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TRASH TIMES THREE

Okay, wenn ich im Streß oder krank bin, lese ich meist billige amerikanische Paperbacks. Thriller, Krimis, Pageturner, mit grober Hand geschrieben, die sich meist eher anfühlen als versuche der Autor, eine Fernsehserie, bestenfalls einen Film aus seinem Script herauszumelken, aber beileibe kein Buch. Dialoglastig und mit ungeschickten, zu langen Beschreibungen, grobmotorischen Charakteren, ohne nennenswerte Sub- oder Metatextur, ohne etwas wahrhaft Neues, zum Großteil unambitioniert in den Fußstapfen anderer, begabterer Autoren, wie etwa Raymond Chandler, unterwegs. Aber dabei (meist) einfach spannend. Und in sofern (meist) doch lesenswert. Guilty Pleasure olé.
Drei davon habe ich in einem Zug während meines Fiebers vor ein paar Wochen gelesen, hier sind sie:

F. Paul Wilson: Gateways
Wilson ist ein gnadenloser Massenautor, der unter anderem die Repairman Jack-Serie produziert. Jack ist eine Art Traummann von Ayn Rand, der ultimative liberale Freigeist, der sich nach einem persönlichen Trauma vom amerikanischen Bürokratie-System befreit und als eine Art Ghost in the Machine frei agiert. Als eine Art Mr. Fixit, löst Jack Probleme, die mehr in Systemzwänge eingebettetete Institutionen nicht angehen. In Gateways verschlägt es den erklärten New Yorker nach Florida, wo er – dem zunehmend mehr in Richtung X-Files driftenden Flair der Buchserie folgend – allerlei seltsame Mutantenwesen und auch noch eine echte Hexe trifft – und nebenbei seinem Vater das Leben rettet. Das Buch ist eingebettet in eine Rahmenhandlung, die sich seit einigen Bänden hinschleppt und insofern nichts für Einsteiger. Und mit dieser übergreifenden Handlung wird im 7. Band eben auch klar, daß Wilson ein deutliches Problem hat, seinen Charakter eindeutig erkennbar zube lassen. Jack sollte der ultimative Liberale sein, ein free man, ist aber von Buch zu Buch mehr eingebettet, mehr vernetzt. An die Stelle des prototypischen Einzelgängers, der sich als reiner Funktionsträger à la James Bond durch eine eher plotgetriebene Handlung kämpft, ist ein Mensch getreten, der eine Freundin hat, eine Tochter, ein Baby auf dem Weg, Freunde, einen Bruder, eine verstorbe Schwester, einen Vater. Das kann man nicht mehr wirklich als urbanen Loner bezeichnen. Wobei der Wandel zu einem dreidimensionalen Charakter, die Figur absurderweise eindimensionaler und ärmer macht, entblößt sich hier doch zunehmend die schriftstellerische Stereotypie von Wilson. Repairman Jack als Funktionsträger einer Geschichte war erzählerisch effizient und schlank, Repairman Jack als Mensch wirkt in seiner konkreten Umsetzung eher anödend aufgebläht. Von Band zu Band verliert Wilson aus dem Blick, was den Charakter eigentlich ausmachte… übrig bleibt ein weiterer austauschbarer Papp-Protagonist, der von seinem Autor durch drittklassige Fantasy-Plots gehechelt wird.

Robert Crais: The Forgotten Man
Crais hat es da etwas leichter. Elvis Cole, der Philipp-Marlow-auf Lachgas-Held dieser Buchserie, war von Anfang an eher ein eigener Charakter, wenn auch kaum weniger austauschbar Der Privatdetektiv als smarter, selbstironischer Sprücheklopfer, vom Start der Serie nie rein eindimensionaler Held, sondern ein sympathischer Loser, der oft fast hilflos oder nur mit etwas Glück durch den Plot der Geschichte taumelt. Crais fehlt dabei die literarische Wucht, die visionäre Kraft von Chandler, die tatsächliche Begabung, die alle Genregrenzen wegsprengte. Crais verläßt nie das Kinderbecken der ungezählten Krimi-Serienautoren, sicher im seichten Wasser. Cole und vor allem sein Freund Joe Pike bleiben dabei stets etwas steife Charaktere. Umso überraschender, daß Crais mit Carol Starkey, die ihr Debut in Demolition Angel hatte (einem per se nicht zur Cole-Reihe zählenden Buch), eine recht dreidimensionale, glaubhafte und von inneren Konflikten getriebene Figur geschaffen hat. Die Ex-Bombenentschärferin Starkey, von einer Explosion körperlich und seelisch gezeichnet, taucht in The Forgotten Man als Nebenfigur auf avanciert fast spielerisch zu einer zentralen Figur, von ihren Wünschen und ihrer Unsicherheit zerfressen. Die tatsächliche Handlung – Cole versucht das Geheimnis eines Mannes zu lösen, der sich vor seiner Ermordnung als Coles Vater ausgab – verblaßt vor dem intrapersonellen Konflikt von Starkey, die in Cole verliebt ist, aber zu unsicher, es ihm zu gestehen und insofern fast erniedrigend um ihn herumeiert, um am Ende von Lucy Chenier, Coles Ex-Freundin, beiseite gewischt zu werden. Diese Dreiecksbeziehung wird von Crais zwar etwas hölzern konstruiert – inklusive einer der peinlichsten Traumsequenzen schlechthin – ist aber allemal interessanter als der an Abstrusität kaum zu überbietende eigentliche McGuffin des Buches, der aber trotz oder gerade wegen seiner unlogischen Wendungen und seiner grandiosen logischen Fehler, die Oceans 12 fast das Wasser reichen können, jederzeit einfach spannend bleibt.

