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Typo Berlin 2009 Space Tag Zwei

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Ganz schnell die Roh-Bilder von dem zweiten Tag der Typo in Berlin, mit einem ziemlichen Übergewicht an Markus-Hanzer-Bilder, was ein derart fulminanter Vortrag aber auch wirklich verdient hat…

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Markus Hanzer ist fast ein Stammgast der Typo und das zu Recht, zumal er sich jedes Mal selbst überbietet. Ich erinnere mich bestens an seinen wunderbaren Flimmerkastenschrift-Vortrag, der aber nahezu blass wirkt gegen den fulminanten Rundumschlag, den Markus hier zum Thema Space bietet. Von ihm selbst zugleich bescheiden und doch passend als Gedankenspielerei angekündigt, springt er assoziativ mit gefühlten 20.000 Bildern und Videos von Thema zu Thema, durch Himmel, Hölle, Zentralperspektive, Bilderwelten, Illusionen und führt die Besucher der Typo so an sicherer Hand durch einen kultur- und kommunikationstheoretischen Vortrag der A-Liga, ohne dabei je das Themengebiet Design ganz aus den Augen zu lassen. Wo andere nur ein Portfolio zeigen (und Markus qua Lebenslauf auch damit Stunden füllen und begeistern könnte), hat sich Hanzer spürbar ein Jahr lang mit Büchern und seinem riesigen Bildarchiv hingesetzt und ein Monster kreeiert, das zu Recht begeisterten Applaus erntete. Unverdient in einem zu frühen Timeslot, hätte dieser Vortrag eher ans Ende gehört, oder ans Ende des ersten Tages. Ohne jede Frage einer der, vielleicht DER beste Vortrag auf der Typo und am engsten an der Idee, die ich von Vorträgen generell habe. Bei der Dichte an Text sogar verzeihlich, dass (exzellent) abgelesen wurde, zumal man so in den Genuss eines geschliffenen Textes kam, der hoffentlich alsbald in der Form oder anderenortes abgedruckt sein wird :-D.

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Das Typo-Panel, bei dem ich auch zu Gast sein durfte. Jürgen hat hervorragend die Situation, die Entstehung seiner Idee zu einem Gespräch dieser Art aus dem Cottbus-Logo und anderen Dingen (Steinmeier-Logo usw) herauskristallisiert und die Veranstaltung souverän geführt.
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Das Los entscheidet, wer startet und ich war’s leider. Die TypoShow ist kein guter Ort für Vorträge, muss ich sagen. Dunkel, zu warm, der Beamer nicht so gut wie in der Hall. Nach gefühlten drei Sekunden war ich fertig und hab keine Ahnung, was ich erzählt habe, ehrlich gesagt. Man sieht mir aber an, dass die Fahrt zur Typo 12 Stunden dauerte und ich im Grunde keine Nacht richtig geschlafen habe in Berlin.

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Steffen von Anschlaege.de (leider sind die anderen Photos nichts geworden) stellt ausgezeichnete, handfeste Ideen vor, wie man die Lage in der Branche effektiv verbessern kann. Einer meiner Lieblingsvorträge und Johannes Erler neben mir nickt auch bei fast jedem Punkt. Extrem gut!

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Erik ist einer der ersten, der sich an dem ursprünglich von Johannes in die Diskussion gebrachten Begriff «Designkammer» verbeisst und irgendwie geht unter, dass Johannes damit weniger unbedingt einen staatlichen GestaltungsTÜV meinte als vielmehr eine mächtige Lobby und einen starken Verband, ob staatlich oder privat. Übrigens gibt es auch bei der Architektenkammer keinen gestalterischen Maulkorb, sondern es geht um wirtschaftliche Aspekte. Erik schafft es – Marketinggenie, das er ist – ein bisschen Werbung für EdenSpiekermann einzubauen, indem er das Kundenmanifest seiner Firma vorstellt, das großartig ist, und das jeder gute Designer in dieser Form sicher lebt – aber das jetzt relativ wenig mit den akuten Problemen, um die es ging zu tun hatte. Trotzdem schöner, und wie immer bei Erik, wahnsinnig charismatischer Vortrag.

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Heide Hackenberg hat eine entwaffnend herzliche Art und eine ehrliche Ausstrahlung, die umwirft. Nur leider setzt auch sie beim Kammerbegriff an und endet bei einer Art Promotion für den AGD. Gerade letzteres ist ihr Job, aber es hätte mich schon eher interessiert zu hören, wie sie aus ihrer Sicht ganz konkrete diverse Probleme gelöst sehen würde.

