
Eigentlich wollte ich zum Desaster auf der Loveparade nichts schreiben, weil es in den Medien, Blogs, auf Twitter und Facebook ja genug Meinungen und genug Anklagen gibt. Jenseits von der reinen Schuldfrage, die sich jetzt wahrscheinlich zu einem Kampf zwischen Veranstaltern/Stadt einerseits und Angehörigen der 19 Opfern andererseits entwickeln wird, wenn es um die Frage gibt, ob die Vorbereitung ungenügend war oder individuelles Fehlverhalten vorlag, haben mich ein paar Sachen angesprungen:
Die Abnutzung von «Trauer»
Es ist verblüffend, in welchem Maße eine medial, in Presse und Medien vielfach gespiegelte Anteilnahme öffentlicher Personen sich zumindest für mich persönlich abnutzt. Abgesehen davon, dass man vielleicht unterscheiden muss zwischen dem empathischen allgemeinen Schock über die Un- und Todesfälle auf der Loveparade und der persönlichen, unmittelbaren also eben echten Trauer, weil ein geliebter Mensch gestorben ist, muß man nicht sonderlich zynisch sein, um in den öffentlichen formelhaften Trauerbekundungen vieler Politiker – allen voran der neue Bundespräsident, der hier zumindest unbewußt eine Profilierungsoption zu sehen scheint – einen Hautgout zu finden, weil sie nur die falschen, weil endlos abgegriffene Worte, finden. Die Art und Weise, wie Politiker und Medienfiguren heute zunehmend öffentlich auftreten – stets unangreifbar vorbereitet, geschliffen, gefasst, immer bereit, nie zu sehr bei sich selbst, immer in der Rolle – scheint deplaciert, wenn es doch gerade darum ginge, die Maske abzulegen und Mensch zu sein, nicht Funktion. Dass dies kaum noch gelingt (auch weil jeder Fehlgriff authentischer Trauerbekundung medial und vom politischen Gegner ausgeschlachtet wird und es insofern sicherer ist, die professionelle Hülle gar nicht mehr zu verlassen) und eben auch «Trauer» und «Betroffenheit» in der Öffentlichkeit zu einer Art Kabuki geworden sind, ist die Tragödie in der Tragödie.
Schleichendes Gift vs Schockzustand
Tucholsky wird das Zitat über den Krieg zugesprochen, nach dem der Tod eines Menschen eine Katastrophe sei – Hunderttausend Tote aber, das ist eine Statistik. Auf erschreckende Weise belegt die Duisburger Loveparade diesen resignierten Satz. Die 19 Todesopfer von gestern sind ganz sicher unfassbar… aber sie nehmen sich bescheiden aus gegen die 4152 Menschen, die 2009 auf Deutschlands Straßen im Verkehr ums Leben kamen (und diese Zahl ist ein historischer Tiefstand). Der plötzlich eintretende, unfallartige, unerwartete Tod betrifft und stärker als das schleichende, uhrwerkartige Risiko, das wir eingehen, wenn wir eine Autobahnauffahrt herabfahren. Das ist so schrecklich wie verständlich, der unsichtbare tröpfelnde Tot von fast 5000 Einzelnen bleibt unsichtbarer, 19 Opfer in einem medialen Spektakel sind präsenter. Und dennoch, ohne miteinander aufrechnen zu wollen, was nicht aufgerechnet werden kann: Wer jetzt (als nicht unmittelbar Betroffener) im gehobenen Stammtisch-Reflex nach Verantwortlichen und Konsequenzen ruft, sollte vielleicht zumindest kurz innehalten, darüber nachdenken, dass eben auch Verkehrsopfer Eltern, Kinder, Geschwister oder Geliebte sind und genau so wichtig, nur dass die Zahl der Toten hier über zweihundertmal größer ist. Der Tod einer überschaubaren Zahl von Menschen im Brennglas mag dramatischer erscheinen, aber diese Dramatik – und Dramaturgie – des Todes darf nicht davon ablenken, dass es einen noch viel größeren Wahnwitz gibt als den eines überfüllten Partyevents mit eventuell mangelnden Sicherheitsvorkehrungen. Nur weil etwas medial fokussiert ist und etwas anderes eben nicht, wird das im Schatten liegende nicht weniger real und prekär als das, worauf die Scheinwerfer gerichtet sind.
Schuld
Es ist interessant, dass wir bei keiner Tragödie ohne die Schuldfrage auskommen. Wir brauchen Terroristen bei Anschlägen wie Olympia 1972 oder beim World Trade Center 2001, gegen die man dann konternd einen sehr sichtbaren Krieg führen kann anstelle der realen komplexen und dekadenlange Dynamiken, die irgendwann zu bösen Konsequenzen führen, wir brauchen selbst bei Naturkatastrophen Verantwortliche, und seien es nur die gewählten Politiker, die dann nicht schnell genug reagiert haben oder nicht kompetent genug waren. Und vorgewarnt, gewiss, hat immer irgendwie irgendwer irgendwo – das ist die Norm. Auch vor 9/11 und Katrina wurde selbstverständlich gewarnt. Nur, würde man auf jede Warnung hören und entsprechend reagieren, man wäre völlig paralysiert… schließlich wird auch Wochentakt das Weltende prophezeit und zwar seit Jahrhunderten. Warnungen zu ignorieren, ob im Nachhinein zurecht oder nicht, ist Grundlage jeden Handelns. Tatsache ist aber, dass Schuld ein quasi «antropomorphisches» Konzept ist, wir projizieren auf ein komplexes Feld von Zusammenhängen, die chaotisch zusammenwirken, nachträglich ein Antlitz, eine menschliche Logik, eine nur scheinbar rationale Ordnung von Ursachen und Wirkungen, die am Ende dann den Strohmann des «Verantwortlichen» ergeben. Den gibt es aber meist nicht wirklich.
Im konkreten Fall scheint es ein Gemisch vieler Faktoren zu geben. Ein Veranstalter/Sponsor, der nach einer ausgefallenen Veranstaltung unbedingt 2010 «seinen» Event haben als Werbefaktor wollte, eine Stadt, die sich bitte nicht die gleiche Blöße geben wollte wie das als Spielverderber angegriffene Bochum zuvor, ein Bundesland, das in Rahmen von Ruhr2010 fast atemlos von einem Event zum anderen hastet und dieses eben auch unbedingt in der Rekordschau dabeihaben wollte, Medien, die eben auch noch einen Riesenevent als Partner begleiten/hochjazzen wollten, eine naiv-überforderte Behördenschaft mit blindem Optimismus gegenüber der Handhabbarkeit von Besucherzahlen und Menschenmenge, mit der Duisburg realiter wohl eher unerfahren sein dürfte – und nicht zuletzt auch die Besucher selbst, deren persönlicher Rausch-Hedonismus im Aggregat der Masse unvermittelt schnell den Charakter zum unkontrollierbaren Moloch wechseln kann, wo jeder potentiell Täter und Opfer zugleich ist, ohne dies wirklich zu wollen.
Dennoch suchen wir jetzt den einen Spieler, der am Ende in der Public Relation die meisten Fehler macht und medial so schlecht dasteht, dass er den Schwarzen Peter in den Händen behalten wird und den Zorn und die Trauer der Hinterbliebenen auf sich zieht. Die Stadt und der Veranstalter haben bei der gerade gelaufenen Pressekonferenz bereits so viele Fehler gemacht, dass jeder PR-Berater verzweifeln dürfte, ehrliche und überzeugende Krisenkommunikation sieht anders aus. So oder so bringt ein «Schuldiger» aber niemanden zurück ins Leben… und die Suche nach einzelnen «verantwortlichen» Individuen verschleiert nur das systemische Problem der Großveranstaltungen.
Spektakel
Ein Event, das an seiner eigenen Größe spürbar zusammenbricht, ist geradezu sinnbildlich für unser Zeitalter des «Zuviel». Wir leben in einer Gesellschatft, in der «Feiern» immer mehr zu einem Massenphänomen wird, das Bedürfnis, große Gefühle in der großen Masse zu teilen, ist enorm. Millionen von Besuchern – das sind Zahlen, die nicht nur Veranstalter wollen, um Umsatz und Sponsoring/Werbeeinnahmen zu realisieren, das sind vor allem die Zahlen, die die Medien anlocken und Berichterstattung, Platz in den Zeitungen, Zeit in Radio und TV, bringen, das vielleicht höchste aller Güter – Aufmerksamkeit – generieren. Und so wird heute ein Massenspektakel an das andere gereiht, der nächste, noch extremere Kick liegt immer um die nächste Ecke. Allein im Ruhrgebiet waren da binnen einer Woche die A-40-Still-Leben-Aktion mit bis zu drei Millionen Besuchern, Bochum Total mit (an drei Tagen) einer Million und jetzt Duisburg mit – je nach Quelle – 150.000 bis 1,5 Millionen Besuchern. Abgesehen von der Frage, wie eine relativ kleine und nicht finanzstarke Stadt wie Duisburg logistisch eigentlich binnen sieben Tagen zwei solche Massenveranstaltungen erfolgreich managen wollte, wird hier deutlich, dass unsere Sucht nach Spektakel, nach Hyperventilation im Massenrausch, wie jede Sucht auch ihren Preis hat.
Es wäre vielleicht klug – auch wenn diese Hoffnung sich wahrscheinlich als zu optimistisch herausstellen wird – wenn man Duisburg als Anlass nimmt, über Megaevents und ihren Sinn als Ganzes nachzudenken. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei diesen Riesenstrukturen etwas schiefgeht, ist fest mit eingebaut und enorm hoch, zumal Herdentrieb, Alkohol und andere Faktoren die Besuchermasse zusätzlich unberechenbar macht. Es ist eher Glück, wenn bei WM-Halbfinalen, gesperrten Autobahnen oder gigantischen Konzerten nicht mehr passiert – aber Glück ist wie Seife, jedesmal, wenn du es benutzt, wird es etwas weniger.
Ob Architektur, Kunst, Kultur oder Alltag – ein Ausstieg aus dem pornographischen, nach immer mehr Steigerung und Eskalation fordernden System des Spektakels tut not. Das große Event, dass den Einzelnen in die Passivität zwingt, zum Vieh macht, das den Dialog und das wahre Austauschen unmöglich macht und nur das besoffene (in jedem Sinne des Wortes) kybernetischer Aufgehen in der Masse, im Sportpalast-Mob der Neuzeit, ermöglicht, in dem es nur noch um Konsumieren und Ausscheiden zu gehen scheint, um eine tröstende Form von Anonymität in den Schlangen vor Bierwagen und Chemotoiletten, um diese seltsame Vereinzeltheit in der Masse. Vielleicht sollten wir wieder lernen, dass Fußball auch mit 10 Leuten ansehbar ist, dass kleine Konzerte schöner klingen als Sportstadien-Gigs, dass weniger mehr ist. In Duisburg entpuppt sich auch das Scheitern einer hedonistischen Überflussgesellschaft, wie falsch die «großen» Events sind. Lieber in die kleinen Clubs, die versteckten Ausstellungen statt die gehypte Eröffnung, die Tante-Emma-Läden statt der Einkaufszentren gehen. Wenn es einen Schuldigen gibt an den Todesfällen gestern, dann ist es ein System von überproportioniertem Junk, der Partizipation unmöglich macht und der entleerten Langeweile des täglichen Arbeitenmüssens (oder schlimmer, des nicht Arbeitendürfens) nur immer extremere Stimulationen und Eskapismen entgegensetzt. Und ein System, das bei alledem, in dieser ständigen Beschleunigung, der immer härteren Fahrweise, permanent die perfekte Funktion vorgaukelt, dessen Risiken aber unabwägbar sind.
Spektakel im Spiegelkabinett
Die Bank gewinnt immer – und die Bank sind in unserer Zeit die Medien. Die großen Zeitungen, TV-Sender und Radiostationen sind längst als mediale Partner Teil des Systems, das immer bombastischere Zerstreuungsangebote produziert. Sie erreichen hier ihre (jeweiligen) Zielgruppen sowie relativ hohe Auflagen oder Einschaltquoten, eine symbiotische Fusion von Eigenwerbung und Programmfüllung. Ob Kölner Karneval oder Loveparade ist dabei fast egal, dabeisein ist alles. Und wie beim Autorennsport geht bei alldem für die Medien nicht nur um den Sport an sich, sondern auch um das Warten auf das Event im Event – den Moment, in dem ein Formel-I-Wagen aus der Spur reißt, sich überschlägt, Flammen schlägt und es um Leben oder Tod des Fahrers geht. So wie auch ein terroristischer Akt erst zu einem solchen in der medialen Echokammer wird, entsteht auch hier die soziale «Tragödie» aus den individuellen Schicksalen erst durch das immer wieder neue Spiegeln in den Medien, die in immer neuer Iteration die kaum vorhandenen Informationen melken. Augenzeugenberichte, Tweets, Interviews – selten dürfen Medien sich so relevant und «echtzeitig» fühlen wie in der Katastrophe, wenn sie den Hunger nach den letzten Informationen kaum noch schnell genug stillen können, wenn sie tatsächlich gebraucht werden. Auf seltsame, vielleicht unvermeidbare Art werden die Medien so selbst noch in der einfühlsamsten und reflektiertesten Art de Berichterstattung unweigerlich zu Voyeuren/ Vampiren/Profiteuren. Und umgekehrt entsteht erst durch diese geballte Aufmerksamkeit überhaupt erst der «Event», über den weiter zu berichten es sich lohnt, als eine Art kurzlebiges mediales Perpetuum mobile. So selegieren die Medien, was uns berührt und zu Trauer veranlasst, weil sie diese 19 Verstorbenen unter das Brennglas ihrer Aufmerksamkeit ziehen, und zugleich vielleicht andere Tragödien anderenorts ausblenden. Erst die Medien machen die persönliche Tragödie zur «Tragödie» auf der gesellschaftlichen Bühne, erst sie schaffen aus den Fakten eine Narration mit Opfern und Tätern, Helden und Schurken. Erst ihre Aufmerksamkeit erzeugt unsere Aufmerksamkeit. Diese Multiplikation mag unbewusst und unabwendbar sein, den Gesetzen des medialen Marktes gehorchen, wirklich gut ist sie beileibe nicht immer. Ob Kachelmann, Bundespräsidentenwahl, Schweinegrippe oder Loveparade – es geht in unseren Medien immer und fast nur noch um den sich selbst fütternden Hype, das Junkfood in der Informationswelt. Was übrigens mit dem Internet eher schlimmer geworden ist, selbst dort, wo Auflagen/Einschaltquoten bzw. Clickrates eigentlich so gar keine Bedeutung mehr haben. Das Ergebnis ist eine mitunter hysterische Hyperfokussierung, eine Echokammer von Empörung und Entrüstung, die das ursprüngliche Quentchen an Information per Hyperlink-Loops verstärkt und verstärkt, bis das Echo wichtiger ist als das Signal.
