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TV on the Radio: Dear Science

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Zeit, ein paar Platten abzuarbeiten, bevor ich kaum noch weiß, wie sie klingen. TV on the Radio war nicht ohne Grund eine der angesagtesten Bands 2008 – die US-Alternativeband um Tunde Adebimpe lässt das aktuelle Schaffen von Bloc Party bei aller Mühe der Briten im Vergleich seltsam farblos aussehen. Ein wahres Dschungeldickicht übereinander gelagerter Loops und Sounds gibt einen fast pointillistisch verwirrenden Background, den nur Tundes smoother Gesang zusammenhält. Die Musik zitiert ungeniert bei Britpop (Halfway Home), bei US-Pop und Soul à la dem frühen Prince (Crying), bei Lofi-Electronica, ohne jemals beliebig oder unentschieden zu klingen. TV on the Radio lieben die Verwirrung, das Spiel, das chamäleonartige. Viel heller und niedlicher, sogar eingängiger, als der Vorgänger – und damit musikalisch oft völlig konträr zu den skizzenhaften, oft düsteren Texten – ist Dear Science ein Schritt für die Band, den nicht jeder mögen wird und der nach Ausverkauf riechen könnte, wäre er nicht in wirklichkeit eine großartige Zuwendung zur Popmusik, die Geschichte dieses Genres durchschreitend, vorbei an Bowie und Gabriel, vorbei an Michael Jackson, vorbei an den Smiths und den Beatles, vorbei an Gospel und Jazz und Marching Bands, vorbei Bombast und Pomp und großer Geste, aber auch am Minimalismus und den Klängen der frühen elektronischen Musik, vorbei an zackigen Discobeats, vorbei an Radiohead, vorbei an DnB-Klängen.  Wie Bloc Party auf Intimacy scheint die Band die eigene Plattensammlung durchzugehen, sprunghaft Sounds auszuprobieren, wie kichernde Teeniemädchen, die vorm Spiegel die Klamotten ihrer Mutter anprobieren. Und dabei sexy genug sind, in jedem alten Fummel unverschämt gut dazustehen – ähnlich wie Hot Chip auf Made In The Dark -, weil in dem Oszillieren der Stimmungen und Richtungen stehts das Exoskelett von musikalischer Komplexität und Gesang ohne zu wanken steht, der rote Faden nie ganz im Labyrinth aus dem Blick gerät.

Dear Science ist eine Platte, die wie viele andere aktuelle Veröffentlichungen auf eine Art Postmodernen Collage-Stil setzt, eine Art Appropriation Music, die ihren Sound aus Stilzitaten und Layering von Objets Trouvée zusammensetzt, wie man Pixel in Photoshop arrangieren würde, zu digitalen Kunstwerken aus Samples und Sounds, deren Konsum tatsächlich Konzentration verlangt. Bei vielen Bands gerät diese Art, Musik zu generieren, zur ermüdenden Fingerübung für Musiknerds, TV On The Radio aber machen sich den Mash-Up zueigen und gelangen tatsächlich zu einem eigenen Ergebnis, das eine Standalone-Qualität hat, auch wenn man nicht über Quellen und Zitate nachdenken mag. Vielleicht weil die Juxtaposition der Elemente – die der Bandname ja bereits vorwegnimmt – konsequenter und zugleich leichtfertiger betrieben wird als bei vielen anderen Bands, mit unerhört selbstbewusstem Gestus und zugleich doch suchend, Pop-Musik mit der dreisten Lässigkeit von HipHop, in der düstere Beats und rumpelnde Bass-Synthphrasen auf seltsam unpassenden Lalala-Gesang treffen (DLZ), und in nahezu jedem Song ähniche Sollbruchstellen integriert sind, das Eis nur trügerisch trägt und man immer Gefahr läuft, von der Band unter Wasser getrieben zu werden. Wo der Vorgänger Cookie Mountain eine fast nicht zu stürmende Festung war, ist Dear Science as der Weite gesehen strassbesetztglitzernder Pop, der aber umso psychedelischer und fraktaler wird, je mehr man sich ihm annähert, ohne je die Qualität des Vorläufers zu verlieren. Wo sich andere Band in der Erweiterung ihrer musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten verirren, stecken sich TV on the radio souverän scheinbar nur weitere Pfeile in den Köcher. Das Ergebnis ist lupenreiner ArtPop, den man beim ersten Kontakt liebt und in dem mit jedem weiteren Hören neue Nuancen und Ideen offenbar werden, Musik, die über Kopfhörer also eine ganz andere Welt ergibt als laut aufgedreht nachts über Boxen. Und viel mehr kann man doch kaum erwarten wollen.

23. Januar 2009 09:11 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

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