
Das Arschloch
Es ist vielleicht kein Zufall, dass der Soundtrack von Atticus Ross und Trent Reznor zu David Finchers neuem Film mitunter stark an Clint Mansells Score für «Moon» erinnert – irgendwie scheinen sich beide Protagonisten der Filme in einer ähnlichen Form von Einsamkeit und Isolation zu bewegen, meilenweit entfernt von dem nächsten menschlichen Kontakt, schwerelos treibend. Denn nichts interessiert Fincher weniger als die Hintergründe um die Entstehung von Facebook – ganz im Gegensatz zu seinem Drehbuchautor Aaron Sorkin, der hier seltsamerweise eine ganz andere Geschichte zu erzählen scheint als der Regisseur. Sorkin scheint es in der Tat um die Sache und um die Person Marc Zuckerberg zu gehen, er entfaltet mit meisterhaften Dialogen und kluger Montage von Zeitebenen die zeitlose Teenie-Comedy-Geschichte eines Nerds, der in die hippen Insider-Verbindungen von Harvard nicht hereinkommt, trotz seines Intellekts nicht gut genug vernetzt ist, nicht ausreichend charismatisch und gutaussehend ist, letztlich auch einfach nicht cool genug ist, um an der Eliteuni wirklich akzeptiert zu werden. Vielleicht auch, weil Sorkins Version von Zuckerberg beileibe kein Nice Guy ist, sondern stets etwas autistisch, abwesend, anderweitig beschäftigt wirkt und dazu noch entnervend arrogant ist. Sorkin strickt um diesen Geek eine Mär von fast Schillerscher Grösse, komplett mit den ganzen Intrigen, Rückenstechereien und verlorenen Männer-Freundschaften, die nun einmal dazugehören. Am Ende seiner Geschichte zeigt er uns den kleinen Jungen, der zum König wurde und doch allein blieb, immer noch an Zurückweisung und verlorener Liebe leidet und (offenbar vergeblich) darauf wartet, dass seine ehemalige Geliebte ihm verzeiht und ihn endlich bei Facebook, seiner eigenen Erfindung, added. Sorkins Zuckerberg ist ein aalglatter Aufsteiger, ein moderner Gordon Gecko, der offenbar seinen Erfolg nur braucht, um den Mädchen endlich heimzuzahlen, dass sie ihn haben abblitzen lassen – aus Sorkins Perspektive ist Facebook kaum mehr als eine Art Viagra.
Der Held
Fincher aber verfolgt mit dem Film ganz andere Ziele. Sein Zuckerberg steht in der Tradition des Serientäters in «Sieben» oder des schizophrenen «Fightclub»-Begründers Tyler Durden, ist so falsch in die Welt geboren wie Benjamin Button und muss sich deshalb seine eigene Welt formen, um bestehen zu können. Wie fast immer unter Finchers Händen mutiert der Soziopath zum grauschattierten Helden, den wir nicht rückhaltslos mögen, mit dem wir aber heimlich paktieren, dessen Triumphe uns zumindest ein Grinsen abringen. Sein Zuckerberg wandelt sich vom Streber, der gern dazugehören, in die Eliteclubs hinein möchte, zu einem autarken Player, der seine eigenen Regeln aufstellt, außerhalb der etablierten Grenzen Möglichkeiten findet, sein Talent einzusetzen, der das Spielbrett vom Tisch fegt und darauf tanzt. In einer fast prototypischen «coming-of-age»-Narration zeigt uns der Regisseur einen Zuckerberg, der an der einen großen Zurückweisung zu Beginn des Films seine Initialzündung findet und der im Verlauf des Films wächst, gegen alle Gewissensbisse den Erfolg sucht, und der seine Partner durchaus eben nicht unfair abschießt – Eduardo, den er vorher immer wieder warnt, mitzuziehen, weil er ein Bremser ist, Sean Parker, weil er den Ruf des Unternehmens gefährden könnte. Der Marc Zuckerberg, der am Ende vor den Anwälten sitzt, ist eine seltsame Mischung aus Asperger-Kandidat, Hypernerd und Rebell, gelangweilt von der Arroganz der Anwälte um ihn herum, in Gedanken bei wichtigeren Dingen. Es umweht ihn ein Hauch von Tragik, von Verletztheit, von der Einsamkeit des Genies, das in einigen Dingen so brillant sein kann, und an den einfachsten Alltagsdingen scheitert, etwa am Small Talk mit seiner Freundin, etwa am Umgang mit dem eigenen Erfolg, der eintritt, ohne wirklich verdient zu sein. «The Social Network» ist die alte Geschichte von der Revolution, die ihre Väter frisst – Fincher zeigt einen Milliardär Mitte 20, der alles erreicht hat und doch seltsam isoliert scheint, Freunde und sogar Vorbilder am Wegesrand zurückgelassen hat – und nun wie ein Gefangener der eigenen Success Story wirkt. Damit reiht Fincher ihn nahtlos in die Reihe seiner lädierten Sonderlinge und Aussenseiter ein, und ein Film, der visuell nur selten nach klassischem Fincher aussieht (bis man auf die Details achtet), wird so zu einem tatsächlich nahtlos passenden und wichtigen Bestandteil seines Oeuvres.
