
Es ist eigentlich ein Zufall,dass ich für das Bochumer Schauspielhaus ausgerechnet in einer Zeit gearbeitet habe, als ein kleines, vielleicht sogar verschworenes Team zumindest versucht hat, die Regeln eines urbanen Theaters etwas zu verschieben und eine Balance zwischen feuilletonistischer Anerkennung und vollem Haus zu finden. Eine Balance, die sich wie natürlich aus den beiden Chefdramaturgen des Hauses ergab, die nicht immer ohne Konflikte, aber in der Art, wie sie sich ergänzten aus meiner Sicht bis heute einzigartig in ihrer Chemie waren, hier der großartige Instinktmensch mit einem unfassbaren Gespür für Theater als Erlebnismaschine, dort der neugierige, suchende und insofern fast unbewusst vieles anders machende Neuankömmling. Einer der beiden, der mit Matthias Hartmann und Klaus Missbach zunächst auch nach Zürich wechselte und inzwischen in Salzburg als Schauspieldirektor die Festspiele mit leitet, hat sich nun einen literarischen Rückblick auf seine Arbeit als Dramaturg gegönnt, auf die Transformation von Text zu Theater und nicht zuletzt auf die Persönlichkeiten von Darstellern und Regisseuren, denen er begegnete.
Thomas Oberenders «Leben auf Probe» ist insofern nicht zuletzt ein Schlüsselroman und es fällt einem beim Lesen nicht schwer, den beschriebenen Charakteren Gesichter und Namen zuzuordnen. Mitunter stört dieser voyeuristische Aspekt fast, lenkt ab vom archetypischen Element in Oberenders Vignetten. Denn der Autor verzichtet nicht auf Namen, um seine Subjekte zu schonen, die sich in den luziden und oft durchaus auch scharfkantigen Beobachtungen selbst sicher problemlos gezeichnet finden werden, sondern weil er induktiv vorgehend wie in seinen Romanen auch hinter den Protagonisten und ihren Symptomen das große Ganze sucht, ohne wirklich hzu wissen,wonach der da tastet, einfach irgendwie neugierig. Und der so ganz en passant über Schreiben, Rollen, Macht, Theater und Gesellschaft nachdenkt, ohne dabei je die Form kleiner und kleinster Beobachtungen und Deutungen zu verlieren, wie ein Maler Szenen und Situationen einfriert und durchleuchtet, in Schweigen, Gesten, Worten eintaucht. Liebevoll und auch mal gehässig, mitunter deutlich ermüdet und frustriert vom Machtspiel am Theaterhof, immer ein wenig fremdelnd mit dem Betrieb, in den er zumindest zu Beginn ja als Außenseiter kommt, als Durchreisender.
Es ist dieser Status der noch nicht ganz betriebsblinden Neugier, die seltene Sicht des Neugierigen, der hinter die Kulissen blicken darf, die Oberenders Buch so einzigartig macht. Es liefert eine Mixtur aus tiefstem Eingesunkensein in die Theaterwelt, und bewahrt zugleich doch eine ironisch-faszinierte, fast anthropologische Distanz. Der Schreiber, der eben nicht nur Dramaturg ist, kommt nicht aus seiner Haut, bleibt Jäger, bleibt Späher. Und oft blitzt diese kalte Härte durch, dieser analytische Blick, den ein Autor seinen Figuren widmet, wenn er sie seziert, mit dem Oberender, in aufs Gramm abgewogenen Worten, seine Mitmenschen durchleuchtet. Seine auch im Buch offenbar werdende Liebe zu Duane Hansons gefrorenen Alltagsmenschen, seine quecksilbrige Mathematik der Hermeneutik, die sich in seiner Vorliebe für Steve Reichs kristalline Klangstrukturen widerspiegelt – all das prägt in jedem Detail das Buch. Oberender verzögert die Zeit, friert ein, pinnt die Menschen unter sein Mikroskop, lädt jeden Gestus subkontextuell auf, so, dass sich wahrscheinlich viele der im Buch beschriebenen Kollegen und Mitarbeiter fragen dürfen, ob sie jemals einen echten normalen Moment mit Oberender hatten, oder ob sie immer nur Schmetterling im Einweckglas des Forschers waren, der jedes Zucken und Flattern notiert.
