
Eigentlich wäre «Tron» kein Film, den ich mir tatsächlich ansehen würde. Tron war die gegen die eigenen Fehler siegende, überraschend erfolgreiche Sorte käsiger Disney-Filme, die sich an damalige SF-Konzepte anhängten, wie «The Black Hole» ja auch – gegen Black Hole (das der «Tron»-Regisseur übrigens lustigerweise als nächstes Remake angeht) allerdings konsequenter, einer der ersten «digitalen» Filme mit vielen digital generierten Sequenzen und entsprechender Bedeutung im Cyberpunk-Umfeld 1982, nicht zuletzt durch die Tatsache, dass Moebius und der spätere «Blade-Runner»-Meister-Art-Director Syd Mead die Gestaltung des visuell einzigartigen Films übernahmen. Irgendwie war «Tron» einer dieser 80er-Jahre-Filme mit übler Handlung, schlechten Dialogen und digitalen Effekten, die aussahen wie Bildschirmschoner, während die Backlit-Effekte aus heutiger Sicht geradezu unfassbar antiquiert wirken, gegen die Fritz Langs «Metropolis» (an dem sich Tron nicht selten visuell orientierte) fast herausragend frisch wirkt. Historisch und durchaus auch ästhetisch ist «Tron» ein Momument seiner Zeit, ein wirscher Mix, der Musikvideo- und Gaming-Visuals vorwegnimmt und gleichzeitig an die Stummfilmzeit deutschen expressionistischen Films erinnert. Ein seltsamer Mix aus ambitionierter Videokunst und kommerziellem Kino – mitunter so schlecht wie «Rasenmähermann», dann wieder großartig. Will man sich – zwei Dekaden später – eine Art zweiten Teil ansehen?
Wagner to the rescue
«Tron: Legacy» ist ein atemberaubendes Sequel, dass dem mitunter ja auch peinlichem Charme des Originals ebenso gerecht wird wie den (seinerzeit) atemberaubenden Aspekten. War der alte Film ein neo-expressionistisches Stück Camp, eine Art verquere Antwort auf die Frage, was passieren könnte, wenn Fritz Murnau amerikanischen Science Fiction machen würde, so ist «Tron: Legacy» viel deutlicher ein «normaler» Film, der keineswegs so verstörend und anders ist wie das Original. Vielleicht auch, weil heute CGI einfach längst ein recht normaler Teil der Kinoerfahrung geworden ist in einem Maße, das in den frühen 80ern noch undenkbar war. «Tron» ist sozusagen frühe Kraftwerk, «Legacy» eher moderner Post-Dubstep. Der ästhetische Bruch ist nicht mehr so grundlegend für den Betrachter, wie die ersten groben Vektor-Grafiken und kaleidoskopischen Lineinmuster es 1982 gewesen sein müssen. Dennoch wirkt «Tron: Legacy» keineswegs wie jeder andere Spezialeffekt-Film der letzten Jahre, liefert ganz nicht die üblichen aufgebretzelten Bilder, sondern brilliert in einer ganz eigenen Ästhetik, die weder durch das Original allzu gehemmt ist noch sich an bestehenden Vorbildern orientiert. Kosinskis Lösung ist ein Film, der immer noch campy sein kann, immer noch im doppelten Wortsinn etwas «gay» wirkt, immer noch unfassbar schlechte Momente hat und der sich strukturell fast wie ein Remake anfühlt – der aber wie ein Schwamm vollgesogen ist mit der SF-Kinokultur der letzten Dekaden und dabei nicht zuletzt einen Mythos herbei zitiert, der an Wucht und Grandezza am ehesten Wagner erinnern will. «Legacy» ist kein echter Film und folgt auch keine Sekunde der Logik eines herkömmlichen Films, sondern wir sitzen hier eher in einer postmodernen Art von Spektakel-Oper – das Libretto muss dabei nun einmal keinen Sinn machen, solange die Gefühle nur stimmen, solange die Bilder und die Musik ein Ganzes ergeben.
