
Was habe ich um dieses Buch einen Bogen gemacht. Obwohl ich Tom Wolfe eigentlich mag. Schuld daran ist die entsetzliche Verfilmung des Buches von Brian de Palma mit Bruce Willis und Tom Hanks, die ich – abgesehen von einer guten Opener-Sequenz – zu den schlechtesten Arbeiten von dePalma zähle, dessen Filme ja gerne zwischen «ziemlich brilliant» und «voll daneben» oszillieren. Aber nachdem ich entdeckt habe, daß es sogar ein Buch darüber gibt, wie sehr und vor allem warum dieser Film trotz bester Voraussetzungen ein Vollfiasko wurde, habe ich dann doch mutig das Wolfe-Buch bestellt und siehe da… es ist gut.
Wolfe entfaltet die Dekonstruktion des Wall Street Brokers und Yale-Mannes Sherman McCoy als New Yorker Intrigenstadl. Es gibt niemanden hier, nicht bis ins kleinste Detail, der unschuldig ist. Vom Staatsanwalt und seinen Assistenten über einen schwarzen «Bürgerrechtler» Reverend Bacon, Sherman, seine Frau Judy, seine Geliebte Maria, seinen Anwalt Killian, Yellow-Press-Schreiberlin Fallow… bis hin zu kleinsten Nebenfiguren – ausnahmslos jede Figur in diesem Buch ist eitel, hat den Blick auf den eigenen Vorteil, ist manipulativ, gierig und dabei bemitleidenswert und verzweifelt. Sherman wird auf diesem «Freudenfeuer» (nicht Fegefeuer, wie der deutsche Buchtitel fälschlicherweise nahelegt) der Eitelkeiten fröhlich geopfert und ist doch keine tragische Figur, sondern selbst ein hohler Fatzke, bei dem selbst dessen Wendung zum professionellen Angeklagten am Ende des Buches keine echte Katharsis zu sein scheint, sondern nur eine weitere eitle Facette seiner Persönlichkeit. McCoy ist auf fast hilflos-kindische Art gefallsüchtig, so daß er selbst befürchtet, seine Zellennachbarn nicht ausreichend zu beeindrucken und aus seiner Fahrerflucht kurzerhand Totschlag macht… um genau aus dieser Episode später auf einer Party wieder Kapital zu schlagen, als er plötzlich genießt was er vorher noch so verabscheut: Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Der Master of the Universe, wie er sich als Broker selbst definiert, verliert im Grunde nie seine Hybris, seine Großmannssucht, letztlich seine überkompensierten Minderwertigkeitskomplexe. Auch als Opfer inszeniert er sich noch. Wie ein Papierschiff driftet McCoy durch die Machenschaften seiner Umwelt, die Wolfe kühl zynisch entblättert. Fast ohne realen Spannungsbogen, journalistisch, geht es dem Buch eher um die Betrachtung von NY als Mikrokosmos der Oberflächlichkeiten, des Grellen, der Moderne im Niedergang. Es gibt keine einzige Figur, die in diesem System, in dem Oberschicht wie Unterschicht, Park Avenue wie Bronx, gleichermaßen abstoßend serviert werden, die wiedergutmachenden Charakter hätte, die Hoffnung zuläßt. Sie alle sind kaputt, sie alle sind gierig und genau deshalb vielleicht bemitliedens- oder sogar liebenswert. Aus diesem seltsamen Misachung zwischen Tragödie und Gegenwartssatire schöpft das Buch seine Kraft, ohne dabei jemals aufdringlich oder unentspannt zu werden, im Gegenteil, nur einmal durchbricht Wolfe die Pose des lässigen Raconteurs… wenn auf einer Dinnerparty der AIDS-Kranke Schriftsteller Aubrey die versammelte Gesellschaft der Schönen und Gelangweilten mit den Figuren in Poes The Masque of the Red Death vergleicht und damit für einen kurzen Moment den summenden Bienenstock der High Society zum Schweigen bringt.
9. August 2006 12:56 Uhr. Kategorie Buch. Eine Antwort.
Habe das Buch auch vor einiger Zeit gelesen und fand es echt gelungen. Im Regal habe ich noch “Ein ganzer Kerl” liegen, bin aber noch nicht dazu gekommen, es zu lesen.