
Ganz schnell die Roh-Bilder von dem zweiten Tag der Typo in Berlin, mit einem ziemlichen Übergewicht an Markus-Hanzer-Bilder, was ein derart fulminanter Vortrag aber auch wirklich verdient hat…























Markus Hanzer ist fast ein Stammgast der Typo und das zu Recht, zumal er sich jedes Mal selbst überbietet. Ich erinnere mich bestens an seinen wunderbaren Flimmerkastenschrift-Vortrag, der aber nahezu blass wirkt gegen den fulminanten Rundumschlag, den Markus hier zum Thema Space bietet. Von ihm selbst zugleich bescheiden und doch passend als Gedankenspielerei angekündigt, springt er assoziativ mit gefühlten 20.000 Bildern und Videos von Thema zu Thema, durch Himmel, Hölle, Zentralperspektive, Bilderwelten, Illusionen und führt die Besucher der Typo so an sicherer Hand durch einen kultur- und kommunikationstheoretischen Vortrag der A-Liga, ohne dabei je das Themengebiet Design ganz aus den Augen zu lassen. Wo andere nur ein Portfolio zeigen (und Markus qua Lebenslauf auch damit Stunden füllen und begeistern könnte), hat sich Hanzer spürbar ein Jahr lang mit Büchern und seinem riesigen Bildarchiv hingesetzt und ein Monster kreeiert, das zu Recht begeisterten Applaus erntete. Unverdient in einem zu frühen Timeslot, hätte dieser Vortrag eher ans Ende gehört, oder ans Ende des ersten Tages. Ohne jede Frage einer der, vielleicht DER beste Vortrag auf der Typo und am engsten an der Idee, die ich von Vorträgen generell habe. Bei der Dichte an Text sogar verzeihlich, dass (exzellent) abgelesen wurde, zumal man so in den Genuss eines geschliffenen Textes kam, der hoffentlich alsbald in der Form oder anderenortes abgedruckt sein wird :-D.







Das Typo-Panel, bei dem ich auch zu Gast sein durfte. Jürgen hat hervorragend die Situation, die Entstehung seiner Idee zu einem Gespräch dieser Art aus dem Cottbus-Logo und anderen Dingen (Steinmeier-Logo usw) herauskristallisiert und die Veranstaltung souverän geführt.


Das Los entscheidet, wer startet und ich war’s leider. Die TypoShow ist kein guter Ort für Vorträge, muss ich sagen. Dunkel, zu warm, der Beamer nicht so gut wie in der Hall. Nach gefühlten drei Sekunden war ich fertig und hab keine Ahnung, was ich erzählt habe, ehrlich gesagt. Man sieht mir aber an, dass die Fahrt zur Typo 12 Stunden dauerte und ich im Grunde keine Nacht richtig geschlafen habe in Berlin.

Steffen von Anschlaege.de (leider sind die anderen Photos nichts geworden) stellt ausgezeichnete, handfeste Ideen vor, wie man die Lage in der Branche effektiv verbessern kann. Einer meiner Lieblingsvorträge und Johannes Erler neben mir nickt auch bei fast jedem Punkt. Extrem gut!



Erik ist einer der ersten, der sich an dem ursprünglich von Johannes in die Diskussion gebrachten Begriff «Designkammer» verbeisst und irgendwie geht unter, dass Johannes damit weniger unbedingt einen staatlichen GestaltungsTÜV meinte als vielmehr eine mächtige Lobby und einen starken Verband, ob staatlich oder privat. Übrigens gibt es auch bei der Architektenkammer keinen gestalterischen Maulkorb, sondern es geht um wirtschaftliche Aspekte. Erik schafft es – Marketinggenie, das er ist – ein bisschen Werbung für EdenSpiekermann einzubauen, indem er das Kundenmanifest seiner Firma vorstellt, das großartig ist, und das jeder gute Designer in dieser Form sicher lebt – aber das jetzt relativ wenig mit den akuten Problemen, um die es ging zu tun hatte. Trotzdem schöner, und wie immer bei Erik, wahnsinnig charismatischer Vortrag.


