
Typoversity ist ein Buch mit dem Herz am rechten Fleck. Es gehört mit 240 Seiten und mit einem Preis von 25 € in die Kategorie von Designbüchern, die sich jeder leisten kann, es ist liebevoll gestaltet und nähert sich seinem Thema so vielseitig und gekonnt, dass es eine Freude ist.


Die beiden Design-Made-In-Germany-Macher Nadine Roßa und Patrick Marc Sommer sind mit Andrea Schmidt, die auch mit Patric für die Gestaltung zuständig war, als Herausgeber von Typoversity noch nahe genug dran an der universitären Erfahrung, um zu spüren, wie wenig Licht auf die Leistungen von Studenten fällt – geschweige denn im typographischen Bereich. Sicher, einige Professoren – allen voran Fons Hickmann und Klaus Hesse – schieben aus eigener Kraft die Projekte ihrer Studenten in Wettbewerbe und beweisen dort, wie gut studentisches Design sein kann, aber oft genug haben die Studenten selbst oder auch die Fachhochschulen nicht das Budget, an größeren Designwettbewerben mitzumachen, zumal es hier oft zu Verzerrungen kommt – die freieren Uni-Arbeiten wirken mitunter, je nach Wettbewerb, seltsam zwischen den markt-orientierteren «realen» Werken. «Sushi» ist eine willkommene Ausnahme – ebenso wie die TDC und ADC Nachwuchsprogramme – aber eine Publikation, die sich exklusiv auf Studenten-Output in Sachen Schriftdesign, -experiment und -layout konzentriert, ist dennoch eine Ausnahme, und in diesem Fall eine ausgesprochen schöne dazu.


Denn das kompakte Buch kommt nicht nur im edlen Les-Naturals-Karton mit Letterpress von Bölling daher, sondern besticht auch im Inneren mit einer liebevollen Gestaltung auf Werkdruckpapier, die ein wenig an alte Hermann-Schmidt-Publikationen erinnern, die Art von humanistisch zweifarbigem Textsatz auf Naturpapier, die Thematik, man wundert sich impulsiv fast, dass dieses Buch eben nicht bei Bertram und Karin Schmidt-Friderichs erschienen ist, sondern bei Norman Beckmann – aber der Look steht ja tatsächlich für eine gewisse Haltung zur Typographie und ist vielen Studenten wahrscheinlich aus «Lehrbüchern» von Schmidt vertraut und passt insofern ideal. Es zeigt auch, das der Hermann-Schmidt-Verlag fast eine Art Genre etabliert hat, in dem auch andere Publikationen und neue Verlage erfolgreich funktionieren, das eine Mischung aus Showcase und Fachbuch ist. Denn wo viele andere Designbücher es beim reinen Arbeitenzeigen belassen, weil es einfacher ist, nur Bilder zu reproduzieren, macht sich Typoversity die Arbeit, textlich in die Tiefe zu gehen. Die Studenten stellen ihre Projekte teilweise ausführlich vor bzw. zitieren ihre Projektstrategien, Interviews mit den Studenten – etwa mit Jenna Gesse über ihr Buch «Leerzeichen für Applaus» – vertiefen die Ansätze und Ideen, so dass die nur anhand von Bildern oft zu abstrakt wirkenden Projekte greifbar und nachvollziehbar werden und man als Leser einen soliden Einblick in das bekommt, was sich in den Projekten an den Fachhochschulen und Universitäten tut. In einem gelb abgehobenen Textteil kommen zudem die Professoren zu Wort – mit einer mehr als feinen Auswahl, darunter so bekannte Protagonisten wie Nora Gummert-Hauser, Jürgen Huber und Christian Hanke, Indra Kupferschmid, Jay Rutherford oder Dan Reynolds, um nur einige wenige zu nennen. Das Buch, als Projekt, als Package, als Endergebnis, ist so überzeugend, dass man es eigentlich auch als Designer im Schrank haben sollte, wenn man sich nur wenig für den typographischen Nachwuchs interessiert – und jede Designschule sollte es in großer Menge an Erstsemester verteilen.


