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THE SHIFTING REALITIES OF PHILIP K. DICK: SELECTED LITERARY AND PHILOSOPHICAL WRITINGS

So sperrig wie der Titel vermuten lässt, ist das Buch nicht ganz – aber es ist tatsächlich der Versuch, sich einem der seltsamsten neuzeitlichen Autoren der USA durch seine eigene Reflektion zu nähern. Essays, Vorträge, Briefe und Auszüge aus Dicks langer Reise in die Mystik, Exegesis, ein handgeschriebenes Journal, das Dick nacht um nacht bis zu seinem  Tod 1982 führte, um sich über ein metaphysisches Ereignis von Februar 1974 klar zu werden und das zugleich die zunehmend religiöseren Themen seiner Arbeit, wie etwa in der Valis-Trilogie, widerspiegelt.

Im Grunde liest sich Shifting Realities wie Dicks umfassende literarische Laufbahn en miniature. Das Buch fängt sehr leichtfüßig an, liestsich hochspannend und gibt einen spannenden Einblick hinter die Kulissen von Dicks Leben und Werk, wird dann im späteren Mittelteil eher seltsam diffus und nichtssagend und ist am Ende ein fast undurchdringlich dichter Dschungel aus persönlicher Paranoia, religiösem und in ihrer komplex konstruierten und zugleich fast wahnhaften Art kaum zu durchdringenden Theoriegebäuden. Das letzte Viertel des Buches wird damit ebenso gleichzeitig fast unlesbar und hypnotisch wie eben Valis, Divine Invasion und Timothy Archer. Das Buch spannt einen Bogen von langen Texten, in denen Dick seine eigene Arbeit analysiert oder kommentiert, über Drehbuch-Vorschläge für TV-Serien, die bei aller Kommerzialität immer wieder zu Dicks klassischen Rhemen – was ist real, was ist menschlich – zurückkommen und sich eben tatsächlich sehr nach PKD «anfühlen» bis hin zu den kosmologischen und gnostischen Untiefen, die Dick am Ende seines Lebens beschäftigten und in denen Dick sich als spiritueller Philosoph profiliert, dessen Genie – auch wenn man mt den Inhalten nicht immer übereinstimmen mag und sich immer wieder fragt, welche Drogen Dick wohl genommen hat (angeblich zu dem Zeitpunkt gar keine mehr) – durch jede Zeile blitzt. Shifting Realities zeigt Dick als unsicheren und zugleich mitunter fast arroganten, politisch aufgeweckten und aktiven Counter-Culture-Typus, der seine Drogenexperimente und seine Coolness oft etwas bemüht betont und der am Ende seines Lebens spürbar eine spirituelle Erfahrung hatte, die nur zu gut als Coda zu seinem Gesamtwerk passt. Der Autor, dessen düsteres Gesamtwerk sich stets um die Authentizität von scheinbarer Realität drehte, der wie kein zweiter glaubhafte künstliche Welten und Gesellschaften aus dem Ärmel schütteln konnte, ist am Ende überzeugt, dass unsere alltägliche Welt auch nur eine Illusion ist, hinter der sich vielleicht eine seltsame Parallelwelt versteckt, in der Jesus und seine Gläubigen immer noch ums Überleben in Rom kämpfen. Mit starken Selbstzweifeln geht Dick dieses Thema immer und immer wieder an, und man merkt, wie manisch er sich in den Themenkomplex Religion und Spiritualität einarbeitet, um Bezüge, Referenzen zu finden, die sein individuelles Erlebnis rahmen können, es greibar und verständlich machen. Ob nur Nebeneffekte seiner Drogenexperimente oder echte spirituelle Epiphanie, selbst Dick war sich nie sicher, was es mit 2-3-74 auf sich hatte. Und diese Unsicherheit nährt seine Texte und seine Bücher, macht sie zu zerbrechlichen Attacken wider die Rationalität, gegen die nur scheinbare Sicherheit des Realen.

Gesamt gesehen ist Shifting Realities ein etwas trauriges Monument für einen Autor, der seinen großen Erfolg und seine Mainstream-Anerkennung nicht mehr selbst erlebt hat, der zwischenzeitlich verarmt auf die Hilfe von Kollegen angewiesen war, der wie ein Schreibroboter SF-Bücher herausgehauen hat, um die Miete zahlen zu können, dessen Privatleben in die Brüche ging, der sich vom CIA verfolgt fühlte und der schließlich seinen letzten fragilen Bezug zur Realität zunehmend in Frage stellte. Und zugleich zeigt sich in Dicks Texten ein selbstironischer, humorvoller, hilfbereiter Intellektueller, dessen Glaube an das Gute im Menschen und dessen Hoffnung für die Zukunft der Menschheit immer deutlicher zutage tritt und das Klischee der klassischen gequälten Künstlerseele kontert.

Shifting Realities ist sicher nichts für Gelegenheitsleser, für Hardcore-Dick-Fans aber sicher kluge Sekundärliteratur, die den oft undurchdringlichen Wus von Dicks Texten, Ideen und Konzepten etwas lichtet und den Autor hinter den Texten verständlicher macht als so manche Biographie.

26. Mai 2008 09:36 Uhr. Kategorie Buch. 2 Antworten.

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