden Alben relativ direkt nacheinander zuhören, No Line wirkt wie ein schwaches Echo, wie alte Kicker, die nochmal auf den Platz gehen, um ein legendäres Match nachzuspielen, aber einfach nicht mehr so schnell, nicht mehr so strahlend sind wie früher.

Man kann einer Band nicht vorwerfen, wenn sie «ihren» Sound gefunden hat und dabei bleibt, oder wenn sie Musik nicht mehr aus Leidenschaft betreibt, sondern weil das eben irgendwie das ist, was man tut, was man ist. Bands wie die Beatles oder Police haben den Absprung geschafft, bevor sie in diesen Kreislauf gekommen sind, die länger überlebenden Formationen haben diesen Luxus einfach nicht. Und U2 sind sicher noch um einiges besser gealtert als etwa andere Acts der gleichen Altersklasse, wie die Simple Minds, Cure oder Depeche Mode. Aber ein etwas schaler Nachgeschmack bleibt bei dem neuen Album, weil eine Band, die sich lange Jahre von Album zu Album weiter entwickelt hat, auf einmal so zufrieden mit dem eigenen Sound ist., dass sie stehenbleibt. No Line on the Horizon bedeutet eben vielleicht für U2 auch, dass es nichts mehr zu entdecken, nichts mehr zu erobern gibt, dass es keine Zukunft mehr gibt.

19. Juni 2009 09:06 Uhr. Kategorie Leben. Tag . Keine Antwort.

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