Der Nerd
Und Fincher wäre nicht Fincher, ginge es in seinem Film nur um das Sichtbare. Es gibt eine Moment, in dem Bill Gates einen Vortrag an Harvard hält und von einem Studenten nicht erkannt wird – die alte Garde des Computerzeitalters ist unwichtig geworden – und so schlägt der Film die Brücke zwischen drei Generation von Computer-Entrepreneuren. Gates, Parker und Zuckerberg verkörpern verschiedene Facetten des gleichen Phänomens, sozusagen an verschiedenen Alterspunkten der Kurve abgefangen. Gates ist der gereifte Geschäftsmann, der Elder Statesman, den man schon kaum noch kennt, die 80s. Parker ist der durch alle Ups und Downs gegangene Bluffer, ein oberflächlicher aber charismatischer Star-Verkäufer ohne Geld, die Dotcom-Blase der 90s. Zuckerberg ist der Vertreter der Nuller Jahre, hier geht es nicht mehr um Betriebssysteme oder Musik-Raubkopien, hier geht es um einen nicht mehr so klar greifbaren dafür aber viel umfassenderen Service, der eine wichtige soziale Funktion, den Kontakt zu Freunden, in den Äther des Webs verschiebt und so total neu definiert. Und wo Gates primär Geld verdienen wollte, Parker hedonistisch nur an Sex und Spass interessiert scheint, ist Zuckerberg eine neue Spezies von Nerd, beiden nahe und doch anders. Zuckerberg fremdelt auf den Parties, fremdelt mit Menschen generell, drückt seine Gefühle (dann aber völlig distanzlos) online auf… und scheint für sein Millionenvermögen wenig Interesse zu zeigen, trägt immer noch die gleichen Klamotten wie zu Beginn des Films. Er sitzt mitten im Trubel seiner eigenen Firma unter Kopfhörern und programmiert als sei er Praktikant, und ist zugleich doch Machtmensch genug, um genau die Sorte eiskalte Entscheidungen zu treffen, ohne die es keinen Erfolg geben kann. Es ist ein seltsamer, sehr privater Neo-Calvinismus, der den Otaku Zuckerberg antreibt, Erfolg um des Erfolgs willen, Erfolg, um jemand zu sein, Erfolg, um Anerkennung zu bekommen – und da ist auch die Enttäuschung greifbar, wenn bei allem Erfolg keine Anerkennung kommt, sondern im Gegenteil Anfeindung und Ausgrenzung zurückhallen. Fincher umrahmt den Film mit zwei Dialogen zwischen Zuckerberg und einer Frau (seine Freundin Erica Albright zu Beginn und die Anwaltsassistentin Marylin Delpy zum Schluss) und immer geht es um die Frage, ob er ein Arschloch sei – und am Ende wird klar, dass Zuckerberg nie ein Arschloch war, sondern immer nur ein einsamer Junge, der nicht weiß, was er mit sich anfangen soll und nicht weiß, wie er mit der Welt kommunizieren kann.
Der Soziopath
Fincher zeichnet anhand dieses weltfremden, modernen Mann ohne Eigenschaften den Übergang eines Wirtschaftssystems im Mikrokosmos ab – von der materiellen Produktion hin zur immateriellen Phantomwirtschaft des Web, in der unklar ist, wo überhaupt das Geld herkommt und was die geleistete «Arbeit» eigentlich generiert, wo Coolness und Image so wichtige Wirtschfaftsaktoren sind wie früher Boden und Kapital. Die Winkelvoss-Brüder, denen Zuckerberg die Idee zu einer Social-Network-Site zu stehlen scheint, verkörpern den Niedergang einer alten Garde, der alten Elite des bisherigen Systems. Die großgewachsenen, körperlich dominanten «Jocks» in ihren Insiderclub, die Zuckerberg herablassend nur in den Vorraum lassen, in ihm nur einen Programmierer, einen Serf, eine Arbeitsdrohne, sehen, werden von ihm vorgeführt und gedemütigt, an ihnen zelebriert Fincher stellvertretend die Rache der schmächtigen Stubenhocker an den neureichen Schönlingen und skizziert zugleich ein neues System, in dem die Stubenhocker das Steuer fest in der Hand haben, in der die ja ähnlich von «Kids» erfundenen Marken Twitter, Facebook, eBay oder Google die Rolle einnehmen, die früher Ölkonzernen, Autoherstellern, später großen Anwaltskanzleien oder Banken zukam. Von der klassischen Produktion bis in die siebziger Jahre über die Administration des Wirtschaftssystems in den achtziger und neunziger Jahren hin zur völlig der «realen» Welt entkoppelten Webwirtschaft, wie sie in den neunziger Jahren bis heute entsteht, entfaltet Fincher im Mikrokosmos seine Demontage den Old-School-Kapitalismus, ohne dabei den neuen Webkapitalismus romantisch zu verklären. Mit fast anthropologischer Kälte beleuchtet er das Phänomen Facebook stellvertretend für den Exodus in das Internet und dazu passt, dass Jesse Eisenberg seine Figur nahezu gefühlslos zu spielen scheint, nur ein Zucken des Mundwinkels hier, nur ein Zögern in den Augen dort, nur die Wut im Alkoholrausch, nur ein Blick aus dem Fenster überhaupt andeutet, was Zuckerberg empfinden könnte.