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Johannes Erler packt die Designer an der eigenen Nase und stellt einige wichtige Fragen, die 20 Sekunden lang wortlos stehen, was dem Pecha Kucha Format ungeahnte Wucht verleiht, weil man tatsächlich etwas zu lang mit der Frage ist und diese dadurch wunderbar intensiv ist. Neben Steffen sicher mein Lieblingsbeitrag hier. Ich bin ein großer Fan von Johannes Arbeit und seiner fast jungenhaften, sympathischen, offenen Art und habe vielleicht am meisten genossen, mit ihm kurz über den neuen Auftritt vom DT reden zu können, den ich immer noch nicht sonderlich mag, aber jetzt auf jeden Fall verstehe. Wenig Leute können ihre Arbeit so präzise erklären wie Erler!

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Tanja Mühlhans kommt aus der Politik und hat den Traumjob, sich für den Berliner Senat um eigentlich alles rund um die Kreativwirtschaft – Musik, Architektur, Design, Mode und und und – zu kümmern. Man ist etwas schockiert, dass eine einzelne Frau alle diese Ressorts mehr oder minder allein zugeschmissen bekommt (ist Berlin die Kreativwirtschaft nicht mehr Personal und Budget wert? Hallo?), aber wenn schon, dann bitte diese Frau. Die Mittdreißigerin hält einen großartig verpeilten Vortrag, kann über sich selbst lachen, ist ernsthaft aber humorvoll und ohne jede Frage jemand, der engagiert, ehrlich und taff ist. Ich bin bereits hier absolut begeistert, das DASS die Politikerin in der Runde ist – und meine Sympathie ist in der Podiumsdiskussion später absolut zementiert. Berlins Kreativwirtschaft ist in beneidenswert guten Händen! Leute wie Tanja geben mir fast den Glauben an die Politik zurück ;-D. Spannend an dem Vortrag vor allem die Erkenntnis, dass die Ansprechpartner in den Behörden und der Politik sich EINEN Ansprechpartner wünschen, der kompetent und gebündelt die Wünsche der vielen Kreativen vertritt … im Klartext also eine Art Lobby.

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Bei Hennings Vortrag passiert etwas unglaubliches: Weil es 5 vor 16 Uhr ist, verlassen einige Leute den Raum, um in der Hall den nächsten Vortrag zu sehen. Verständlich, auch wenn ich denke, dass das Panel-Thema wichtig genug ist, um dabei zu bleiben… aber muss es MITTEN im Vortrag sein? Bei 6:40 kann man doch mal eben bis zum Ende warten. Hennings These ist, dass von NIX eben auch nix kommt. Als Kopf eines Verbandes mit nur 600 Mitgliedern eine richtige und verständliche Aussage. Wer sich beschwert, sollte auch die Verbände, die existieren, fördern (und fordern). Die Jahresgebühren sind angesichts anderer Ausgaben (und angesichts der Jahresverdienste in unserer Branche) vertretbar und nur starke Verbände (bzw ehrlichkeitshalber nur EIN starker Verband)  können unsere Interessen vertreten. Ich bin kein Vereinsheimer, aber es gibt einen Grund, warum ich bei 5 oder 6 solcher Einrichtungen bin :-D.

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Das Ende macht Florian Pfeffer von one/one studio, der einen engagierten und witzigen Vortrag hält und versucht, sein Publikum zu mehr Ehrlichkeit bei Pitches zu hypnotisieren. Wie bei Heide glaube ich aber, dass eine reine SELBSTverpflichtung nicht ausreicht. An die individuelle Vernunft zu appellieren, greift zu kurz, wenn das so wäre, bräuchte man keine Gerichte auf der Welt. Ich denke, wir brauchen deutlich mehr Selbstregulierung (und zugleich eine Art eindeutiges Außenministerium) als durch an-die-eigene-Nase-packen drin ist.

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Die Podiumsdiskussion, fing gut an, aber ich bin nicht sicher, ob diese Form von Gespräch-auf-Bühne ideal ist. Schade fand ich, dass am Ende Heide und Henning sich als Verbände völlig gegen die Lage und das Thema Gemeinsamkeit um unwichtige Details einer Studie des BDG streiten.  Ob denn nun Werbeagenturen in der Studie sind oder nicht und ob Nail-Designer dabei sind. Während Tanja Mühlhans neben mir still verzweifelt und anmerkt, die Zahlen seien doch egal, solche Studien sind eh nur Trojanische Pferde, um Interessen zu fokussieren und zu kommunzieren, Argumentationshilfe.

