
Nachdem ich das erste Album über den grünen Klee gelobt habe, ist die zweite Scheibe eher eine durchwachsene Freude. Schon das Cover-Artwork macht klar, dass Erlend Oyes Projekt hier bei den Wurzeln bleibt – minimales Low-Tech-Soundgerüst aus Gitarre, Bass, Schlagzeug, diesmal deutlich verstärkt von den schon live sehr präsenten Daniel Nentwig an den Keyboards. Wo Dreams aber eher in die Richtung der frühen Cure ging, eine Richtung die man in ihrer Reduktion und recht klaren Hommage auch zu Recht nicht mehr als ein Album lang verfolgen kann, wirkt Rules wie eine Art sanfte Umorientierung, wirkt funkiger, erinnert mehr an eine Art minimalistischen George Benson, hat mehr 70s-Flair. Die Tracks wirken weniger gerade, sind synkopischer angelegt, grooven bei aller Reduktion mehr. Und da Sebastian Maschat und Marcin Öz ja ohnehin schon eine stets recht tanzbare Drum/Bass-Combo hingelegt haben, gelingt das über weite Teile des Albums auch eigentlich. Courage ist durchaus ein Track, der Spaß macht. Ein kleines Problem, nicht zuletzt der kleinen Besetzung geschuldet, ist allerdings, dass die Musiker zum einen spielerisch nicht das breite Talent von 70s-Musikern besitzen und Oye einfach kein George Benson ist und an den stets gleichen Gitarrenriffs klebt – so dass nie wirklich ein relaxter West-Coast-Laid-Back-Groove entsteht, sondern das ganze eben doch stets nach sehr deutscher Arbeit klingt. Die Idee, eine Art live produziertes Dance-Album zu machen, scheitert auf Album-Länge betrachtet an Tracks, die zu ähnlich klingen, die wenig dynamischen Umfang bieten, und trotz schöner Momente letzten Endes doch immer hart am Rande des etwas belanglosen Dahinplätscherns bleiben. Rules verliert – obwohl auf den ersten Blick frappierend gleich klingend – gegenüber Dreams ein wenig an Unschuld und an Niedlichkeit, Tapsigkeit, und dieser fast nicht fühlbare Verlust macht das zweite Album deutlich schwächer. Nicht nur, weil sich die Tracks auf Rules noch stärker zu wiederholen scheinen, noch gleichförmiger wirken als auf dem Vorläufer, sondern vor allem, weil es Tanzmusik ist für Leute, die ihren Hintern nicht bewegen wollen. Formal werden Blues und Funk, Jazzelemente und Grooveläufe zitiert, aber in Wirklichkeit bleibt die Musik stets unter Zimmertemperatur, kopflastig, eine Art studentische Analyse von Dance, aseptisch. Wo selbst der bravste 70s-Funk à la Deodato überbordend und grell ist, bleibt bei The Whitest Boy Alive alles eben sehr monochrom, sehr loungy, leise Musik, zu der man nicht tanzt, sondern leise über Probleme redet, natürlich bei Milchkaffee statt Cocktails. Dazu kommt, das Erlends ebenfalls sehr einfarbiger, atonaler Gesang, der sehr schnell auch einlullend wirkt, perfekt zu dem Cure-Clone passte, aber so gar nicht zu funkigeren Stevie-Wonder-Beats – und die Mischung dem sensiblen Selbstbespiegelungsgesang der Hipstergeneration und einer reduktionistischen Herangehensweise an Funkmusik wirkt unterm Strich eher unfreiwillig fußlahm. Schon Dreams war oft an der Konsensmusik, aber Rules ist endgültigdie Musik, die sich der/die Neon-Leser(in) mit dem generationstypisch angeknacksten Selbstvertrauen beim Fertigmachen für die Disco anhört. Es ist ein Album, über das man eigentlich nicht streiten kann, weil es nett und schmalschultrig daherkommt, schüchtern und sympathisch, etwas unbeholfen in der Ecke tanzend, aber meist in der Ecke sitzend. Obwohl einzelne Songs durchaus tolle Momente haben, obwohl die Produktion weitgehend fettfrei daherkommt, obwohl man an der Sanftheit des Gesangs und der abgeklärten Instrumentierung unweigerlich seine Freude haben muss und die Liebe der Band zu spüren ist… ist Rules – vor allem am Stück gehört – leider eher langweilig, zu geschmeidig, zu seidig. Perfiderweise hatte Dreams noch Ecken und Kanten, die die Tracks greifbar machten, aber die spürbar gereifte Band des zweiten Albums bietet trotz des Liveflairs der Aufnahmen wenig, woran man sich als Zuhörer festhalten kann, das Album wirkt rund und zugleich rundgelutscht. Zugleich zeigt es, dass die Band an der Grenze ihrer Möglichkeiten in einem vielleicht zu engen Gerüst operiert – vergleicht man den Sound eben mit frühen Cure oder sogar frühen Police, wird klar, dass auch minimale Besetzung und simple Produktion mehr Abenteuer, mehr Epos, mehr Emotion zulässt, als es auf diesem zu abgeklärten, zu smoothen Album der Fall ist. Am Ende fehlt es Rules einfach an dem, was die Musik, die die Band zu spielen vorgibt, ausmacht: Lust.
2. Juni 2009 06:41 Uhr. Kategorie Musik. Tag Pop. Eine Antwort.
Interessant – die erste Platte läuft gerade zufällig im Hintergrund. Und ich muss sagen: Obwohl ich die bestimmt schon zehn-, zwanzigmal gehört habe klingt alles – wenn auch angenehm, sehr einförmig. Wenn die neue Platte noch glatter ist wird es wohl echt zu ein-tönig. Muss ich mir mal anhören …