Subtil und smart beschreibt Oberender aber nicht nur die Eigenarten des Probenalltags und den Habitus seiner Protagonisten, vielmehr schält er sukzessive heraus, warum Texte auf der Bühne zum Leben erwachen, versucht den Prozess abzubilden, in dem das Paradox Theater funktioniert, schreibt sich über Umwege, über Bande spielend, an ein angreifbares Phänomen heran, wie ein Anthropologe, der fasziniert die Rituale eines Eingeborenenstammes notiert, wie der Intellektuelle unter lauter Bauchmenschen, der einen wie selbstverständlich laufenden Vorgang analysiert und feststellt, dass die Teile keine Summe ergeben. Dabei entsteht fast nebenbei, skizzenhaft, eine komplexe Theorie des modernen Theaters, die sich aus der Alltagshandlung ableitet, aus der eigenen Suche. Wenn Oberender klug zwischen Theater-als-Museum und Theater-als-Kulturhaus, zwischen Archivfunktion und sozialer Plattform unterscheidet, kann man sich als Leser nur all zu gut vorstellen, wie der Autor im dunklen Raum der Probe über Nachttheater und Tagtheater nachdenkt, in einer seltsamen Selbstreflexion und Symbiose von Tun, Nachdenken und Wieder/Anderstun.
So wird «Leben auf Probe» auch zu einem Tagebuch, einer Reise durch Oberenders Faszination für bestimmte Autoren, die die Texte chronologisch spezifischen Stücken zuordnen, einer Fahrt durch seine Euphorien und sein Ermüden an der Egomanie des (selbst)ausbeuterischen Betriebs. So mutiert das Buch nicht zuletzt zu einem dieser phantastischen Zwitterwesen, entpuppt sich als Schlüsselroman, Tagebuch, Sachbuch, Essay und Roadmovie im Stillstand, eine Reise, die den Erzähler ohne Bewegung voranbringt, als Betrachter, als Teilnehmer, als Opfer, als Täter. Es ist die Geschichte einer Entführung, bei der ein Autor verschleppt und in dunklen Räumen gefangen ist, unter Fremden, deren Sprache er nur teilweise beherrscht, von denen er unverhofft umschmeichelt oder angebrüllt wird, denen er misstrauen muss und in die er sich doch zusehends verliebt, klarer Fall von Stockholm-Syndrom.
Und so ist Thomas Oberender bis heute am Theater, längst nicht mehr der großäugige Novize, sondern ein durch Intrigen, durch falsche Versprechen, durch den täglichen Zirkus abgehärteter Mitspieler, einer, der die Seiten gewechselt hat und längst selbst andere entführt, wo er selbst früher der Entführte war, der Autoren ins Theater verschleppt, weil er weiß, dass es eben auch um die Texte geht, nicht nur um die Darsteller, dass das eine ohne das andere nichts ist. Einer, der längst Intendant seines eigenen Hauses sein müsste und dürfte, und sei es nur, um zu sehen, was er anders machen würde, was er von seinem eigenen Weg mitgenommen hat, ob das Theater ihn mehr verändert hat oder er das Theater.
Bis es so weit ist, dass Oberender nicht nur in Salzburg, sondern auf mehrere Jahre in einem Stadttheater sein Labor aufbauen, haben wir eines der besten und persönlichsten, intimsten Bücher über die Faszination Schauspiel, spannend wie ein Chandler, luzide wie ein Cracauer… und mit 155 Seiten so kurz, dass man sich wünscht, Oberenders Beobachtungen und Botschaften aus der Gefangenschaft würden einfach endlos weitergehen, wären Blog, nicht Buch.
28. September 2010 12:28 Uhr. Kategorie Buch. Tag Sachbuch, Theater. Keine Antwort.