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The Dark Knight Rises

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Comics (und Filme) sind seit jeher ein Medium, in dem aktuelle gesellschaftliche Trends im Gewand der grellbunten Fabel aufgearbeitet werden. Das war mit Siegel und Shusters ursprünglicher Version von Superman so, der, noch weniger gottgleich als heute, eher eine Art Robin-Hood-Figur abgab, das war mit Frank Millers »The Dark Knght Returns« so, in der Batman im Wortsinne aus dem Underground zurückkehrt und gegen eine Art krypto-faschistisch überdrehte Fassung der Reagan-Administration antritt, die ironischerweise ausgerechnet vertreten wird von Superman, der bei Miller zum ultimativen Boyscout wird, zur Waffe in den Händen eines semi-totalitären Systems, in das Batman und Co. wieder eine Prise Chaos und Anarchie zurückbringen. So wie sich Miller selbst nach 9/11 in einen glühenden Islam-Basher verwandelt hat, den sich der junge Miller wohl kam schlimmer in seinen Comic-Karikaturen hätte ausdenken können, gerät Regisseur Christopher Nolan auch sein filmischer Remix von Millers Wiederauferstehungs-Epos zu einer Art Antithese des eigentlichen Comics.

Die wohl frustrierendste Facette dieses Films ist sein politischer Subtext, obwohl man kaum noch »Subtext« sagen kann, wenn die Botschaft so mit voller Kraft gebrüllt ist. Anders als bei Miller ist Noland Batman kein Cint-Eastwood-artiger Einzelgänger, kein Cowboy, der den in den USA üblichen anti-staatlichen Impuls verkörpert, Sheriff und Outlaw in einer Person vereint. In »The Dark Knight Rises« ist Batman vielmehr staatstragend, ein Ein-Mann-SWAT-Team, eher Schwarzenegger als Eastwood. Dieser zu den oberen 1% gehörende Bruce Wayne, im Film unwidersprochen als »privilegiert« bezeichnet, ist ein Law-and-Order-Junkie im schwarzen Lederoutfit, der sich gegen den Mob wehrt. Wo der Comic-Batman nach dem Trauma seiner erschossenen Eltern jede Schusswaffe meidet, hat diese Version kein Problem, mit Maschinengewehren und Raketenwerfern, spuckt wie ein Racheengel feurige Wut vom Himmel. Aus dem athletischen Waisenkind, dass im Trikot gegen Straßenverbrecher kämpft ist eine Art Dronenpilot geworden, kybernetischer Schaltkreis einer Killermaschine, als dessen einzige rehabilitierende Qualität bleibt, dass seine Gegner eben noch ein Quentchen wahnsinniger sind als Wayne selbst.