Heide Hackenberg hat eine entwaffnend herzliche Art und eine ehrliche Ausstrahlung, die umwirft. Nur leider setzt auch sie beim Kammerbegriff an und endet bei einer Art Promotion für den AGD. Gerade letzteres ist ihr Job, aber es hätte mich schon eher interessiert zu hören, wie sie aus ihrer Sicht ganz konkrete diverse Probleme gelöst sehen würde.

Johannes Erler packt die Designer an der eigenen Nase und stellt einige wichtige Fragen, die 20 Sekunden lang wortlos stehen, was dem Pecha Kucha Format ungeahnte Wucht verleiht, weil man tatsächlich etwas zu lang mit der Frage ist und diese dadurch wunderbar intensiv ist. Neben Steffen sicher mein Lieblingsbeitrag hier. Ich bin ein großer Fan von Johannes Arbeit und seiner fast jungenhaften, sympathischen, offenen Art und habe vielleicht am meisten genossen, mit ihm kurz über den neuen Auftritt vom DT reden zu können, den ich immer noch nicht sonderlich mag, aber jetzt auf jeden Fall verstehe. Wenig Leute können ihre Arbeit so präzise erklären wie Erler!


Tanja Mühlhans kommt aus der Politik und hat den Traumjob, sich für den Berliner Senat um eigentlich alles rund um die Kreativwirtschaft – Musik, Architektur, Design, Mode und und und – zu kümmern. Man ist etwas schockiert, dass eine einzelne Frau alle diese Ressorts mehr oder minder allein zugeschmissen bekommt (ist Berlin die Kreativwirtschaft nicht mehr Personal und Budget wert? Hallo?), aber wenn schon, dann bitte diese Frau. Die Mittdreißigerin hält einen großartig verpeilten Vortrag, kann über sich selbst lachen, ist ernsthaft aber humorvoll und ohne jede Frage jemand, der engagiert, ehrlich und taff ist. Ich bin bereits hier absolut begeistert, das DASS die Politikerin in der Runde ist – und meine Sympathie ist in der Podiumsdiskussion später absolut zementiert. Berlins Kreativwirtschaft ist in beneidenswert guten Händen! Leute wie Tanja geben mir fast den Glauben an die Politik zurück ;-D. Spannend an dem Vortrag vor allem die Erkenntnis, dass die Ansprechpartner in den Behörden und der Politik sich EINEN Ansprechpartner wünschen, der kompetent und gebündelt die Wünsche der vielen Kreativen vertritt … im Klartext also eine Art Lobby.


Bei Hennings Vortrag passiert etwas unglaubliches: Weil es 5 vor 16 Uhr ist, verlassen einige Leute den Raum, um in der Hall den nächsten Vortrag zu sehen. Verständlich, auch wenn ich denke, dass das Panel-Thema wichtig genug ist, um dabei zu bleiben… aber muss es MITTEN im Vortrag sein? Bei 6:40 kann man doch mal eben bis zum Ende warten. Hennings These ist, dass von NIX eben auch nix kommt. Als Kopf eines Verbandes mit nur 600 Mitgliedern eine richtige und verständliche Aussage. Wer sich beschwert, sollte auch die Verbände, die existieren, fördern (und fordern). Die Jahresgebühren sind angesichts anderer Ausgaben (und angesichts der Jahresverdienste in unserer Branche) vertretbar und nur starke Verbände (bzw ehrlichkeitshalber nur EIN starker Verband) können unsere Interessen vertreten. Ich bin kein Vereinsheimer, aber es gibt einen Grund, warum ich bei 5 oder 6 solcher Einrichtungen bin :-D.

Das Ende macht Florian Pfeffer von one/one studio, der einen engagierten und witzigen Vortrag hält und versucht, sein Publikum zu mehr Ehrlichkeit bei Pitches zu hypnotisieren. Wie bei Heide glaube ich aber, dass eine reine SELBSTverpflichtung nicht ausreicht. An die individuelle Vernunft zu appellieren, greift zu kurz, wenn das so wäre, bräuchte man keine Gerichte auf der Welt. Ich denke, wir brauchen deutlich mehr Selbstregulierung (und zugleich eine Art eindeutiges Außenministerium) als durch an-die-eigene-Nase-packen drin ist.