Am Rande
— Man lernt: Zahlen sind flexibel. Wenn man es als Veranstalter für die Medien und Sponsoring/Werbepartner braucht, kommen zu einer Loveparade eben gern 1,5 Millionen Besucher – jetzt, wo es eher darum geht, eben zu kommunizieren, dass es keine Überfüllung des Loveparade-Areale gegeben hat, spricht man von einem Bruchteil dieser Besucherzahl. Wäre gestern keine Katastrophe passiert, hätte man die Zahl freilich hochgerechnet. Und das beste: Scheinbar weiß es tatsächlich niemand genau – was zugleich auch Angaben über Besucherzahlen in Vorjahren oder bei anderen Massenevents denkbar unglaubwürdig erscheinen lässt. Frei nach dem vermeintlichem Churchill-Bonmot: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.
— Ist es nicht seltsam, dass wir Vergnügen privatisieren – also individuellen Spaß wollen und fordern und auch den Umsatz/nutzen, der mit Partys gemacht wird an private Firmen leiten – die Verantwortung dafür aber weitgehend beim Staat suchen?
— Natürlich stellt Rainer Schaller als Personalunion von Veranstalter und Hauptsponsor die Loveparade ein, sie war eine reine Werbeveranstaltung für sein Unternehmen McFit und der positive Imagetransfer für den Körperkultdiscounter dürfte sich wohl vorerst erledigt haben. Und natürlich ist die Loveparade, wie sie hier stattfand, nicht näherungsweise zu verwechseln mit dem tatsächlichen Berliner Rave-Festival, sondern eine seicht-vulgäre Freiluft-Massenparty mit Klingelkirmestechnomusik für die breite Masse, eine feiste und fratzenhafte Parodie dessen, worum es am Anfang mal ging. Berechenbar wie leicht vulgär ist dabei Matthias Roeinghs (Dr. Mottes) Seitenhieb auf Schaller, der ihm ja «seine» Loveparade komplett abgekauft hat.
— Am Ende, jenseits aller Medien, aller Tweets, aller surrealen Pressekonferenzen, der sirrenden Schuldzuweisungen und den Gründen sind 19 Leute tot, das ist keine «Katastrophe» und keine «Tragödie», wie die Medien es gern formelhaft bezeichnen (siehe oben… und ich ja auch, denn natürlich ist es eben doch eine Tragödie), das sind vor allem 19 ganz individuelle unfassbare Verluste, in Familien, unter Freunden. Das kann man medial nicht aufbereiten und die Trauer der Angehörigen nicht nachempfinden. Aber man kann sich vorstellen, die eigenen Freunde oder Geschwister verloren zu haben, dieses erstickende Gefühl, dass dein Sohn oder deine Tochter nur mal eben weggehen, um etwas in der Sonne zu feiern und nicht mehr, nie mehr, zurückkommen werden. Man kann sich vorstellen, wie es sein muss, wenn ein Lebenspartner sich in der Masse verirrt und du bleibst alleine überlebend zurück, von einer Minute zur nächsten mit deinen ganzen Lebensplänen allein. Oder vielleicht kann man sich das eben auch nicht vorstellen. Dieses Loch kannst du nicht in Worte fassen und die Vorstellung, die man sich selbst davon macht, wird der sprachlosen echten, greifbaren Wirklichkeit wahrscheinlich nicht näherungsweise gerecht.
25. Juli 2010 14:42 Uhr. Kategorie Stuff. Tag Denken, Gesellschaft, Medien. 91 Antworten.
Lieber Dirk,
daß dieses Thema mir schon aus beruflichen Gründen nahegeht kannst Du Dir sicher vorstellen. Ich habe heute einiges darüber gelesen, manches auch, was mich sehr erschrocken hat. Deinen Artikel zu dem Thema finde ich (abgesehen von für mich interessanten fachlichen Analysen) das Passenste, was mir bisher unterkam.
Danke dafür.
Markus
Vielen Dank für diesen hervorragenden Artikel. Er beweißt, das man sich diesem schwierigen Thema auch intelligent und mit viel Gefühl widmen kann und nicht auf Polemik und Sensationslust beschränkt sein muss. Einen solchen Artikel sollte man eigentlich zuerst in den besten Zeitungen des Landes finden.
Markus
Markus, nachdem ich vorhin drauf hingeweisen wurde, dass mir die betroffenen für den Text an die Kehle springen würden, kommt das gerade sehr tröstlich. Ich hoffe, das klar geworden ist, dass es mir gerade auch drum geht, dass zwischen der «Tragödie», die in Tweets oder von Politikern in Anspruch genommen wird und der sehr realen Erfahrung vor Ort oder dem Verlust eines geliebten Menschen, ein Unterschied besteht.
Viel besser, die Frau KANN ja immerhin im Gegensatz zu mir schreiben, finde ich Liz Ranks (auch deutlich kürzeren ;-D) Text zur Sache:
http://mevme.com/lizblog/niemals-geschlossene-schuhe/
Und nein, der ist nicht verlinkt, weil er hierhin verlinkt, ich war vorhin fast erschrocken (so diese Sorte erschrocken-erfreut-erschrocken, ihr kennt das, ja?), am Ende den Link hierhin zu finden.
>Einen solchen Artikel sollte man eigentlich zuerst in den besten Zeitungen
>des Landes finden
Ähm, ne – besser nicht. Da würde ich gern kürzere, besser strukturierte und sinnvolle Texte lesen (und die werden auch kommen, denke ich).
Weils bei Social Media drüber und drunter geht und ich es vorhin bei Facebook schon begründete, hier die Wiederholung: Das Blog hier ist kein Serviceblog, oder Marketingblog. Ich schreib keine «Artikel». Ich übernehme bei Ankündigungen auch fast nie die Pressetexte, wie man bei der Leipzig School jetzt gesehen hat… und das liegt daran, dass es eher eine Art (halb)öffentliches Tagebuch ist.
Ich hab früher Tagebuch geschrieben, fand das aber witzlos und mit der Zeit wurden das totale Kürzel. Dann habe ich eine Art Sudelbuch gehabt (so in der Art: http://www.hdschellnack.de/sudelbuch-122/), eine Art Skizzenbuch ohne Skizzen, sowas mit Notizen und Klebereien. Das fand ich toll und vermisse es in all diesem digitalen auch etwas, muss ich zugeben. Das Blog seltsamerweise ersetzt beides etwas – ich schreibe mehr und muss etwas mehr nachdenken, weil ja schon eventuell da draußen ein paar Leute mitlesen, also müssen Punkte ans Satzende und so. Aber andererseits ist es eben primär der Kampf gegen mein alzheimerndes Gedächtnis – wenn ich einen Film sehe, aber vergesse, ihn zu bloggen, ist er nach einem Jahr einfach weg, aber so richtig. Also besser aufschreiben und dabei stelle ich fest, dass es für mich gut ist, bei dem Anlaß auch mal in die hermeneutische Achterbahn zu steigen und wild herumzutexten, ohne immer dran zu denken, ob jemand wirklich 5 A4 Seiten zu «Moon» lesen will (probably not). Und trotzdem ist es – mit ganz ganz wenigen Ausnahmen – auch nicht wirklich persönlich. Und aber auch so GAR nicht mehr «nodesign». Es hat sich seit 2005 ziemlich oft geändert, zuletzt dadurch, dass ich (eigentlich leider) so ganz kurze Sachen derzeit eher fix bei Twitter absondere (Links, Eindrücke etc) oder dadurch, dass mehr Photo-Tagebuch aufkommt. Aber es ist keine Zeitung, kein Magazin, keine echten Artikel. Das hängt viel zu hoch – und so hoch schreib ich nicht, da würd’ ich keinen Text anfangen.
Auch das hier ist echt so GAR kein Artikel, sondern so halbvergessenes Zeug von Baudrillard und Debord, Gedanken, die ich mir in der Vorbereitung für ein nie gekommenes Semester zum Thema «Spektakel» gemacht habe, und viel Stream of Consciousness drumherum, wo ich froh bin, wenn ich am Satzende noch weiß, was ich am (ja meist eher ewig weit zurückliegendem) Anfang schrieb. Und die ganzen Anglizismen, halben Fremdwörter, die Schachtelsätze, die Extended-Remix-12″-Überlänge und so – das alles ist kein Artikel. Dazu gehört dann Redaktion, kürzen (so wie jetzt für einen Text von 29.000 auf 14.000 Zeichen – übrigens Mission Impossible, Philine :-D), destillieren, das Schwafelige raus und soweiterundsofort.
Aber das Coole ist: In einem Jahr ist es eben noch da und ich kann schauen, was ich in einem Jahr vor einem/zwei/fünf Jahr(en) gedacht hab. Und das ist doch schon was. Das es tatsächlich jemand anderes liest (und ich hab keine echte Ahnung wie viele Leute das eigentlich sind, nicht viel wahrscheinlich), ist eher ein (aber zugegeben sehr schöner) Nebeneffekt
Ich halte den Artikel auch nur in einigen Teilen für brauchbar. Spätestens wenn die Lust auf Spaß mit Naziveranstaltungen im Sportpalast in Verbindung gebracht wird oder der Eindruck vermittelt wird, die Suche nach den Schuldigen sei nicht wichtig, ist der Artikel unerträglich. Am Ende ist das hier so sinnfrei wie Trauerbekundungen des Bundespräsidenten und ebenso nur eine Form der Profilierung als ein Vertreter des “Anderen”.
[...] den zum Teil äußerst reißerischen Medienberichten finde ich die Artikel Elisabeth, HD und Sascha nicht [...]
Sehr gute Darstellung. Danke.
Guter Artikel und kommt auch so rüber, wie er woll gedacht ist. Eine Art emotionales Brainstorming (um mal beim Neudeutschen zu bleiben) über die Dinge, die unserer Welt nicht so stimmen. Und dafür hast du dich noch ganz gut sortiert und kurz gefasst. Ich fürchte, wenn ich mal damit anfangen würde was mich auf unserem, an sich schönen, Planeten so alles stört und teilweise lähmend beängstigt, müsste ich sofort meinen Job kündigen. Also danke, dass ich einen kleinen Ausflug in deinen Gedanken unternehmen durfte und wenigstens Mal für ein paar reizüberflutete Momente dran glauben darf, dass es da draussen noch Menschen gibt, die Dinge ähnlich wie ich sehen.
Speziell der Abschnitt “Schuld” strotzt nur so von substanzlosen, unlogischen, reinen Meinungsbekundungen – leicht beleg- und vor allem widerlegbar!
Wer es nicht gemerkt hat: Der Schreiber gibt den Verantwortlichen Deckung – er möchte die Ursachen und Verursacher vernebeln!
Zitat:
“Nur, würde man auf jede Warnung hören und entsprechend reagieren, man wäre völlig paralysiert… ”
(..ich hab schon lange nicht einen solch gefährlichen Unfug gelesen!)
Die kausalen Zusammenhänge zwischen Veranstaltern, Warnern (und es wird bereits seit 2009 vor dem Duisburg Event gewarnt) und Katastrophe sind allgemein verfügbar, rational erfassbar und darstellbar. Sie sind kein Gegenstand für ausufernde redundante unfundierte private Meinungsäusserungen unterhöhlt zusätzlich durch eine Vertuschungsagenda nebst Verhöhnung der Opfer(!) – sondern Gegenstand der Staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen.
“http://mevme.com/lizblog/niemals-geschlossene-schuhe/ [...] Und nein, der ist nicht verlinkt, weil er hierhin verlinkt, ich war vorhin fast erschrocken (so diese Sorte erschrocken-erfreut-erschrocken, ihr kennt das, ja?), am Ende den Link hierhin zu finden.”
… Da musste ich ja kurz auflachen. Also… weil ich niemanden von euch kenne, ihr mich nicht kennt, ich aber seit Ewigkeiten mitlese, einfach so. Oder zumindest weil ich das schätze, was ich in beiden Blogs so lese, weil ich das angenehm reflektiert finde, sympathisch irgendwie, wenn man das so sagen kann. Und normalerweise halte ich ja den Mund, ich lese immer nur mit, aber diesmal, da muss ich ganz klar zumindest diesen Gedanken hier teilen:
Dass ich gerade im Rahmen der Twitter-Sinn/Unsinn-Debatte, die bei Elisabeth Rank in den Comments geführt wird, feststellen muss, dass ich Blogs abonniert habe, deren Autoren offenkundig voneinander wissen (sich vielleicht sogar kennen?), zeigt mir: Mein Gott, was mich interessiert, oder hier: wessen Meinung mich interessiert, das scheine ich sehr engstirnig zu selektieren! Der Teufel, dieses Internet! Ich dachte, ich würde breit gestreut lesen! :D
[...] Tod und Spektakel von HD Schellnack [...]
Auch ich wettere gerne gegen den Wahnsinn der täglich aufgrund der deutschen Liebe zum Automobil verzapft wird.
Aber der Vergleich hinkt gewaltig. 4152 Verkehrstote im Jahr sind durchschnittlich 11 Tote pro Tag. Dabei dürfte das Verkehrsaufkommen in Deutschland täglich weit über den geschätzen 1,4 Mio. Besucher liegen. Autofahren ist anscheinend also sicherer als das Besuchen der Loveparade — seit gestern.
Auch Tucholskis Zitat ist überspitzt. Jeder erinnert sich sicherlich an den Tsunami zu Weihnachten 2004, durch den über 200000 Menschen gestorben sind. Das hat mich damals sogar zum Spenden bewegt, zum ersten Mal im meinem Leben, wie auch einige andere aus meinem Freundeskreis. Nach Tucholski hätte mich das einen feuchten Furz interessieren müssen.
Es ist vielmehr das Unerwartete, dass diese Reaktion auslöst. Als Autofahrer rechnet jeder (zumindest unbewusst) damit, dass er jederzeit den Löffel abgeben kann. Das ist unvermeidlich, wenn in den Abendnachrichten immer wieder von Verkehrstoten berichtet wird. Als Loveparade-Besucher rechne ich aber nicht damit, zu schaden zu kommen — unbeachtet hartneckiger Gerüchte (besser urban legends) über Messerstechereien auf der Loveparade.
Ui, was ist denn hier los? Ich versuche mal – in der Hoffnung, nicht die Trolle zu füttern, sondern Unklarheiten aufzuklären und (auch meine eigenen) Gedanken zu sortieren, einige Sachen zu beantworten. Und bleibe angesichts der fortgeschrittenen Stunde hoffentlich kurz :-D.
MIKE
> substanzlosen, unlogischen, reinen Meinungsbekundungen
Mal abgesehen von den unfreundlichen Adjektiven geht es hier um nichts anderes. Um meine Meinung. Für alles andere bitte morgen den Spiegel kaufen oder so – es wäre nicht fair, hier die Funktion eines ganz persönlichen Blogs und echten Journalismus zu verwechseln. Don’t like it? – Don’t read it.
