
Die Pause nach Neon Golden scheint ewig, und doch scheint keine Zeit vergangen zu sein. Die Indie-Titanen haben sich auf The Devil, You & Me weiterentwickelt, ohne sich verändert zu haben. Die Songs wirken weniger console-like, sind trotz Marzin Gretschmanns klarer Präsenz wieder akustischer, homogener, weniger zerfrickelt. Markus Achers Stimme trägt die Songs wie eh und je, mit jedem Album mehr von der «Stimme» zum Sänger wachsend. Die große Überraschung ist, dass The Notwist mehr als zuvor auf klassische Instrumente setzen, sogar auf Streicherkaskaden, die gegen Gretschmanns gewohnt wunderbar dekonstruierte elektronische Klangwelten ankämpfen und die Musik teilweise an die Grenze von Múm vs. Sigur Ros bringen, ohne jemals wirklich an eine dieser beiden Bands zu erinnern. Es mag daran liegen, dass Drummer Mecki Messerschidt die Band verlassen hat, aber die Songs wirken (noch) introvertierter, von jedem harten klar verortbaren Groove befreit, eine Mischung aus akustischen Gitarren, Glockenspielen, Streichern, Pianos, Trompeten und den unverwechselbaren Elektroklangwolken, eine Art sphärischer Neo-Folk. Jeder Song ist zugleich in seiner harmonischen Struktur von verblüffender, hypnotischer Einfachheit, in der Strukturierung, den Klangfragmenten, die die Musiker wie Pixel arrangieren, jedoch verblüffend.
Insgesamt wird deutlich, dass Notwist weg wollen von der digitalen Hyperperfektion des Vorgängers und bei allem dekonstruktivstischen Umgang mit Tonschnipseln im Hintergrund mehr von den Lagerfeuer-Folktönen eines José Gonzales oder von der Leichtigkeit vieler neuer FolkPop-Produktionen fasziniert scheinen, in denen eine Gitarre, etwas Rhythmus und Ambience und eine faszinierende Stimme einen ganzen Song tragen können. So entsteht eine seltsame Melange, eine Platte, die man über Boxen durchweg als softes Popalbum hören kann, die über Kopfhörer aber eine Welt hinter den einfachen Melodien eröffnet und mit großer Detailliebe verblüfft, die aber – anders als beim Vorgänger – niemals so weit nach vorne dringt, dass die Kompositon davon überwältigt werden könnte. So gesehen ist The Devil, You + Me eine aufwendigst unterproduzierte Platte, die alles tut um bloß nicht «designed» zu wirken, was – wie wir alle wissen – der schwerste aller Tricks ist. So perlt eine fröhliche Naivität aus den Boxen, ein fast improvisiert wirkendes Flair, das bei aller Melancholie der Songs durchkommt. Nach den zahlreichen Soloprojekten (Console, Ms John Soda usw. ) und einem nur inoffiziell veröffentlichtem Zwischenalbum 13 & God kommen Notwist zum Kern der Sache zurück. Es fehlt das Flair eine Hits wie Chemicals oder Pilot, sicher, aber dafür ist die Platte vielseitiger, erwachsener und profitiert hörbar von den Erfahrungen, die die einzelnen drei Mitglieder in den vergangenen sechs Jahren gesammelt haben. Das Album dokumentiert die ruhige Unruhe, die das ganze Oevre der Band durchströmt, und könnte kaum besser ausgefallen sein. Kein Meisterwerk, aber eine ruhige, souveräne Evolution – man darf nur hoffen, dass die nächste Scheibe nicht wieder sechs Jahre auf sich warten lässt.
30. Juli 2008 10:51 Uhr. Kategorie Musik. Eine Antwort.
möchte ich bitte montag rauf und runter hören. bis zum erbrechen.