Die Podiumsdiskussion, fing gut an, aber ich bin nicht sicher, ob diese Form von Gespräch-auf-Bühne ideal ist. Schade fand ich, dass am Ende Heide und Henning sich als Verbände völlig gegen die Lage und das Thema Gemeinsamkeit um unwichtige Details einer Studie des BDG streiten. Ob denn nun Werbeagenturen in der Studie sind oder nicht und ob Nail-Designer dabei sind. Während Tanja Mühlhans neben mir still verzweifelt und anmerkt, die Zahlen seien doch egal, solche Studien sind eh nur Trojanische Pferde, um Interessen zu fokussieren und zu kommunzieren, Argumentationshilfe.
Das Problem ist: Der BDG argumentiert entlang der Linie, dass die Designbranche insgesamt groß und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, der politische Beachtung und Förderung verdient.
Der AGD, der eher die kleinen und freien Einzeldesigner versammelt, argumentiert eher auf der Linie, dass alle Designer Künstler sind und deshalb staatliche Unterstützung brauchen. Das ist natürlich nicht kompatibel und drängt zu einer Definition, was eigentlich alles Design ist. Dennoch ist extrem schade, dass die beiden Verbände sich hier so ungeschlossen und vor allem wenig lösungsorientiert präsentiert haben. Es gibt Gründe, warum im Kern kein Top-100-Ranking-Designunternehmen bei AGD oder BDG ist, und an diesen Gründen sollte man schnell und entschlossen was tun :-D








Die offene Debatte im Garten mochte ich dann wirklich sehr, aber leider blieb auch sie etwas ohne konkreten Verbleib. Ich finde immer beängstigend, wenn ganze Branchen sehr eindringliche Warnungen in den Wind schlagen. Ich habe das bereits bei den Photographen (Digitale Photographie wird sich NIE durchsetzen) und den Druckern (Internet-Billigdruckerei? Das macht mir keine Angst, die Kunden wollen Beratung und Service) gesehen, und wir alle kennen den Stand der beiden Branchen heute. Den Designern wird es genau so gehen, wenn wir nicht schnell und entschlossen gemeinsam handeln. Wir sind 5 oder 10 Jahre von einer schweren strukturellen Krise entfernt, die sich bereits jetzt deutlich abzeichnet und wirtschaftlich spürbar ist. Die Tatsache, dass niemand das ernst nimmt, ist etwas frustrierend, zumal ich ungern in der Rolle der einsamen Cassandra bin. Das Ding ist nur: Ich habe bisher IMMER mit solchen Warnungen recht gehabt. Wer heute Crowdsourcing und Pitchplattformen nicht ernstnimmt, ist morgen arbeitslos.





















Mario Lombardo habe ich verpasst, weil ich mich verquasselt habe, aber er hat im Grunde Portfolio der letzten drei Jahre gezeigt. Lombardo ist in dieser Zeit vom Spex-machenden-Geheimtipp zum heißesten Designer in Deutschland aufgestiegen, was nicht immer nur Vorteile hat, aber ihm scheint die Arbeit immer noch Spaß zu machen. Ganz wehrlos kann ich mich dem Handmade-Design-ist-kuschelig nicht ergeben, zumal Mario meist erklärt, wie er handwerklich/technisch etwas hergestellt hat, aber nicht so sehr warum… aber fraglos sind seine Arbeiten stilprägend (leider bei vielen Studenten zu stilprägend ;-) und oft sehr liebevoll.



