>Der Schreiber gibt den Verantwortlichen Deckung
Nein, sorry. Ich weise auf das ganz normale Bedürfnis hin, aus Wut und Frustation – als Betroffener, aber inzwischen auch als Bürger, dessen «Ordnung» gestört wird – einen Verantwortlichen zu finden, dessen Bestrafung die Normalität restituiert. Was aber so simpel eben nur noch selten geht. Beispiele dafür gibt es genug – selbst so etwas banales und triviales (außer für die Betroffenen) wie die Schuldfrage bei Kachelmann könnte ich als Außenstehender nicht sicher beurteilen, sie «quantelt» sozusagen, über eine Meinung (mehr oder minder fundiert) kommt selbst ein Experte kaum mehr hinaus. Dito Brunner. Erst Recht komplexe systemische Phänomene wie Banken- oder Wirtschaftskrisen. Schuld ist eine moralische Idee, Systeme aber sind natürlich amoralisch. Ich will nichts vernebeln, mich nervt nur der etwas berechenbare Lynchmob, der jetzt den Kopf eines Oberbürgermeisters fordert, weil die bösen Politiker (und die gierigen Unternehmer, of course) ja unbedingt immer alles schuld sind. Die bei Gauck noch ins charmante gewandte und vielleicht ja auch berechtigte (und mich auch anfallende) Müdigkeit mit dem Berufspolitiker zeigt hier eine unschöne Facette, zumal die Stammtische Ihre Fakten auch nur aus den Medien beziehen. Die Schuldfrage sollte man der Justiz überlassen, nicht dem WAZ-Konzern. Und solche Klärungen brauchen Zeit, wer zwei Stunden nach einem Desaster schon unbedingt weiß, wer jetzt Schuld war, der macht sich im Zweifelsfall so unglaubwürdig wie dereinst Herr Stoiber, als er auf Basis von verfrühten Daten die CDU als Wahlgewinner feierte.
>solch gefährlichen Unfug
Gefährlich ist noch kein Blog und kein Tweet gewesen, es ist nur Text. Unfug, oh my, ja sicher, warum nicht. Es ist nur meine Meinung, aber immerhin beschimpfe ich nicht irgendwelche Leute, im Gegensatz zu dir, der aus mir einen «Schreiber» von «gefährlichen (sic) Unfug» macht. Und nochmal: Es gibt immer, ausnahmslos, bei jeder Katastrophe, hinter Leute, die es immer schon besser gewusst haben. Immer. Damit sei nicht davon abzulenken, dass im Falle Duisburg auf den ersten Blick die infrastrukturelle Lösung der Personenführung zu optimistisch oder zu undurchdacht wirkt – ich selbst habe einige Tage vor der Loveparade, als ich im Radio den Aufbau hörte, auch gesagt, daß das aber massiv kritisch klingt. Auch 1200 Polizisten auf erwartete 1,4 Millionen Gäste wirkt… mutig. Aber ohne Sicherheitskonzepte en detail zu kennen, ist das schwer zu beurteilen und auch nicht meine Aufgabe – mir ging es nicht um das faktische «right» und «wrong», sondern um den Lynchmob – und ganz abstrakt um das Bedürfnis nach Sündern und Sündenböcken.
>unfundierte private Meinungsäusserungen
Ja mei, freilich… um nichts anderes geht es hier doch… versteh ich das richtig, dass private Meinungsäußerungen jetzt nicht mehr drin sind, deiner Meinung nach? Was ist dein Kommentar denn dann? Fundiert und staatlich verordnet? Eben! Wir alle äußern privat Meinungen und tun dies in 99,5% aller Fälle unfundiert. Nur hab ich nicht gleich die Pechfackel und Heugabel in der Hand und schreie nach Blutopfern.
>Gegenstand der Staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen
Und DA gehört es auch hin. Da sind wir ganz einer Meinung…
Marcus Cyron:
>Spätestens wenn die Lust auf Spaß mit Naziveranstaltungen im
>Sportpalast in Verbindung gebracht wird oder der Eindruck vermittelt wird,
>die Suche nach den Schuldigen sei nicht wichtig, ist der Artikel
>unerträglich.
Das mag ein Mißverständnis sein, denn wenn ich schreib, weiß ich ja, wie ich es meine, und manchmal erklärt man dann zu wenig. Natürlich will ich nicht eine Schar Partypeople mit Naziveranstaltungen vergleichen. Es geht also auch gar nicht um Goebbels oder den konkreten Inhalt der Sportpalast-Rede, sondern um das GEFÜHL VON MASSE für den Einzelnen. Man hätte hier sicher auch die römischen Arenen herbeizitieren können oder andere Vorbilder, aber für dieses Gefühl, das der einzelne im Meer der Menge untergeht, ist die hier ja bewusst inszenierte Herdenstimmung eine brauchbare Metapher – als Bild, nicht als Wertung. Tatsächlich sind die Dinge sehr unterschiedlich – den Nazis ging es tatsächlich um das Kollektiv, die Gleichschaltung (und hier ganz konkret um einen Propagandaeffekt), dem postmodernen Hedonismus geht es eher um die Menge als Spiegel seiner selbst und als bewussten Rauschmoment für das Individuum, das sich zugleich in der Masse anderer, ähnlicher Individuuen verliert. Ähnliche Effekte, aber andere Vorzeichen. Auch schwer greifbar zu machen, merk ich gerade – sorry, wenn das unverständlich war.
>nur eine Form der Profilierung als ein Vertreter des “Anderen”.
Da stecken zwei Sachen drin.
a) «Anders». Ich hab keine Ahnung, ob ich «anders» bin, aber immer, wenn ich es selbst wahrnehme – etwa, weil ich auf einer Party nicht so entfesselt mitsinge wie andere, weil ich over- oder underdressed bin bei einer Gelegenheit oder weil ich mich unverstanden fühle – dann ist das beileibe nichts, was ich toll finde oder womit ich mich «profilieren» möchte, es nervt meist eher, weil man immer irgendwie deplaciert ist und damit manchmal auch sehr netten Menschen vor den Kopf stößt. Wobei ich immer wieder feststelle, dass mein Geschmack oder Denken nicht so anders ist – oder aber es gibt noch genug andere «Andere» da draußen, die tolerant genug sind, mit mir klarzukommen, auch denkbar.
b) Profilierung. Nene. Ich kenne den Vorwurf, liegt vielleicht echt auch an der Art, wie ich schreibe, wer mich nicht kennt, muss die ja seltsam finden. Aber so ist das nicht. Ich bin so nicht. Und das Blog dient einfach GAR keinem äußeren Zweck, es ist einfach nur da.
Es ist eher ganz banal andersherum, so, dass mir heute noch dazu geraten wurde, weniger zu bloggen, man könne ja immer auch bei (potentiellen) Kunden anecken. Ich habe das bisher nicht erlebt, aber ganz sicher dient dieses Blog nicht einer Profilierung. Mir ist ganz klar, dass in Zeiten von Social-Media-Selbstdarstellern die Idee naheliegt, aber das ist echt nicht die Absicht und – vor allem auch gar nicht das Ergebnis. Es ist so ein beliebtes Ding, Bloggern oder Tweetern eine Profilneurose vorzuwerfen, weil sie es wagen eine Meinung öffentlich einfach so zu äußern, ich kenn das schon. Und ich frag mich auch oft genug: Kratzt das wen? Muß ich jetzt der Welt mitteilen, welche Kaffeetassen ich toll finde? Aber ehrlich: Es ist nicht die Welt, sondern nur ein kleiner Kreis von Leuten, die sich das ja freiwillig geben und auch wenn ich jedesmal etwas über eine innere Hürde hüpfen muss, drei Monate später bin ich froh, so Sachen kurz festgehalten zu haben. Aber an Profil gewinne ich dadurch nirgendwo. Sollte ich irgendwann mal einen Kunden durch das Blog gewinnen, dann ziehe ich das zurück (und freu mich), aber bis dahin … nee, ist einfach nicht so. Ich hab hier auch nichts zu verkaufen – alle nodesign-relevanten Sachen sind seit fast zwei Jahren komplett verschwunden aus dem Blog, weil ich diesen Beigeschmack von «Marketing» nicht wollte (was manchmal aber auch schade ist, ich find nämlich selbst sehr praktisch, in alten Skizzen oder abgelehnten Ideen zu blättern). Manchmal ist eine Zigarre eben nur eine Zigarre.
VIKTOR:
>Aber der Vergleich hinkt gewaltig
Ja klar. Es IST auch gar kein Vergleich. Ich sage nicht: Oh, im Verkehr sterben viel mehr Leute, wieso ärgert das keinen – ich bewerte das nicht. Aber das Phänomen, das Mortalität langsam und stetig aber viel drastischer hoch ausfallend uns weniger stört als eine vergleichsweise geringe, aber dafür insgesamt ad hoc höher wirkende und insofern eben spektakulärere Zahl, das fand ich interessant. Es ging nicht um den Vergleich, sondern – der Titel sagt’s ja – um Spektakel. Das am Tag nach deiner Rechnung 11 Tote am Tag im Autoverkehr sterben, ist aber eben auch recht drastisch. Glaubst du, die öffentliche Reaktion wäre anders, weil «nur» 11 Leute gestorben wären? Beim Auto gehört es irgendwie zum akzeptierten Risiko einer mobilen Gesellschaft, scheinbar.
Ich sag nicht, das eins richtig oder das andere falsch ist – es ist nur interessant und zumindest gut, um die (auch eigenen) Gefühle und Perspektiven abzuklopfen oder eventuell eben auch eigene Abstumpfungen kurz bloßzulegen. Ich denke übrigens nicht, dass Autofahrer mit dem eigenen Ableben rechnen – ganz im Gegenteil, wenn ich mir ansehe, wie wir alle so fahren, scheint sich hier der Glaube an die eigene Unsterblichkeit aufs beste und schlimmste zu offenbaren :-D. Tatsächlich fährt man ja gerade dann sicherer, wenn man am wenigsten «denkt».
Das mit dem Unerwarteten ist aber goldrichtig. Das ist das was ich mit dem Unterschied zwischen «Schock» und «Trauer» meine. Viele, die von Trauer sprechen, meinen vielleicht auch eher den eigenen Schock über das Unerwartete. Wobei, seien wir ehrlich, es kommt nicht aus heiterem Himmel. Statistisch müssen solche großen Events früher oder später schiefgehen, die Fehlerpotentiale und Unsicherheiten sind einfach enorm groß und die Planbarkeit nicht immer bis ins letzte gegeben.
>Nach Tucholski hätte mich das einen feuchten Furz interessieren müssen
Ob Tucholsky, Remarque oder Stalin (allen dreien wird der Satz zugeschrieben, von KT und EMR gibt’s immerhin gedruckte Quellen) – es war immer ein Zitat zum Krieg, nicht zu Naturkatastrophen. Aber abgesehen davon ist es hier a) nochmal anders, weil die Zahl so erschreckend groß ist, dass man eine Art Übersprungsreaktion hat. 1000 Opfer, okay – 200.000 unvorstellbar. Die schiere Unfassbarkeit, also wieder das Spektakel, der Rekord, wirkt, die Hypertrophie des Elends. Und: Man spendet in solchen Fällen ja nicht den Toten. Sondern den Überlebenden und dem Wiederaufbau. Was auch gut ist. Die Toten kann man dennoch nicht erfassen. Die Medien können das in Einzelschicksalen Hinterbliebener zu packen versuchen, exemplarisch, als Gleichnis sozusagen – aber es sind eine Viertel Million solcher Einzelschicksale. Das ist, wenn du ehrlich bist, nicht in den Kopf zu kriegen. Und Spenden ist vielleicht auch eine Möglichkeit, mit dieser Dissonanz umzugehen – die Teil einer medial-globalen Empathie ist, die uns das Elend der gesamten Welt ins Haus bringt und uns (was auch gut sein kann) in die Verantwortung nimmt.
“Es ist nur verständlich, wenn schon unmittelbar nach solchen Tragödien Schuldzuweisungen vorgenommen werden, auch wenn die am Ende möglicherweise gar nicht haltbar sind. Menschen wollen Klarheit haben. Die Welt soll eingeteilt sein in Schwarz und Weiß. In Gut und Böse. Richtig und falsch. Schuldig und unschuldig. Und so ist die Suche nach den Schuldigen dieses Unglücks auch so etwas wie der Wunsch nach eindeutigen Wahrheiten. Wir wollen verstehen, was vielleicht am Ende gar nicht vollständig zu verstehen ist.
Das gilt ganz besonders für die Augenzeugen und Überlebenden und für die Angehörigen der Toten. Wenn Klarheit besteht, wie und warum etwas passiert ist und wer verantwortlich gemacht werden kann, lässt sich (vielleicht) etwas leichter damit leben. Doch manchmal gilt wohl auch: Dinge geschehen! Einfach so! Wo Hunderttausende zusammenkommen, ist nicht jede Entwicklung vorhersehbar. Das ist kein Trost, aber wohl die Realität.”
Quelle: Nordwest-Zeitung (http://www.nwzonline.de/Aktuelles/Politik/Meinung/NWZ/Artikel/2392882/Fatale+Dynamik.html)
Danke für den Link. Auch der Spiegel macht ja online, wenn auch auf überraschend reißerische Art, gerade Veranstaltern und Duisburger Politik die Hölle heiß. Und wenn da was dran ist, freue ich mich, wenn es klare Verantwortliche gibt und diese Konsequenzen spüren. Sauerländers Rücktritt ist wahrscheinlich nur noch eine Frage von Zeit und Pietät. Wichtig ist aber auch der Blick für etwas wie einen fast systemischen Druck war, dieses Event 2010 durchzuziehen, auch gegen fundierte Kritik. Ich denke, sehr viel wichtige Leute wollten dieses Highlight unbedingt aus verschiedensten Gründen haben und anscheinend war der Druck im Kessel höher als die Vorsicht und Vernunft.
Ganz grundsätzlich ist diese Form gesellschaftlichen Spektakels Ausdruck systematischen Rausches, der als eskalierende Sucht zu den Effekten führt, die wir jetzt sehen. Irgendwann will jemand zu schnell zu viel zu sehr und die Katastrophe ist da. Jenseits des dann konkret greifbar mehr oder minder verantwortlich zu machenden, bleiben die Medien aber etwas blind dafür, dass es einen größeren Kontext gibt.
Beispiel Bankenkrise. Hier gibt es Dynamiken, bei denen man vielleicht eine Clique «Schuldiger» verorten könnte, aber in Wirklichkeit offenbart sich hier ein Kontrollverlust, ein hyperbeschleunigter, computerbasierter und von der realen Wirtschaft entkoppelter Videogame-Kapitalismus, der an sich als System gefährlich ist. Und jedes System wird ja erst sichtbar, wenn es aufhört, reibungslos zu funktionieren.
So auch hier. Die Frage ist also vielleicht auch: Warum konnte oder wollte niemand einfach Nein zur Loveparade sagen. Wie hat die Öffentlichkeit damals nach Bochums Absage reagiert? Wie reagieren selbst jetzt noch einige Leute auf Schaller Absage an weitere Loveparades? In diesem Fall, anders als bei anderen Beispiele, lassen sich vielleicht konkrete Verantwortliche finden. Frage bleibt: Welcher systemimmanente Zwang steckt dahinter, welche Dynamik?
Eignet sich weniger für lynchmobbende Schlagzeilen und den Boulevard, ist aber vielleicht langfristig interessanter. Will man Symptome behandeln oder nach Ursachen sehen? Aspirin oder Arztbesuch? Hat Möllemanns Rücktritt nach der Einkaufswagen-Chip-Affäre die Politik verändert, ist die Verstrickung von Politik und Wirtschaft bis zur persönlichen Vorteilnahme seitdem besser geworden? Hat der Afghanistan/Irak-Krieg als Antwort auf 9/11 unsere globale Angst (und die Wahrscheinlichkeit) von Terroranschlägen gesenkt? Oder hätte man anders, umfassender, reagieren können? Abgesehen von der Frage, warum an sich gute Menschen gemeinsam zu einem schlechten System münden können, immer wieder, ist es nicht ein bisschen so, als würde man hier einem Dealer, der gestrecktes Dope verkauft hat, festnehmen (völlig richtig) – an den generellen Hintergrund von Drogensucht aber keinen Gedanken vergeben (nicht richtig).