Wie zum Beispiel Bane, nur noch dem Namen und seinem Faible für Hobby-Chiropraktik nach vage mit dem Comic-Bane verwandt, der paradoxerweise die Rolle von Millers Dark Knight übernimmt und das allzu beschauliche Gotham aufmischt. Allein schon die Tatsache, dass Tom Hardys Figur die seltsame-grobschlächtige Qualität russischer Cold-War-Oberschurken in alten Bond-Filmen cineastisch wiedererweckt, zugleich aber offenbar aus dem Nahen Osten stammt, also sozusagen Kommunist und Terrorist in einem handlichen Paket ist, hat einen seltsamen Beigeschmack. Schlimmer aber ist, dass er und seine Anhänger so offenbar die seit Jahren grassierende Occupy-Wall-Street- und andere politische Bewegungen parodieren sollen. Ob Catwoman/Selina Kyle oder Bane selbst, die Anspielungen sind deutlich und am Puls der Zeit. Der Film fängt dabei vielversprechend an, mit einem gesättigten Wellville-Gotham, in dem für Freaks wie Batman kein Raum ist und Wayne wie ein mürrischer Ebenezer Scrooge in seiner verwunschenen Villa haust, von Körperschauspieler Christian Bale wunderbar abgemagert nahe an seinem Trevor Reznik »The Maschinist« entlanggespielt. So wie der reiche Erbe scheinbar richtungslos durch sein Leben frustet (anders als Millers Batman, der in Form von gefährlichen Autorennen sehr aktiv suizidal war), so wirkt auch der Rest der Stadt erlahmt, die »Upper One Percent« schlafen in einer Ruhe, die auf einer Lüge aufbaut. Nolan lässt Selina Kyle, in der tatsächlich Spurenelemente von Millers (und Ed Brubakers) Version von Catwoman aufblitzen, mit dieser ermatteten Gesellschaft hart ins Gericht gehen, als allerdings der »Day of Judgement« tatsächlich kommt, wirkt er eher bizarr. Während Wayne praktischerweise aus dem Weg geräumt ist und in einem Gefängnis vor sich hin darbt (und hier in einer Art Betty-Ford-Hardcore-Variante wieder zu sich selbst finden darf/muss), übernimmt eine Art Straßenmob die Herrschaft in Gotham. Der Film zitiert hier die Batman-Story »Cataclysm« in der die Stadt durch ein Erdbeben von der Umwelt abgeschnitten ist und das beste und schlechteste in den Bürgern zu Tage tritt… nur anstelle des Erdbebens ist es hier Bane, der binnen weniger Tage die Demokratie Gothams zum Einstürzen bringt, was weniger glaubwürdig wirkt. Wohlgemerkt zudem nicht das ohnehin stets fragile und korrupte Gotham City der Comicserie, dem man den rapiden Absturz in post-apokalyptische Zustände nur zu gern abkauft, sondern eine angeblich durch die Dent-Gesetze geheilte, »saubere« Stadt bringen hier eine Handvoll Gestalten, zu denen ohne jede weitere Erklärung auch der Gangster Scarecrow aus dem ersten Filmteil zählt, zu Fall. Arme Reiche werden unter ihren Barockmöbeln hervor gezerrt und eingepfercht und von einem kafkaeskem Gericht zu einer bizarren Todesart verurteilt. Demokratie, so die Botschaft, hat keinen Raum, wenn die Bürger das sagen haben – es braucht die starke Hand der Reichen und Mächtigen.

Neben dieser traurigen Botschaft verblassen die anderen zahlreichen Schwächen des Films fast. Nolan verfällt vor allem seiner Schwäche, mit dem Holzhammer bestimmte Inhalte zu kommunizieren. Im ersten Batman-Film war dies der Wayne-Tower, von dem wir dreimal erklärt bekamen, dass hier der Strom der Stadt zusammenläuft, im zweiten wurde Waynes Motivation noch einmal von Gordon explizit erklärt und hier nun wird Batmans Exit-Strategie bereits im ersten Akt vorweg telegraphiert. Abgesehen davon, dass der »echte« Alfred sich niemals wünschen würde, dass Wayne seinen Kampf aufgibt, ebenso wenig wie der »echte« Batman an diesem Kampf psychisch leidet, ist bereits bei der abstrusen Szene, in der sich Alfred wünscht, Wayne mit Familie im Urlaub zu sehen, absehbar, dass wir genau dieses Szenario in Akt III erleben werden. Und als es dann kommt, spielt Nolan diese Karte auch noch so platt und offensichtlich aus, dass man es schon als lustlos bezeichnen darf. Und das trifft auf so viele Details in diesem Film zu. Wieso muss am Ende Joseph Gordon-Levitt ausgerechnet »Robin« werden, der er biographisch und funktional nicht ist, anstatt einfach – analog zum Phantom-Mythos – in die Rolle von Batman zu schlüpfen? Catwomans Wandlung von Diebin zur Heldin ist so eindimensional, wie es im Kino nur denkbar ist. Und so weiter und so weiter – »Rises« ist voller Klischees, was bei einem Comic-Film nun wahrlich kein Makel wäre, wenn nur der zweite Teil nicht durchaus gezeigt hätte, dass Nolan es eigentlich besser, ambivalenter, smarter kann. »The Dark Knight Rises« fühlt sich vor allem sehr faul an, näher an einem 80er-Jahre-Bond-Film, mit den üblichen Akt-III-Wendungen, die man aus ungezählten Filmen kennt und nicht noch einmal braucht. Dazu das Gefühl, dass einige der Figuren wie Miranda Tate oder »Robin« schon im ersten oder zweiten Teil hätten eingeführt werden müssen, um wirklich zu funktionieren – so wirkten sie etwas aus dem Machina-Hut gezaubert und insofern wenig überzeugend. Mehr Focus und mehr Ehrlichkeit hätten dem Film gutgetan, aber wie alle Trilogien verfällt auch Nolan der Expansionspolitik und überfrachtet seinen dritten Teil, ohne auch nur ansatzweise die visuelle Wucht von etwa »Inception« zu erreichen. Analog zu der großartigen Bankraub-Sequenz in II, begeistert hier vor allem die perfekte moderne James-Bond-Sequenz mit der Flugzeugentführung zu Beginn.

