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THE THIRD MAN

Es ist natürlich ein bisschen meta, sich ausgerechnet in Wien Carol Reeds Klassiker The Third Man anzusehen (und tags darauf dann auch noch spontan durch die Wiener Kanalisation unterm Naschmarkt zu wandern), und ich dachte auch zuerst, das wäre die Touristen-Schiene schlechthin. In dem mit rund 900 Leuten ausverkauften Open-Air Kino am Gaußplatz waren allerdings hauptsächlich Einheimische. Es war nicht nur das vollste Openair-Cinema, in dem ich je war, die Stimmung war auch so ausgezeichnet wie das Wetter. Das Kino unter Sternen im Augarten zeigt nur alte und moderne Filmklassiker von Duck Soap bis zu Volver… und das in feinster Location und umrahmt von Gastronomie, wie man sie ansonsten bei solchen Freiluftkinos vergeblich sucht.

Es ist eine schiere Ewigkeit her, dass ich den auf einem Drehbuch des damals noch jungen Graham Greene basierenden Film gesehen habe, der sich in Wien zu seiner Story von einem britischen Offizier inspirieren ließ. The Third Man, im zertrümmerten Nachkriegswien (und in London) gedreht, beeindruckt mit der erfahrenen Kameraarbeit von Robert Krasker, der bis in die 80er Jahre hinein aktiv war und bereits während der dreißiger und 40er Jahre als Kameramann zahlreiche Erfahrungen sammeln konnte. Kraskers Bildsprache ist tief geprägt vom deutschen Expressionismus – der später den Film Noir weiter beeinflusste – von langezogenen unheimlichen Schatten, unheilvoll kippenden Bildern und zahlreichen Details, die eine undefinierbare, freiflottierende Bedrohungskulisse generieren. Nichts an diesem Wien, durch das Joseph Cotten als Holly Martins den Spuren seines toten Freundes Harry Lime folgt, ist so harmlos wie die grandios unpassende Filmmusik uns glauben machen möchte. Die frivolen Nachtbars, die Speakeasys, die Straßen, die einwohner, selbst das Militär, alles wirkt schmutzig, korrupt, sinister. Den sarkastisch-morbiden Tonfall bringt Reed bereits zu Beginn des Films mit einer im Wasser treibenden Leihe auf den Punkt. Und doch bringen die lakonischen Dialoge und die aus dem Aufeinanderprallen von Siegern und Besiegten entstehenden unfreiwilligen Situationskomiken einen an Raymond Chandler erinnernden Humor in den Film, allen vorweg die grandiosen deutschen Einlagen von Paul Hörbinger und Hedwig Bleibtreu, die auch sechzig Jahre später nichts an Situationskomik verloren haben. Die Italienerin Alia Valli gibt Harrys Ex-Freundin Anna Schmidt so deutlich an Ingrid Bergman erinnernd, das die Paralellen zwischen dem 1942 gedrehten Bogart-Film und dem 1949 realisierten Wiener Kultfilm verblüffend offensichtlich werden. Auch erinnert der Film stark an Fritz Langs Thea von Harbous seminaler Serienmörder-Film M von 1931. Nicht nur erinnert Orson Welles rein optisch stark an Peter Lorres seifigen Irrsinn, es gibt auch Einstellungen, die verdächtig ähnlich sind, etwa eine Szene, in der eine Treppenhausgelände-Schnecke ins Bild gesetzt wird, oder auch die Szene im Krankenhaus, bei der ein Spielzeug den Tod eines Kindes symbolisiert, erinnert sehr an Elsie und ihren Ballon. Trotz dieser Kongruenzen ist Third Man klarer ein früher Film Noir, der die Stimmung zwischen dem zweiten Weltkrieg und dem hier bereits spürbaren ersten Winden des Kalten Krieges wunderbar inszeniert. Das Greene es schafft, die Story um den Western-Autor Holly Martin tatsächlich von Anfang bis Ende wie einen Western zu strukturieren, ist ein wunderbares Detail, eine Vorwegnahme späterer Spaghetti-Western. Das Wien, das Reed (angeblich hat Welles, der zuvor 1941 mit seinem Klassiker Citizen Kane die erzählerischen Möglichkeiten des Kinos neu definiert hatte, Co-Regie geführt), Krasker und Graham hier zeigen, wirkt seltsam postapokalyptisch, seltsam modern, und so wirkt auch The Third Man – eher noch als Casablanca – nicht nur zeitlos, sondern modern, ein Film mit endlos vielen Anklängen an später folgende Trends wie Nouvelle Vague, surrealistisches Kino oder auch David Lynch. Es gibt zahlreiche Elemente, die nichts mit dem Plot per se zu tun haben, aber eine Stimmung, eine Vibration verbreiten… wie etwa die Szene, in der Anna Schmidt plötzlich anfängt, mit Limes Würfeln zu spielen. Das Reed gegenüber Greene ein herrlich offenes, eben ganz Western-kompatibles Lonesome-Cowboy-Ende durchgesetzt hat, macht den Film endgültig zu Gold, ein kitschiges Happy End hätte ihn vernichtet. Heute wäre ein solches Ende wahrscheinlich undenkbar, aber Casablanca und The Third Man zeigen, wie wichtig ein ambivalentes oder gar negatives Ende für den Nimbus eines Filmes sein kann.

Ziemlich großartige Sache also, und ein exzellentes Erlebnis, einen so alten Film auf 200 m² großer Leinwand mit brillantem Sound sehen und hören zu können, das wirkt deutlich anders als im Fernsehen oder auch auf einem Beamer – ich wünschte, die inzwischen zahllosen lokalen OpenAir-Kinos würden ein ähnliches Konzept wie Kino unter Sternen verfolgen, statt die irgendwie immer gleichen semiaktuellen Filme zu zeigen.

5. August 2007 21:19 Uhr. Kategorie Film. Keine Antwort.

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