Daddy was a Rolling Stone
Insofern ist nur logisch, dass die Handlung – oder was man so nennen mag – sich zu einem relativ ironiefreien Mythos-Brei entfaltet, der wahrscheinlich auch nicht ganz unfreiwillig an den Erlöser-Vater/Sohn-Standard erinnert, wie man ihn nur zu gut aus «Star Wars» kennt. Das uramerikanische Motiv der Suche des Sohns nach seinem «verlorenen» Vater, von Anklage und Verzeihen, dominiert die Handlung. Seltsam modern wirkt dabei, dass die stets im Mittelpunkt der US-Films stehende «heilige» Familie hier aus einem Vater besteht, der im Wortsinne ganz und gar in seiner Arbeit verschwunden ist und aus einem Sohn, der gegen den abwesenden Vater einerseits rebelliert, andererseits sein Werk fortsetzen und retten will, dem Schatten des Vaters gerecht zu werden versucht. Fast beiläufig – vielleicht für einen dritten Teil aufgehoben – taucht Edward Dillinger Jr. auf, eine andere Sohn-Figur, die als negative Folie für den «guten» Sohn Sam Flynn dient, der die Firma sabotiert, deren eigener Vorstand er ist, der ziellos wirkt, bis Bruce Boxleitner, der gealterte Alan Bradley, ihn einen Weg zu seinem Vater zeigt. Frauen finden in diesem Film nur als Beiwerk – als «Sirenen», in deutlicher Anlehnung an Homer – statt, oder als posthumanes, androgynes Wesen, das nicht wirklich Mensch, nicht wirklich Programm ist, sondern in jeder Hinsicht zwitterartig wirkt, eine Figur des kommenden Erlösers wie Neo in «The Matrix» oder Luke Skywalker in «Star Wars»- was Jeff Bridges/Kevin Flynn zu Morpheus bzw. Joda machen würde, was dessen Kostüm am Ende des Films tatsächlich auch so widerspiegelt, wenn Bridges als eine Mischung aus Jediritter und Matrix-Zenmeister auftritt. Was andere Filme nur andeuten, wird in der Wagner-Inszenierung von «Legacy» ohne jedes Augenzwinkern mit dem Holzhammer in den Kopf getrieben, wenn Vater, Sohn und Heiliger Geist durch den zur Hölle geworden Himmel fliehen und der Vater seinen Sohn zur Erde schickt. «Legacy» ist die ganz große Mythosmaschine, will ein ganzen Universum bauen wie Lucas und die Wachowski-Brüder auch, nicht zuletzt, weil in solchen Mythologien das große Geld steckt, Franchise-Material für Filme, Bücher, Comics, Videospiele, Merchandise. (Und nichts anderes sollte man von Disney erwarten). Entsprechend wirsch ist mitunter die Handlung, die oft nur den Zweck hat, uns Betrachter in die nächste opulente virtuelle Setbau-Optik zu tragen, die mal vor Symbolismus kaum aufrecht gehen kann – und gerade das erinnert mitunter anstrengend an die letzten beiden Matrix-Teile, die ja auch eher pures Erlebniskino als Kopfkino waren (anders als der erste Teil).
Light and Magic
Aber was für ein Erlebniskino das dann ist. Wie kein Film – eben auch nicht Matrix, auch nicht Star Wars, nichts – seit langem umgeht Tron den Verstand. Wenn Sam Flynn wie Alice durch das Rabbithole in der Welt hinter den Mattscheiben verschwindet und der Film von 2D zu (durchaus angenehm zurückhaltendem, sich nie aufdrängendem) 3D mutiert, zieht es uns Zuschauer ähnlich aus der Wirklichkeit wie es der erste Tron-Film schaffte, nur nicht mehr in eine kalt-minimalistisch-abstrakte und zuweilen unfreiwillig komische Kunstwelt, sondern in eine hyperrenderte Welt, die nur aus Licht und Farbe zu bestehen scheint, das in dem edel monochromen Umfeld Akzente setzt wie LEDs auf einer mattschwarzen Hifi-Anlage. Die «Un-Wirklichkeit» des Films erinnert an eine Pink-Floyd-Lichtshow, ist zu ausnahmslos jeden Moment, jeder Sekunde, jedem Augenblick auf Überwältigung angelegt – dieser Film will dich nicht mitreißen, er will dich zu Boden reißen, er hört nicht auf mit visuellem Overkill auf dich niederzuprasseln, bis du post-orgiastisch aus dem Kinosaal schleichst. «Legacy» ist die pure Achterbahnfahrt, sobald man begreift, dass die Handlung nur ein Potemkinsches Dorf ist, und sich endlich entspannt den Bildern und Tönen hingibt, die wie selten bei einem Film pulsierend und hämmernd aufeinander eingespielt sind. «Legacy» ist ein Konzert, eine Oper – und die massiv an Hans