Chip Kidd wiederholt seine Performance von 2006 in der gleichen Rolle des exzentrischen, kernschwulen New Yorker Intellektuellen, dessen Arbeiten anscheinend keiner versteht. Diese etwas masochistische Rolle – immer gespickt mit penis und bitch – passt vielleicht, wenn man DER Stardesigner in den USA ist, weil das Publikum natürlich liebevoll mitleidet, wenn ein Coverentwurf nach dem anderen abgelehnt und vergewaltigt wird… wir kennen das ja alle. Kidd ist insofern Identifikationsfigur, die an unserer Stelle den leisen Frust mit dem Kunden auslebt und zu einer wütendem, zickigen und natürlich hyperkomischen Karikatur (at least we hope so) eines Designers verdichtet – Bitch, I don’t know your life. Dass man dabei eigentlich durchaus einmal über die Qualität von Kidds Arbeit an sich sprechen könnte, die sehr oszilliert und er vielleicht inzwischen längst ein besserer Autor als Designer ist (Learners und Cheese Monkeys sind brillante Bücher, über jeden Zweifel erhaben), geht im Gelächter leider stets etwas unter. Schade auch, dass Kidd zwar Arbeiten zeigt, aber eben auch nicht erklärt, wie sie entstehen, also Prozesse und Inspirationen offenlegt und seine Arbeit so erschließbar macht. Auch bei ihm bleibt das Gefühl, dass sein Design eine persönliche, intuitive Autorenschaft darstellt, dich sich jeder Begründung entzieht – was etwas schade ist.
23. Mai 2009 09:16 Uhr. Kategorie Design. Tag Typographie. 18 Antworten.
chip kidd hat die antwort auf die frage des lebens gefunden. :-D
wie war denn das podiumsgespräch?
Wie ist denn so, wenn man einen Vortrag in Pecha kucha hält. Setzt die Art vorzutragen, neben passenden Bildern raussuchen, viel Vorbereitung vorraus. Kannst Du das weiterempfehlen?
Gruß
Peter
Thomas, ich war auf der Bühne, müsstest du die anderen fragen – ich find immer, wo ich auf der Bühne dabei bin, ist es nicht ideal und ich fand es ergo nicht ideal.
Peter, das war ganz spannend. Ich hab etwa einen Tag (mit Scans) drangesessen und im Grunde keine weitere Vorbereitung gebraucht. Finde es für einfache Sachen okay, für alles komplexe dusselig. Und der große Nachteil für mich: Es ist statisch, du kannst nicht selbst bestimmen, wie lange etwas steht und dramaturgisch arbeiten. Kein Format, dass ich mag.
New Eye blog by Jan Middendorp just published, blog.eyemagazine.com/?p=221
HD, dafür dass Du das Format nicht magst, hast Du es aber saugut umgesetzt. War von allen PK-Teilnehmern bei weitem der beste Vortrag was Tempo, Inhalt/Aufbau und Unterhaltungswert angeht. An anderer Stelle merkte man – 20 Sekunden können verdammt kurz oder eine grausam lange Pause sein. Da hätte der ein oder andere sich mal einen Tick länger mit dem Präsentationsformat auseinandersetzen können. Abgesehen davon: Die ganze Diskussion gehörte zu den Highlights der Veranstaltung.
Oh, danke. Ich hab mich ja nur auf den Photos gesehen – und GOTT, sehe ich derzeit mies aus :-D. Gut, nicht geschlafen und wie Henning sagte: Die Haare müssen weg!
Mir selbst gefielen die Fragen bei Johannes extrem gut – auch die Tatsache, dass es für Jürgen schwer war, die Ruhe auszuhalten als Moderator (was er vor allem am Start super gemacht hat, eigentlich würde ich mich auf der Typo wirklich über einen Siebert-Vortrag freuen, so seltsam das klingt). Florian war sehr gut, und ich mochte Steffens sehr konkrete Ideen auch (bis auf das Absolventen/Praktika-Ding) und Johannes Erler nickte dabei auch immerzu.
Ich werd zu der Panel-Sache noch was schreiben, aber in aller Kürze mag ich solche Hauptversammlungs-Podien nicht, zu distanziert. AGD vs. BDG fand ich schrecklich und genau gegen das, worum es ja eigentlich geht (fusionieren statt spalten), und ich fand sehr sehr schlimm, dass bei Hennings PK die Leute rausgingen, das ist schlechter Stil und bei 6:40 auch nicht ganz entschuldbar. Vorher gehen oder hinterher,aber nicht mittendrin. Der arme Henning hat das super gemanaged, Profi eben, aber ich wäre gestorben, wenn nach meinem ersten Satz der Saal flieht :-D.