Zugleich ist es eine Meditation über die Bedeutung typographischer Lehre im Design. Nicht nur in den Interviews, aus denen eine wahrscheinlich zum Bachelor-Umbruch und zu leeren Staatskassen passende Mischung aus Aufbruchstimmung und persönlichem Engagement versus einer gewissen institutionellen Frustration mit mangelnden Möglichkeiten spricht, sondern auch in Form der Arbeiten selbst. Die ganze Bandbreite von Schriftschaffen, von relativ soliden Fontentwicklungen bis zu mal mehr, mal weniger gelungenen pragmatischen und experimentellen Print-Arbeiten zeigt wie unterschiedlich und vielfältig die Lehransätze sind (und wie wichtig es eigentlich für Studenten wäre, sich vorab über diese Unterschiede zu informieren bzw. informieren zu können). Die Tendenzen der Branche – von der Rückkehr zum zum Handmade-Look bis zu neo-sachlichen oder post-dekonstruktiven Designansätzen – kommen über die Studenten prototypisch zurück und spiegeln auf seltsame Art wider, wie Studenten und Lehrende auf Trends im Design reagieren und diese somit hinterfragen oder auch festigen. Manche Ergebnisse wirken dabei etwas altbacken, wenn etwa Raum-Fläche-Verteilungen zu Designs führen, die etwas an Plakatgestaltung aus den 70s erinnert, manches wirkt so brav, als wäre es schon in einem Bewerbungs-Portfolio, manches erinnert frappant an die aktuellen Vorbilder der Studenten, wieder anderes hat eine ernsthafte Unschuld und zeigt die Zeit und den Mut zur Suche nach eigenen Lösungen, das es eine Freude ist, sich die Arbeiten anzusehen. Von Design-als-Dienstleistung bis zu Design-als-Rebellion, Typoversity versammelt einen extrem spannenden Querschnitt durch die Ansätze der Hochschulen und dürfte deshalb nicht zuletzt auch Studenten-in-Spe helfen, sich für eine Schule zu entscheiden, die ihren Vorlieben entspricht.


Nun bin ich als Designer ja eigentlich ausgesprochener Freund des angewandten, «funktionierenden» Designs. So sehr mich Arbeiten von vier5 oder metahaven begeistern, am Ende bin ich ein Kind von Leuten wie Aicher, Weidemann und Spiekermann und will Design, das wirkt, das sozial ist und nicht «künstlerisch» orientiert. Kunst ist Mittel, nicht Ziel, das ist für mich nach wie vor eine sinnvolle Kommunikation. Dessen ungeachtet finde ich, dass gerade an den Hochschulen das Entdecken, das Spielen, das Experiment und damit unweigerlich auch ein Design, das mit beiden Füßen, einem Ellbogen und dem halben Gesicht in der «Kunst» steht, ungemein wichtig. Freies Experiment ist die Brutkammer für all die Fehler und Fehlschläge, die am Ende zu der Erfahrung führen, die für «funktionierendes» Design wichtig ist. Studenten brauchen, so seltsam das klingt, idealerweise einen Mix aus pragmatischen, handwerklich orientierten Dozenten und solchen, die ihre Köpfe in Brand stecken, Horizonte verschieben und sie seltsame Dinge tun lassen. Unter diesem Aspekt ist fast verwunderlich, wie wenig wirklich avantgardistisches in Typoversity steckt – verwunderlich und erschreckend. Enorm viele Arbeiten sind fast Portfoliotauglich, hier eine Webpage, dort in liebevoll gemachtes Buch, Plakate, Schriften – alles enorm markttauglich, viele Arbeiten so gut gemacht, das man die Leute vom Fleck weg engagieren möchte. Was etwas fehlt, ist der, um Gregor Eisenmann zu zitieren, «kranke Shit». Da gibt es ein wenig Buch-Entstellung, da gibt es Experimente, die aber an Holzer, Underware, Sagmeister erinnern, also auf verlässlichen Pfaden wandeln, da gibt es Schriftentwürfe, die sich à la 90s gegen die Lesbarkeit aufwenden – aber es gibt nach zweifachem Lesen kein Projekt, wo mir der Kopf weggeflogen ist. Das ist keine Kritik – weder am Buch, noch an den Studenten und erst gar nicht an den Lehrenden – sondern eher Verwunderung. Ich hab selbst acht Jahre den Dozenten gegeben und weiß, wie unfassbar schwer es ist, als Lehrender aber auch für die Studenten selbst, im Rahmen von ein zwei Semestern komplett wirsche Sachen zu provozieren und produzieren… und sich dennoch nicht permanent vorzuwerfen, dass man bei einem solchen Trip den «Stoff» und die Vorbereitung auf die Arbeitswelt total vernachlässigt. Was auch richtig ist – im Grunde ist die Aufgabe, vor allem beim Bachelor (seufz), eine Art Ausbildung zu liefern. Und ich bin wahrscheinlich nicht der einzige Arbeitgeber, der sich fragt, ob diese Ausbildung nicht sogar noch sachlicher und fachlicher sein müsste, mehr Know-How in Sachen Marketing, Werbung und und und vermitteln müsste, mehr Praxiserfahrung. Das Studium ist also ohnehin überfrachtet – von den verschiedensten Seiten. Dennoch ist es schade, dass insgesamt doch recht wenig Punk, recht wenig Böses in den Seiten von Typoversity passiert, denn es spricht für eine gewisse Bravheit der Studenten – und Design braucht eigentlich, um sich als Branche aber eben auch als Kommunikationsmedium per se weiterzuentwickeln – immer wieder Nachwuchs, der alles in Frage stellt, die Tempelsäulen einreißt und konzeptionell wie gestalterisch neue Ufer entdeckt. Insofern ist es natürlich eine Freude, so viele anwendungsorientierte Arbeiten zu sehen, die oft so sauber und gelungen gemacht sind – aber irgend etwas in mir wünscht sich zumindest ein zwei Brandstifter, die ihre Energie nicht in etwas zu kopflastigen Experimenten verpuffen, sondern die eine viskerale, brutale Energie haben, die mich als Betrachter zugleich abstoßen und anziehen, irritieren, provozieren und mitreissen. Es ist wahrscheinlich den Reformen an den Hochschulen zu danken, dass die Chance, die Universität als Labor für Sturm und Drang zu sehen, so lange Unsinn zu produzieren, bis Sinn emergiert, ein wenig vorbei ist. Die Frage ist aber, ob wir wirklich jedes Jahr hunderte von «funktionierenden» Design-Absolventen brauchen, für die es z.T. gar keinen Arbeitsmarkt gibt und die ein wenig seltsam zwischen Kunst und Werbung hängen… oder ob es nicht auch sinnvoll ist, Design als Studium einer Haltung gegenüber Gesellschaft und Welt zu sehen, in der – und das wäre die große Ausnahme in den Universitäten – das permanente Hinterfragen des Status Quo, das Experiment, die Rebellion und damit der starke Wunsch nach Veränderung wichtiger ist als Anpassung an Arbeitswelt. Dann nämlich würden die «etablierten» Designer aus dem Ideenpool der Studenten Anregungen und Inspirationen suchen – sozusagen die «wilden» Ideen zivilisieren und filtrieren… und nicht mehr umgekehrt die Universitäten zu Orten, an denen bestehendes Design ein Stück weit emuliert und aufgearbeitet wird.