Und wenn ich die Spiegel-Headlines heute morgen lese, ist es eben so: Auch die Berichterstattung füttert unseren Wunsch nach Thrill, Spektakel, nach Tätern und Opfern. Mir persönlich reicht ein Blick auf die numerierten Konturen der Leichen, mit denen SPON den Artikel bebildert, damit mir der Tag verdorben ist. Der Clou ist also: Die «Aufarbeitung» erzeugt mehr von dem ganzen sozialen Adrenalin-Kick-Eskapismus, mit dem wir die Langeweile einer gesättigten und ziellosen Gesellschaft zu überbrücken versuchen, der also ein Teil des größeren Problems ist.
Während sich eienr der führenden Medienjournalisten Deutschlands an Eva Herman und ihrem lächerlichen Pamphlet “abarbeitet”, steht hier ein tatsächlich wunderbar reflektierender Text. Chapeau!
Vielen Dank für diesen Artikel.
Das gesamte Medienecho auf dieses Unglück waren wie immer nur Schuldzuweisungen und Schuldigensuche sowie zum Teil sehr geheuchelte Anteilnahme; Bild Zeitung weil sichs verkauft, Politiker weils sich gehört. Nebenbei, die gehobebe Politikerriege war gestern in Bayreuth! Wo sind da wohl die tollen Interviews zur Loveparade entstanden? Vor- oder nachdem man sich köstlich zu halbsurrealer Laborratten-Ästhetik amüsiert hat? Ätzend …
Aber zurück, mir fehlt komplett die nüchterne Analyse des Unglücks. Es wird emotionalisiert, es werden Bilder von Toten in Christlich-Fundamentalen Newsblogs gezeigt (http://twitpic.com/28jbx7/full), es geht nur um “den einen Schuldigen” und darum, wie schlimm das alles ist. Was es zweifellos ist.
Ich habe im letzten Jahr bei einem Autounfall meine Freundin verloren. Daher finde ich den Einstieg in diesen Artikel sehr gelungen und wichtig um einige Emotionalisierer mal wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen. Einzelne Verkehrstote bringen aber weder Quoten, noch Auflage oder Wählerstimmen. Da muss schon so eine Katastrophe wie vorgestern kommen. Und daran wird sich erst einmal wieder gerieben. Bis ca. Mittwoch. Dann ist die Halbwertszeit von medialen Tragödien vorbei. Und wir wenden uns den Festivals am kommenden Wochenende zu.
Meine Gedanken sind bei den Angehörigen. Die Lebenspläne von vielen Leuten haben sich an diesem Wochenende geändert. Ich kenne das nur zu gut, seid tapfer.
> Ist es nicht seltsam, dass wir Vergnügen privatisieren – [...] – die Verantwortung dafür aber weitgehend beim Staat suchen?
Dieser – indirekte – Aufruf zu mehr Eigenverantwortung kann man nicht genug unterstützen! Das zeigen auf den (bösen) Staat, der an allem Schuld ist, ist leider schon reflexartig.
Man stelle sich einmal vor: Es hätte, wie einige gefordert haben, mehr Ordnungskräfte/Polizei in Duisburg gegeben und es wäre nichts passiert, dann hätte es womöglich geheissen, man kriminalisiere die Raver im Vorfeld etc. pp.
Und zu den Warnungen: Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, das vor jedem Massenevent genügend Warnungen von jeglicher Seite ausgesprochen werden; ob Fusball WM oder Public Viewing oder Loveparade – wenn nichts passiert, waren das übertriebene Ängste, Angstmacher, etc. pp., passiert leider doch etwas, sind das die Helden – frei nach dem Motto “wir haben’s ja schon immer gesagt”.
Ich weiß zwar nicht, wo die Leute plötzlich alle herkommen (und hätte ich gewusst, wer den Summs alles liest, hätte ich doch nochmal Rechtschreibkorrektur und so was alles gemacht ;-)) – aber ein schöner Nebeneffekt hier ist gerade, dass ich ad hoc zwei Blogs, die ich noch nicht kannte und jetzt als RSS abonniert habe, entdeckt habe. Vielen Dank dafür!
Danke HD.
Großartiger Text, danke! Und, warum ist hier eigentlich kein Flattr-Button?
Flattr? Das ist dieses Geld-Spende-Ding, oder? Würd sowas hier Sinn machen? Glaub ich ja eher nicht.
Vielen Dank für diesen wirklich sehr guten Text!
Sehr guter Artikel! Kann ich so unterschreiben! Die Darstellung und Verknüpfung von verschiedenen Zusammenhängen ist dir deutlich gelungen! Abgesehen davon finde ich deinen Schreibstil auch klasse!
Grüße aus Koblenz,
Gerold
Ich danke nicht nur für den Artikel, sondern auch für die äußerst eloquente Art und Weise auf die Reaktionen zu reagieren :)
Hat mir bis hier hin sehr viel gegeben, die Webseite!
Hallo HD,
danke für den Artikel, bin über den Bildblog darauf gestossen.
Auch wenn ich nicht in jeder Einzelheit deine Meinung teile fehlen in den deutschen Medien (dazu zähle ich Blogs) mehr Artikel wie diese.
Danke dafür,
Gruß
Björn
Bildblog???? Wenigstens weiß ich dann, woher die ganzen Kommentare kommen :-D. Wie kommt das denn?
Ich teile meine Meinung übrigens auch nicht in allen Einzelheiten – es ist ja nur laut nachgedacht. So richtig «sicher» ist man sich ja nie bei sowas. Es geht ja eher darum, beim Reden (Schreiben) die «Gedanken zu verfertigen» (Danke, Herr Kleist: http://www.kleist.org/texte/UeberdieallmaehlicheVerfertigungderGedankenbeimRedenL.pdf)
Hi,
warum benutzt Du am Ende die Phrasen, die Du am Anfang den Polotikern als leere Phrasen vorwirfst? Die Antwort ist wohl klar: Man kann trauer und Empathie eben manchmal nur so vermitteln. aher ist Deine kritische Haltung dem Gegenüber meiner Meinung nach nicht gerechtfertigt.
LG, Tom
Ich bin kein Politiker, und alles was ich sage(n wollte), ist, dass man sich die Trauer Angehöriger sicher vielleicht vorstellen kann (vor allem, wenn man schon ein paar geliebte Menschen verloren hat) – aber eben nicht ausdrücken und nicht wirklich selbst empfinden. ich kann das auch nicht, und wenn ich es versuche, kommen unweigerlich wahrscheinlich gerade auch dann Münzen ins Phrasenschwein, wenn ich es selbst gern verhindern würde. Ich kann nicht gut genug schreiben, so einfach ist das.
Ich hab dich übers BILDblog “gefunden”
Ich geb dir größtenteils recht, ohne auf Details einzugehen: Die mediale Ausschlachtung eines solchen Unglücks ist ätzend (“Liveticker zur Katastrophe”), die Schuldzuweisungen verfrüht (wozu gibts eigentlich noch staatsanwaltschaftliche/polizeiliche Ermittlungen?), die Suche nach immer neuen Superlativen unvernünftig, der Drang (des Einzelnen) nach großen Menschenmassen unverständlich.
Massenpaniken gibt es immer wieder, sonst allerdings immer schön weit weg. Bei Pilgerfahrten in arabischen Ländern zB, oder in irgendwelchen Stadien in Südamerika. Wir lernen schmerzhaft: Auch Deutsche bzw Bewohner Deutschlands bzw Touristen sind nur Menschen, auch Menschenmassen hierzulande können außer Kontrolle geraten, und dazu braucht es manchmal nur einen kleinen Schubs. Natürlich muss daraus gelernt werden und der Geber des Schubses gehört bestraft, wenn das abzusehen war, aber letztendlich tragen alle Beteiligten einen Teil der “Schuld” in ihrer Natur des Menschseins.
hallo hd,
danke für die interessanten denkanstöße, beschreibt ganz gut, was gerade überall passiert!
vor allem in den Medien, die heutzutage so schnell sind (sein wollen, sein müssen?), dass sie die Schuldfrage so schnell wie möglich lösen wollen – vielleicht erst nach ein paar Tagen, damit sich das Thema auch ausschlachten lässt. Allerdings finde ich es bislang völlig legitim und sogar eine Pflicht der Medien, das Thema nun ausführlich zu behandeln, es ist relevant und betrifft die Menschen (das zeigen auch die enormen Reaktionen online). Kritischer fällt sicher die Bewertung aus, w i e sie das tun (auch wie Politiker dieses zum Teil als öffentlichkeitswirksames Moment nutzen). Ich finde es schwer zu beantworten, was zuerst da ist, das Bedürfnis der Menschen (Mediennutzer) oder die Berichterstattung bzw. wie sich diese beiden gegenseitig befruchten. Sind also die Medien zynisch oder wir, die wir solch ein Ereignis einfach viel intensiver wahrnehmen, als den neuesten Unfall auf der A3 mit Todesfolge, von dem wir in den Vekrehsmeldungen hören? Müssen die Medien als Spiegel unserer Betroffenheit auftreten und zu ihrer Verarbeitung bzw. zum Verständnis des Themas beitragen oder sollten sie aus Verhältnismäßigkeit das Ganze nicht zu groß fahren? Schwierig. Ich musste gestern spontan an 9/11 denken und wie enorm groß da die Medien den Terroranschlag sensationalisiert und emotionalisiert haben, das war ein Paradebeispiel überzogener Medienreaktion auf eine Katastrophe (ohne den Anschlag verharmlosen zu wollen – der Punkt ist, wie bei HD, die Verhältnismäßigkeit).
Deine Skepsis zu Massenspektakeln teile ich nicht ganz, wenn ich Dir auch recht gebe, dass wir scheinbar immer mehr zum öffentlichen Even neigen, sei es öffentlich oder virtuell.
vg,
Julian
(ebenfalls über bildblog)
Danke für das Gegengewicht zu dem Zeugs was ich bisher dazu lesen musste.
Was die vielen merkwürdigen Auffassungen der Metaphern angeht – ob Sportpalast, Verkehrstote oder alles andere – ich habe das alles beim ersten Lesen so verstanden wie du es hinterher erklärt hast und fand darin nichts deplaziertes.
Es liest halt jeder immer gerade das was er darin lesen will.
Man ist jedoch nur für das Verantwortlich, was man sagt, und nicht für das, was andere Verstehen (oder unbedingt verstehen wollen).
Danke für den erfrischenden Beitrag. *Daumen hoch*
Super Text, vielen Dank. Es ist schon traurig, dass die “Profis” zu solchen (d.h. so überlegten und zum selber denken anregenden) Beiträgen nicht fähig sind/sein wollen, vor allem, da dieser dir zu folge ja sehr spontan entstand..
@Julian: 9/11 hat für mich noch einen ganz anderen Stellenwert, der Anschlag war bewusst herbeigeführt, und er hatte eine immense politische Dimension die (imho) einen Großteil des Schreckens bzw der Relevanz dieses Ereignisses ausmachte.
Die Ereignisse von Duisburg sind jedoch, ohne da irgendetwas herunterspielen zu wollen, “nur” menschlich tragisch und haben aber sonst vermutlich keinen besonderen Einfluss auf den Alltag Unbeteiligter. Man könnte von einer Massenpanik nach der Massenpanik sprechen. Ein “kleiner” Auslöser bringt die Masse Medien in Bewegung und alle schreiben und rufen und berichten ohne Sinn und Verstand wild durcheinander. Zugegeben ein zynischer Vergleich, aber er drängte sich mir auf. Die Opfer sind in diesem Fall die Hinterbliebenen.
“Ist es nicht seltsam, dass wir Vergnügen privatisieren – [...] – die Verantwortung dafür aber weitgehend beim Staat suchen?”
Was ist denn das Gegenteil von privatem Vergnügen? Was sind denn öffentliche Veranstaltungen? Müssen Veranstaltungen vom Staat organisiert werden, damit Polizei und Rettungskräfte legitimiert sind, einzugreifen bzw. ihre Arbeit im Vorfeld und präventiv (Zufahrtswege, Sanitäterstationen, Fluchtwege etc.) zu erledigen? Was ist mit den Steuern, die durch “Events” generiert werden (was ja auch durch Fußball in wesentlich höherem Maße geschieht als Polizeiauftritte dort kosten)?
Vergnügen ist immer privat, persönlich, individuell. Wenn ich mich auf eine öffentliche Veranstaltung begebe, dann müssen die Begebenheiten dafür aber definitiv geeignet sein.
Niemand will die Staat-Vollkasko-Mentalität. Aber der Besuch der Love Paradeist auch nicht zu vergleichen mit Motorradtouren durch nordafrikanisches Terroristengebiet.
der text zeichnet sich meiner ansicht nach vor allem dadurch aus, dass er die ereignisse “anders” reflektiert, als die reflexhaften texte des sogenannten qualitätsjournalismus. dennoch gibt es meiner meinung nach zwei denkfehler:
1. 19 tote innerhalb von acht stunden, bei 1.2 millionen besuchern einer veranstaltung. erst durch weglassen der bezugsgrößen wird die zahl der jährlichen verkehrstoten zu einer scheinbar größeren tragödie. gemessen daran, wie viele menschen täglich auf deutschen straßen unterwegs sind (ich kann da nur schätzen, aber die hälfte von 82 millionen könnte es schon sein, da es auch knapp 40 millionen autos plus transitverkehr gibt), handelt es sich aber um ein deutlich geringeres risiko. zumal es sich um einen zeitraum von 365 tagen handelt.
2. natürlich schlagen menschen immer wieder warnungen in den wind. sogar so vernünftige warnungen, wie “fahr vorsichtig – es ist glatt draußen”. dennoch haben menschen aufgrund ihrer erfahrungen meist die möglichkeit, risiken für sich selbst einzuschätzen. ergo das handlungsmuster, ob man eine warnung ernst nimmt oder nicht ist abhängig von meinen vorinformationen. wichtig ist also für menschen, ob sie eine für sich nachvollziehbare risikoeinschätzung vornehmen können.
bei einer veranstaltung wie der loveparade geht ein besucher davon aus, dass professionelle organisatoren solche abschätzungen im vorfeld vornehmen, dass sie maßstäbe ansetzen, die eher zu viel, als zu wenig sicherheit bieten. insofern halte ich auch die schuldfrage hier für relevant (anders als zum beispiel bei einem verkehrsunfall, wo ein kleiner flüchtigkeitsfehler schon mal leute mit in den tod reißt – jemanden, der womöglich schwer verletzt überlebt hat und auch noch den tod anderer menschen verantworten muss hinterher noch zu verdonnern ist jedennfalls oft nicht sinnvoll). ich halte sie deshalb für relevant, weil es im vorfeld auch von kompetenter seite warnungen gab. hier wurde nicht vorm weltuntergang gewarnt, sondern davor, dass gelände und zuwegungen schlicht nicht geeignet seien. mit der warnung “fahr vorsichtig” hat das meines erachtens nichts mehr gemein. für mich sieht es eher so aus, als ob es da um viel geld ging – und die sicherheit der menschen musste hintan stehen.
insofern rufe ich hier nicht reflexartig nach einem schuldigen. sondern mir geht es darum, dass von denjenigen, die für die scheiße verantwortlich sind, noch keiner den arsch in der hose hatte zu sagen, dass sie da scheiße gebaut haben. und das kotzt mich echt an!