Das für ich wirklich tollste an der Sache – unter vielen tollen Sachen und Gesprächen später – war Tanja Mühlhans, die ja nicht nur einen umwerfend verpeilten Vortrag hatte, sondern vor allem im Podium und später weniger wie Politiker wirkte als die beiden Verbandsleute (und ich MAG Henning und Heide), pragmatisch, ehrlich, offen, straight. Eigentlich schade, dass wir nicht in Berlin arbeiten – weil ich zugeben muss, solche Partner in Senaten und der Politik (die es überall ja gibt!) sucht an immer, weil sie einfach Spaß machen. Absolut super!
cassandra – du bist nicht allein, ich denke ebenso.
beim bd4d event gab es die vorgabe ein projekt in 3 minuten vorzustellen – ich fand es als einstieg für weitere gespräche in der zugegeben anderen location (bar) sehr adäquat
Ist ja kein Projekt, sondern eine recht komplexe Vorstellung der diversen Probleme einer Branche, die sich gern als Kunst versteht, aber doch eigentlich eine Dienstleistung ist – und sich so unprofessionell verkauft (und da schließe ich mich selbst gern ein) wie keine andere Dienstleistung, weniger auf der individuellen Ebene, wo das ja zT sehr gut geht, als vielmehr institutionell, also als Branche.
Die Frage ist, was wird jetzt draus. Ich hab das Gefühl, wir haben da am Freitag nichts handfestes erreicht – und das wäre halt sehr schön gewesen. Eine Fusion von AGD und BDG, die Gründung eines neuen, definitiven Verbandes, die Einigung auf irgendwas handfestes. Vielleicht,sicher, ganz bestimmt sogar zuviel erwartet, aber wo kommt man zusammen, wenn nicht auf der Typo?
war auch nicht so gemeint – der zweite satz bezog sich auf die präsentationsform, die beim bd4d halt zeitlich noch verkürzter war.
In der noch kürzeren Zeit könnte ich kaum Guten Tag sagen :-D
HD, durch eine Fusion von AGD und BDG wäre doch rein überhaupt nichts gewonnen. Das wäre symbolischer Aktionismus par excellence.
Wir sind am Ende der Veranstaltung aneinandergeraten, weil Heide erstens Zahlen in Zweifel gezogen hat, die einer Studie entspringen, auf die sich seit zwei Jahren alle iDD-Mitgliedsverbände berufen und zu der Zweifel ebenso lange ausgeräumt sind und zweitens, dass sie nach zwei Jahren iDD-Prozess immer noch nicht den Shift in der Argumentation mitbekommen hat: Weg von der Armen-Spitzweg-Künstler-Argumentation und hin zur Design-As-Business-Argumentation. Nur diese Argumentation ermöglicht den Zugang zu den Wirtschaftstöpfen (auch zu denen der Frau Mühlhans). Die Arme-Künstler-Argumentation ist nicht falsch, führt jedoch in die Sozial- und Kulturtöpfe, wo wir uns mit Schauspielern, Dramaturgen und Dichtern um die Brotkrümel kloppen dürfen und dann schon deshalb nix abkriegen, weil es denen noch VIEL DRECKIGER geht. Genau deshalb hat es vor zwei Jahren die gemeinsame strategische Neuausrichtung gegeben.
Der Konflikt war nicht schön und ich hätte, wäre ich nicht so perplex gewesen, bestimmt besser staatsmännisch “Heide, diese Frage ist doch längst überholt” sagen sollen. Aber sei es drum, offen gestanden lagen mir noch weit bissigere Kommentare auf der Zunge. Die Auseinandersetzung um Inhalte, besonders um strategische, ist eben kein ästhetisches Problem.
>durch eine Fusion von AGD und BDG wäre doch rein überhaupt nichts gewonnen
Finde ich schon.
a) Ende der seltsamen Unstimmigkeiten zwischen den beiden Verbänden
b) Mitgliederzahlen höher
c) Eine Stimme. IDD ist der falsche Ansatz. Wir brauchen einen verbindlichen Verband, der für alle spricht und alle in die Pflicht nehmen kann. In anderen Branchen ist das undenkbar, was bei uns abgeht – und es schadet uns.
