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The King’s Speech

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Als gemächliches, weitgehend überraschungsfreier Kammerspiel erweist sich Tom Hoopers «The King’s Speech», der sich mehr wie ein BBC-Drama anfühlt, weniger nach einem Oscar-nominierten Historiendrama, zumal der Film sich mit der Geschichte einige Freiheiten nimmt – die Frage darf durchaus immer gestellt sein, warum man Geschichte verfilmt um dann – aus den berühmten «dramaturgischen Gründen» diese zu drehen und zu verbiegen, bis sie sich eben doch wie ein durchschnittliches Dramolet anfühlt, wie die übliche Kino-Kost, weil man aus den Widersprüchlichkeiten und Komplexitäten der echten Welt eine Seifenoper gemolken hat.

Und so generiert sich The King’s Speech als klassisches Überwindungskino wie man es tausendfach gesehen hat – der Plot unterscheidet sich nur marginal von Karate-Kid, um es böse zu sagen. Da ist der liebenswerte aber überforderte Held, da ist der seltsam-exzentrische Weise, da sind völlig sinnfreie Komplikationen und am Ende, wenn’s drauf ankommt, passt alles zusammen. Als Film betrachtet ist das Ganze ein trauriges Spektakel, vor allem weil Colin Firth vor allem in Close-Ups eigentlich nur noch ein nervöses Zucken in den Augen bräuchte, um gänzlich als Double von Pruitt Taylor Vince durchzugehen… es mag an der deutschen Synchronisation liegen, oder daran, aus einem Sprachfehler einen dramatischen Makel zu konstruieren, aber Firths Gehemmtheit wirkt paradoxerweise eben übertrieben – anstatt die Sache leise und innerlich anzulegen, macht Firth einen dann ja anscheinend oscarreifen Overacting-Kurs aus der Sache. Wie ja generell anscheinend Behinderungen aller Art immer gut geeignet sind, um eine Schauspielerkarriere anzuschieben – in Wirklichkeit aber stets so absurd wirken, als würden heute noch Schwarze von Weißen gespielt, die sich mit Schuhputzcreme die Haut schwarzglänzend einfärben.

Aber auch die Handlung wirkt oft am Rande des unglaubwürdigen, etwa wenn Prince Albert anscheinend nicht merkt, dass er unter Kopfhörern fehlerfrei spricht und sogar zu arrogant-selbstmitleidig ist, um sich die Aufnahme anzuhören, oder wenn er spiegelbildlich dann doch neugierig genug ist, um sich die Aufzeichnung davon später anzuhören – der Film wimmelt von solchen Balanceakten auf oblatendünnen Suspension-of-Disbelieve-Momenten, die einfach nur da sind, um die Handlung voranzutreiben, und die dich als Zuschauer greifbar aus der Glaubhaftigkeit werfen, die ein historischer Film nun einmal bräuchte, um «echt» zu wirken. Ohne diese Glaubhaftigkeit bleibt aber nur eine Rahmenhandlung zwischen zwei guten Darstellern, die man aber ähnlich bereits hundertfach gesehen hat, und die sich keinen Millimeter aus dem Raster der Berechenbarkeit herauswagt, bis hinab zu den schwellenden Geigentönen und dem brandenden Applaus und dem jubelnden Volk – alles bloß weil ein Mann eine Radio-Ansprache halbwegs passabel herausgebracht hat.