PS… Ich langweile gern mit der Ansicht, daß Chandlers Fünfziger-Jahre-Detektivfiguren heute nicht funktionieren könnten. In Zeiten von Mobiltelephon, GPS und Internet ist es mehr als schwer, eine Hauptfigur glaubhaft Informationen suchen zu lassen oder in eine bedrohliche Situation zu bringen. Du kannst ja immer schnell dein Handy aufklappen und Hilfe herbeirufen. Schaut so aus, als habe Crais dieses Problem erkannt, und es auf die denkbar dusseliglustigste Art gelöst: Cole beschwert sich im Grunde das halbe Buch über den lausigen, ständig aussetzenden Empfang seines ohnehin ungeliebten Cellphones. Und presto: Das Problem der Moderne ist gelöst, das Handy funktioniert im entscheidenden Moment natürlich nie.

Brad Meltzer: Dead Even
Brad Meltzer schreibt inzwischen auch Comics, wie etwa die Justice League of America. Das macht er so schlecht nicht und so machte es nur Sinn, ihn auch einmal als Schriftsteller kennen lernen zu wollen. Im Grunde ist es mit Dead Even dann auch tatsächlich wie mit Comis oder auch mit Crais’ Forgotten Man… die Abstrusität, die Unlogik, die riesigen Plot-Holes, machen den eigentlichen Fun-Faktor des Buches aus. In einer Art Grisham-Light (sofern so etwas denkbar ist) erzählt Meltzer die Geschichte eines Ehepaares, er ist karrieregetriebener Anwalt einer Großkanzlei, sie frischgebackene New Yorker Staatsanwältin mit ausgeprägter Angst, durch kommunale Sparmaßnahmen den Job direkt wieder zu verlieren. Sara Tate klaut also einem anderen Anwalt einen Fall, der sich aber nicht als der große Jobretter herausstellt, sondern als scheinbar einfacher Raubüberfall. Umso seltsamer, daß der vermeintlich kleine Dieb ausgerechnet ihren Mann anheuert, um sich zu verteidigen. Im Verlauf des Buches werden Sara und Ehemann Jared massiv von zwei Seiten unter Druck gesetzt, den Fall gegeneinander durchzuziehen, anderenfalls, so die Hintermänner, würde der jeweilige Partner umgebracht. Alles klar? Man kichert bei diesem Buch entsprechend oft etwas unfreiwillig, weil die Verrenkungen, die Meltzer betreibt, um seine Ausgangs-Idee vorwärtszutreiben, von Kapitel zu Kapitel zunehmend absurd werden. Die Bösewichte nehmen fast überdimensionale Bedrohlichkeit an, werden nahezu allwissend, sind aber am Ende doch anscheinend naive Stümper, die nicht nur einen der dümmsten Morde in der Krimigeschichte begangen haben, sondern auch noch die wirklich dümmste, komplizierteste und abstruseste Art gefunden haben, diesen kaschieren zu wollen. Der Pitch zu diesem Buch ist: Wäre es nicht lustig, wenn Mann und Frau vor Gericht streiten und den Streit dann privat weiterführen – LA Law meets Rosenkrieg… und Meltzer verzichtet auf jede Logik, jede innere Stringenz, um diesen etwas eindimensional Gag möglichst lange gegen absolut jede normale Vernunft und die natürlich thrillergerecht-permanente Eskalation der Handlung aufrechtzuerhalten. Das eine der Nebenfiguren dabei auf die dämlichstmögliche Art und Weise umgebracht wird, die Bösewichte aus ganz groben Balsaholz geschreinert sind, und beide Ehepartner so derart unsympathisch karrieregeil und kommunikationsunfähig sind, daß man ihnen jetzt schon einen guten Scheidungsanwalt auf den Hals wünscht… wen stört das da noch? Highlight des Buches, das sich insgesamt trotz nahezu verstörender Logikfehler (die aber nötig sind, ansonsten wäre die Story nach 20 Seiten einfach beendet bzw niemals in Gang gekommen) ganz flockig wegliest, ist die Nebenfigur des Alexander Guff, Saras Assistent, von Aussehen und Körpersprache ganz der nerdy looser, der sich aber (natürlich) als hypersmarter New Yorker und als Goldiherz schlechthin erweist. Guffs Dialoge sind in ihren besen Momenten Screwball, schnell und funny, ohne jemals wirklich allzu platt nur als comical release zu dienen. Wo der Rest des Buches den stereotypen Geschlechterkampf um Karriere und Alltag eher unbewußt zum Rosenkrieg zweier karriere- und mediengeiler Unsympathen verzettelt, wirkt Guff als einzige dramatis personae so, als habe der Autor ein Stück seiner Selbst, ein Stück Herzblut investiert. Die absolute Unlogik des Plots gewährleistet einige wundervolle Dreher und Windungen der Geschichte, die – wenn man nur bereit ist, sein Gehirn ab der dritten Seite elegantabzuschalten – im Sinne einer zweitklassigen Tv-Serie durchaus Spaß machen. Dead Even ist die Sorte Buch, das man ideal als Minzplättchen betrachten kann. Man liest es peu à peu, während man eigentlich ein echtes, vielleicht einen Tick zu anstrengendes (oder zu langweiliges…) Buch liest, um zu entspannen. Und in diesem Sinne sind alle drei Bücher großartig, absurd, eindimensional, aber eben spannend und unterhaltsam. Natürlich enthält keines auch nur einen einzigen Moment, der dein Leben bereichert oder auch nur den Anflug einer neuen Idee, eines zuvor ungelesenen Satzes, eine Formulierung, die dich ausbremst und einen WOW-Moment erzeugt. Aber alle drei sind in solider amerikanischer Handarbeit so geschrieben, daß du umblättern willst. Und das ist ja auch keine kleine Leistung.

9. Juli 2006 11:22 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

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