>Weg von der Armen-Spitzweg-Künstler-Argumentation und
>hin zur Design-As-Business-Argumentation
Der ich mich voll anschließe. Der AGD hat natürlich eher kleine Illustratoren/Freiberufler, für die der Artenschutz das bessere Argument und die We-are-poor-artists näher an der eigenen Wahrnehmung sitzt. Das Problem: In keinem Verband sind die Top-100-Ranking Agenturen vereint … und um die geht es auch primär. Ich teile deine Ansicht, dass wir uns als Wirtschaftsfaktor verkaufen müssen, weg von dem 70er-Jahre-Halblinks-Denken.
Die Sache ist einfach die: Wenn ich anfange, über eine Branche zu unken, das ist meine feste Erfahrung, dann meist zu Recht. Wenn ich sage, das wir in ein paar Jahren eine tiefe, umwälzende Krise erfahren werden, dann WIRD das so seien. Du hast gehört, wie auf der Typo hinter den Kulissen selbst Branchengrößen über ihre Zahlen stöhnen. Wir haben noch etwas Zeit, nicht wie die Drucker und Photographen zu enden, die von der digitalen Flut überrannt wurden. Es gibt fünf sechs klare Dinge, die jetzt passieren müssen in den nächsten fünf Jahren – verpassen wir die, gibt es deutsches Grafik Design in der jetzigen (auch schon unschönen) Form nicht mehr. Klingt wie Panikmache, ist aber kalte Tatsache.
Vielleicht sollte ich selbst Konsequenzen ziehen und umsatteln :-D. Einen Laden aufmachen, der Kunden bei Crowdsourcing und Gratis-Pitches gegen % der Ausschreibungssumme fachlich unterstützt und die Sache organisiert. Wer ist dabei?
> a) Ende der seltsamen Unstimmigkeiten zwischen den beiden Verbänden
Doch nicht durch eine Fusion. Das ist Wunschdenken, HD.
> c) Eine Stimme. …
siehe oben.
> … einen Verband, der … alle in die Pflicht nehmen kann.
Auch das ist Wunschdenken. Die Möglichkeiten als Vereinspräsi heißen »Bitte« und »Danke«. Der Rest ist Hoffen auf Goodwill. Wie weit der Goodwill in der Branche reicht, sehen wir beim freiwilligen Verzicht auf Gratis-Pitches.
> Der AGD hat natürlich eher kleine Illustratoren/Freiberufler …
Noch ein Irrtum. DIe AGD hat seine Illustratoren praktisch en bloc an die Illustratoren Organisation verloren. Und die BDG-Mitgliederstruktur weist zu 98% Freiberufler aus.
Nochmal: die Sozialschiene ist nicht falsch. Unser wesentliches strategisches Ziel ist jedoch die – historisch neue – Besetzung der Wirtschaftsschiene, weil die Verbände (BDG und AGD gleichermassen!) auf der Sozialschiene nicht weiter kommen und uns das angesichts der statistischen Zahlen auch keiner abkaufen würde – eine Branche, die jahrelang zweistellig wächst, soll Not leiden?
Was auch immer die Rettung des Designs (Welchen Designs genau? Aber das führt zu weit.) sein wird, wenn wir die Designverbände vor der Lächerlichkeit retten wollen, gibt es zu der strategischen Neuausrichtung auf Design-als-Innovationsfaktor keine Alternative. Nur damit kommen wir in Wirtschaft und Politik an. Und das haben die Verbände – glücklicherweise – vor zwei Jahren unisono eingesehen.
Das “We-are-poor-artists”-Denken hat keine Zukunft im Zentrum der Branchenpositionierung, es wird im Nebengleis jedoch weiterhin seine Berechtigung haben. Das ist einfach keine Geschmackssache, sondern eine kühl und professionell zu treffende strategische Entscheidung. Und was diese Entscheidung betrifft, gehen alle Verbände (mit mehr oder weniger großen Verständnisproblemen, doch durch den Erfolg mittlerweile alle doch überzeugt) in diese Richtung.
Das bleibt nicht ohne Folgen für den einzelnen Designer. Es wäre unverantwortlich für einen Verbandsfuzzi wie mich, wenn ich nicht laut und deutlich aussprechen würde, welche Herausforderungen auf uns zu kommen. Herausforderungen, denen man sich stellen kann oder entziehen.