Das Ergebnis der Reibung zwischen Finchers Interesse an der Mechanik von Außenseitern und Sorkins politisch-moralischer Entrüstung verleiht «The Social Network» eine phantastische Schwebung, eine gewisse nicht-neutrale Fairness, eine interpretatorische Offenheit, die im Drehbuch eigentlich gar nicht angelegt ist. Obwohl Fincher sich als Regisseur weitgehend zurücknimmt und mit Ausnahme der Tilt-Shift-Optik beim Bootsrennen und der bei ihm üblichen digitalen, inzwischen nahezu unsichtbaren Kunstgriffe (Kamerafahrten durch Wände, die Montage der Zwillinge usw.) auf jegliche Magie verzichtet, trägt der Film eindeutig seine Handschrift und zeigt ihn als Filmemacher, der inzwischen dem Film dienen kann, der die Ästhetik in den Dienst der Aussage stellt und nicht mehr die Erzählung mit Design erschlagen muss. Es ist fast schade, dass dieser Regisseur sich als nächstes dem Remake der Millenium-Trilogie und damit einem Rückschritt zu «Sieben» widmen soll, anstatt auf seinem Weg als Autorenfilmer weiterzugehen, aber diese seltsame Balance zwischen Hollywooderfolg und eigenen Projekten zeichnet Finchers Arbeit ja seit jeher aus.
Der Einsame
Dabei dürfte auch «The Social Network» ein kommerzieller Erfolg werden. Das Marketingrezept zum Kassenknaller ist ja fast eingebaut, wenn nur jeder zehnte FB-Nutzer weltweit neugierig genug wäre, um den Film im Kino oder daheim sehen zu wollen. Ob die Zuschauer in dem Film dann eine Art Gerichtsthriller sehen, ein Freundschaftsdrama, einen Kommentar zum modernen Webkapitalismus, oder einen Horrorfilm über die Einsamkeit des Ausnahmetalents in einer nivellierten Gesellschaft, darf offen sein – denn all dies und wahrscheinlich noch mehr ist in der DNS dieses Films codiert und wartet darauf, entdeckt zu werden. Die Ironie des Films ist, dass er das Außenseitergenie feiert und ein Massenpublikum erreichen will und wird, das sich hier lediglich eine Art «Enthüllungsthriller» erhofft. Enthüllungen gibt es in der Tat, aber weniger über Marc Zuckerberg, als vielmehr über einen dramatischen Power Shift (und sei er nur kurzlebig) in der Art, wie unsere Wirtschaft, aber auch unser soziales Zusammenleben sich organisiert. Denn der Titel deutet ja über Facebook hinaus, verweist auf die neuen «Sozialen Netzwerke», die online entstehen und die alten Seilschaften und Netzwerke, für die Harvard fast symbolisch steht, auflösen. In diesem Mikrokosmos bilden Fincher und Sorkin ab, was es bedeutet, wenn wir fast beiläufig komplett neue Sozialstrukturen im Web aufbauen, raumzeitlich entfesselt, angesichtslos; eine komplett neue Form von Selbstdarstellung und Kommunikation, die alle bisherigen Formen ergänzt, diese zum Teil aber auch überschreiben wird. Eine Welt, die nicht mehr von Politikern oder den Winkelvosses dieser Welt kontrolliert wird, sondern von den Programmierern, halben Kindern, die ihre Hoodies hochklappen, Becks trinken und mit ein paar Zeilen Code Geschichte schreiben, die die neuen Rockstars sind und deren Vorlieben und Psychopathologien inzwischen wichtiger sind als die von Barack Obama oder von Angela Merkel. Und die nun einmal, so das Fazit des Films, kaum noch in der Lage sind, eine normale Beziehung zu ihrer Umwelt aufzubauen.
13. Oktober 2010 09:23 Uhr. Kategorie Film. Tag Drama. Keine Antwort.