
John Brunner hat in seinem – inzwischen größtenteils vergriffenen – Oevre vier herausragende Bücher geschrieben, die sich mit «Close-Up-SF» befassen, die sich nicht mit Sternenkriegern und Aliens befaßt, sondern mit der unmittelbaren soziopolitischen Zukunft. Jagged Orbit mit der Rüstungsindustrie, Shockwave Rider mit der Computergesellschaft, Stand On Zanzibar mit der Bevölkerungsexplosion und The Sheep Look Up mit der eskalierenden Umweltverschmutzung. Von den genannten Titeln habe ich bisher nur Zanzibar und Sheep lesen können, die anderen sind derzeit nur gebraucht verfügbar. Der Titel des Buches ist John Miltons «Lycidas» entlehnt: The hungry sheep look up and are not fed // But swoln with ind and the rank mist they draw,// Rot inwardly and foul contagion spread und Brunner überträgt diese auf Kirche und Gott gemünzte Betrachtung der ungefütterten, innerlich von den eigenen Gasen faulenden Schafe auf die Menschen und ihre Ökosphäre.
Die Welt von Sheep ist eine, die 1973 vielleicht noch als SF zu sehen war. Aus heutiger Sicht schreibt Brunner nahezu milde über unsere Gegenwart. Die siebziger Jahre waren eine gute Zeit für Öko-SF, für futuristische Romane, die ausgehend von den Warnungen des Club of Rome zu Kassandrarufen ansetzten und von denen einige herausragende Qualität hatten. Brunner nimmt man diese Rolle allerdings besonders ab, da der Brite zeitlebens aktiv gegen die Rüstungsspirale und für eine saubere Umwelt gekämpft hat und unter anderem das seit den späten Sechszigern populäre Peace-Symbol (ein Semaphor-Konstrukt aus ND für «Nuclear Disarmament» miterfunden hat. Sheep fällt unter diesen Romanen auf, weil es nicht allein auf eine dystopische Zeichnung der ceteris paribus auf uns zukommenden Welt schafft, sondern weil es auch schriftstellerisch – wie bereits Zanzibar – herausragend ist.
Brunner setzt sich elegant über alle Genregrenzen hinweg und verzichtet auf eine lineare charakter- oder plotorientierte Erzählung. Sein Protagonist ist die Erde, ist die Menschheit selbst. Am deutlichsten wird dieser Ansatz dadurch, daß es nicht den «einen» Hauptdarsteller oder eine fest umrissene Gruppe von Protagonisten gibt, sondern nahezu mit jedem Kapitel eine andere Figur einsetzt wird, fast zögernd einige zentrale Charaktere emergieren. Die Geschiche von Sheep entfaltet sich schlaglichtartig, wie ein Mosaik, mit abrupten Handlungssprüngen, ohne offensichtlichen Spannungsbogen, ohne übertriebene Empathie für die Figuren – die ohnehin meist schnell sterben. Stein um Stein setzt John Brunner eine fiktionale Welt zusammen, die sich als Horrorszenario entpuppt, fast beiläufig eskaliert, und die zutiefst schockiert… weil dir beim Lesen bewußt wird, daß wir diese Vision längst erreicht, und eigentlich längst überholt haben.
Das Erschreckende an Brunners Buch ist die Alltäglichkeit, mit der die Bevölkerung seiner Welt mit vergiftetem Wasser, verrußter Luft, urbaner Armut, Läusen, Fliegen und Ratten, ungesundem Essen, Dreck und Armut und dem permanenten Krieg gegen Terroristen (den sogenannten «Tupas») lebt. Was dem Leser unerträglich erscheint, wird stoisch als Alltag hingenommen. Und tatsächlich hat unsere Wirklichkeit Brunner längst übertroffen und die Trägheit der Masse ist Realität. In Japan und L.A. werden tatsächlich alltäglich Papier-Atemmasken getragen, in Deutschland gehört Feinstaubalarm zum Alltag, Tschernobyl und New Orleans sind gekommen und gegangen, ohne ein Umdenken, und die alltäglichen Skandale um hormonbehandeltes Fleisch, genmanipuliertes Getreide, Rinderwahnsinn und AIDS… nehmen wir ebenso stumpf hin wie die Protagonisten in Brunners Buch. Die Tatsache, daß er Talk-TV-Formate heutiger Prägung punktgenau vorwegnimmt und sein Präsident der USA – fast liebevoll Prexy genannt – mit seinen dumpfen Machosprüchen und Pathos präzise so klingt wie unser «Dubya» Bush, machen das Buch zusätzlich beklemmend…
Brunners Bild der Zukunft ist hochkongruent mit unserer Gegenwart und teilweise einfach längst davon eingeholt. Dieser Eindruck wird nicht nur deutlich, wenn man einen Blick in die Zeitung wirft, sondern auch durch das Nachwort des US-Naturschützers James John Bell, der die Realität an Brunners Buch mißt und dessen Prognose düster ausfällt.