Wer sich den Herausforderungen stellt, wird auch morgen auf der Sonnenseite des Wirtschaftslebens wohnen. Doch dazu wird es unerlässlich sein, ein bisschen mehr BWL und Jura zu verstehen, sich für das Wirtschaftsgeschehen und internationale legislative Trends zu interessieren und aktiv und professionell Networking zu betreiben. Denn der Drang zum Business wird stärker – und wenn wir es nicht machen, werden wir als freelancende Medienfloristen enden.
Wer sich den Trends und Herausforderungen entzieht, landet auf der Kunstseite der Branche – und das wird ganz überwiegend gleichzeitig die Sozialseite der Branche sein. Und wenn die ALG-I-Verbesserungen tatsächlich kommen (die vor allem von den Arme-Schlucker-Theaterschauspielern gefordert werden), dann kommt das auch den randständigen Designern zugute, denen es damit immer noch besser gehen dürfte als den Theaterschauspielern. Mit dem Feldherrenhügelblick nennt sich das dann die »Humuswirtschaft« des Designs: Kreativ, wild, strange, stilistisch innovativ, ungezähmt, kunstnah. Nur wird dort in Zukunft in 99% der Fälle nur wenig Geld verdient, und wenn jemand eine wirklich gute (disruptive) Idee hat, kann derjenige die Umsetzung in der Regel nicht finanzieren und muss aufpassen, nicht übers Ohr gehauen zu werden. Das ist ein bisschen wie in der Musikindustrie (obwohl, dort bilden sich ja gerade ein paar Tools zur Teilhabe am Markt).
Apropos Musikbranche: Dort sind rund 100 Vereine und Verbände im Deutschen Musikrat vertreten. Und das ist ein extrem machtvoller Lobby- und Dachverband (mit ebenfalls unvermeidlichen internen Meinungsverscheidenheiten). Ich kann daher nicht nachvollziehen, wieso Du in der IDD den »falschen Ansatz« siehst. Du erschießt mitten in der Wüste das einzige Pferd weit und breit mit den Worten: »Damit kommen wir nie nach Texas«. Ohne auch nicht.
Nachtrag:
> Ich habe das bereits bei den Photographen (Digitale Photographie wird sich NIE durchsetzen) und den Druckern (Internet-Billigdruckerei? Das macht mir keine Angst, die Kunden wollen Beratung und Service) gesehen, und wir alle kennen den Stand der beiden Branchen heute. Den Designern wird es genau so gehen, wenn wir nicht schnell und entschlossen gemeinsam handeln.
Du bist nicht die einsame Kassandra, ich rufe mit Dir. Es ist nur nicht damit getan, nach den Verbänden zu rufen, damit sie da irgendwas aufhalten. Fliessendes Wasser mit den blossen Händen aufhalten nenne ich das. Ich rufe: »Baut ein Boot! Wer mit dem Wasser fährt, kann weit kommen. Und wer bleiben will, soll lieber in die höheren Hanglagen am Berg der Kunst umziehen«. Nur wollen viele das gar nicht hören. Denn es bedeutet Abschied nehmen vom geliebten Fernsehsessel. Für jene, die weder ein Boot bauen, noch in die höheren Hanglagen ziehen wollen oder können, stellt das Jobcenter in ein paar Jahren ihre Rettungsboote der Branchenevakuierung bereit. Wie damals bei den Setzern und den Lithografen. Und das kommt ganz sicher so.
Wir Verbände arbeiten daher daran, Unterstützung für den Bootsbau zu organisieren (Baupläne, Workshops). Und wir versuchen die ärgsten Löcher im Urheberrechtsdeich zu stopfen bzw. stopfen zu lassen. Mehr können wir nicht tun. Wir können keinen zwingen.
>freiwilligen Verzicht auf Gratis-Pitches
Da muss Druck rein. Wenn alle verzichten, läuft das – und alle profitieren. AUCH und vor allem die Kunden.
>BDG-Mitgliederstruktur weist zu 98% Freiberufler aus
Wo sind die ganzen Agenturen? Beim AGD sehe ich jedenfalls massiv Illustrationssachen bei 4/4tel-Magazin :-D
>Sozialschiene nicht weiter kommen
Die ist unsinnig. Die Position des Bittstellers ist langfristig keine Zukunftsoption.
