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Thomas Lehr: 42

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Der Weltuntergang ist eigentlich eine Forte der englischsprachigen Literatur, die sich im Grunde vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg ausgiebig, unweigerlich oft als SF-Spekulation und insofern unweigerlich oft trashig, mit dem Thema einer post-apokalyptischen Gesellschaft befasst hat. Richard Mathesons I am Legend, Stephen Kings The Stand oder John Wyndhams The Day of the Triffids sind nur wenige Beispiele für ein ganzes Literaturgenre, das mit verschiedenen Mechaniken die Menschheit mal mehr, mal weniger auslöscht, um an den Kern menschlicher Daseinsfragen zu gelangen. Stets ein Spiegel latenter gesellschaftlicher Ängste, haben viele dieser Bücher gerade in den 50er und 60er Jahren natürlich den nuklearen Holocaust aufgegriffen, heute sind es vor allem vor allem bakterielle und genetische Spielarten des Science-gone-wrong-Genres, mit denen sich die Leser gern gruseln, ganz zu schweigen vom Trend zur von Menschenhand verursachten Naturkatastrophe.

Thomas Lehr bedient sich in seinem Buch 42, dessen Titel passenderweise nichts mit Douglas Adams Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu tun hat (weil Lehr die Anhalter-Trilogie nie gelesen hat und erst von seinem Verlag von dem zufälligen Apropos des Titels erfuhr), sondern mit der 42. Sekunde, in der die Zeit einfriert und zugleich mit der Doppeldeutigkeit von 42 als japanisches Symbol für den Tod, nur scheinbar dieses Genres. Der Grundplot seines Buches – nach einem Unfall im CERN-Reaktor steht sie Zeit weltweit still, bis auf für eine Handvoll Überlebender – eignet sich bestens für einen Roland-Emmerich-Film und erinnert vielleicht nicht von ungefähr an Philipp K. Dicks Eye in the Sky.  Die Überlebenden durchlaufen eine fast an den Umgang mit schwerer Krankheit erinnernden Ablauf von Schock, Orientierung, Missbrauch, Depression und Fanatismus, der das Buch grob gliedert. Die rund 70-köpfige Gruppe spekuliert während ihrer Odyssee durch die gefrorene Zeit frei und hochkontrovers über die Gründe und technischen Bedingungen ihrer neuen Existenz, einige Mitglieder missbrauchen ihre neu gewonnene Macht über die still stehenden Menschen um sie herum ausgiebig, und am Ende zahlreicher Abenteuer kommt nach einem plötzlichen kurzen ruckhaften Weiterticken der Zeit um wenige Sekunden ein Großteil der Cernies-Gruppe erneut zusammen, um ein finales Experiment namens Fönix zu wagen, das sie in die Zeit vor dem Unfall zurückschleudern soll.