Dabei ist Sheep alles, aber kein platter Weltuntergangs-Roman, auch wenn das letzte Kapitel in den sanftesten Tönen eine Lösung der Probleme skizziert, die an Grauen kaum zu übertreffen ist. SF-Romane, deren Selbstzweck düstere Zukunftprophesie, sind meist eher langweilig und führen nicht zum Kern des Genres, verlängern nur aktuelle latente Ängste in die Abstraktion der Zukunft. brunner aber liefert keinen B-Movie-Stoff, sondern ein hochkomplexes Werk, das den greifbaren Zorn des Autoren in eine vielschichtige, fraktale Erzählform gibt, aus deren zahllosen Details und schnellen Stichproben sich eine Art Panorama ergibt. Schriftstellerisch balanciert Brunner dabei erfolgreich auf einem hohen Seil – seine Charaktere, wiewohl oft nur skizziert, sind glaubhaft, die Mosaiktechnik schafft es, die Komplexität des Themas, die Unausweichlichkeit und Polyvalenz der Umweltproblematik – inklusive der Quer- und Kettenreaktionen – einzubetten in die Schicksale der Einzelfiguren aus aller Welt. Das macht dieses Buch sozusagen holographisch – wie ein zerborstener Kristall reflektieren Brunners Figuren, diese seltsamen kurzlebigen Homunculi, das große Ganze. Er verleiht selbst den kurzlebigsten Eintagsfliegen glaubhafte Dialoge und individuelle Probleme und webt gegen Ende des Buches ein sich beschleunigendes, dichtes Netzwerk aus zentraleren Charakteren, deren Schicksale sich kurz scheinbar zufällig kreuzen. Durch die hohe und gnadenlose Mortalität seiner Figuren hat man zudem tatsächlich Angst um jeden Spieler auf Brunners Schachbrett. Es ist meisterhaft, wie John Brunner unter Verzicht auf jedwede offensichtliche Identfikationsfigur maschinengewehrartige Erzählsalven auf die Leser niederprasseln läßt, provokativ, anspruchsvoll, verwirrend, komplex, wie er die Auflösung von Fortentwicklungen und Querverweisen dem Leser anvertraut, wie er eine hochverzweigte Geschichtte erzählt und zugeich doch eine stringente Handlung entwickelt, die von der ersten bis zur letzten düsteren Seite einen spezifischen Plot verfolgt. Die vielen Fäden in der Hand des Autors verzweigen sich, aber verheddern sich nie. Sheep läuft wie Uhrwerk, mit einer Präzision, die andere herausragende dystopische Romane wie 1984, Clockwork Orange oder Brave New World nie erreichen – zudem alles Bücher, die eher monoprotagonistisch arbeiten, sich die Sache also eigentlich leichter machen. Während des Lesens merkt man das alles kaum, außer vielleicht in Form des zunehmenden emotionalen Drucks des Buches, aber nach dem ersten Lesen möchte man fast sofort noch einmal von vorne beginnen, nur, um die rein handwerkliche Ebene zu würdigen, diesen wunderbaren Teppich, den Brunner mit kalter, präziser Wut Nadelstich umd Nadelstich zusammenfügt, mit makelloser visionärer Kraft.
Es ist eine herausragende Leistung, wenn ein Werk des Science-Fiction-Genres den Leser dazu bringt, die Gegenwart neu zu sehen, die Normalität des Alltags plötzlich wieder als Schrecken erfahren zu können. Wenn für einen Momentdie Abstumpfung verschwindet. Würde man einen Menschen aus den fünfziger oder sechziger Jahren in unsere Zeit holen – schlimmer noch aus den Zwanzigern – und ihm kurz berichten, was die letzten Jahrzehnte so alles passiert ist… unser Zeitreisender würde uns für geisteskranke apathische Monster halten. Die Welt, in der wir leben, ist auf erstickende, mannigfaltige Art denaturiert, pervertiert, übersättigt und unterernährt zugleich. Wir haben uns daran gewöhnt, so sehr, daß die nächste Katastrophe uns nur noch ein Schulterzucken entlockt. Densibilisierung ist vielleicht die einzige Reaktion auf diese Serie von großen und kleinen Katastrophen, von kleinen Verlusten, die man meint, nicht ändern zu können.
Brunners Buch – und sei es nur für einen kurzen Moment – entlarvt dieses Schulterzucken als das dumpfe Dahinvegetieren verhungernder Schafe.
28. August 2006 07:35 Uhr. Kategorie Buch. Eine Antwort.
[...] Neben The Sheep Look Up, Stand on Zanzibar und Shockwave Rider ist The Jagged Orbit einer der vier «großen» Klassiker von John Brunner. Wie in jedem dieser Bücher nimmt er sich eines gesellschaftlichen Grundthemas an und extrapoliert die Gegenwart der Sechziger Jahre in die Zukunft. In «The jagged Orbit» sind diese Themen Rassismus, Computerabhängigkeit, Medien und Rüstungswettlauf. Brunner geht sogar soweit, in den hundert teilweise nur wenige Zeilen kurzen Kapiteln des Buches originale Zeitungsartikel zu zitieren und seine dem Buch zugrundeliegenden Annahmen dazu festzuhalten. In einer komplexen, massiv an Phillip K. Dick erinnernden Erzählung, wirft John Brunner den Leser so in eine Realität, die unsere Wirklichkeit so zuspitzt, dass die entstehende Welt nahezu unkenntlich wird. Die Vereinigten Staaten frisch nach der Ermordung von Martin Luther King mutieren so zu einer fast postapokalyptisch anmutenden neuen Realität. Wie Dick treibt auch Brunner sein «Was-wäre-wenn…»-Spiel sehr subtil, indem er einfach nur bestehende Trends bis zur Karikatur ausdehnt. [...]