Frisch Anfang dieser Woche fertig geworden ist das 272 Seiten starke Materialbuch zu Jon Fosses Deutschlandpremiere Todesvariationen am Freitag im Schauspielhaus Bochum. Als erweiterte und re-mixte Version von dem ursprünglichen und inzwischen vergriffenem Buch zu Winter von 2002 hat der Herausgeber, Chefdramaturg Thomas Oberender, bestehende Texte überarbeitet, ergänzt, ersetzt und das Buch um komplett neue Stückphotos von Wolfgang Silveri bereichert. Wir haben das Buch wie Kalt und Klar /1 in einer Tschichold-schen klassischen Typo gesetzt, beim Cover aber etwas schlichter, karger und moderner gearbeitet, entsprechend der Evolution in Fosses Text von Winter zu Todesvariationen, der noch karger, noch fragiler, noch sparsamer geworden, so reduziert, daß man es sich kaum noch als Inszenierung vorstellen mag, weil jeder Atemzug, jedes Bühnendetail, jede Geste, eben jede Hinzufügung, die Wucht dieser unglaublich reduzierten Meißelarbeit zerstören könnte. Die Versuchung muß für Regie und Darsteller groß sein, dieses scheinbar so simple, dumpfe Vakuum mit irgend etwas zu füllen, irgendwie zu formen, eigene Handschrift aufzuprägen. Ich bin gespannt, wie die Premiere am 12. 02. sein wird und denke, daß Hartmann und Oberender die Stille ähnlich poignant in Szene setzen können wie schon zumindest in den ersten drei Szenen von Winter.
Ein sparsames, inszeniertes Cover, das die im Buch auftauchenden Skulpturen von Duane Hanson vorwegnimmt, die gefrorene Pose, die Wiederholung. Bemerkenswert an Silveris Bild bleibt für mich weniger die vielleicht allzu inszenierte Verzweiflung, die leicht einem REM-Video entsprungen sein könnte, als vielmehr die nebensächliche Gestik der Hand von Darsteller Hans-Michael Rehberg, die in ihrer entspannten Gedankenlosigkeit das wahre Zentrum des Bildes für mich ist. Als Designer unterstreichst du diese Einfachheit nur noch. Das Cover ist schwarz-weiß gehalten, grobkörnig, fast billig, daß man eine zweite Farbe verwendet hat ist gerade minimal im Namen des Autors angedeutet, mehr Potential als Realisierung, Geld, das fast unsichtbar ausgegeben wurde. Bleibt zu hoffen, daß der im Kultursegment leider allgegenwärtige Sparkurs nicht auf die Druckqualität des Buches schlägt. das die von Thomas Oberender gewohnte Methode, sich dem Autor auf Umwegen zu nähern, bietet, wobei die Umwege in mancher Hinsicht oft spannender sind, als das Ziel selbst. Ich denke, auch der zweite Band dürfte in ein zwei Jahren vergriffen sein ;-D…
Der größte Spaß an dem Buch war natürlich, mal wieder mit Bochum und eben mit Thomas zusammenarbeiten zu können, nicht nur mitten im Sturm seiner potentiellen und insofern hochspannenden Intendanten-Kür fürs Deutsche Theater (für mich insofern spannend, als das ich Thomas wirklich seit ewig und drei Tagen in den Ohren lag, daß ich ihn unbedingt mal als Intendant erleben wollte… und immer noch will…), sondern vor allem auch, weil er als Partner in der Zusammenarbeit ein Traum ist. Und weil man ein paar Leute kuuurz wiedergesehen hat, die zwei Jahre lang fast täglich mal wichtig für mich waren, wie Anastasija, Viola, Axel und Willy… und weil man mit Petra und Janet wieder zwei neue Leute kennengelernt hat, die einen erinnern, daß man dem Theater einfach hemmungslos verfallen muß…
Wir sind ja in der glücklichen Lage, als kleines Büro sehr intensiv und persönlich mit Kunden zusammenzuarbeiten. Das bringt zusammen. Man ärgert sich übereinander, ist engagiert, freut sich, feiert zusammen und flucht zusammen und wir haben das Glück, das nahezu jeder, mit dem wir zusammenarbeiten auf seine Art etwas Besonderes ist… im Grunde ist jeder Job etwas wie eine Liebesbeziehung, mal einfacher, mal komplizierter, aber immer eine Herzensangelegenheit. Verliert man eine solche Beziehung, ist es dann aber meist auch schlimmer, weil man nicht nur einen ‹Etat› verliert, sondern sehr viel mehr. Man heult wirklich jedem Klienten hinterher, mit dem man nicht mehr zusammenarbeitet, weil sie sich inspirieren, weiterbringen, weil du verliebt warst und weil es aus irgendwelchen Gründen plötzlich vorbei ist.
Umso genialer, wenn man dann, und sei es auch nur für einen Moment (und durch eine Kette von Synchronizitäten, die dem alten Jung gefallen hätten), die Chance hat, mit einer alten Liebe wieder auszugehen und feststellt, daß die seitdem vergangenen zwei Jahre scheinbar nicht existieren und man nahtlos da weitermachen kann, wo man aufgehört hat. Ich will kalt und klar sein /2 war eindeutig zuviel Arbeit für zuwenig Geld und ich hab jede Sekunde davon geliebt.
Jon Fosse: Todesvariationen, ab 12.2.05 im Schauspielhaus Bochum
11. Februar 2005 00:52 Uhr. Kategorie Arbeit. Keine Antwort.