Toller Text – Klasse Gedanken – Grosses Lob
DANKE !
Ebenfalls vom Bildblog hergefunden. Ein interessanter Text, in vielen, aber nicht allen Punkten stimme ich zu. Vor allem aber deshalb interessant, weil er genau das ins Visier nimmt, was mir bisher so auf die Nerven gegangen ist bei der Berichterstattung in den meisten Medien. Alle suchen nach einem Schuldigen, irgendein einzelner muss – in dieser Logik – den Bockmist ja gebaut haben. Gut, wenn ich dann höre, dass der Sicherheitsplan superdolle war und nur die doofen Gäste sich nicht an die Regeln halten wollen, dann scheint sich da jemand geradezu nach der Sündenbockrolle zu sehnen. Aber so einfach ist es dann ja auch wieder nicht. Danke für ein paar hintergründigere Gedanken zum Thema.
Viele Ansätze in dem Text sind bestimmt richtig und teile ich. Konsequent wäre aber gewesen nichts zu schreiben. So reiht man sich letztendlich doch wieder ein, in die Reihe der vielen Berichterstatter und macht eben doch mit.
Viele die jetzt aufschreien und Kommerzialisierung sowie Massenveranstaltungen anprangern werden zum Bundesliga Start wieder brav vor dem Fernseher sitzen, “business as usual”.
Duisburg, ein Tag danach:
http://frankhaun.wordpress.com/2010/07/25/duisburg-ein-tag-danach/
Olfinger
>handelt es sich aber um ein deutlich geringeres risiko
Es ging mit gar nicht um die Abwägung der Risiken gegeneinander. Das wäre irgendwie so falsch, wie Holocaust-Opfer und Stalin-Opfer gegeneinander aufzurechnen. Solche Statistiken sind falsch. Es ging wirklich nur um die Feststellung, wie unfassbar unterschiedlich wir schnell und plötzlich passierende Dinge (also Spektakel) gegen einen gleichförmigen, langsamen, unspektakulären aber unter dem Strich viel drastischeren Prozess wahrnehmen. Ansonsten ist egal, ob 4000 oder 20 – jeder Tote ist ja einer zuviel, oder?
>dass sie maßstäbe ansetzen, die eher zu viel,
>als zu wenig sicherheit bieten
Ja, da hast du absolut recht. Aber in Wirklichkeit war ich schon auf ungezählten Konzerten und Veranstaltungen, wo das ganz und gar nicht gegeben war. In keiner Weise – für keine Sekunde – will ich den Blick davon lenken, dass hier unter politischem, ökonomischen und PR-relevantem Druck unfassbare Fehler begangen wurden. Ich will da niemanden exkulpieren und bin der festen Meinung, dass die Angehörigen alles Recht der Welt haben, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Wer Mist baut, muss und darf dafür auch gerade stehen. Das ist selbstverständlich. Aber spannend ist eben auch die Frage, warum solche Dinge sozusagen aus dem System des SchnellerHöherWeiter, in dem wir leben, zunehmend passieren und ob es auch einen größeren Kontext gibt als die Frage, ob ein OB nun seinen Hut nimmt oder nicht. Die Pressekonferenz empfand ich dabei als genauso heuchlerisch und angsterfüllt in dem Versuch, jetzt auch noch Information zu «steuern», wie du sicher auch.
Das Ding ist ja eher, das man versucht – so im lockeren Nachdenken, mit allen Fehlern, die man selbst dabei macht, der Text ist ja so zackzack runtergeschrieben und kein echter Aufsatz -, induktiv vom Einzelphänomen zum Ganzen zu kommen und zu schauen, was sozusagen eventuell an Mechanismen in der Maschine ablaufen könnte. Zu Überlegen, wie das Uhrwerk aussieht heißt ja nicht, daß man die Uhrzeit in Frage stellt. Konkret sieht es gerade so aus, als würde der OB Sauerland zur Rechenschaft gezogen, weil er als Bürgermeister sozusagen repräsentativ für einen schlechten Planungsstab den Kopf hinhalten muss – auch wenn ich mich frage, ob es nicht auch verdammt gemütlich ist, durch Rücktritt aus der Sache herauszukommen, abzutauchen. Aber reicht das? Würde Schaller vor Gericht schon reichen? Wo kam der Druck im Kessel her, der all diese Leute dazu bringt, so unbedacht zu handeln. Ich hab da keine Antwort parat, sondern denk ja auch nur sozusagen laut mit.
Frank:
>Konsequent wäre aber gewesen nichts zu schreiben
Aber du schreibst in deinem Blog doch auch und verlinkst es hier sogar. Ist das konsequent? Wieso sollte ich dann nichts schreiben?
Ich wollte sogar tatsächlich erst nichts schreiben, aber Sonntag morgen hatte ich so ein paar vage Gedanken im Kopf, die jetzt nicht sonderlich konkret mit der Sache zusammenhängen sondern dem ganzen Apparat drumherum – und so etwas schreibe ich eben hier hin, damit ich es nicht vergesse. Dafür ist das Blog hier primär ja da, als halböffentlicher Notizzettelkasten.
>Was ist denn das Gegenteil von privatem Vergnügen?
>Was sind denn öffentliche Veranstaltungen?
Ah – okay. Ist zum einen echt nur eine Randnotiz am Schluß, also nicht zu hoch hängen, zum anderen ging es um was viel banaleres. Wär die Loveparade gut gelaufen, hätten Lopaevent und natürlich einige andere Firmen damit solides Geld gemacht – und der Staat wäre bestenfalls indirekt über Steuern beteiligt. Jetzt ist aber die Sache desaströs geendet – und das Spotlight liegt auf dem Oberbürgermeister und seiner Polizei. Mir ging nur durch den Kopf: Hey, wenn es läuft verdient eine Firma, läuft es nicht, wird ein Politiker bzw die Stadt und das Land in die Verantwortung gezogen. Ist das so okay? Macht man das, weil man die Idee einer «Firma» – obwohl es hier mit Schaller ja sogar recht gut geht – so schwer greifen kann? Ähnliches hatte man ja auch beim Bankencrash. geht es gut, wird privat kassiert, geht es schief, muss die Öffentlichkeit rettend beispringen und gelingt das nicht, ist die politische Kaste schuld. Auch so ein Detail, dass eben Merkel und Wulff sofort denken, etwas dazu sagen zu müssen – aber hast du das Gefühl, der CEO von BMW oder Siemens müssten ihren Senf dazu abgeben? Liegt die Tatsache, dass wir Verantwortung bei Politikern verorten, Erfolg und Gewinne aber privatwirtschaftlich realisiert sind, daran, dass wir Politiker selbst wählen, bei Unternehmen aber keine Mitbestimmung haben – gefühlt also kein Recht auf Wiedergutmachung haben, außer bei tatsächlichen Produktsachen oder überhitzten ICEs?
Ich mag mich irren, aber irgendwas wirkt da nicht gerecht austariert.
@HD Schellnack: Das man darüber berichten möchte halte ich ja auch für völlig normal und es fällt eben schwer sich zu enthalten. Gerade weil mit diesem Unglück so viele gesellschaftliche Fragen auftauchen.
Frank, es wäre auch schade um die teilweise surrealen Photomomente gewesen. Bilder sagen ja immer mehr.
die art und der umfang der berichterstattung hängt natürlich mit der medialen präsenz zusammen. ein vergleichsweise kleines ereignis (nehmen wir einfach mal die windhose in leer vor zwei wochen), wird dann medial deutlich hervorgehoben, wenn ein kamerateam es auch beobachten und damit zeigen kann. hätte es also bilder von der winhose gegeben, hätten die beiden todesopfer auch eine ganz andere mediale beachtung erfahren – so blöd das klingt: das sind rein die gesetze des marktes. bei der loveparade sind neben den vielen profis auch unzählige handys am start. das ereignis kann beliebig oft mit neuen bildern aufgearbeitet werden. das passiert in aller regel nicht, wenn einer mit einem auto gegen einen baum knallt.
und so nebenbei. ich war auch schon auf sehr vielen (und auch sehr großen konzerten), sowie auch diverse male in berlin bei der loveparade. ich kann mich nicht daran erinnern, jemals wie ein stück vieh durch einen tunnel getrieben worden zu sein…
>das sind rein die gesetze des marktes
Genau. So dieses Markt/Spektakel-Ding halt.
>jemals wie ein stück vieh durch einen tunnel getrieben worden
Als das erstmals im Radio so angekündigt wurde, weiß ich noch genau, wie wir uns ansahen und es fast nicht glauben konnten. Die Entrüstung ist sicher auch deshalb so groß, weil das wirklich so klar und einleuchtend ist.
“Eigentlich wollte ich zum Desaster auf der Loveparade nichts schreiben”
Ach, wäre dies doch nur der letzte Entschluss geblieben :(
Ich bin der gleichen Ansicht wie du, Dirk. So sieht unsere Gesellschaft momentan aus. Indivuduelle Problemlagen im kollektiven Rausch vergessen, danach streben wir. Und werden weiterstreben. Irgendwie erinnert mich die Welt da draußen immer öfter an Clockwork Orange. Viel zu viel, von allem. Und gleichzeitig zu wenig vom Wichtigen. Schön, dass du gegensteuerst.
Danke für diesen Text. Noch viel mehr Dank für die nachfolgenden Erläuterungen, die erkennen lassen, daß da jemand das Mitgefühl und die Unsicherheit, die solche schrecklichen Dinge auslösen, auch aushält und zulässt.
Mir ist anhand ihres Textes etwas klargeworden: der ganze blinde Aktionismus, die Hexenjagd, die Forderungen nach Aufklärung, die hilflosen Versuche, solche Vorgänge zu “reflektieren” sind Betäubungsmittel, die verdecken sollen, daß man sich sehr, sehr unwohl, unsicher und einsam fühlt mit der Tatsache, daß die Welt um uns herum eben nicht kontrollierbar, nicht geordnet und nicht vorhersehbar ist.
“Handeln” (bzw die Forderung danach) ist in solchen Zusammenhängen kaum mehr als ein Reflex, der das Gefühl ersetzt. Deutlich wird das auch an dem schalen Nachgeschmack, den das “rückhaltlose Aufklärung”-Blabla unseres neuen Bundespräsidenten hinterlässt. Dagegen hat mir Hannelore Kraft imponiert, die der Versuchung widerstanden hat, sich als frischgebackene Ministerpräsidentin mit ebensolchem Gewäsch zu inszenieren. Sie war vor Ort, hat geweint und ist den Mikrofonen und Kameras (soweit möglich) ausgewichen. Respekt.
Vielleicht ist das auch ein geschlechtsspezifischer Umgang mit emotional bewegenden Momenten. Zuviel Testosteron in der öffentlichen Welt?
[...] In eine gänzliche andere Richtung geht der Beitrag “Tod und Spektakel” im Blog HD Schnellack D Schellnack. In einem langen einem langen Artikel denkt der Autor über die Wahrnehmung des Unglücks in den Medien und über die Suche nach den Schuldigen nach. Weiterlesen… [...]
[...] über die Berichterstattung deutscher Medien bei solchen Vorfällen nicht mehr auf. Gefunden bei hdschellnack.de und sehr lesenswert. Paul Rupek ● 19:03:11 26.07.2010 ● keine Kommentare ● [...]
[...] “Tod und Spektakel” (HD Schellnack) Frau Herman, auf dem Planeten, den wir bewohnen, passieren immer wieder schlimme Dinge. Weil die Natur gewaltig ist, weil Menschen Fehler machen, Böses tun oder auch nichts tun. Diese Gelegenheiten, die für viele mit Schmerz, Verlust und Trauer verbunden sind, nehmen andere, die es selten selbst betrifft, oft zum Anlass, den Finger zu heben, um damit anklagend auf die Opfer zu zeigen – und anschließend gern gen Himmel. [...]
Es waren nicht 19 tote Leute sondern Menschen.
Ansonsten finde ich dieses in Frage stellen von Großevents irgendwie zu billig.
Was ist den die vernünftige Größe eines Events?
Die Menschen haben schon immer große Festen gefeiert, hier gilt es halt zu klären warum es so schief gegangen ist.
Die Abnutzung von «Trauer»
Super erkannt! Das hat mich auch sehr gestört, als die Bild (wollte zu dem Zeitpunkt eigentlich nur den Livestream einschalten) den Wulff auf den Titel gehoben hatte
Schleichendes Gift vs Schockzustand
Den Absatz finde ich völlig deplatziert, denn:
Loveparade ist einmal pro Jahr mit 1,6 Mio.: 20 Tote in 10Minuten
Autoverkehr findet 365mal pro Jahr statt mit mehr als (vorsichtig) 10Mio./Jahr: 4152 Tote pro Jahr
Das stimmt “über zweihundertmal größer ” überhaupt nicht!
Wie du im Absatz darunter schreibst, aber hier nicht berücksichtigst: “Gemisch vieler Faktoren”. Genau das ist der Autoverkehr.
Hier vergleichst du nur 20 mit 4152 und kommst zu dem Ergebnis, dass 20 “Äpfel”(nicht wertend!) weniger sind als 4152 “Birnen”.
Apropo Zahlenvergleiche:
Einen Vergleich will ich dann doch noch bringen:
Bei der Loveparade sind innerhalb von ca. 15 Min. 20Todesfälle (bei angeblich 150.000 Teilnehmern) entstanden.
OK, sagen wir – um besser rechnen zu können – 10 Todesfälle in einer halben Stunden bei 1 Mio. Teilnehmer.
Dies würde auf das Jahr hochgerechnet auf Deutschland (abgerundet auf 80 Mio., was aber egal ist, weil später eh wieder hochgerechnet wird.) bedeuten:
(365d a 24h * 20Tote * (80/1) = ) 14016000 Tote in Deutschland pro Jahr.
Schuld
Hier vergleichst du Leute, die im Wochentakt das Weltende prophezeien, mit warnenden Bewohnern Duisburgs.
Würdest du dir die Loveparade-Artikel Tage vor dem Großereignis bei DerWesten durchlesen, müsstest du feststellen, dass du Warnungen sehr real waren.
In etwa: “In Dortmund war es bei einer Breite von 100m schon sehr eng. Wie wollen die hier bei einem Tunnel von 16m die Leute hindurchquetschen?”
oder: “Der Platz hat 230.000qm. Wie sollen da inkl. Floats mehr als 400.000 Leute Platz haben? Das kann nur im Chaos enden!”
sowieso: “EIn Platz für 500.000 Leute? Sollen die anderen mind. 500.000 Raver draußen bleiben und blöd glotzen?”
und: “Wenn die Raver vom Bahnhof aus das Gelände bereits sehen, kann man ihnen dann verübeln, nicht den ganzen Umweg und den engen Tunnel zu nehmen und stattdessen Abkürzungen zu suchen?”
Ich finde diese Warnungen sind kein Umfug von Dauerkritikern, sondern sehr realistisch.
Was ich dazu denke: An die Orga: Wer Bomben einplanen kann, sollte sich auch mal die örtlichen Gegebenheiten ansehen und Menschen nicht wie Schlachtvieh beurteilen!
