TYPO BERLIN 2009: SPACE TAG DREI

Last not least die Bilder vom dritten Tag, ebenfalls unedited. Ganz wichtig: Ich habe die Photos natürlich nicht selbst geschossen, sondern hauptsächlich stammen sie von Katharina und Stefanie, die den ganzen Tag die schwere Kamera in der Hand hatten und tolle Momente eingefangen haben – 1000 Dank!!!















Sascha Lobe von L2M3 hält einen unserer absoluten Favoritenvorträge. Zwar auch eine reine Portfolio-Show, von denen es auf der Typo recht viele gibt, was in Zeiten, wo man sich jedes Designerportfolio online ansehen kann, irgendwie nicht mehr so prickelnd wirkt, aber immerhin erläuternd und ganz architektonisch immer wieder die gestalterischen Ansätze der verschiedenen Orientierungssysteme oder Ausstattungen herbeileitend, wodurch die oft reduktionistischen und schlichten Entwürfe umso smarter wirken. Dass er tatsächlich Ideen herausgesucht hat, die mit Space, mit 2D/3D zu tun haben, ist umso besser und in seiner ruhigen Bühnenpräsenz verkauft Lobe die Arbeit seines Studios ideal als bodenständig und hochsouverän. Neben Davies und Hanzer unser aller Liebling auf der Typo und in der TypoShow völlig unter Wert verkauft.







































Wegen Gemma O’Brien hatte ich am Vorabend ein Mißverständnis mit Ulrike Daraghma, die hinter den Kulissen der Typo grandiose Arbeit geleistet hat. Ich war etwas unglücklich darüber, dass auf der Typo-Site und im Blog immer wieder die etwas exploitativen Videos und Photos von Gemma leichtbekleidet mit Ganzkörperbemalung präsentiert worden. Ich meine, wo bleibt da der nackte Josh Davies? Andere Stimmen haben bereits das Thema Sex sells aufgegriffen, aber als jemand, der Gemmas Blog kennt und ihre Arbeit, war ich etwas enttäuscht, dass die auf dieses eine Ding reduziert ist, auch wenn es medial natürlich super funktioniert (ohne den Video wäre sie ja kaum in Berlin gelandet :-D). Aber ich denke, es ist ein Unterschied, ob sich Gemma selbst filmt, online stellt und somit verkauft, oder ob es die Typo macht. Das ist ein feiner Unterschied, den man nach einer Party auch nur schwer erklären kann, den ich aber wichtig finde. Denn tatsächlich spiegelten viele Twitter-Kommentare aus der rappelvollen Hall (sex sells…) Überraschung wider, das die angezogene, smarte Gemma einen ganzen Haufen guter Arbeiten für ihr Alter vorzuweisen hat und nebenbei noch einen Film aus dem Hut zauberte. Dabei sollte das an sich keine Überraschung sein müssen, wenn man ihr Blog kennt. Und ich finde es etwas schade, die auf ein Bikinigirl zu reduzieren. Egal, so waren eben mehr Leute überrascht und hoffentlich begeistert – wenn es den Saal voll gemacht hat, ists ja am Ende vielleicht auch gut so. Gemma zeigte auf jeden Fall wenig Haut und viele Arbeiten, war souverän und lustig und obwohl ihre Arbeiten noch lange nicht ausgereift sind, ist ihr Enthusiasmus und ihre Verspieltheit deutlich greifbar und niemanden dürfte wundern, wenn wir von ihr noch eine ganze Menge mehr sehen und hören werden. Der Film, obwohl das Audioediting wirklich übel war, ist auch ein Beispiel von kleinen handwerklichen Schönheitsfehlern, die man aber schnell vergisst, weil das Herz am rechten Fleck sitzt. Manchmal haben Youtube-Hypes eben doch auch Substanz :-D















