
Vom Neo-Goth zum alten Gothic – die Legendary Pink Dots um Edward Ka-Spel gehören, 1980 gegründet, haben eigentlich nie wirklich aufgehört, mit ihren Veröffentlichungen in immer wieder wechselnder Besetzung die Grenzen experimenteller Musik auszuloten und irgendwo zwischen New Wave und zutiefst introvertierten, fast krautigen Soundexperimenten ihr Feld zu beackern. Obwohl die Dots in den 80ern sicher zu den New-Wave/Goth-Bands gehörten und mit dem Tear-Garden-Projekt ja sogar recht eindeutig einen Klassiker des Genres produziert haben, sind sie nie in die Falle geraten, ihren alten Sound aufzukochen, sich retro zu verpuppen oder sich nach den «alten Tagen» zu sehnen, sondern sind immer einfach Vehikel der Reisen und Wanderungen von Ka-Spel gewesen. Wie gut das sein kann, beweist «Seconds Late for the Brighton Line», das mit dem 13-minütigen Schlußtrack «Ascension» eine fast harmonische Seite der Dots zeigt, eine Nummer wie aus einem Filmscore. Und überhaupt fühlt sich das Album wie ein Soundtrack an, introspektiv, traumwandlerisch, mit Ka-Spel als Führer durch die schattigen Gärten seiner Neurosen, mit dem gewohnt halb gesprochenen, halb fistelnd hingeflüsterten Texten, Brüchen, Klangexperimenten, fast ohne Beat. Etwas schade ist, dass einen Hauch zuviel mit Synth gearbeitet wird – «Hauptbahnhof 20-10» etwa fehlt ein wenig die Authentizität von einem Song wie dem grandiosen «The Lovers» von 1984, weil das Piano einfach zu schlecht klingt – so sehr der Song ansonsten daran erinnern will oder soll. Abgesehen von solchen Details, der vielleicht einen Hauch zu glatten Produktion, die den Dots etwas die Naivität, die Einfachheit, nimmt – es klingt alles zu gewollt, zu gekonnt, es ist zu sehr am Rechner entstanden, es gibt keine Fehler, Zufälle, Brüche – ist das Album durchgehend gelungen. «No Star too far» zeigt, dass die Dots zwar inzwischen ganz schön elektronisch und «ambient» klingen, aber dennoch immer noch in der Lage sind, Schmerzgrenzen auszutesten oder mit minimalistischen Mitteln einen wunderschönen Song zu erzeugen. Tatsächlich hat «Seconds Late…» oft den Appeal eines Best-of und verbindet Ansätze, die von den Pink Dots kennt, hier ein Hauch von Lisa’s Party, dort ein Anflug von «Geisha Mermaid» oder der kindergeburtstagsartige Gesang à la «Louder After 6», hier ein simpler Appregiator-Groove, der aus «Love Puppets» hätte kommen können, nicht zuletzt sogar eine Textzeile, die «15 Flies in the Marmelade» zitiert. Was keine Kritik ist, sondern nur zeigt, wie bei aller Vielseitigkeit homogen und nach wie vor relevant das Werk der Legendary Pink Dots ist. In diesem Sinne ist «Seconds Late for the Brighton Line» ein mehr als gelungenes Lebenszeichen.
16. Februar 2011 19:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag Alternative. Keine Antwort.