Für die Designbranche als Ganzes – denn ich kenne ja genug Studenten, die genau diese Energie zum Experiment in sich tragen – würde das unterm Strich vielleicht sogar mehr bringen, denn mit den Jahren würde nicht nur unser «Genre» visuell und inhaltlich deutlich voran geschoben werden, vielleicht sogar jenseits der endlosen stilistischen Rückgriffe, die heute in sind, und eine eigene neue, evolutionäre Form finden, vor allem würde eine Generation selbstbewussterer Gestalter entstehen, die das Experiment als Lebensform begriffen haben und ihr Leben – und damit wahrscheinlich unser aller Leben – langfristig durch eben solche Experimente, Startversuche, grandiose Fehlschläge und ebensolche Erfolge, bereichern würden. Aber das geht natürlich weit jenseits der individuellen Studenten und Dozenten – die ja alle absolut mehr als ihr bestes geben -, hier geht es fast um ein kulturelles Wollen des Staates und eine Haltung zu Design (und Architektur) als «Geisteswissenschaft» und um die Frage, was Universitäten sein sollen – Ausbildungsmaschinen oder Orte, an denen Menschen und Gesellschaften sich neu erfinden. (Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte). ich weiß nicht, ob die Hochschulen – durch Schwerpunktsetzungen, Dozentenauswahl, Involvierung von Studenten, Branding usw. – hier selbst etwas tun können oder ob tatsächlich nicht ein Umdenken auf Landes- und Bundesebene gefragt wäre. Wenn in England schon die erste private «geisteswissenschaftliche» Hochschule eröffnet wird, weil sich die eher neoliberal tickenden Briten darum staatlich kaum noch kümmern, dürfte man sich in Deutschland erinnern, dass neben den Ingenieursfähigkeiten eben doch auch das Denken und Philosophieren ein deutsches «Alleinstellungsmerkmal» ist – und eine Qualität, die man nicht mirnixdirnix aufgeben sollte.


Typoversity zeigt insofern die Hochschulen im Querschnitt als Momentaufnahme – moderner als noch vor einigen Jahren, von einer neuen Generation Lehrender angefeuert, mit einer ganz anderen Art von Studenten, aber zum Teil auch überfordert, unterfinanziert und ein wenig orientierungslos im Strom der Anforderungen zwischen Kommerz und Kunst, getragen von hochmotivierten und designaffinen Lehrpersonal und Studenten mit Herzen und Seelen von Kämpfern, die sich gegen den Apparat und das systemische Trägheitsmoment wehren. Es zeigt – wie so viele Portfolio-Books – oft ununterscheidbar gute Arbeitsergebnisse, in denen es für Absolventen immer schwieriger wird, sich zu profilieren und einen USP zu finden. Vor allem aber zeigt es Typographie als nach wie vor zentrales Fach für Design, das alles andere als ein How-to-Fach ist, in dem etwas Schriftexperiment und Geschichte vermittelt wird. Es ist, paradoxerweise, trotz der ureigentlich handwerklichen Orientierung heute ein Kopf-Fach, in dem gearbeitet und konzeptioniert wird, und in dem Design-Denken vermittelt wird, vielleicht weil Schrift eben immer noch Medium des greifbar gewordenen Denkens ist.