Ivo Gabrowitsch (dessen Namen wir auf dem Etch-a-Sketch-Poster falsch geschrieben haben, sorry again) hält einen launigen Vortrag über die Vorzüge von Open-Type, sehr fokussiert auf FontShop-Fonts, was vielleicht einfach berufsbedingt ist, aber auch etwas schade, weil die FF-Schriften nicht immer die Paradepferde im Rennen um die besten Features sind. Obwohl ich bei Dingen wie OTF Pro Greek oder OTF Pro Kyrillic eher kreischen möchte (in einen guten Pro gehören die Glyphen für diese Sprachen rein, sofern vorhanden und basta), erklärt Ivo laienverständlich, warum man Type-1 und True-Type vergessen kann (auch wenn beide Formate unter dem OTF-Mäntelchen ja irgendwie eigentlich weiterleben). Sehr feiner Vortrag, mit wunderbarer Musik von Just van Rossum und einem sehr netten, freundschaftlichem Flair im Publikum.















Sol Sender, der das Barrack-Obama-Logo für den Wahlkampf 2008 entwickelt hat, ist Highlight der TYPO, deren Programm man sich rückblickend förmlich aus dem Fontblog zusammenstellen kann. Als Headliner an den Schluss des Tages gesetzt, liefert Sol einen soliden Vortrag über die Entwicklung des Logos – wobei eben die Entwicklung schon rein visuell mit dem raster verschiedener Ansätze mitunter an Crowdsourcing-Designs erinnert – und die Verwendung des finalen Entwurfs, mit der Senders Büro nicht mehr viel zu tun hatte. Obwohl unterhaltsam aufgezogen, gab es eigentlich nicht so viel zu der Sache zu sagen und am spannendsten waren somit vielleicht eher Sols (kurze) Kommentare zum Auftritt der deutschen Bundespräsidenten/Kanzler-Kandidaten, die ja in der Tat frustrierend sind. Sein Vortrag gibt einen spannenden Mikro-Einblick in die Wahlkampfmaschinerie von Obama und der Professionalität, mit der auch kleinste Details getuned wurden, aber der richtig kickende Schlußakkord ist Sol Sender, der seinen Ruhm ja nur sozusagen dem US-Präsidenten entleiht und kein atemberaubend designaffines Portfolio aufweisen kann, eigentlich nicht, zumal man die Kernentwicklung des Logos schon via Youtube kannte. Vielleicht wäre Joshua Davies hier besser aufgehoben gewesen.
Dennoch unterm Strich eine atemberaubende Typo, auf der man wie jedes Jahr fast mehr verpasst als erlebt und von der man recht ausgepowert heimkehrt. Ich selbst habe zu viele Leute nicht gesprochen oder nur zu kurz (Dan, Slanted, Nick… und und und), obwohl ich fast permanent im Dialog war und nur Samstag mal in Ruhe Vorträge geschaut habe. Ich bin immer zu feige, Leute anzusprechen oder erkenne sie nicht und habe viele Leute nicht angesprochen, die ich gern gesprochen hätte – bei der nächsten Typo, ob 10 oder 11, kommt zur Not einfach auf mich zu, ich freu mich echt. Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, haben mir viel mitgegeben und viel viel Spaß gemacht, von mir aus könnte die Typo aus drei Tagen Vortrag und drei Tagen in der Sonne sitzen und in Ruhe plaudern bestehen. Ich war mir gestern noch sicher, nicht zur Typo10 zu gehen – nicht weil ich der Typo müde bin, sondern weil ich einfach nicht durch Überpräsenz nerven will (und ich bin die Sorte Mensch, die schnell nervt, vor allem am Freitag, wo ich ja auch noch eine Bühne hatte :-D, weswegen ich mich Samstag schon wieder sehr zurückgezogen habe und ganz bewusst sehr «normaler» Gast war) – aber wenn ich mir die Photos hier ansehe, bin ich mir schon nicht mehr sicher. Einfach abwarten, Spaß hat es so oder so unbedingt gemacht.
irgendwann im leben schaff ichs vielleicht auch noch mal zur typo