(Der Vieh-Vergleich kommt wieder zu spät erst im nächsten Absatz)
Spektakel
Wenn es immer spektakulärer werden muss:
Warum ist die Loveparade dann von RTL über RTL2 und Viva jetzt bei WDR angekommen?
Und “eine tröstende Form von Anonymität” ist schon gar nicht zu beobachten, eher eine Form der Anti-Anonymisierung, eine Form des Exhibitionsmus.
Jeder wird auf solchen Massenevents so häufig gefilmt und fotographieren und lässt sich auch filmen, dass die “15 Minuten” an Aufmerksamkeit bereits mit einem Massenevent abgedeckt sind.
Zum Tante-Emma-Vergleich hätte wieder der Schlachtvieh-Vergleich gepasst:
die Besucher werden wie Vieh herangekarrt, um in kürzester Zeit (hier: finanziell) gemolken und in seiner Endkonsequenz geschlachtet zu werden.
Zum Glück hast du an dieser Stelle auf den Schwachsinn eines dilettantischen (Sozialkultur-)Feuilletonismus ala FAZ verzichtet.
Ich denke, solche Massenevents dienen im Gegenteil der Bedürfnisbefriedigung von (Schein-)Partizipation.
Wir leben quasi in einer Welt der Scheinpartizipation.
Spektakel im Spiegelkabinett
Dieser Absatz ist genial!
Wäre kein “Event im Event” passiert, wäre es wohl bei N-TV und Konservendosen wiedermal nur als “Drogenorgie” abgestempelt worden.
So dürfen wir uns jetzt auf die Ausschlachtung der sozialen Tragödien noch ein bis zwei Wochen “erfreuen”, bis die nächste Katastrophe wieder aktueller ist.
Somit werden die Angehörigen der Opfer nochmal traumatisiert, oder um es bewusst so benennen: vergewaltigt!
Wenn Vergewaltigung als “Junkfood” verkauft wird, läuft doch irgendwas falsch…
Am Rande
Vergnügen wird privatisiert, Verantwortung auf den Staat übertragen und damit sozialisiert.
Hm, woran erinnert das?
Mein Fazit: Erst wurde die Loveparade vom Bürgertum groß, dann von der Wirtschaft eine “feiste und fratzenhafte Parodie” und schließlich von Wirtschaft und Politik kaputt gemacht!
Somit erleidet die Loveparade nur dasselbe Schicksal wie bereits (fast) alles andere zuvor.
Aber darüber wird der Bild- und FAZ-Feuilleton-Pöbel kein Wort verlieren…
Noch ein paar Worte von mir:
Weitere Gefahren wurden meiner Ansicht nach völlig außer Acht gelassen:
1. Das Gelände war viel zu nah am Hauptbahnhof.
Zu späterer Uhrzeit wäre es da zum Chaos gekommen.
Wären viele Raver nicht mehr reingekommen, hätten es viele über die Schienen versucht.
2. Dehydrierung und Mängel infolge von Nahrungsmangel
Ich habe in Festivalnähe keine Verkaufsstände gesehen, die Getränke oder Nahrung verkauft hätten.
3. Der Schotterboden auf dem Platz hätte bei vielen Leuten zahlreiche Verletzungen gegeben.
EIn früherer Bauleiter berichtete, dass es unter den Bauarbeitern am Güterbahnhof zu zahlreichen Knochenbrüchen gekommen ist.
Und sie hätten keine Sandalen oder gar Stöckelschuhe getragen.
4. Zum Ende der Abschlusskundgebung hätten wieder alle zurück in den Tunnel gemusst.
Also in kürzester Zeit mehr als 400.000 Raver in einen Tunnel mit einem Durchlass von 20.000 pro h.
Wahnsinn!
Insgesamt komme ich zu dem Ergebnis, dass diese Organisation (Lopavent) einen vorsätzlichen institutionell angeordneten (Politik) Mordanschlag an der Einrichtung Loveparade verübt hat.
Raver, Polizisten und die Hilfskräfte sind somit allesamt als Vergewaltigungsopfer anzusehen!
Punkt.
Riesenbitte: Die meisten Sachen, die jetzt so kommen, haben andere Leute – das liegt in der Natur der Sache, wenn viele Leute einen recht kurzen Text kommentieren – schon gesagt/gefragt und ich hab sie schon beantwortet, etwa die Sache mit Verkehr und 20 «plötzlichen» Todesfällen. Ich lese das in Foren auch immer ungern, aber es stimmt natürlich: Vielleicht zumindest auch kurz lesen, was andere schon geschrieben haben, bevor ihr was schreibt, sonst ist es nur reines Dampfablassen… was okay ist, aber ich werd nicht die gleichen Fragen fünfmal beantworten können. Wenn ihr also denkt, hey, wieso reagiert der auf dies oder das nicht, hab ich’s wahrscheinlich schon getan.
Okay.
@TOM:
>Es waren nicht 19 tote Leute sondern Menschen
Sind Leute keine Menschen. Ich weiß, ich weiß, du willst mir vorhalten, «Leute» sein nicht so pietätsvoll wie «Menschen», aber zum einen ist das nicht richtig – Leute ist einfach ein Pluraletantum für «Menschen» (danke Wikipedia ;-)) -, zum anderen finde ich solche Erbsenzählerei dann wieder geschmacklos, ehrlich gesagt. Ich kann das schon verstehen – ich fand etwa gestern den Online-Spiegel-TV-Bericht für die Umstände zu reißerisch, zu boulevard, eben zu sehr «Fernsehen», wo alles laut und grell und dramatisch sein müssen – aber glaub mir, ob nun «Leute» oder «Menschen», beides ist im Grunde falsch, weil es immer einzelne Personen sind, die für uns beide vielleicht anonym sind… aber zu denen ja Eltern, Freunde und so gehören. Ob Leute oder Menschen… beides ist vereinfachend.
> Ansonsten finde ich dieses in Frage stellen von Großevents irgendwie
> zu billig
Darum geht es nicht. Es geht um Spektakel als SOLCHES. Was inzwischen eine gesamte Existenzform unserer Gesellschaft wird. Das Großevent als solches ist nur ein Symptom davon. Wenn es hier was mitzunehmen gibt, dann: Guy Debord lesen, es lohnt sich nach wie vor. (http://de.wikipedia.org/wiki/Guy_Debord)
> Die Menschen haben schon immer große Festen gefeiert
Ja? Wann haben die Menschen in der nordwestlichen Hemisphäre denn vor hundert Jahren binnen EINER WOCHE in einem einzigen Ballungsgebiet dreimal hintereinander Events mit drei Millionen, einer Million und (eventuell) 1,5 Millionen Gästen veranstaltet?
Und man darf nicht denken, dass religiöse Veranstaltungen (wie in Indien, wo regelmäßig zig Menschen dabei umkommen), öffentlich inszenierte propagandistische Massenveranstaltungen in Diktaturen von Rom bis China das gleiche sind wie «Partys».
Ich würde sagen – ich mag mich irren und ich lern da sehr sehr gern dazu und lass mich verbessern – dass das Phänomen, mit Millionen (!) von Menschen feiern zu wollen vergleichsweise jung ist.
Hey HD,
sehr interessanter Text! Durchaus ein wertvoller Beitrag u.a. zum Thema “öffentliche Meinung(-smache)”.
Die Erklärung «halböffentlicher Notizzettelkasten» zu deinem Blog finde ich
darüber hinaus witzig.
@ Florian
> kommst zu dem Ergebnis, dass 20 “Äpfel”(nicht wertend!)
>weniger sind als 4152 “Birnen”
Oben bereits ausführlich beanwortet. Es ist kein Vergleich, es geht um Spektakel vs. schleichender Prozess. Wie der Titel von dem Absatz aber auch ganz deutlich sagt. Es geht nicht um die Zahlen. Siehe oben.
>Hier vergleichst du Leute, die im Wochentakt das Weltende prophezeien,
>mit warnenden Bewohnern Duisburgs
Es ist immer so – auch bei riskanten Vorhaben, die gelungen sind – das aus durchaus berufenem Munde im Vorfeld ein Abraten kommt, das eben auch fundiert und richtig sein kann. GELINGT das Vorhaben trotzdem, und oft genug ist da ja auch einfach Glück im Spiel, vergisst man diese Warnungen. Gelingt das Vorhaben nicht – oft genug ist dann dabei eben auch Unglück im Spiel, oder eine Verstrickung von Fehlentscheidungen usw. – dann haben die Warner medial die Oberhand, weil es zum Beispiel für das Fernsehen grandios ist, rechthaberisch zu sein, indem man per Bildschnitt eine kausale Verbindung herstellen kann und von den Opferbildern zu einer direkt vorher im Interview ausgesprochenen Warnung herstellen kann. Ich will Warner nun gar nicht diskreditieren und fand im Vorfeld, selbst auf losestem Hörensagen basierend, die Planung für die Loveparade mit einem einzigen Arealzugang gefährlich… aber wäre am Samstag alles gut ausgegangen, wären die Warnungen ex post egal. Und ich bin sicher, bei der A40-Sperrung hätte ebenso schnell punktuell etwas passieren können, zu viele Menschen, zu lockere Security, keine Möglichkeit für Rettungswagen, durchzukommen, extremes Wetter und und und… wie man in Duisburg gesehen hat, reicht ein kleiner Auslöser für den Dominoeffekt zur Stampede. Im Nachhinein kann man die Warnungen zitieren und sagen: «das hätte man nie machen dürfen». Nur, im Vorfeld kann man schlecht entscheiden, ob man trotz Warnungen weitermachen kann/darf/muss, um Erfolg zu haben. Um einen total banalen Vergleich zu machen: Dieter Mateschitz hat nahezu jeder davon abgeraten, Red Bull auf den Markt zu bringen, vor allem nicht mit dem Logo, der Dose, dem Flügel-Spruch. Mateschitz hat die Kassandrarufe ignoriert, sein Ding gemacht und Red Bull ist heute eine Marke mit Milliardenwert. Wäre er aber gescheitert, hätten die Warner gesagt: Hab ich ja gleich gewusst, weil… HINTERHER Recht haben ist einfach. Deshalb muss jeder Handelnde abwägen zwischen Risiken und Chancen und nicht alles, wovor gewarnt wird, mißlingt, weil vor nahezu jeder Handlung immer irgendwer warnt. Jede Warnung ernstzunehmen lähmt also.
Im konkreten Fall hätte, mit einen Hauch Glück, alles gut gehen können. Und auch wenn es nicht so sein sollte, es ist IMMER Glück, wenn bei einem Großkonzert in einer Arena keine Unfälle passieren.
Was nicht heißen soll, dass ich die Veranstalter oder Verantwortlichen exkulpiere – ganz im Gegenteil -, es ging mir nur darum, dass mir das nachträglich Rechthaberische in den Medien auf den Geist geht, weil es billig ist – du findest IMMER irgendeinen Experten oder Anwohner, der schon immer gegen irgendwas war. Immer. Und wenn die gleichen Medien, die im Erfolgsfall jubelnde Tänzerphotos gezeigt hätten und von 1,5 Milionen Besuchern geschwärmt, dann schreiben, das Event, dass sie einen tag vorher noch hochgejubelt haben, sei schon immer zum Scheitern verurteilt gewesen, dann ist das verlogen. Beim Spiegel-TV-Beitrag merkt man, wie sehr der Spiegel auf irgendwas TV-kompatibel Skandalöses förmlich wartet und fast beschwingt wirkt, dass aus der üblichen kleinen Sex-and-Drugs-and-bloody-Noses-Geschichte etwas so großes, einschaltquotenbringendes wirkt. Und ja, so denkt und funktioniert Fernsehen, sonst würde es 50% des Programms bei RTL II gar nicht geben. TV ist Voyeurismus.
Deine Beobachtung zum Gelände kann ich nicht beurteilen, weil ich die Fakten nicht gut genug kenne – ich erinnere mich beispielsweise, dass die Entfluchtung am Ende nicht allein durch den Tunnel stattfinden sollte, sondern über andere Wege, wie es jetzt z.T. ja auch war. Aber alles in allem kann man wahrscheinlich ohne große Vorverurteilung sagen, dass alle Verantwortlichen zu optimistisch, unter politischem und wirtschaftlichem Druck gehandelt haben, und vor Augen hatten, wie unglaublich Bochum Schläge kassiert hat für die Absage zuvor. Insofern hat man irgendwie ignorieren wollen, dass es in Duisburg wahrscheinlich keinerlei Gelände gab, das einer vage erwarteten Menschenmenge von 1,5 Millionen Gästen gerecht wird. Und dann hat man trotzdem weitergemacht. Wer da wirklich erwartet hat, dass man weit angereiste, teilweise vorgeglühte und ungeduldige Partybesucher so mirnixdirnix absperren oder sogar bei Überfüllung nach Hause schicken könne, muss schon sehr, sehr wenig Erfahrung mit Veranstaltungen und Crowd Management haben. Der Event sollte um jeden Preis stattfinden – und dieser Preis ist jetzt einfach zu hoch.
Was ist eingentlich mit “normalen” Flugzeugabstürzen (die ja zum glück auch recht selten sind)? Das sind ja dann auch 300 Tote “in 10 Minuten” (was auch immer die Zeitangabe dahinter soll). Bei der Concorde in Paris gab es auch einen recht großen Aufschrei, wenn aber in Afrika eine Maschine mit 3x so viele Leuten abstürzt ist das 1. ja sehr weit weg und 2. “ist ja klar, die haben ja auch keine modernen Flugzeuge”. In diesem Punkt sehe ich es auch so: Sobald die Unkontrollierbarkeit des Lebens, des Umfeldes (und des ganzen Rests) uns wirklich mal direkt vor Augen geführt wird hat das eine größere Wirkung als wenn man davon routinemäßig hört.
Das ist doch aber auch menschlich. Verdrängung von Risiken (genauso wie das Ignorieren von Warnungen), sowie Einbildung der Kontrolle über das eigene Leben führt erst dazu, dass wir sowas wie Spaß haben können. Würde man immer nur dran denken was alles schief gehen kann würden wir wohl nicht mehr Auto fahren, Fußball spielen oä. Wenn man dann aber tatsächlich “live” einen Unfall auf der Autobahn miterlebt führt uns das die eigene Verletzlichkeit vor Augen und wir sind “geschockt”.
In meinen Augen ist es jedoch nicht die Aufgabe der Medien uns zu schocken. Das versuchen viele aber gerade, indem sie mir möglichst detailliert die Schrecken in Wort und Bild aufdrängen. Mir persönlich reicht es informiert zu werden, ich weiß dann was passiert ist, ich möchte auch wissen was dagegen getan wird dass es nochmal passiert, und ich möchte dass diejenigen die Mist gebaut haben nie wieder so etwas organisieren dürfen und ich möchte dass sie für ihren Mist bestraft werden. Alles andere, die ganzen persönlichen Tragödien, die ganzen ekeligen sekündlichen Details der Panik, gehen mich als Unbeteiligten eigentlich nix an und ich wills auch garnicht wissen/sehen.
mein fazit zu dem ganzen bohai ist eigentlich recht einfach – eben ne statistik… ;)
19 tote
512 verletzte
ungefähr 3 millionen besserwisser
gefühlte 4.146 “sicherheitsexperten”
ca. 2.465 neue propheten die das alles schon vorher wussten
und eine unbekannte zahl von trauerenden denen all das kein stück hilft.
und die erkenntnis das menschenmassen unberrechenbar sind und bleiben. egal wie gut oder schlecht das sicherheitskonzept auch immer sein mag. (siehe Hillsborough 89, heysel 85 usw.)
da wird ein “schwarzer peter” auch nichts dran ändern
Nico – ein bekanntes Gesicht :-D. Ich hoffe, dir geht es gut!
