HD Schellnack /// Kontakt iPhoto Twitter s90 Typographie Pop Alternative Aktionen nodesign Apple Licht Photographie Fail Denken Natur Dayshot Fragen Belletristik Software Winter Studium Medien Vernacular Fun Comics Werbung iOS Farbe Gesellschaft Print Web ScienceFiction Electronic Zukunft Magazine Frühling Jazz Hardware Kitsch Drama Retro Klassik Sommer Zitat Herbst Fantasy Sachbuch Kunst Emma Organisation Kultur

The Prestige

Nach dem Trailer hatte ich von The Prestige nicht all zuviel erwartet. Ein solides Stück Mainstream-Ausstattungskino mit großen Namen. Aber Christopher Nolan ist aber immerhin ein Regisseur, dem man nach Memento handwerklich einiges zutraut und der in Batman Begins seinen Touch für einen schaurigen Gothic Look bewiesen hat, perfekt also für ein Stück im Nebel des Jahrhundertwende-Londons. Und, man wird das Gefühl niht los, als wollte Nolan nach dem Hollywood-Kommerzstreifen Batman mit Bale und Caine einfach noch einmal mit kleinerem Budget und freier einen besseren Film produzieren. Das macht natürlich neugierig.

Die Geschichte um zwei Junior-Magiere, die über den Tod einer Frau zu erbitterten Feinden und – im Laufe des Films und dieser Fehde – zu den größten Illusionisten ihrer Zeit werden, ist überraschend klar und straff erzählt. Ein fast unmodern mätzchenfreier Film, dem man die schnelle Produktion ansieht, und der nur in seltenen Momenten eine Art Harry-Potter-Retrokitsch verbreitet. Denn Nolan, Jackman, Bale und Caine gelingt das Kunststück, einen Charakterfilm anstelle eines Kostümschinken abzuliefern. Es geht nicht um Gaslicht und seltsame Hüte. Von Anfang an geht es um Bales übermenschliche Fixierung auf ein Leben im Namen der Magie, um die Aufopferung. Es gibt eine Schlüsselszene am Anfang des Films, in der der von Christian Bale dargestellte Magier Alfred Borden einen chinesischen Zauberkünstler für dessen Konsequenz, im Namen des perfekten Tricks sein gesamtes öffentliches Leben zu tarnen, ab der im Grunde klar ist, wie sich ein zentrales Motiv des Filmes auflösen wird. Der Film legt wunderbar ehrlich seine Fährten aus und man kommt als Zuschauer recht deutlich vor der realen Auflösung auf den Clou des Filmes – oder vielmehr die beiden Clous des Films. Ohne aber dabei enttäuscht zu sein, weil der Rhythmus einfach fair ist. Man kommt nicht zu leicht, nicht zu früh auf den Twist. Und die Auflösung ist befriedigend.

Es ist ein Film über Symmetrie, über Paarung, über Hälften und Verdoppelung, Spiegelung und Teilung. Es ist wunderbar, wie sich der Taubentrick vom Anfang des Films – bei dem der Magier eine Taube einfach unter dem Tuch totschlägt, um eine zweite an anderer Stelle erscheinen zu lassen – am Ende in Ruper Angiers (Hugh Jackman) finalem Trick widerspiegelt, wie die von Nikola Tesla gebaute Maschine nichts anderes ist als der Taubentrick im großen Maßstab. ebenso schön, wie sich der Wassertank-Trick vom Beginn des Filmes am Ende wiederfindet, wie Jackmans Figur immer und immer und immer wieder den Tod seiner Frau nacherlebt und sich so selbst bestraft. Der Film selbst leistet sich den ein oder anderen Zaubertrick – etwa Angiers Reise nach Colorado zu Nikola Tesla (gespielt von einem erstaunlich alt wirkenden David Bowie, dessen Auftritt an sich eine fast magische Überraschung ist), die als reine Ablenkung gedacht ist, mit der nicht nur Borden Angier verwirrt, sondern auch der Regisseur sein Pulikum, die dann aberim nächsten Schritt überraschend eben doch zu einem zentralen weiteren Element der Handlung wird. Was zunächst wie ein wichtiger Plot-Bestandteil wirkt, verwandelt sich in einen Red Herring und wieder zurück in einen elementaren Teil des wirklichen Films. Das hat zwar ein gewissen Glaubwürdigkeitsdefizit, macht strukturell aber Spaß, weil dieser Handlungsstrang an sich etwas von einem Zaubertrick hat – Aubau, Wendung, Prestigio – wie überhaupt die permanente Doppelbödigkeit dem Film seine Kraft gibt.