Aber der apokalyptische Nebelschleier dient nur als theoretisches Exoskelett des Buches – anders als Wyndham und Konsorten geht es Lehr selten darum, eine postapokalyptische Gesellschaft zu analysieren oder nach einem «clean slate event» eine Rückkehr zu besseren Werten zu propagieren. Vielmehr nutzt Lehr den Stillstand der Zeit – und damit das Zusammenfließen von Zeit zu einem im Endeffekt handlungsfreien Raum – für eine kaustische Analyse seiner Protagonisten. Der Form halber gibt es gesamtsoziale Ansätze sicher an einigen Stellen, wenn etwa einige der Überlebenden versuchen, in einem Dorf eine neue Sozialform aufzubauen (die aber prompt zum Scheitern verurteilt ist, die Illusion einer heilen Welt hat keinen Halt), aber primär folgt Lehr seinem Helden Adrian Haffner eher in eine Art Isolation, eine Art Meditation, auf eine fast spirituelle Wanderschaft, die ihn quer durch Europa führt, wo er nicht nur seine eigenen Erfahrungen mit dem Mißbrauch macht, den das Leben in der photographierten Zeit mit sich bringt, sondern auch seine Freundin Karin im Bett mit einem Nebenbuhler entdeckt. Den Haffner prompt so im Fenster des Hotels platziert, dass dieser wie Schrödingers Katze zwischen Leben und Tod quantelt, in einem ähnlichen Schwebezustand wie Haffner selbst. Lehr entspinnt dazu eine seltsame Dreiecksbeziehung zwischen Adrian und zwei weiteren Chronifizierten, Boris und Anna, mit der Haffner bereits vor der aus der Fugen geratenen Zeit eine kurze Affaire hatte. Hier, wie an anderen Stellen, entpuppt sich 42 als Liebeserklärung an Autoren wie Frisch, Kafka, Mann, Döblin, Musil, Grass und nicht zuletzt Joyce. Als reichen die wenig sanften Stream-of-Consciousness-Anspielungen nicht, lässt Lehr seinen Helden sogar tatsächlich auf dem Berliner Alexanderplatz herumirren, und auch andere Anspielungen auf den Zauberberg (in dem ja mehrfach auf die Relativität von Zeit eingegangen wird), die Blechtrommel, den Mann ohne Eigenschaften und zahlreiche andere Werke ziehen sich wie ein roter Faden durch 42 – so sehr, dass man fast von einer literarischen Gesamtverbeugung sprechen kann, die aber stets so eigen und elegant bleibt, dass Lehr weit entfernt von Entlehnungen oder Plagiarismus ist, im Gegenteil. 42 schafft das Kunststück, den zitierten Idolen oft durchaus gerecht, verläuft vielschichtig und bleibt trotz des fast völligen Fehlens einer linearen Handlung immer spannend. Streckenweise schwer zu verstehen, weil späteres Wissen nötig ist, um frühere Handlungen zu verstehen, setzt sich das Buch beim Lesen wie ein Puzzle schmerzhaft langsam zusammen und ergibt erst am Ende eine Art Gesamtansicht, die fast sofort ein zweites Lesen verlangt, um nach Indizien und Hinweisen zu suchen. Meisterhaft hantiert Lehr mit Foreshadowing, mit Sprachwitz, aber auch mit der großen Geste, die bei vielen Schriftstellern heute entweder in Vergessenheit geraten oder zur Karikatur geronnen ist. Mit der beklemmenden Ernsthaftigkeit russischer Autoren seziert Lehr seinen Protagonisten als amoralisch und oft unsympathisch, wenn auch gemessen an seinen Leidensgenossen fast noch harmlos und tragisch.Zugleichspielt Lehr fast zu wortgewaltig mit den möglichkeiten gefrorener Zeit, erfindet immer neue Wortkonstruktionen und -ballons für den Zustand, und beweist so nicht nur seine eigene Sprachmacht, sondern eben auch, dass es einen Grund hat, wenn Eskimos ungezählte Begrifflichkeiten für Schnee haben… er ist ihr zentraler Lebensraum, und so entwickeln auch die Chronifizierten oft etwas unbeholfen ganz neue Worte für ihre neue Chronosphäre. Nur selten vergreift sich Lehr im Ton, etwa wenn er fast burlesk über Haffners sexuelle Eskapaden schreibt, der zunächst unbeholfen, fast wie ein onanierender Teenie, den Trockensex mit den zeitgefrorenen Restmenschen entdeckt und sich bei Frauen so bedient wie die Cernies auch in Sachen Essen und Trinken zu Parasiten geworden sind – sie nisten sich in Hotels und Schlössern ein und leben von Mundraub und Diebstahl, Sex mutiert zu einer Art tragikomischer Vergewaltigung. Lehr nutzt den Trick der gefrorenen Zeit für eine zeitlupenlangsame, wie ein komplexer Kristall gefertigte Analyse menschlicher Moral in einer Situation, die zugleich Allmacht und Ohnmacht bedeutet. Entsprechend manisch-depressiv agieren die Anti-Helden in Lehrs Buch, festgehalten von Haffners Blick, der für einen gelernten Journalisten seltsam ausscheifend und unsachlich wirkt und im Rahmen des finalen Fönix-Experimentes in einem an die Psychedelia-Episode in 2001 erinnernden massiven Textblock kulminiert, der eine halluzinogene Zeitreise umfasst. Am Ende des Romans schließt Lehr den Zirkel nahtlos, lässt seinen Protagonisten an den Anfang des Buches zurückkehren und dort eine dramatische Entwicklung machen, die das Buch mehr als rechtfertigt und zu Recht aus dem stets wackeligen SF-Konzept befreit: FHaffner entdeckt auf Photographien die Leichen von sich und seiner Gruppe im zerfetzten Delphi-Schacht, umgekommen bei dem ursprünglichen Unfall. So kippt, förmlich auf der letzten Seite, im Stile des klassischen Mindfucks, das gesamte Buch zur Geistergeschichte, zum Purgatorium und viele der Ungereimtheiten entpuppen sich als im höchsten Maße sinnvoll im Kontext der klassischen Poltergeistphänomene. Es ist ein schriftstellerischer «Sleight of Hand», ein Zaubertrick-Kunststückchen, mit dem Lehr aufs großartigste seinem Buch den Teppich unter den Füßen wegzieht und es zugleich als genrefrei definiert – und nicht zuletzt die Doppelbödigkeit des Titels absolut rechtfertigt. Dass sich zumindest bei mir schon früh der Verdacht eingeschlichen hat, dass Haffner und Konsorten nicht in der Zeit gefangen sind, sondern vielmehr SIE stillstehen als Geister in einer Welt, die nur für sie gefroren scheint, sich in Wirklichkeit aber weitergedreht hat, während sie nur noch als Schatten in einem Abbild stillstehen, ist dabei wenig störend, weil Lehr mit genau dieser Unschärfe meisterhaft spielt.