Denn natürlich ist der Film nicht gänzlich frei von Highlights, dafür ist Nolan zu routiniert. Tom Hardy zeigt hier erneut seine Handlungsfähigkeit und eine beeindruckende Körperlichkeit. Natürlich erreicht er nicht die Qualität von Heath Ledgers Joker, aber überzeugt durch seine ganz eigenen kleinen Ticks und körpersprachlichen Details. Gary Oldman bekommt zu Recht viel Raum für seinen Kommissionär Gordon, den er mit dem vertraut hinreißendem Stoizismus gibt, nah dran an seiner Smiley-Meisterleistung in »Dame, König, As, Spion«. Bale ist zu Beginn des Films, als gebrochener Bruce Wayne, ganz bei den Figuren, die er bevorzugt spielt, apathisch, körperlich ermattet, fast schon parodistisch ausgebrannt. Tatsächlich ist die erste Hälfte des Films größtenteils gut gemacht, erst ab dem zweiten Akt scheint Nolan die Orientierung zu verlieren. Nebenfiguren wie Blake entthronen den titelgebenden Dark Knight förmlich, als würde Nolan aus dem zweiten Teil die Lehre gezogen haben, dass ein guter Batman-Film vor allem ein Film ohne Batman sei. Und wer mag es dem Regisseur, der sich zuletzt vor allem mit Inception als Meister eleganten Design-Kinos erwies, verdenken, wenn ihm innerlich die Lust vergeht, diesen Mann im Gummianzug vor der Kamera zu haben? Wann immer Batman kostümiert die Szene betritt, verliert der Film an Energie, weil die Figur sich auch in dem schon deutlich optimierten, aber immer noch rüstungsähnlichen Anzug bewegt wie ein schwerfälliger Taucher, der durch die Kampfszenen torkelt und bei dem nur zu auffällig wird, dass die »Rüstung« an seinem Unterkörper dünnes Gummi ist. Kein Wunder zeigt Nolan Batman und Catwoman am liebsten auf dem hochgezüchteten Bat-Motorrad, in diesem Kontext wirken die Kostüme noch am sinnvollsten. Nolan mag ein Meister der Magic Reality sein, aber an diesen Outfits scheitert auch eher. Wie viel mehr Spaß muss es ihm machen, seine Lieblings-Akteure (die halbe Inception-Crew spielt hier mit) in Designeroutfits und in teures Spielzeug zu stecken und einfach wie ein Kind mit Explosions zu spielen wie ein Kind mit Actionfiguren? Insofern mag es zu hoch gegriffen sein, dem Regisseur sogar zu sehr schmeicheln, in »Dark Knight Risse« nach tiefen politischen Botschaften zu suchen. Die Moral wirkt kaum detaillierter oder weiter raffiniert als in den SF-Filmen der 50er Jahre, in denen die Armee für »civil order« sorgt. Hier ist es die Polizei, hinter die sich die braven Bürger dann doch irgendwann stellen, die einzelnen herausragenden Individuen (Blake als wahrer Held des Films) und Batman als unsichtbare, ordnende Hand des Marktes und der Gesellschaft.