Das Problem ist: Der BDG argumentiert entlang der Linie, dass die Designbranche insgesamt groß und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, der politische Beachtung und Förderung verdient.

Der AGD, der eher die kleinen und freien Einzeldesigner versammelt, argumentiert eher auf der Linie, dass alle Designer Künstler sind und deshalb staatliche Unterstützung brauchen. Das ist natürlich nicht kompatibel und drängt zu einer Definition, was eigentlich alles Design ist. Dennoch ist extrem schade, dass die beiden Verbände sich hier so ungeschlossen und vor allem wenig lösungsorientiert präsentiert haben. Es gibt Gründe, warum im Kern kein Top-100-Ranking-Designunternehmen bei AGD oder BDG ist, und an diesen Gründen sollte man schnell und entschlossen was tun :-D

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Die offene Debatte im Garten mochte ich dann wirklich sehr, aber leider blieb auch sie etwas ohne konkreten Verbleib. Ich finde immer beängstigend, wenn ganze Branchen sehr eindringliche Warnungen in den Wind schlagen. Ich habe das bereits bei den Photographen (Digitale Photographie wird sich NIE durchsetzen) und den Druckern (Internet-Billigdruckerei? Das macht mir keine Angst, die Kunden wollen Beratung und Service) gesehen, und wir alle kennen den Stand der beiden Branchen heute. Den Designern wird es genau so gehen, wenn wir nicht schnell und entschlossen gemeinsam handeln. Wir sind 5 oder 10 Jahre von einer schweren strukturellen Krise entfernt, die sich bereits jetzt deutlich abzeichnet und wirtschaftlich spürbar ist. Die Tatsache, dass niemand das ernst nimmt, ist etwas frustrierend, zumal ich ungern in der Rolle der einsamen Cassandra bin. Das Ding ist nur: Ich habe bisher IMMER mit solchen Warnungen recht gehabt. Wer heute Crowdsourcing und Pitchplattformen nicht ernstnimmt, ist morgen arbeitslos.

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Mario Lombardo habe ich verpasst, weil ich mich verquasselt habe, aber er hat im Grunde Portfolio der letzten drei Jahre gezeigt. Lombardo ist in dieser Zeit vom Spex-machenden-Geheimtipp zum heißesten Designer in Deutschland aufgestiegen, was nicht immer nur Vorteile hat, aber ihm scheint die Arbeit immer noch Spaß zu machen. Ganz wehrlos kann ich mich dem Handmade-Design-ist-kuschelig nicht ergeben, zumal Mario meist erklärt, wie er handwerklich/technisch etwas hergestellt hat, aber nicht so sehr warum… aber fraglos sind seine Arbeiten stilprägend (leider bei vielen Studenten zu stilprägend ;-) und oft sehr liebevoll.

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Chip Kidd wiederholt seine Performance von 2006 in der gleichen Rolle des exzentrischen, kernschwulen New Yorker Intellektuellen, dessen Arbeiten anscheinend keiner versteht. Diese etwas masochistische Rolle – immer gespickt mit penis und bitch – passt vielleicht, wenn man DER Stardesigner in den USA ist, weil das Publikum natürlich liebevoll mitleidet, wenn ein Coverentwurf nach dem anderen abgelehnt und vergewaltigt wird… wir kennen das ja alle. Kidd ist insofern Identifikationsfigur, die an unserer Stelle den leisen Frust mit dem Kunden auslebt und zu einer wütendem, zickigen und natürlich hyperkomischen Karikatur (at least we hope so) eines Designers verdichtet – Bitch, I don’t know your life. Dass man dabei eigentlich durchaus einmal über die Qualität von Kidds Arbeit an sich sprechen könnte, die sehr oszilliert und er vielleicht inzwischen längst ein besserer Autor als Designer ist (Learners und Cheese Monkeys sind brillante Bücher, über jeden Zweifel erhaben), geht im Gelächter leider stets etwas unter. Schade auch, dass Kidd zwar Arbeiten zeigt, aber eben auch nicht erklärt, wie sie entstehen, also Prozesse und Inspirationen offenlegt und seine Arbeit so erschließbar macht. Auch bei ihm bleibt das Gefühl, dass sein Design eine persönliche, intuitive Autorenschaft darstellt, dich sich jeder Begründung entzieht – was etwas schade ist.

23. Mai 2009 09:16 Uhr. Kategorie Design. Tag . 18 Antworten.

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