Die Suche nach einem Schuldigen betrifft immer uns alle. Und es geht ja nicht nur um diese Loveparade (wo sich neben den Umständen und der Tendenz zur gefährlichen Großveranstaltung eben auch eine ganze Handvoll mehr oder minder Verantwortlicher tatsächlich finden dürften), sondern wir suchen immer nach einer «Ursache». Seit jeher. Der Mensch ist eben ein Geschichtenerzählendes Tier,oder? Es blitzt – muss wohl der Donnergott sein. Nichts kann einfach nur sein oder passieren, nicht mal der Mensch selbst (muss ein Schöpfer her, der es erklärt,oder zumindest vonDänikens Außerirdische usw.). Es ist schwer sich mit der sinnlosen puren Zufälligkeit abzufinden, weswegen wir (zu Recht oder zu Unrecht, ich weiß es nicht) auf Übernatürlichem, auf Sinnhaftigkeit, auf Kausalitäten bestehen. Und wenn 20 Leute sterben, kann und darf das nicht einfach so sein. Bei einem Flugzeugabsturz wollen wir defektes Material sehen oder mindestens menschliches Fehlverhalten/Versagen des Piloten, bei politischen Dingen gehen wir etwas naiv davon aus, dass Politiker tatsächlich Geschehnisse noch aktiv formen (und diese nicht vielmehr etwas hilflos symbolisch begleiten) – und so erwarten wir auch hier nicht sinnfreies Chaos, sondern eine böse Absicht (Geldgier usw).
Eine Funktion hiervon ist – deshalb meine ich das gar nicht böse – auch, dass man «weitermachen» kann. Der Schuldige ist gefunden, er bereut oder wird gestraft, eine Art Gegengewicht ist in die Schale geworfen, eine Art Opfergabe hat stattgefunden, eine symbolische Wiedergutmachung, der Vorhang, der für einen Moment die nackte Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Lebens im großen Maßstab hat durchblitzen lassen, wird wieder geschlossen, wir kehren zurück in die Immanenz. Ein Massendesaster – zumal, wenn es nicht im fernen Ausland nur medial vermittelt daherkommt, sondern (wenn auch in bescheidenerem Umfang) sozusagen vor der eigenen Tür – stellt die Frage nach der Legitimität des Sinns von Leben (und von Gott, wenn man so will). Wie kann so etwas geschehen/Wie kann Gott das zulassen? Die Antwort «Shit happens» bzw. «Gott ist entweder tot oder grausam» ist mehr als unbefriedigend und so kalt und böse, dass wir vor ihr zurückweichen müssen, wenn wir weiter ein normales, halbwegs sinnvolles Leben führen wollen. Wer kann schon ordentlich Leben in der Gewissheit, dass das Leben an sich keinen Sinn hat, guten Menschen ohne Warnung böses widerfährt, Gerechtigkeit nicht existiert? Ich hätte da Schwierigkeiten.
Das Finden eines Schuldigen – Hersteller eines Zuges, Bediener eines Reaktors, Veranstalter einer Party, im Notfall immer irgendein Politiker, die sind eh irgendwie immer irgendwo alles schuld, oder? – hilft uns, abzuschließen. Es ist wie das Essen nach einer Beerdigung, wo man irgendwann doch wieder zu Worten, sogar zum Lachen findet – denn das Leben muss weitergehen. Ist nach einer Katastrophe ein Schuldiger gefunden, so ist man auch selbst aus der Verantwortung, einfach nur zu trauern, heraus – es ist einfach eine Art Katharsis, der «Sündenbock» (ob realiter schuldig oder nicht ist egal, solange halbwegs plausibel) nimmt die Schuld für uns alle auf sich und wir können wieder a) an die Ordnung der Dinge, der Welt, des Schicksals glauben, denn der Schuldige hat diese an sich bestehende Ordnung ja aktiv gestört und b) haben wir unsere Trauer und Wut aktiv in eine Tat umgesetzt und Wiedergutmachung erreicht, Life goes on.
Das betrifft nicht nur diesen Fall, sondern ist absolut universal für jede persönliche oder große Katastrophe (wenn jemand stirbt war es auch entweder eine «Erlösung» von Krankheit, ergo sinnhaft, oder jemand – ein Arzt, ein Autofahrer, ein Verbrecher – trägt die Schuld. Nothing is just random). Perfiderweise ist diese Schuldzuordnung, die Ursache/Wirkung-Logik auch das, was uns erlaubt, unbehelligt den größten Mist weiterzumachen. Tschernobyl waren Konstruktions- und Bedienungsfehler, diese Russen halt – UNSERE Kraftwerke sind 1a. Paul hatte einen Autounfall, weil er keinen Alkohol verträgt, MIR würde das nie passieren. Die Loveparade hat 20 Unschuldigen das Leben gekostet, weil Veranstalter, Stadt und Land geld- oder imagegeil waren, aber hey, bei dem XYZ-Event wird natürlich wieder alles super laufen. Mit den nur 20.000 Besuchern von Juicy Beats wird alles wieder glatt gehen (wird es ja hoffentlich auch). Und so weiter.
Anders gesagt: Die Funktion des «schwarzen Peters» ist soziopsychologisch enorm wichtig – und man könnte diskutieren, ob es nicht eben auch eine ganz zentrale Funktion der Politik als solche ist… eine Art Blitzableiter, zugleich eben wieder auch eine Verschiebung von privat(wirtschaftlich)er Verantwortung in eine staatlich/gesellschaftliche Sphäre.
habe den link heute überall rumgeschickt. danke für diese ganz andere sicht der sache.
(besonders das mit den schuldigen.)
‘”Ist es nicht seltsam, dass wir Vergnügen privatisieren – also individuellen Spaß wollen und fordern und auch den Umsatz/nutzen, der mit Partys gemacht wird an private Firmen leiten – die Verantwortung dafür aber weitgehend beim Staat suchen?”
Nein, schließlich ist es die ureigenste (möglicherweise sogar definitorische) Aufgabe des Staates, in ein System eigennütziger Akteure regulierend einzugreifen, um so Unsicherheiten für die Akteure abzufedern. Und selbstverständlich muss der Staat sich an dem Ausmaß, in dem ihm das gelingt, messen oder eben gegebenfalls kritisieren lassen.
Danke für den Artikel.
Am Tag des Unglücks und am Sonntag habe ich – TV schauend – mal wieder den Glauben in manche Medien verloren.
In der PK am Sonntag geiferten die Journalisten geradezu statt zu fragen. Sie wollten jemand präsentiert bekommen, den sie köpfen können. Wenige Stunden nach dem Unglück. Sie konnten natürlich nicht bedient werden, spielten die beleidigte Leberwurst und sprachen fortan davon, dass sich die Verantwortlichen hinter der Staatsanwaltschaft verstecken.
Habe weitere Meinung gefunden: http://snetzle.de/meinungen/5385519dbf1422d01.html
[...] der Medien wird nur am Rande angeschnitten. Aber das hat HD Schellnack in seinem Beitrag „Tod und Spektakel“ schon am Sonntag gemacht. Und wurde dank der BILD leider [...]
>schließlich ist es die ureigenste (möglicherweise sogar definitorische) >Aufgabe des Staates, in ein System eigennütziger Akteure regulierend >einzugreifen, um so Unsicherheiten für die Akteure abzufedern
Es ist eine sehr paternalistische Vorstellung eines Versorgungsstaats, der dafür zu sorgen hat, dass private Vergnügungen, die private Unternehmen anbieten, von Polizei und Stadt und Land bewacht, beaufsichtigt, und auch noch zu 2/3 querfinanziert und abgesichter sein sollen, finde ich. Ich verstehe das bei Fußballspielen schon nicht – und auch hier nicht so ganz.
>Sie wollten jemand präsentiert bekommen, den sie köpfen können
Da frage ich mich etwas, ob das nicht zu einfach ist, jetzt Sauerländer oder Schaller zu opfern. Hat das Sicherheitskonzept MASSIVE Fehler? Oh mein Gott, sicher. Ich würde nur leider vermuten, auch aus eigener Konzerterfahrung, dass jeder dritte Event, wenn man genauer hinsieht, unsicher ist. Selbst bei Konzerten im Luxor frage ich mich jedesmal, wie die den Schlauch schnell entfluchtet kriegen sollen oder was passiert, wenn ich einen Crowdsurfer-Fuß ins Gesicht kriege usw.
Hier kommt so viel zusammen
Land und Staatskanzler haben Druck gemacht, die LP zu veranstalten
Ruhr 2010-Macher sicherlich auch
OB, unter diesem Druck, hat ihn weitergegeben an seine Dezernenten, die LP durchzuwinken, Sicherheitsrisiken hin oder her.
Lopavent hat sehr, ähm, pragmatisch-optimistisch geplant und nicht ausreichend für Eventualitäten vorgesorgt.
Auch Polizei und Krankendienste wirken soweit man das im Film beurteilen kann so, als wäre dies ein normales Konzert, nicht ein Event, bei dem die dreifache Menge der Einwohner der GESAMTEN Stadt selbst erwartet wurde – da war mal eben ganz Köln zu Gast, selbst wenn man nur von 1 Mio Besucher ausgeht.
Und nicht zuletzt hat die Masse natürlich auch nicht mitgespielt – wenn die Polizei es über Brecher nicht schaffen kann, den Zustrom zum Tunnel abzubremsen,weil die Leute die Barrieren einfach umrennen, ist die Polizei nicht genügend auf den Mob vorbereitet gewesen, aber in welches Sicherheitskonzept plant man hinein, dass die Leute sich nicht ans Sicherheitskonzept halten? Was macht man da? Waffengewalt anwenden geht ja wohl kaum… als einzelner Polizist gegen tausende von Leuten ist man hilflos.
Und eine Panik hinter dem Tunnel kann man vielleicht auch nicht vorher einplanen. Wären die Leute hier ruhiger geblieben und besonnener (was man nicht erwarten kann und was keineswegs die Schuld zu den Opfern selbst umleiten soll), wäre wahrscheinlich nichts passiert. Wie aber plant man eine Art Stampede in ein Sicherheitskonzept?
Das Ding ist: Alle haben ein bisschen Teilschuld und jetzt wird das große Schuldzuschieben losgehen, weil es auch um Geld und politische Zukunft geht. Womit wir dann in einer neuen Phase des Spektakel-Theaters sind – dem Watergate-Politgeschacher.
“Es ist eine sehr paternalistische Vorstellung eines Versorgungsstaats, der dafür zu sorgen hat, dass private Vergnügungen, die private Unternehmen anbieten, von Polizei und Stadt und Land bewacht, beaufsichtigt, und auch noch zu 2/3 querfinanziert und abgesichter sein sollen, finde ich.”
“finanzieren” ist eine anmaßende verdrehung des von mir verwendeten begriffes der regulierung.
aber natürlich: das funktionieren unserer gesellschaft beruht auf der beaufsichtiguns- und bewachungsfunktion des staates. ob man eine positive haltung dazu jetzt “paternalistisch” nennen muss, weiß ich nicht.
Keine Verdrehung, bei mir ging es in der Randbemerkung ums Geld. Wäre die LP gut gelaufen, hätte McFit Imagegewinn und Sponsorenmittel kassiert, der Staat nur indirekt über die Steuern. Neben- und jetzt Folgekosten wie Polizeit, Krankenhaus, Feuerwehr usw – zahlen Stadt, Land und evtl Bund und andere öffentliche Töpfe.
Und «paternalistisch» nennt man das von dir beschriebene Staatsmodell eines Staates, der dich rundum versorgt, aber auch – wie du selbst schreibst – «bewacht». Kein Staat, in dem ich leben möchte – und viel zu viele Deutsche meinen, der Rundum-Staat sei selbstverständlich. Otl Aicher hat sich darüber besser ausgelassen als ich, aber diese bevormundende Staatsform macht unselbständig und dumpf. Und entsprechend suchen die Leute jetzt die Schuld nicht beim Veranstalter, nicht bei sich selbst im Zweifelsfall, nicht in den Strukturen, sondern bei einer Bürokratiesockenpuppe.
wieder eine verdrehung. ich habe keinen staat beschrieben, der mich “rundum versorgt”, noch einen solchen eingefordert. lediglich einen, der regulierend eingreift, anarchie vermeidet und z.b. die von ihnen zitierten veranstalter stärker kontrolliert. eine institution, die über die einhaltung bestimmter regeln wacht und die ich eben auch danach beurteile, ob das gelingt.
wir reden aneinander vorbei, trotzdem einen guten tag noch.
Upps, wie viele Kommentare stehen denn hier…?
Im Allgemeinen hast du schon Recht,wenn du sagst, eigentlich sind alle ein klein wenig an der ganzen Sache Schuld!
Und Du hast auch Recht, wenn du sagst, dass das bei jedem eigentlich größerem Konzert passieren könnte!
Das entbindet aber, meiner Ansicht nach, nicht die Veranstalter davon, Sorge zu tragen, dass so etwas nicht passieren kann!
Und das haben sie nicht getan!
Ein Herr Schaller hat sich mit gerade einmal 7,5 Millionen versichert, was eigentlich auch zeigt, wie weit er im Vorfeld gedacht hat!!
Und der OB im Urlaub!
Das ist daran so unglaublich!
Richtig, man muss sich vorstellen, halb oder ganz Köln will nach Duisburg! Das kann nicht gehen!
Trotzdem wurde es gemacht!
Ein Bisschen wie jemand, der ein Glas fallen lässt und dann darüber jammert, dass es kaputt geht!
Es geht nun mal kaputt!
Und sorge, wenn Du in deinem Büro nie Party machst, und dazu 500 Gäste einlädst, solltest du dich nachher halt nicht wundern, wenn man dich zur Rechenschaft zieht, falls das schief geht!
Ansonsten, nen echt gelungener Kommentar!
Es ging ja nicht nur um den konkreten Fall – wo aber auch vom Land über die Stadt zum Veranstalter bis hin zu den Besuchern, die Absperrungen überlaufen haben die Verantwortung sicher einigermaßen verteilbar ist -, sondern um die Idee «Spektakel» (Nicht nur als Event, sondern auch als gesellschaftliche Organisationsform, unseren Hunger nach immer mehr) an sich. Die ganze 2010-Größenmanie, der Medienhype (vorher UND nachher), und das scheinbare Bedürfnis, nicht mit 50 oder 200 oder 3000 Leuten zu feiern, sondern mit 1,5 Millionen. Jenseits, sozusagen hinter der konkreten persönlichen Schuld in diesem Fall liegt etwas tieferes. So wie hinter einzelnen Symptomen ja auch oft eine größere Krankheit liegen kann.