So plump diese Botschaft ist, so weit ist sie vor allem weg von Batman. Bereits Frank Millers Batman freilich ist weit weg von der ursprünglichen Pulp-Figur von Bob Kane und Bill Finger oder von der wunderbaren Street-Fighting-Man-Revision, die Denny O’Neil, Neal Adams und auch Bob Haney und Jim Aparo in den Siebzigern modernisierten. Aber Millers Dark Knight hat den Vorteil, dass sein Batman psychotisch ist eben weil er nicht mehr aktiv ist, weil er seinen Kampf aufgegeben hat. Je weiter die vierteilige Story ihrem Ende entgegenkommt, umso mehr findet die Figur wieder zu sich selbst, um am Ende eben den Kampf nicht aufzugeben, sondern in anderer Form weiterzuführen. Bruce Wayne, so viel wußte auch Frank Miller, ist nicht der Typ, der sich in Paris zur Ruhe setzt. Bruce Wayne ist nicht die Sorte Mann, für die es ein Happy Ende mit einer Frau geben kann. Und so gerät das Nolanverse zu einer seltsam bizarren Gegenfassung von allem, was Batman eigentlich auszeichnet. Bei Nolan ist Wayne eine neurotische Figur, die schwer traumarisiert in asoziales Verhalten ausbricht und dies auch selbst weiß. Es ist eine Figur, die von Batman geheilt werden muss. Batman ist ein narzisstisches, zwangsneurotisches Symptom. In der einfacheren, selbstverständlicheren Welt der Comics, in der Trauma aber ganz en Passant Motivation für Gutewichte sein kann, ist Batman als Alias die Heilung, die Maske ist das Ventil. Seit den 70er Jahren erhöhen die Comics den Leidensdruck auf ihre Helden ungemein, aber dennoch war Batman bis in die 80er Jahre hinein eine weitgehend ungebrochene Figur und ist in den Comics bis heute nicht so kaputt wie bei Nolan, nicht so grundsätzlich das verzogene Kind, das mit teurem Spielzeug der verlorenen Kindheit hinterher jagt und das es gesamtgesellschaftlich zu überwinden gilt. Bei Nolan ist es nur konsequent, wenn mit Joseph Gordon-Levitts »Robin« eine ganz und gar untraumatisierte Figur als eventuelle Nachfolge angedeutet wird, endet der Film doch sozusagen als Trilogie der Psychotherapie mit einem selbst für das Level dieses Regisseurs ungemein eindimensionalem Happy End – das in diesem Fall auch kein sich drehender Kreisel in der Schwebe hält. Obwohl (oder weil) Noland Trilogie sicher zu den spannendsten und intelligentesten Ansätzen der Comicverfilmung zählt, deutlich über dem reinen Schauwertkino von Marvel, ist es so schade, dass der dritte Teil die feine Balance des zweiten Teils nicht hinbekommt, sondern eindeutig gegen den eigenen Helden Stellung bezieht. Dies ist im Film nötig, um ein befriedigendes, Wagnereskes Ende abzuliefern und als Regisseur und Autor die Tür wirklich zu schließen – und Raum zu machen für den sicher kommenden Reboot – aber dem Mythos einer auf offene, langfristige Struktur angelegten Pulp-Figur wird der Film so zu keinem Zeitpunkt gerecht.

26. Juli 2012 16:18 Uhr. Kategorie Film. Tag , .
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