42 ist die Sorte Buch, die man liebt, hasst oder nach der zwanzigsten Seite gelangweilt aus der Hand legt. Es ist ein monomanisches, etwas selbstverliebtes Buch, in dem Thomas Lehr in langen, mäandernden Sätzen den Stillstand von Zeit tatsächlich greifbar macht, in der Sprache wie sonst selten als intensives, schmerzhaftes Werkzeug genutzt wird. Es ist ein anstrengendes, süchtig machendes Buch, das man ohne großen Umwand als Meisterwerk mit kleinen Mängeln deklarieren darf. In fast hingerotzten Details verbergen sich tiefe Schätze, aus denen andere Autoren ganze Bücher gemolken hätten. Andererseits entwirft der Autor in den kontemplativ langen Strecken der erzwungenen Introspektionein Gemälde des modernen Menschen, der plötzlich in einer technoisierten Welt der Technik entrissen wird, und als dessen größter Feind in der Nullzeit sich die Langeweile, die Beschäftigung mit sich selbst entpuppt. Im Spiegelkabinett des ewigen Gleichseins gefangen, der ultimativen Postmoderne, in der alles relativ, alles gleich und ohne Konsequenzen ist, entblättert Lehr einen Übermenschen à la Nietzsche, der sich wie ein Blitz in der schneckenhaft stillstehenden Welt bewegt, der – à la Bakers Fermata – alles und jeden nach Belieben ohne Grenzen manipulieren kann. Bei Lehr entpuppt sich dieser eben a-soziale Übermensch als armes Würstchen, der wahlweise sinnloser Perversion anheim fällt oder sich pathetisch in Selbstmitleid wälzt. 42 nutzt insofern die ausgesetzte Zeit, um die vielbeschworene conditio humana in aller Ruhe beleuchten zu können und vielleicht zu zeigen, dass die wirkliche Apokalypse die Einsamkeit ist.

14. August 2009 10:12 Uhr. Kategorie Buch. Tag , . Eine Antwort.

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