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TÖDLICHE VERSPRECHEN

Es sieht so aus, als sei David Cronenberg bereit für sein Alterswerk und späten, aber verdienten Ruhm. Eastern Promises ist – wie History of Violence - weit entfernt von den psychedelischen SF-/Horrorgenre-Filmen wie Scanners, The Brood, Videodrome oder selbst ExistenZ, aber auch ganz anders als seine «normaleren» Filme wie Crash oder Dead Ringers. Die Skurrilitäten, die Faszination mit Krankheit und Mutation, die Cronenberg früher in genrespezifische Schablonen presste – und dabei jedes von ihm gewählte Genre prompt sprengte – scheinen seit Spider aus seinen Filmen wie verschwunden. Aber das täuscht natürlich. Es scheint, als habe sich David Cronenberg lediglich von der seelischen und körperlichen Pathologie in den gesellschaftlichen Bereich verlegt. Er betrachtet die russische Mafia in Eastern Promises nicht weniger kühl, analytisch und zugleich abstoßend wie zuvor die deformierten Kinder in The Brood. Mit der gewohnt klinischen Präzision und zumindest scheinbar hochüberzeugender Authentizität schneidet Cronenberg unter das Fleisch der Hipsterstadt London und zeigt unter der multikulturellen Glitz-Oberfläche, hinter den Fassaden von Restaurants und Herrensaunen, eine Gegenwelt von zweifelhafter Ehre, dreckigen Geschäften und blutiger Härte. Cronenberg erzählt eine melancholische Moralgeschichte, die nicht ganz ohne Grund direkt zu Beginn zeigt, dass sowohl das Ende als auch der Anfang eines Lebens blutgetränkt beginnen können. Vor dem Hintergrund von Verschleppung, Kinderprostitution, Vergewaltigung, Drogenhandel spinnt er aus der relativ durchschnittlichen Handlung um die Hebamme Anna, die nach dem Tod der 14jährigen drogensüchtigen Mutter eines Babies auf der Suche nach dessen Familie immer tiefer in den Bannkreis des russischen Mobs gerät, eine symbolträchtige Metahandlung, die sich nur wenig um den eigentlichen Plot schert. Während die eigentliche Handlung doch ziemlich berechenbar im Fahrwasser des Godfather-Genre bleibt (und ich persönlich die Enthüllung, das Nikolai ein FSB-Undercoveragent ist eher unnötig und für den Film insgesamt schädlich fand), steckt für mich die wahre Geschichte in den Zwischenhandlungen, in den menschlichen Beziehungen, die Cronenberg mit sachten Streiflichtern ausleuchtet. Die tragische leise Liebesgeschichte zwischen dem Chauffeur Nikolai und Anna ist noch die offensichtlichste dieser Beziehung – so offensichtlich, dass sie mir als Motivation für Nikolais Verhalten eben gereicht hätte -, aber auch die wunderbar angedeutete homoerotische Beziehung zwischen Nikolai und Kirill, die komplexen Beziehungen zwischen Kirill, Nikolai, Anna im Spinnennetz von Kirills Vater und Mafiagrande Semyon, nicht zuletzt auch die Beziehung der dysfunktionalen Kleinstfamilie von Anna, ihrer Mutter und ihrem russischen Onkel Stepan sind mehr als endeckens- und sehenswert. Nicht eine Rolle, nicht eine einzige Rolle im gesamten Film ist schwach besetzt oder schlecht gespielt – absurderweise ist Viggo Mortensen als stoischer wortkarger Nikolai noch am irritierendsten. Nikolai ist einfach zu cool, zu inszeniert, zu sehr Pose. Das dies Teil der Selbstinszenierung der Figur im Film ist und eben nicht ein schwächelnder Darsteller, ist dabei jederzeit greifbar, aber manchmal nerven die coolen Gesten eben doch, die Sonnenbrille, die Körpersprache, die ganze Hyperlässigkeit. DieFulminanz von Cronenberg – und Mortensen – erweist sich dann in der Saunaszene, die sicher bald als eine der legendärsten Kampfszenen in der Filmgeschichte gelten wird, in der der nackte und wehrlose Nikolai sich gegen zwei mit Linolschnittmessern bewaffnete Killer zu Wehr setzt: Hier ist Schluss mit Pose und Inszenierung, hier reduziert sich Nikolai auf die reine Kreatur, die ums Überleben kämpft.