Und darin einen Einblick zu gewinnen – das ist für 24,90 € mehr als geschenkt. Man kann nur hoffen, dass das Buch ein Erfolg wird und ein Dauerbrenner und wir von Roßa und Sommer noch einige Folgebände bekommen, die die Entwicklung studentischer Arbeit mit Schrift und Layout über mehrere Jahre dokumentiert.

Weil das hier kein gekauftes Buch ist, sondern ein Exemplar, das Patrick mir persönlich geschickt hat, würde ich es gern verlosen. (Liest so weit unten überhaupt noch jemand mit?) Die Sache ist relativ einfach: Mitmachen können nur Studenten (ich prüfe das nicht nach, ich vertraue den Einsendern). Bitte schickt mir eure beste eigene typographische Arbeit, je wilder, desto lieber – der Student mit der schönsten Arbeit (subjektive Entscheidung mit dem nodesign-Team als Jury) bekommt das Buch geschenkt, portofrei. Also: Einfach eine Mail an schellnack@nodesign.com mit einer kleinen PDF, vielleicht ein paar Worte dazu und eure Adresse. Einsendeschluss ist in einer Woche. Ich bin sehr gespannt, ob überhaupt noch Designer (geschweige denn Studenten) dieses Blog lesen und ob überhaupt bzw. was da bei uns ankommt.
16. Juni 2011 08:07 Uhr. Kategorie Design. Tag Studium, Typographie. 5 Antworten.
[...] Artikel könnt ihr hier lesen! Und nicht nur weil meine Arbeit fotografisch sehr schön abgebildet [...]
“Ich bin sehr gespannt, ob überhaupt noch Designer (geschweige denn Studenten) dieses Blog lesen …”
in aller Kürze, ich
bin kein Student mehr,
aber lese immer bis zum Ende,
bin vernarrt in Typographie und
hinterlasse diesen Kommentar, alleine um der Gefahr vorzubeugen, dass du irgendwann dem Glauben verfällst, keiner lese deine Artikel bis zum Ende, denn dann würdest du vermutlich keine weiteren verfassen
und das wäre sehr bedauerlich.
Dochdoch – auch wenn ich nie ganz sicher bin, was ich mit diesem Blog mache, das ja kein «Service»- oder Marketingblog ist, sondern mein privater Sandkasten, und entsprechend mal Plattenkritiken kommen, mal haufenweise Photos, mal dann endlos lange Texte, weil es meine momentane Zeit- und Interessenlage widerspiegelt, würde ich das nicht ganz aufgeben, auch wenn Twitter sich manchmal reaktiver und schneller anfühlt. Es ist primär ja für mich selbst da, ein Zettelkasten und ein Archiv und die Art von Tagebuch, die öffentlich sein kann. Ich würde das also selbst nicht missen wollen.
Deshalb kündige ich ja auch keine Bücher an oder stelle sie kurz vor, sondern «mißbrauche» sie meist, weil sie mich auf irgendeine Sache stoßen, über die ich dann etwas schreibe. Das ist akut gar nicht so wichtig für mich, aber nach Jahren sind diese Notizen und Zustände klasse in der Rückschau. Ich habe letztens meinen Text über das Dortmunder Konzerthaus noch einmal gelesen und konnte mich genau an die Bahnfahrt von Hamburg nach dem Termin mit Stampa erinnern und wie motiviert und begeistert ich war, den Text in einem durchgeschrieben – und wie genau das die Strategie für den Pitch wurde. Sowas Jahre später wiederzuentdecken ist allein das Blogging wert, selbst wenn hier KEINER mehr mitliest (was ja nicht der Fall ist). Wobei ich zugebe, dass es verwirrend aber auch spannend ist, dass die Reaktionen bei eher, naja, «essayistischen» Texten höher ist als bei Reviews. Ich denke immer, das will kein Mensch lesen – aber vielleicht lieg ich damit total daneben, keine Ahnung.
[...] interessiert – und jede Designschule sollte es in großer Menge an Erstsemester verteilen.« HD Schellnack »Dem Design-Nachwuchs dringend zu empfehlen!« Jürgen [...]
[...] Aktion auf unserer facebook Seite kommentieren. Nahe legen möchte ich euch noch die Rezension von HD Schellnack, der ich mich nur voll und ganz anschließen kann. StichworteBuchempfehlung, Gewinnspiel, nbvd, [...]