Zimmer erinnernde Bombast-Zuckergußschicht über den einfachen digitalen Riffs von Daft Punk ist, bei aller kompositorischen Einfachheit, in der Lautstärke und zu den Bildern, ergreifend. Wenn am Ende eine digitale Neufassung der legendären Luftkampfsequenzen von Howard Hughes «Hell‘s Angels» als blauorange Lichtorgie die Leinwand in Besitz nimmt, eingebettet in gigantische Sequencer-Streicher-Wogen, erreicht der Film sein reinstes Format, seine reine Existenz als hypnotische Flut von Eindrücken, als sich auftürmendes, aber doch nie ein Zenith erreichendes Monument digitalen Bildzaubers. War «Tron» eher ein Fest der fremdartigen Kargheit früher Computergrafik, stellt sich der Nachfolger als Leistungsschau einer Technologie dar, die bis unterhalb der Wahrnehmungsgrenze operiert, die jedes Pixel unserer Weltansicht perfekt manipulieren kann, die längst die Grenzen der Überprüfbarkeit und eigenen Spürbarkeit überschritten hat. In anderen Filmen ist die hohe Kunst des Trickeffekts, möglichst unsichtbar zu sein, möglichst «real» zu wirken (was immer noch oft misslingt), hier kann das Metier der virtuellen Setbauer aber seine Muskeln spielen lassen und das tun, was es am besten kann: Kunstwelten schaffen, an deren Surrealität Philipp K Dick seine wahre Freude hätte haben dürfen. «Legacy» ist CGI on steroids, ein Feuerwerk von Schaueffekten – und man tut gut daran, sich diesem Rausch der Farben und Klänge einfach hinzugeben und nicht weiter über die Philosophie oder gar die Logik der Handlung des Films nachzudenken. Da kommt man nur auf dumme Gedanken, wenn man sich etwa fragt, warum der Film «Tron» heißt, wenn der Charakter bestenfalls als Nebenfigur auftaucht. Oder hinterfragt Handlungsfetzen, die wahrscheinlich als Vorbereitung für einen nächsten Filmteil implementiert sind. Oder ärgert sich über das abrupte und flache Ende. Die beste Strategie ist, sich einfach der Oper hinzugeben.
A Design for Life
Denn wenn Tron eins liefert, dann das perfekte Design – alles an diesem Film ist trendy, bonbonbunt und trotzdem irgendwie cool, neonschwül und kalt zugleich. Es ist kein Zufall, dass Daft Punk für den Soundtrack gewählt wurden – die Ästhetik des Films ist, als wäre sie direkt aus den Köpfen von Homem-Christo und Bangalter geschält worden. Von Manga bis Bessons «Fifth Element», von Bowie bis Blur, von Kubrick bis Slemane, es ist alles da – so haarscharf an der Grenze von Kitsch und Klassik wie der Soundtrack selbst. Die Fembot-Sirenen, die Barszene, das überstilisiert-weiße Ambiente in Kevin Flynns Haus – das alles könnte so oder ähnlich auch aus Wallpaper, von ungezählten Plattencovern kommen, es ist nicht SF, es ist die Popkultur der Gegenwart. Dass «Legacy» so scheinbar beliebig nahezu jeden kommerziellen SF der letzten drei Jahrzehnte zitiert, ist kein Zufall, sondern ebenso Teil des «oh, it‘s all so postmodern»-Ansatzes des gesamten Films. Die Musik, irgendwo zwischen Justice und Batman-Soundtrack, das Design, die Handlung – alles hat den Touch von Remix, von déjà vu, es ist die filmgewordene Manifestation von Pop heute, die endlosen Stilandeutungen, der Zitatewust, die Selbstreflektion, der Narzissmus, die Tatsache, das mit viel Aufwand unglaublich wenig gesagt wird…. «Legacy» treibt all das auf die Spitze, es ist nicht nur der Triumph des Designs über die Narration, sondern direkt über die Realität an sich. Die beste Popwelt ist die, die komplett aus dem Rechner kommt, im Rechner lebt – nur hier ist die Sorte Perfektion denkbar, die Kunstwesen wie die Pet Shop Boys oder Kylie Minogue überhaupt denkbar macht, die perfekte Fassade, die Illusion, die nahtlose digitale Lüge, die kein Paparazzi mehr zerstören kann.
Wie kein Film seit langem bewegt «Tron:Legacy» das Kino zurück in den Bereich, den Hollywood wie nichts anderes liefern kann: Glamour. Diesmal aber nicht als Starglamour, die Darsteller sind vergleichsweise unwichtig, sondern als Glamour/Magie des digitalen Bildes in Reinkultur, das sich als pures, von nichts mehr beeinträchtigtes Design entfalten kann.