Ich mag es mir einbilden, aber ich entdecke hier eine Verbeugung vor Hitchcocks Torn Curtain, an den langsamen Tod des Stasi-Agenten Gromek. Die Farben in Eastern Promises, der Grace-Kelly-Look von Naomi Watts, die hier großartig down to earth spielt und die ganz klassisch die Hitchcock-Figur des Alltagsmenschen, der in einem unverständlichen Netz aus Intrigen landet darstellt, der komplex verwobene Handlungsfaden, selbst die Figur des Scotland-Yard-Agenten – vieles fühlt sich hier nach Alfred Hitchcock an. Wobei der Film alles andere als eine Kopie, eine Hommage darstellt, sondern nahtlos in Cronenbergs Oevre aufgeht. Eastern Promises ist ein Film, der modern und zeitlos zu gleich wirkt, durchgestylt ohne dabei auch nur eine Sekunde lang aufgesetzt oder gewollt zu wirken. Fast beiläufig, selbstverständlich, entfaltet sich die Geschichte, die bei aller Tiefe immer nachvollziehbar bleibt, weil Cronenberg sich zurücknimmt, auf alle surrealen Mätzchen verzichtet und ganz auf die erzählerische Kraft der Bilder setzt, in denen ein Augenblick, eine Sekunde zuviel mehr sagt als alle cinematographischen Tricks. Mehr und mehr entpuppt sich Cronenberg als ein Meister darin, seinen aus allen Ländern der Welt kommenden Darstellern ihren Freiraum zu geben und die einzelnen Leistungen punktgenau zu bündeln, bis subtil, fast unmerklich die Komfortzone des Alltags verlassen hat und in eine andere Welt abgerutscht ist, in der unsere Regeln nichts gelten und deren Regeln uns fremd und primitiv erscheinen. Wie Armin Müller-Stahl mit seiner Balance von väterlicher Freundlichkeit und eiskalter Härte souverän den Film ausfüllt, bruchlos zwischen satanischer Bosheit und netter Onkelhaftigkeit, wie selbst kleine Nebenrolle Tiefe und Authentizität erhalten, das ist beeindruckend. Am bestechendsten sind die Bilder der Feiern in Semyons Lokal, wenn die Kamera ruhig, genießerisch an den Gesichtern der singenden und feiernden Exilrussen vorbeigleitet – das suggeriert mit minimalsten Mitteln eine Befremdlichkeit, die nur einen Hauch neben unserer Welt liegt, in die wir voyeuristisch eintauchen dürfen. Das Cronenberg, Mortensen und Co dabei stillschweigend auf Details wie die Authentizität von Nikolais Tattoos oder die Betperlen, die Mortensen angeblich von echten russischen Häftlingen für den Film geliehen bekam, achten, verleiht der Story eine Textur, eine Dimensionalität, die dazu verlockt, weiter in die komplexe Welt des Filmes eintauchen zu wollen. Man braucht kein Vorwissen, um den Film zu verstehen, aber die Details machen neugierig auf mehr, verleihen dem Ganzen einen echten Klang. Die Abwesenheit jeglicher simpler Message, die schlichte Amoralität aller Charaktere – selbst Anna agiert bis zu einem gewissen Grade egoistisch, will nur ihre eigene Fehlgeburt aufarbeiten – und die Sehnsucht nach Liebe, die Sentimentalität, die selbst in den bösesten Figuren doch noch zu finden ist, macht den Film doppelbödig, unsicher, keiner der Charaktere ist im geringsten vorhersehbar oder berechenbar. Hinter der leider etwas zu geradlinigen Crime-Story hebt Cronenberg seltsame leuchtende Fische aus dem Wasser, die wir nie zuvor gesehen haben, die in ewiger Dunkelheit in den Tiefen des Meeres hausen. Und er tut es mit einer Sorgfalt, einer Zurückhaltung, die bewundernswert ist. Eastern Promises ist ein wunderbarer, klassischer Film Noir, der alle Regeln dieses Genres beachtet und zugleich bricht und der eine fast verloren gegangene filmische Erzählkultur frei von Klischees und Sentimentalitäten in die Jetztzeit rettet.

4. Januar 2008 17:24 Uhr. Kategorie Film.
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