Dabei gibt es durchaus Zwischentöne, die herauszuarbeiten es sich gelohnt hätte, an die der allzu monarchiefreundliche Film sich aber nur verbrämt herantraut. Etwa die Frage, ob der walisische Prinz und Interims-König Edward nicht wahrhafte Größe zeigt, wenn er die Krone für die Liebe aufgibt (er wird aber nur als Weichei portraitiert – die Vielschichtigkeit der Geschichte hinter der kurzen Amtszeit des Duke von Windsors wird im Film nicht einmal angerissen, ebenso wenig Edwards Faszination gegenüber dem faschistischen Regime, die fast nur in einem Nebensatz erwähnt – und dabei Wallis Simpson zugeschrieben – wird. Anhand der beiden Brüder hätte man eine komplexe Geschichte von Pflicht und Größenwahn, vom rigorosen Druck einer monarchischen Dynastie erzählen können – die zugleich auch spiegelbildlich die Geschichte moderner Politfamilien wie der Kennedys und der Bushs hätte abgeben können. Statt dessen belässt «The King’s Speech» es bei einer zutiefst banalen Freudschen Kindheits-Trauma-Geschichte von korrigierten X-Beinen und einer Umerziehung zum Rechtshänder, die Albert zum Stotterer werden lässt, der im Schatten von Vater und photogenerem Bruder lebt. Auch der durchaus spannende Gegensatz zwischen Albert und Hitler wird im Film bestenfalls angerissen – hier der zur Macht geborene, zeitlebens darauf vorbereitete und dann eben doch im rhetorischen so unfähige Albert, diese seltsame Degeneration einer Monarchie, in der Macht nicht von Können oder Willen ahängt, sondern von der Lotterie der Geburt, dort der selbsternannte Herrscher Hitler, der aus seiner Abstammung lieber ein Geheimnis machte, von einfachen Zollbeamten abstammte, und der sich mit der Kraft seiner Rhetorik eine perfide Neo-Monarchie errichtete, die Alptraumversion einer Monarchie, wie sie sich nur ein komplexzerfressener Junge zusammenreimen kann. Aus diesem Gegensatz im Konzept der Führerschaft- dem Bild einer geronnenen blutleeren Monarchie einerseits und dem dunklen Spiegelbild einer Diktatur, der postindustriellen Monarchieform, in der es nicht um blaues Blut geht, sondern nur noch um Macht -, aus dem Zusammenprall alten Commonwealth-Weltreiches und der krebsartig mutierten Form dieses Imperialismus zu etwas noch viel schlimmeren, weil hier selbst der letzte Rest Würde und Anstand und stiff upper lip des British Empire eben fehlt und durch die Primitivität des Emporkömmlings, des Neureichen ersetzt wird … aus all dem hätte man ansatzweise etwas machen können. Statt dessen starrt Albert/George auf die Wochenschau und wirkt nahezu neidisch auf die rhetorischen Fertigkeiten des Agitators blickt, der das Werkzeug Rundfunk und Fernsehen (und damit die Massen) so viel besser bespielt als er selbst. Angerissen, immer nur angerissen, ist auch der Wandel von Charisma, von Regentenschaft und Repräsentanz, der Narration von Macht, in Zeiten des Massenmediums, wenn George V in einer – fiktiven – Szene seinen Sohn vor das Rundfunkmikrophon zwingt… aber auch dieser Wechsel von Ross und Reiter, diese Entwicklung eines Mediums zu einer Herrschaftsform in und für sich, geht im Film unter. Dabei steckt hier so viel Musik drin – die Tatsache, dass die Medien es eben erlauben, dass der letzte Scharlatan an die Macht kommt, solange er nur gut genug verkaufbar ist, die Entwicklung zu einem System von Trainern und Beratern (seit etwa den 20er Jahren bereits), die die Politik publikumstauglich machen. Wenn am Ende Lionel Logue (von Geoffrey Rush so gut und so leise gespielt, das man nicht verstehen kann, warum er keinen Oscar erhielt, sondern eben Firth) den Regenten am Mikrophon fast hypnotisch führt, im Wortsinne dirigiert wie ein Instrument, bedient wie eine Handpuppe, wenn die Radioansprache fürs Photo nur noch nachgestellt wird… dann ahnt man, welches Potential Hoopers hier verschleudert, wie viel in diesem Stoff liegen könnte, aber im Dekor-Tand erstickt wird. Selbst das naheliegendste Thema – das Leben als König, das Leben im Vakuum der Macht – wird nur im Streiflicht erzählt oder als Kindheitstrauma breitgetreten. Auch hier gibt es nur skizzenhaft den Moment, in dem Edward und Albert auf Alberts Feier miteinander reden und durch das Haus gehen, und jeder der Bediensteten innehält und sich – völlig ignoriert von den beiden Herzogen – kurz verbeugt, eine Szene, die später auf dem Weg zur finalen Radioansprache noch einmal gespiegelt wird. Flüchtig ist hier greifbar, wie die Lordschaften eine Aura der Verunsicherung, der Einschüchterung umweht, wie die Welt sich um sie herum zu verbiegen scheint, wie sie von Jasagern, von Kopfnickern umgeben sind. Was «The King’s Speech» nur nutzt, um Logues (fiktionale) Respektlosigkeit zu profilieren, wäre eigentlich einen Film an sich wert – diese seltsame Räsonanz von Volk und Herrscher, die gegenseitige Eingeschüchtertheit, das Fremdeln miteinander.