Mirror Mirror
Es ist ja kein Zufall, dass sich Jeff Bridges in diesem Film zweimal begegnet. Da ist einmal der echte, gealterte Bridges, der hier eine seltsame Variation des Hippie-Themas von «Männer, die auf Ziegen starren» gibt, einen cannabis-relaxten Zen-Pazifisten, der sich in der perfekt weißen Designerwelt cocoont, während sein Alter Ego Clu draußen mit kalter neoliberaler Effizienz das «System» optimiert. Clu, gewissenloser digitaler Replikant, Subroutine, kann es nicht besser wissen, ist der in die Kunstwelt entlassene Flaschengeist, den Flynn rief und nun nicht mehr los wird und zu dessen Vernichtung natürlich nur das quasi kathartische Selbstopfer führen kann. Abgesehen davon, dass es fesselnd ist, zu sehen wie grandios die CGI-Puppenspieler Bridges um 30 Jahre verjüngen (mit der gleichen Technologie, die schon in Benjamin Button zum Einsatz kam), ist beachtenswert, dass die kleinen Mängel dieser Technik hier ideal ihren Zweck erfüllen – dass es nicht wirklich glaubhaft ist, die Muskulatur seltsam unwirklich, surrealistisch wirkt, macht Clu erst zu einer so reizvollen Figur, vor allem wenn er im Film Angesicht zu Angesicht mit seinem Schöpfer kommt. Clu ist hier natürlich eine Art Bruder von Flynns «leiblichem» Sohn Sam, der digitale Klon als Sohn-Ersatz, als Kainsversion, zugleich die erschreckende Begegnung mit dem jüngeren Selbst – «das war ich einmal?» – des gereiften Flynn, der so wenig mit dem arroganten Typen gemein hat, den Bridges 1982 gespielt hat. Im Grunde steht hier eine gottähnliche Figur, die aus dem Himmel ihres weißen Appartements herabsteigt, dem Menschen gegenüber, der eigenen Schöpfung, die fehlerhaft und rebellisch ist und nicht funktioniert – oder aber zu gut funktioniert. Flynn erlebt hier in einer an Stanislaw Lem erinnernden Metapher sich selbst im Verhältnis zu seinem Programm Clu, wie sich Gott gegenüber Flynn fühlen muss, der ebenso kopflos durch die Schöpfung hetzt und auch nur versucht, sein «Bestes» zu geben. Wie immer bei solchen Filmen, die beherzt in die Klischeekisten religiöser Motive greifen, wimmelt es in «Legacy» von daumendicken Symbolklötzen, unter denen aber eben umso signifikanter der Subtext hervorlugt, den man aber in dem visuellen Wust des Films vielleicht erst nach dem zweiten, dritten Sehen richtig wird einschätzen können.
Der zweite Teil von «Tron» ist – wie das Original – ein unfassbar schwacher Film mit einer unfassbar grandiosen Ästhetik und der Unterschied zwischen beiden Filmen sagt viel aus über das, was in der Zwischenzeit mit dem Kino, mit uns passiert ist. Kosinski gelingt es, den Grundideen des ersten Teils treu zu bleiben, ohne albern oder antiquiert zu wirken und es gelingt ihm, einen grandiosen Blockbuster aus einer Kult-Anekdote der Filmgeschichte zu machen, eine Art Mutation des Kinos in den Mainstream zu ziehen. Mag sein, dass dies gelingt, weil die Zukunft von «Tron» I längst von uns überholt wurde und wir mehr denn je in einer Videogame-Welt leben, weil die digitale Revolution, die der erste Film noch unbeholfen-futuristisch verklärte, längst Teil unseres Alltags geworden ist. Aber vielleicht ist das auch schon zu viel nachgedacht über einen Film, der in erster Linie Sound and Fury, Schall und Rauch, Nebel und Licht, Donner und Blitz sein will und den man getrost einfach als Drogentrip ohne Nebenwirkungen genießen darf.
11. Februar 2011 18:45 Uhr. Kategorie Film. Tag ScienceFiction. 2 Antworten.
Besser hätte man es kaum zusammenfassen können.
Zuq und ich waren gestern auch drin … BEGEISTERUNG! :)
«Zusammenfassen» würde ich das nicht gerade nennen, was ich da zusammenschwurbele. Aber der Film rockt schon ;-).