
Thomas Manns Zauberberg gehört zu den wenigen Büchern, dass ich nie ganz gelesen habe, obwohl ich es wollte – Gödel Escher Bach von Douglas Hofstadter ist das andere, allerdings aus völlig anderen Gründen. Beim Zauberberg ist es so, dass die literarischen Andeutungen, die thematische Dichte, die sprachliche Gewalt und der schiere Umfang des dazu noch nicht ideal lesbar gedruckten Taschenbuchs mich irgendwann einfach ermüdet und man nach einer Pause mit einem anderen Buch kaum mehr in Manns Textfluss hineinfindet. Nach zwei Anläufen mit dem Buch und einem dritten in der Planung, habe ich mich zwischendurch spontan entschieden, dem Hörbuch eine Chance zu geben. Ich bin anscheinend nicht der einzige, der den Buchberg nicht überwunden hat und insofern beim Audiobook gelandet ist, wenn man den Amazon-Kommentaren glauben darf.
Nun ist es so, dass ich normale Hörbücher – also mit nur einem Sprecher, der das Buch einfach vorliest – eher wenig ansprechend finde. Zum einen, weil die Stimme nicht «meine» Stimme ist, und insofern alle Charaktere falsch klingen, zum anderen weil ich es medial langweilig finde, einfach ein Buch vorzulesen, das ist keine echte Übersetzung in ein anderes Medium. Und aus dem Alter, meine Bücher vorgelesen bekommen zu müssen, bin ich irgendwie heraus. Mt Hörspielen verhält es sich anders. Die oft sehr experimentellen Hörspiele von WDR und BR beweisen, dass man in diesem Medium hochkreativ einen Stoff dramaturgisch bearbeiten und erweitern kann und eine wirklich neue Inszenierung leistbar ist.
Die von Valerie Stiegele und von Ulrich Lampen 2000 für den Bayrischen Rundfunk produzierte Fassung vom Zauberberg kommt auf beeindruckenden zehn CDs daher, mit einem üppigen Sprecherensemble, subtiler Musik- und Geräuschkulisse und ist absolut liebevoll produziert – der enorme Aufwand, die Logistik, die dieses Epos gefordert hat, wird der Arbeit Manns an dem tausendseitigen Werk im Umfang sicher mehr als gerecht.
Unweigerlich, selbst bei diesem Umfang von fast zehn Stunden, muss das Buch beschnitten gestrafft, gekürzt sein – aber Stiegele gelingt das Kunststück, dem dichtgewobenen Werk Fleisch abzutrotzen, ohne wirklich an Substanz zu verlieren. Die philosophischen Betrachtungen von Settembrini und Naphta, die komplexe Darstellung der Vorkriegsgesellschaft, die fein ziselierten Dialoge bleiben erhalten und die Hörlandschaft, die sich hypnotisch ruhig entfaltet, getragen von Udo Samels schläfriger Erzählerstimme, zieht den Hörer ebenso in den Bann wie das Berghof-Sanatorim Hans Castorp für sieben Jahre verschlingt. Dabei ist der Zauberberg eigentlich ein undankbarer Hörspielstoff, da das Buch weniger auf eine lineare Handlung oder gar einen Spannungsbogen setzt, als vielmehr auf metatextuelle Andeutungen, Anspielungen, Exkursionen – eine wahre Symphonie literarischer Art. Das herauszunehmen verlangt Mut, ist aber zugleich nicht unmöglich. Stiegele gelingt liebevoll die Kunst, dem Buch eine Zugänglichkeit zu verleihen, ohne die Dichte herauszunehmen. Der Figurenkanon wird wunderbar übersetzt, die grundsätzliche gesellschaftliche Debatte gestrafft und entschlackt, aber in den Grundfesten bewahrt, bis die tatsächliche Handlung – und der Stillstand auf dem Zauberberg – wunderbar emergiert, ohne dass die Substanz des Buches leidet. Es ist eine wahrhaft gelungene Übersetzung in ein Hörmedium, die dem anderen, weniger versunkenen Wahrnehmungsmöglichkeiten des Ohres gerecht wird. Die Inszenierung verlangt in ihrer Art ebenso eine Vertiefung wie das Buch selbst, läuft aber zugleich fluide und logisch voran, stets so strukturiert, dass man als Zuhörer gebannt und hungrig bleibt, gefangen von dem Netz der Geschichte und ihrer Hintergründe.
Langsam, gravitätisch entfaltet sich die Geschichte von Hans Castorp, der sieben Jahre lang in die Krankheit, aus dem Leben des Flachlandes flüchtet, in eine moribunde Welt, in der Krankheit und Tod Freiheit bedeuten, eine entrückte Verwöhngesellschaft der ständig Klagenden, der heutigen Zeit gar nicht so unähnlich. Die Liebesgeschichte zu der von Karina Krawczyk wunderbar katzenhaft-verschlafen gesprochenen Clawdia Chauchat (übrigens schon so ein Ding des Hörspiels, dass mich die Andeutungen und Namensspielereien Manns, die oft aus dem Text reißen – wieso wird bei dieser Figur so vehement auf die Katze verwiesen?, im gesprochenen Text weniger stören, natürlicher wirken), die andere Liebe «in der elften Stunde» zum charismatischen Mynheer Peeperkorn, das schließlich als Schwätzerei entlarvte, aber tödlich endende Duell zwischen Freimaurer Settimbrini (großartig: Felix von Manteuffel) und Kommunist Naphta, schließlich der Donnerschlag, der den Zauberberg-Siebenschläfer aufweckt und das blasse Bürgersöhnchen Castorp als Kanonenfutter an die Front zwingt – all das gewinnt im Hörspiel neben der intellektuellen Dimension der durch den Raum fliegenden Allusionen und Doppelbödigkeiten die spannende Triebkraft eines Krimis – und das ist ein Kunststück, wenn man bedenkt, dass es doch eigentlich darum geht, dass nichts passiert, dass Stillstand und Trägheit herrschen. Die Hörspielfassung nimmt dem Buch die manchmal selbstverliebte, mitunter geschätzige Ausschweifigkeit, ohne es jedoch zu verstümmeln, setzt indirekte Berichterstattung in direkten Dialog, fokussiert und bündelt die Geschichte, und das mit Erfolg – die zehn Stunden vergehen wie im Flug, fast zu schnell.
26. Juli 2008 15:13 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.