Statt dessen liefert Hoopers einen Film, der sich von Klischee zu Klischee hangelt, der fast ehrfürchtig vor der Monarchie innehält, ironiefrei (und wieder fiktional) die royale Familie auf dem Balkon des Buckingham-Palace zeigt, die dem einfachen Volk zuwinkt, die Kamera schon auf der jungen Elisabeth verharrend. Bewusst oder unbewusst spielt Hoopers ein Spiel, dass wir aus ungezählten Filmen kennen – das des «armen reichen Mannes», ein Muster, das es seit den Kinotagen der 20er Jahre gibt und das Kracauer ja nicht ohne Grund bereits seinerzeit kritisierte. Der Film schafft eine Distanzlosigkeit, einen Affekt von Mitleid für den «armen König George», der doch unter dem Kostüm des Monarchen ein ganz netter Kerl zu sein scheint, der auch Fluchen möchte und der nur in der Vakuumkammer des Lionel Logue zu sich selbst zu finden scheint, sich therapieren kann. Es ist eine denkbar platte Umsetzung von «Lieber arm und gesund als reich und krank», die keine Strukturen hinterfragt, sondern anbiederndes Verständnis feilbietet, die verkleistert statt zu analysieren. Es ist insofern ein Film, der sich in keinem Moment über die reine, leider auch noch arg berechenbare, Unterhaltungsebene einer Vorweihnachtsserie hinauswagt, der dem eigenen Kitsch der Vergangenheit völlig erlegen ist, dem Weichzeichner des Rückblicks zum Opfer fällt und keine der vielen Chancen bietet, etwas zu unserer Zeit zu sagen, etwas zu lernen, mehr zu sein als solide verarbeitete Popcorn-Beigabe.

Es weht insofern in dieser Naivität auch ein Hauch von neuer Sehnsucht nach monarchischen Strukturen durch den Film – eine Sehnsucht, die man in den letzten Monaten auch beim Wirbel um die Guttenberg-Familie atmen konnte -, ein simpler Glaube an gute Herrscher (Könige) und böse Herrscher (Diktatoren), eine banale Einfachheit, die den Film oft auf die Ebene einfacher Sitcom-Strukturen herabzieht, etwa wenn der König sich ein bisschen an Fäkalsprache austoben darf. Dabei ist es ja nicht schlimm, wenn ein Film einfach oder sogar einfach dumm ist – schlimm ist nur, wenn man ahnt, dass er viel mehr Potential hätte und sich bewusst kleiner macht. Es gibt einfache Komödien, die sich in den Details, den Zwischentönen zu einer unerwarteten und dann überraschenden Größe aufschwingen können (wie etwa «A Serious Man» von den Coen-Brüdern), und es gibt Filme, die viel sein wollen (oder es zumindest vorgeben) und am Ende dann doch wenig erreichen, die das Große eher klein scheinen lassen… «The King’s Speech» ist leider eher letzteres geworden.

20. März 2011 19:15 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

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