>ein bisschen mehr BWL und Jura zu verstehen
Nicht nur das – Unternehmensberatung, Soziologie und so weiter. Und selbst dann wird es noch ganz, ganz fies werden, denke ich. Erst wenn die Schneehasen/Fuchs-Balance wieder stimmt, und das kann 5-10 Jahre dauern, wird die Sache wieder solide.
>Kreativ, wild, strange, stilistisch innovativ, ungezähmt, kunstnah. Nur wird dort in Zukunft >in 99% der Fälle nur wenig Geld verdient
Da bin ich gespannt. Ich gebe dir absolut recht, das die quergebürteten Designer nicht das große Geld machen werden. Aber da Design, Werbung und Industrie immer Querdenker brauchen, sehe ich da nicht ganz so schwarz. Ganz im Gegenteil – ich befürchte eher, dass es im Design Probleme gibt, weil 99% der Designer/Werber diese Attribute nicht besitzen und eher Paderborn als New York sind (eine Kritik, in die ich mich gern einschließe – ich will da niemanden treten). Wir sind eher zu brav. Die Formel wäre eher, in der Arbeit unglaublich wild zu sein, in der Präsentation aber betriebswirtschaftlicher.
>IDD den »falschen Ansatz« siehst
Dachverband. Zu langsam, zu unflexibel. Wir brauchen einen Verband, und der muss DESIGNED sein, nicht eine Gruppierung der Verbände, die einzeln ebenso wenig bringen wie zusammen. Es muss, sorry, glaube ich etwas ganz neues her. Wenn Johannes Erler sagt, die BGD/AGD et al sind nichts für ihn und die anderen großen Läden anscheinend auch so denken, ist auch die Akkumulation der Einzelverbände nicht attraktiver. Wenn sich CDU und SPD zusammentun – große Koalition – macht es die Lage ja nicht wirklich besser. Was fehlt, sozusagen, ist eine neue Partei :-D.
>Wie damals bei den Setzern und den Lithografen
So sieht das aus, die habe ich vergessen – die Lithobuden, die in den 90ern noch gut an Scans und Filmen verdienten sind alle dicht.
>die ärgsten Löcher im Urheberrechtsdeich
Hier divergiere ich ja etwas: Ich würde das Urheberrecht weitestgehend abschaffen oder sehr zusammenstutzen, da ist eine an sich gut gedachte Sache qua Bürokratie zu einem Monster geworden. Ich bin selbst als Designer ganz gut dafür, das Urheberrecht deutlich zu straffen oder sogar ganz auszuhebeln – das ist auch global sinnvoller. Wird nicht kommen, aber in der jetzigen Form wird es zunehmend absurd.
Aber ist es nicht toll, dass eine Konferenz, und im Kern eigentlich ein Marketingblog, solche Diskussionen lostreten? Ich find das nach wie vor schön :-D
> Urheberrecht … an sich gut gedacht … qua Bürokratie zu einem Monster geworden.
Nee, nee, nee, da geh ich nun gar nicht mit, mein Lieber.
Wir haben es im Zuge der Digitalisierung und Globalisierung mit enormen Herausforderungen zu tun, das Urheberrecht zu erhalten. Das führt zu einer Menge Seegang in einem zuvor befriedeten Gewässer. Klar, da wünscht sich mancher eine Wüste her, da kann man nicht seekrank werden.
Da Urheberrecht wurde eingeführt, weil die Urheber sich (vor noch nicht soo ewig langer Zeit!) im Zuge der Industrialisierung verarscht vorkamen, dass die Besitzer der Maschinen/Medien geldspeicherweise Rendite einfahren konnten, OHNE die Urheber daran zu beteiligen (was in der Handwerkszeit vor der Industrialisierung so einfach nicht ging). Ich halte die Annahme für sehr naiv, dass bei einer heutigen Abschaffung des Urheberrechtes die Nutzer sich ethischer verhielten als damals.
> Dachverband .
immer noch ein Missverständnis bei Dir: Einen Dachverband braucht man für den Zugang zur Politik, HD. Nicht für den Zugang zum einzelnen Mitglied.
[...] schönem Designdiskurs-Beitrag. Und die erinnert mich doch extrem an den Sommer 2009 und das Typo-Panel. Da man inzwischen schon etwas bange ist, im FB noch in den Thread weiter mitzuschreiben (obwohl es [...]