An sich ein solider, spannender Film mit einem halbwegs glaubwürdigen, eskalierenden Konflikt, ausreichend Romanze und relativ frei von klassischen Gut/Böse-Klischees… ist The Prestige in Wirklichkeit eine Meditation über Leidenschaft. In diesem Fall für die Magie. Angier, vor allem aber eben Borden gehen bis an die Grenzen des Denkbaren für einen Trick, der nüchtern betrachtet albern und unwichtig wirkt. Ein Mann öffnet eine Tür, verschwindet und kommt durch eine andere zeitgleich wieder auf die Bühne. That’s it. Aber die Leben aller Protagonisten dieses Films drehen sich um diesen einen Trick, schon bevor er überhaupt das erste Mal aufgeführt ist. «The Transported Man», Bordens späterer großer Trick als der Magier «The Professor» ist schon im Raum, Borden spricht schon von diesem Trick, für den die Welt noch nicht bereit ist, lange bevor er ihn aufführt. Und er lebt diesen Trick zu diesem Zeitpunkt bereits. Aber auch Angier, der den Trick nachzuahmen und zu stehlen versucht, geht im Laufe des Films über seine Grenzen und lernt, sich die Finger schmutzig zu machen, die Taube zu töten. Auch wenn es bedeutet, hundertfach für einen lächerlichen Trick, für etwa Applaus, eine komplizierte und grausame Art von Selbstmord zu begehen. Niemand kümmert sich um den Mann, der verschwindet. Beide Männer werden von ihrem Ehrgeiz, ihrem Konflikt aufgefressen, bis vor allem bei Angier jenseits davon nicht mehr viel Person übrig bleibt. Hat Borden wenigstens noch seine Liebe zu seiner Tochter, bleibt Angier eine Cypher, ein Mann ohne Inhalt. Und wenn man weiß, wie sein trick funktioniert, ahnt man auch, warum er so seelenlos geworden ist, warum es ihm so leicht fällt, seine Identität wie eine Hülle abzustreifen.

Anders als bei Memento setzt Nolan nicht auf den finalen Schock und nicht rein auf einen narrativen Gag. Die beiden großen Enthüllungen des Films werden erzählerisch großzügig und glaubwürdig vorbereitet und wer von den Auflösungen wirklich noch überrascht ist, hat nicht aufgepasst. Die Sache mit den Zylindern und Katzen ist sehr offensichtlich, die Sache mit Alfred Borden, wenn man nur ein bisschen aufpasst, auch. Wichtiger als die Auflösung des Tricks ist der dramatische Aufbau, die Geschichte an sich, die Stimmung in der Geschichte. Es ist eine kleine, düstere, moribunde Moralerzählung à la Edgar Allan Poe, eine Geschichte von Neid und Ehrgeiz. Beide Männer opfern diesem Ehrgeiz alles, geben alles für die Show und den Trick. Und lösen sich am Ende in ihren Illusionen auf. Erst als Bordens Trick rein technisch völlig unmöglich wird und seine Karriere als großer Magier zwangsläufig beendet sein muss, findet er zu sich selbst und ins Leben zurück. Es ist, unterm Strich, ein Film über Workaholics. Über die versessene Jagd nach dem falschen Ding.

The Prestige überzeugt mit soliden Darstellern – allen weit weit vorweg Michael Caine –, einer oberflächlich ausreichend spannenden Gesichte, und einem Plot, der sich in sich selbst widerspiegelt und aufgreift und so selbst zum Zaubertrick wird, der sich solide an Caines Figur, dem Ausrüster Cutter, vorgestellten drei Stufen jedes Zaubertricks, abarbeitet. Der Film stellt vielleicht nicht ausreichend die Frage nach Identität, nach Realität, und lässt hier und da einfach etwas Tiefgang vermissen, bleibt zu oft an der Oberfläche. Die Frage nach dem unmenschlichen Preis, den Angier am Schluß aber vor allem Borden lebenslang persönlich für ihre Meisterillusionen zahlen, bleibt nur Kopf des Betrachters beantwortet. Als einzige reale Figur im Film bleibt Nikola Tesla ein seltsamer Deus Ex Machina, sein Konflikt mit Edison nur angerissen, der Mann mutiert hier mehr zu einer Art Science-Fiction-Chiffre, einem Q, einem Daniel Düsentrieb. Obwohl – oder vielleicht gerade weil – mit Bowie grandios besetzt, kommt Tesla zu kurz und ist stellvertretend für so vieles im Film, was nur angerissen bleibt, nur funktional die Story vorwärts flutet. Den Umbruch vom 19. zum 20. Jahrhundert, von dem stumpfen Glauben an Magie zum modernen Mythos der Technologie, den man hier hätte thematisieren können, ist nur wenig im Film, nur angerissen in einem Satz von Michael Caine, den Illusions-Mechaniker alter Schule, den die Entzauberung der Welt frustriert.

Insofern ist The Prestige sicherlich kein großer Film – und so unmittelbar nach Babel unweigerlich eher ein zu normaler, zu kommerzieller Film – aber ein sehenswerter, ein ehrlicher Film, der dem Zuschauer – wenn er nur genau hinschaut – im Gegensatz zu den großen Zauberern tatsächlich seine Tricks verrät.

5. Januar 2007 12:02 Uhr. Kategorie Film. 2 Antworten.

2 Antworten

Antworten

Schreibe eine Antwort, oder hinterlasse einen Trackback von deiner Site. Antworten abonnieren.


Creative Commons Licence