In keinem Fall soll so ein abstrakteres Nachdenken über Zusammenhänge bedeuten, dass Schaller und Lopavent, aber auch die Politik und Behörden sich hier überfordert gezeigt haben und in toto mitschuldig an der Sache sind. Ich glaube nur, es nur dem OB anzuhängen (oder nur Schaller) wäre etwas kurz gegriffen – man darf auch fragen, was systemisch im Argen liegt.
old nobody:
>lediglich einen, der regulierend eingreift, anarchie vermeidet
Was hat regulierend eingreifen damit zu tun, dass der Staat eine private Feier überwiegend mitfinanziert, Infrastruktur und Personal stellt und dass am Ende nicht der private Veranstalter, sondern ein politischer Vertreter als Verantwortlicher haftbar gemacht wird? Ist Risiko und Gewinnchance hier sinnvoll verteilt?
Worum es geht – die Reichtumsproduktion konzentriert sich auf die Wenigen, die Risikoproduktion jedoch auf die Vielen. Reich wird man privat, arm wird der Staat.
Letzten Endes sieht man hier im Detail eine interessante, ja auch nicht so neue Verstrickung privater Interessen und öffentlicher Hand, bei der die Wirtschaft es immer wieder versteht, sich den Staat zu Diensten zu machen. Im Grunde sollten bei einem Event wie diesen die Kosten für Polizei uswpp durch den Veranstalter getragen werden und Teil des unternehmerischen Risikos, nicht durch Steuern querfinanziert sein. Keineswegs als Vorwurf gemeint – aber es ist spannend, wie ein Land und eine Stadt sich aus reinem Wunsch nach einem imageträchtigen Event so mit Geld und Leistungen in ein Event einbringt. Und ehrlich gesagt habe ich extreme Zweifel, auch wenn alles gut gegangen wäre, ob solche Großevents auch nur näherungsweise imagefördernd sind. Das Geld kann man besser investieren.
Natürlich liegt was Systematisch im Argen!
Und nicht nur hier!
Im Golf von Mexiko wird an nem Ventil für 500000 § gespart, und upps es geht schief!
Der Schaden geht danach in die Milliarden!
Ist da jemand verantwortlich!
Klar!
Wird irgendeiner zur Rechenschaft gezogen?
Nein!
Der BP Chef geht in Ruhestand und nimmt noch 14 Millionen mit!
Das ist die Realität!
Und das ist auch der Grund, warum erst so Dinge geschehen!
Weil keiner befürchten braucht, zur Rechenschaft gezogen zu werden!
Konkrete Verantwortlichkeit erzeugt halt erst Verantwortungsbewußtsein!
Auch beim Öl liegt ja hinter der scheinbaren Gier von BP etwas mehr – der Hunger unseres Gesamtsystems nach Energie, Benzin, Plastik und so weiter… also die Notwendigkeit, immer mehr Rohstoff unter immer abenteuerlicheren Bedingungen, deren Komplexität kaum zu bewältigen ist, zu fördern. BP ist das Symptom – und indem wir den Kopf von Hayward als Tribut fordern, lenken wir nur (uns selbst) von den tieferen Ursachen ab… denn sich die einzugestehen, würde einen Einschnitt in unsere Gewohnheiten und Lebenszustände bedeuten. Insofern suchen wir immer schön die Schuld bei anderen, nicht bei uns selbst (nicht einzeln, sondern als Gesellschaft).
Zugleich darf man auch nicht vergessen, dass sich hier zeigt, wie wenig wir noch mit «Risiko» umgehen können. Wir scheinen davon auszugehen, dass die Welt eine Vollkaskoversicherung ist. Ist sie aber nicht. Zu keinem Moment, sei es durch so etwas simples wie Gewalt und Verbrechen als Folge eines bestimmten sozialen Konkurrenzsystems, das unser Denken prägt, sei es «Fortschritt», der unweigerlich immer riskant ist. Dass wir in einer High-Risk-Gesellschaft leben ist ja nicht erst seit Ulrich Beck spürbar – je verzweifelter wir Stabilität, Wohlstand suchen, desto höher wird paradoxerweiser der Preis. Die Spaßgesellschaft und die Risikogesellschaft sind immer nur den Haarbreit einer Panik, eines Unfalls, eins unsicheren Ventils, eines geplatzten Reifens, eines dusseligen «What-if» entfernt. Mondbetretung und Erstickungstod, Bungeejump und Querschnittslähmung, Konzertbesuch und Nasenbruch, billiger Strom und Atomverseuchung… das alles ist immer nur durch eine dünne Membran Glück/Unglück voneinander getrennt. Dagegen hilft wahrscheinlich auch keine Vorsorge der Welt, auch wenn man bei der Suche nach Schuldigen die Suggestion verfolgt, dass es so sei.
Wenn der OB zurückgetreten und Schaller angeklagt ist, ist alles wieder im Lot – aber das ist natürlich nicht wahr.
Natürlich nicht! Und die Opfer werden auch merken, dass ihnen das leider wohl auch nicht ihre Angehörigen zurück bringt!
Und ob auch ne Verurteilung am Ende wirklich trösten kann? Ich glaube eher nicht!
Aber es ist doch schon dieser Grundgedanke der eigentlich falsch ist!
BP ist nicht schuld, weil ja eigentlich wieder die Gesellschaft schuld ist!
Das führt nur zu nichts!
Das ist mir zu einfach!
BP hätte ja auch einfach mal ein klein wenig weniger Gewinn machen können!
Nicht viel, nur ein ganz kleines Bisschen!
Und da ist sie wieder! Diese Gier, nach allem was groß ist!
Sei es nun der Gewinn, oder sei es möglichst eine noch so große Veranstaltung aufzuziehen!
Man kann aber auch einfach mal nein sagen!
Klar Leben ist Lebensgefährlich!
Ich muss mich nicht an nem Bungeeseil in die Tiefe stürzen, nur weil andere das machen!
Aber was ist, wenn dich jemanden einfach an nen Bungeeseil hängt?
Ist er dann schuld, wenns nicht klappt, oder Du?
Wenn morgen nen AKW hochgeht, wer ist dann Schuld!
Die, die dagegen demonstriert haben,oder die,die dafür waren?
Und nebenbei, müssten sich die Energieversorger gegen so nen Gau versichern, oder müssten sie nur die Endlagerung bezahlen, Atomstrom wäre unbezahlbar! :-D
Wo ich dir Recht gebe, ist das die Menschen immer weniger Risiko umgehen können!
Vielleicht, weil man es ihnen in unserer Wohlstandsgesellschaft einfach über die Jahre hin anerzogen hat!
Im Übrigen ist heute nen Flugzeug in Pakistan abgestürzt mit knapp 150 Toten!
Traurig, aber wird sich irgendjemand hier darüber aufregen…?
Eher nicht!
>BP hätte ja auch einfach mal ein klein wenig weniger
>Gewinn machen können!
Klar. GoldmanSachs auch. Auch hier der Spektakel-Gesellschaft-Bezug. Wieso fühlen sich Unternehmen nur noch gewinnbringend, wenn sie bei 17-25% und mehr liegen? Solche Spannen, die die Anleger erwarten, sind nicht gesund und haltbar. Aber ist das Unternehmen schuld, wenn Fonds und Kapitalgeber Druck machen? Wenn unter diesem Druck abstruse Sparmaßnahmen, Kürzungen oder waghalsige Investitionsmodelle entstehen, deren Folgen unabsehbar sind.
Was helfen würde – aber mit unserem bisherigen Wirtschaftsmodell anscheinend nicht vereinbar ist – wäre ein Wegkommen von einem auf permanentes Wachstum und Gewinn orientiertes Modell hin zu einem auf Balance, Ausgleich austariertem Sättigungsmodell. Eigentlich der einzige Weg, um auch dieser endlosen wie sinnlosen Überproduktion von Quatsch aus dem Weg zu kommen, und der kippenden Balance von Produktivität und Arbeitskraftbedarf entgegenzukommen. Aber von einer Umverteilungsgesellschaft mit dem Ziel, dass es möglichst vielen Menschen möglichst gut geht, sind wir national wie global ja nun echt weit entfernt, das ist Utopie.
> Atomstrom wäre unbezahlbar
Weshalb ich es seit langem dumm finde, noch nach dem klassischen BSP zu rechnen. Die Folgekosten von Haftungsrisiken und Umweltschäden müssen in die Preise einfließen – prompt wäre Atomstrom unfinanzierbar. Übrigens inzwischen auch die Kohle, die ja gerade ihr Comeback feiert. Ganze Produkte würden sich in wenigen Jahren verändern, wenn ihre ökosozialen Nebenkosten, die die Unternehmen auf die Gesellschaft abwälzen, in die Kalkulation einfließen müssten.
>Wenn morgen nen AKW hochgeht, wer ist dann Schuld!
>Die, die dagegen demonstriert haben,oder die,die dafür waren?
Wieso sollten Demonstranten an einem Atomreaktorunglück schuld sein – außer, die führen es in einer Art Anschlag gezielt herbei?
>Traurig, aber wird sich irgendjemand hier darüber aufregen
Sicherlich nicht so sehr, weil a) Flugzeugabstürze inzwischen zwar noch News-Charakter besitzen (anders als Autounfälle), aber nach und nach auch zum Alltag gehören. Sie sind eben unspektakulärer geworden, es sei denn besondere Umstände geben erhöhte mediale Aufmerksamkeit her (Politiker oder andere Prominente an Bord). Das Spektakel Loveparade AN SICH – Größe, Menschenmenge, mediale Aufmerksamkeit im Vorfeld – ist der Garant für die Aufmerksamkeit gewesen, nicht die Zahl der Toten. Wären die 21 Menschen bei einem Brand in einem Mehrfamilienhaus in München gestorben, wäre die Reaktion auch deutlich geringer. Deshalb ja «Spektakel» in der Überschrift ;-).
Das gilt übrigens auch für andere Sachen, etwa Kultur.
Peter Kuhns letztes Konzert in der Oetkerhalle war ausverkauft, restlos.
Weil es ein Event war. Letztes Konzert des scheidenden GMD, zwei Orchester, vier Chöre, acht Solisten. Das vorletzte Konzert war wahrscheinlich nicht halb so gut besucht. So ticken wir Menschen vielleicht einfach, wir sind Thrillhunter. Und in der fin-de-siécle-Müdigkeit einer überfütterten Gesellschaft, in der die eigene Existenz so abgesichert ist, dass sie keinen Thrill mehr hergibt, wird das natürlich irgendwann ein zentrales Freizeitmoment. Wieso muss ich jetzt an Palahniuks Fight Club denken?
Klar, aber brennt ein Mehrfamilienhaus in Ludwigshafen, kann das auch schon ganz anders aussehen!
Fight Club würde in Deutschland nicht funktionieren, Merkel würde zu mindestens dabei alle Banken retten…!:-D
The first rule of Fight Club is, you do not talk about Fight Club.
The second rule of Fight Club is, you do not talk about Fight Club.
Klappt nicht!
Man kann jede Organisation unterwandern!
Hab mal von ner Partei gehört, die wurde soweit unterwandert, dass man sie noch nicht einmal mehr verbieten konnte…! :-D
Ich habe nicht alle Kommentare hier gelesen, und deinen Text habe ich in Teilen quer gelesen, weil müde ich bin (o:
eines finde ich gut: wir “sprechen” drüber, wir tauschen uns aus, wir nehmen uns Zeit. Ich habe auch erst nix zum Ganzen geschrieben, weil ich dachte, dass ich nicht auch noch Buchstaben hinzufügen muss. Aber die Wut hat sich einfach gesteigert. Es gibt kein richtig und kein falsch, aber für mich gab es den Bedarf nach Stille. Betroffenheit ist für mich nichts Lautes. Alles, was laut ist, ist irgendwie “falsch”. Und da mich ähnliche Gedanken wie dich umgetrieben haben, fand ich deinen Text grad wohltuend.
Ich muss auch nicht mit jeder Faser übereinstimmen, aber ich fühle mich verstanden. Denn bei allem Virtuellen mag ich am liebsten den persönlichen Austausch. Retro, ne? Der sollte vielleicht vor Twitter und allen anderen Kanälen gesetzt werden. Wurde er aber nicht. Leider. Und auch ich weiß nicht, ob es etwas bringt, Schuldige zu suchen. Alles scheint geprägt von dem Gedanken, das Unfassbare fassbar zu machen. Aber Verhältnismäßigkeit und eine gewisse Art von Demut gehen dabei anscheinend verloren.
Daher: Danke. Für die Stille.
>Hab mal von ner Partei gehört, die wurde soweit unterwandert, dass man >sie noch nicht einmal mehr verbieten konnte…! :-D
Ach, jetzt hört doch auf, die FDP zu dissen ;-)
Danke für diesen wunderbaren Artikel. Er sprach mir aus der Seele.
Danke.
[...] die Masse der Berichterstattung, und dies hätte ich natürlich auch als Einstieg wählen können, dass ich eigentlich nichts [dazu] schreiben wollte). Warum ich den WDR-Beitrag für misslungen halte, habe ich oben schon angedeutet; weil er [...]
Was ich übrigens gerade spontan etwas absurd finde: Selbst die Berichterstattung der Trauerfeier folgt den medialen Regeln eines Spektakels: Echtzeit-Berichterstattung via Live-Ticker (im Grunde das Gegenteil von Trauer und Besinnung, oder), Besucherrekorde verkünden, und eine seltsame Form von Wettberwerb um die meiste Betroffenheit, die persönlichste Trauer… wäre nicht die einzige angemessene, rücksichtsvolle Form von medialer Anteilnahme gewesen, einen Tag lang, nur einen Tag, einfach mal nicht zu aasen?
Ihr Artikel hat mir Vieles in Klartext vorgeführt, was ich bisher nur “vorsprachlich” als Gedankengefühl oder Gefühlsgedanke im Kopfbauch hatte. Dafür großen Dank. Ich sehe allerdings nicht, dass die Medien solche Macht haben. Da schwingt mir etwas zuviel kausalistische Einbahnstraße mit. Richtig ist, dass Medien (wie eben auch Banken) einen Trend (wo immer er auch herkommen mag) verstärken können, jedoch nur solange, wie sich dieser “Aufmerksamkeitskredit” auch für die Banken=Medien rechnet. Trauer, Leichen, Skandale gehen immer. Das hat schon Aristoteles in seiner “Poetik” beschrieben. Man könnte fragen, ob heute noch so etwas wie Katharsis in den populären Tragödientexten zu finden ist, zu denen Ereignisse medial geskriptet werden. Wenn man sie nicht findet, wovon ich ausgehe, dann heißt das doch zunächst mal nichts anderes, als dass es hierfür keine Mehrheiten bzw. keinen “Bedarf” und folglich auch keine Kredite der Banken=Medien gibt. Wie uninteressant=abgewertet ist der Fall Brunner, seitdem das Label “Held” aufgrund veränderter Faktenlage nicht mehr verfängt. Obwohl gerade hier echte Katharsis möglich wäre. Es sind nicht die Medien=Banken, die das verhindern, es ist diese Phänomen der dritten Art, das man zu anderen Zeiten, aber für alle Zeiten “Zeitgeist” genannt hat.
[...] Tod und Spektakel [...]
[...] danke, Herr Schellnack für Ihren Text. Und danke, Herr Niggemeier.) Veröffentlicht am 25. Juli 2010 Kategorie: [...]