
CHANGE. Wie immer hat der Fontshop Gespür für Themen. Wandel wird gebraucht, und da wir in einer Welt immer schnellerer und eskalierender Wandel leben, war es nur eien Frage der Zeit, bis sich eine Konferenz anschaut, wie Design (immerhin auch ein Change-Management-Tool) und Typographie sich mit dem Wandel der Zeiten stellen. Auf den ersten Blick ist Typographie eine fast statische Kunst. Wir arbeiten immer noch mit Schriften aus der Renaissance-Periode, wenn wir ‹gute› Bücher setzen wollen, wir halten uns immer noch an die Regeln, die Jan Tschichold schon in den ersten Druckwerken nachwies. Nichts hat sich geändert, man braucht nur in die FAZ zu sehen.
Andererseits hat sich seit 1920 mit zunehmender Geschwindigkeit ein technologischer und ästhetischer Schnellzug in Bewegung gesetzt, der vom Art Nouveau über die Dadisten, Futurologen, Bauhaus, Faschismus, Nachkriegzeit, Nostalgie, Schweiz, 70s-Pomp, Punk, Frankie, Techno, Grunge bis hin zum postdigital unentschiedenen, fraktal flirrigen und etwas verloren wirkenden Anything Goes der Gegenwart vom permanenten Wechsel gelebt hat. Durch die Dekaden läßt sich nachweisen, wie Schriftentwicklung und angewandte Typographie die Zeit reflektieren, wie popkulturelle Emergenzen und Strömungen sich tief in die Arbeit der Schriftenmacher hineingegraben haben, daß Wechsel und Wandlung in der Schrift ebenso daheim ist wie in der Mode, der Architektur, der Musik, in Film und Literatur. Nur inzwischen digital entfesselt, hypercharged, und inzwischen – auch das ein Zeitzeichen – irrlichternd zwischen historischem Rückgriff und der Suche nach dem nächsten großen Ding. Das es vielleicht nicht gibt, weil die Zeit der Manifeste und der großen Würfe nicht nur in der Politik, sondern auch im Design vorbei ist, spätestens post-Carson sind wir alle anscheinend der großen Idee mißtrauisch gegenüber geworden, so daß auch hier Improvisation und gekonntes Durchwurschteln, Stilmix und Thinking on your feet dominieren… und ein Stilgewusel, das schon vermuten läßt, daß alle auf den nächsten großen Wechsel warten. Dabei ist Schrift längst eine technologische Spielwiese geworden, wie von Letterror und FUSE lang lang vorgemacht/vorgedacht und inzwischen in die Balance des Brauchbaren gezaubert. Die gedruckte Schrift löst sich aus dem Lesekontext, wird (wieder) Spielzeug, mehr denn je befreit aus der Zwangsjacke der Lesbarkeit, ebenso aber auch aus dem heute vielleicht aufgesetzt wirkenden Sturm & Drang-Neodadaismus von Typography Now, von frühen Emigre, von Carsons Vorläufern und Epigonen. Und wie im Theater, wie im Film, wie in der elektronischen Musik steht die Meute am Zaun und weiß, daß wir die Technik im Griff haben, beherrschen, daß das Problem nicht mehr ist, eine gute Typographie digital zu simulieren, denn das geht besser als jemals zuvor, perfekt wie die CGIs im Film, wie die Effektmaschinerie der Bühnen, wie die digitale Simulation natürlicher Elemente oder die Erzeugung nie gehörter synthetischer Sounds… aber die Meute, und das sind wir alle, will wissen, was wir nun mit diesen Möglichkeiten ANFANGEN werden. Was wir damit eigentlich sagen wollen. Wie wir diese Technik-Blase füllen.Vielleicht gibt es in Berlin am 19–21. Mai Antworten auf solche blöden Fragen, vielleicht auch mal gar nicht. Die Typo 2005 ist trotzdem sicher eine Reise wert, Sprecher wie Neville Brody und Chip Kidd sind allein die Reise wert, neben den üblichen Fontshop-Verdächtigen (Majoor, Pool, Erler, Unger) und überraschend zahlreichen internationalen Vortragenden. Ich selbst hätte mir vielleicht ein paar mehr Redner aus designfremden Bereich gewünscht, Genetiker, Futurologen, Soziologen, Leute, die eben wissen, was Change ausmacht: Poynor, Mau (mit Massive Change ja eigentlich the man für das Thema), Sterling, Rushkoff, Gibson, die Liga… aber andererseits heißt die Veranstaltung ja nicht umsonst Typo :^). Spannend wird es so oder so. Man sieht sich.
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12. Februar 2005 18:00 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.